«Dr Türk vom Block»

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Von Anto­nio Suá­rez Vare­la – Ein jun­ger Tür­ke aus Bern macht mit einer tren­di­gen Radio­show auf sich auf­merk­sam. Im Unter­grund ist er schon längst eine fes­te Grös­se. Jetzt will er mit sei­nem Come­dy-Pro­gramm auch die Lim­mat­stadt erobern. Ein Porträt.

«Ein Mann, ein Mikro­fon, eine Stadt, eine Lie­be.» So lau­tet der Pro­log einer Erfolgs­ge­schich­te, die es eigent­lich nicht geben kann, nicht geben dürf­te? Eine Geschich­te, wie man sie aus Ame­ri­ka kennt und weni­ger aus einem Land wie der Schweiz, wo gera­de in der Medi­en­bran­che manch­mal der Mut zu Neu­em fehlt und wo man sich noch zu oft mit dem Mit­tel­mass zufrie­den gibt.

Bern – Zürich, ein­fach Aus­ge­rech­net hier also schafft es ein Mann mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund und C‑Ausweis, noch dazu ohne nen­nens­wer­te zer­ti­fi­zier­te Spe­zi­al­aus­bil­dung, dafür mit Pri­mar­schul­ab­schluss, ohne Demut und Beschei­den­heit, dafür mit einem über­gros­sen Ego und einer vor­lau­ten Klap­pe; aus­ge­rech­net so ein Mann also schafft es vom unbe­zahl­ten Ama­teur­sen­dungs­ma­cher bei einem Ber­ner Alter­na­tiv­lo­kal­sen­der zum Ein­stieg als Pro­fi­mo­de­ra­tor bei einem Zür­cher Privatradio.

Es geht um einen Tür­ken aus dem Ber­ner Wyler­quar­tier, deren Eltern sich ihr Brot hart ver­die­nen und — wie die meis­ten Ein­wan­de­rer — ohne Rück­la­gen eine Exis­tenz auf­bau­en muss­ten. Es scheint, als käme die­ser Mann direkt aus dem Ghet­to: Denn von dort hat er zwar nicht viel Koh­le und Con­nec­tions mit­ge­bracht, dafür eine Idee, ein Ziel, die Musik und… die Nest­wär­me. Er nennt sie «Love» und ver­langt von sei­nen Hörern, dass sie ihm die­se Lie­be gefäl­ligst ins Stu­dio brin­gen, damit man es bes­ser aus­hält in die­ser Stadt.

Fünf­zehn Mona­te lang war er jeden Don­ners­tag­abend im lokal­re­gio­na­len FM-Bereich zu hören. Selbst als er wegen einer Dis­kus­her­nie rekon­va­les­zent im Spi­tal­bett lag, liess er sei­ne treu­en Hörer nicht im Stich und mode­rier­te ganz ein­fach per Tele­fon. Er hat sich über das Mikro­fon sei­ne Stadt erobert, sei­ne Com­mu­ni­ty um sich geschart. Black Music & Come­dy waren sein Pro­gramm. Am Ende hin­ter­lässt er sei­ner Hei­mat­stadt eine untröst­li­che Fan­ge­mein­de und dem Lokal­sen­der Radio RaBe real nicht exis­tie­ren­de Traum­quo­ten. Am Abend sei­ner letz­ten Sen­dung, es war der Don­ners­tag, 29. Mai, kurz nach 22.00 Uhr, nennt er den Titel sei­nes letz­ten Songs. Er lau­tet «Money Makes The World Go Round». In Bern ist er gross gewor­den. Und Zürich wirbt ihn nun ab.

Rebel­li­scher Farb­tup­fer im Meer der For­mat­ra­di­os Der Mann, der sich als Farb­tup­fer im Meer der For­mat­ra­di­os sieht und den Draht zur Jugend hat, ver­dient nun sein Geld mit dem, was er am liebs­ten macht: Radio. Er hat es also geschafft. Er hat sei­ne Eltern nicht ent­täuscht. Und sie haben nie auf­ge­hört, an ihn zu glauben.

Die Semih Supre­me Show auf Radio RaBe war ein Ren­ner. Und deren Mode­ra­tor ist erfri­schend anders, so ziem­lich genau das Gegen­teil des­sen, was man sonst so im Äther ver­nimmt. Und er ist ver­dammt gut! Wenn er ans Mikro­fon tritt, dann erwacht selbst der gröss­te Phleg­ma­ti­ker aus der Lethar­gie. Er ist — ganz unber­ne­risch — «die schnells­te Fres­se von Bern» (Eigen­wer­bung). Sein Name: Semih «Supre­mo» Yavsaner.

Er ist kein unbe­schrie­be­nes Blatt, hat er es doch vor fünf Jah­ren ein­mal zu natio­na­ler Pro­mi­nenz gebracht, und zwar mit einem Song, der zum offi­zi­el­len Sound­track des Schwei­zer Kino­films «The Ring Thing» erko­ren wur­de, eine Blö­del­par­odie auf «Herr der Rin­ge». Er hat­te einen Plat­ten­ver­trag in der Tasche. Doch die ein­ge­schla­ge­ne Pop­kar­rie­re schlug eine «fal­sche Rich­tung» ein, sagt er im Gespräch mit ensuite – kul­tur­ma­ga­zin. Er, der mit vier­zehn Jah­ren im Jugend­treff «Graf­fi­ti» ange­fan­gen hat­te zu rap­pen, hat­te kei­nen Bock auf die­ses «hyper­kom­mer­zi­el­le Ding», weil sie ihm die Frei­heit nah­men, sich selbst zu sein.

Davor, dazwi­schen und danach war er eine Zeit­lang in der Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­bran­che tätig, jobb­te sich durch, war zeit­wei­se arbeits­los und ver­schul­det. Der Grat zwi­schen Erfolg und Miss­erfolg ist schmal. Die Per­spek­ti­ven sahen nicht immer gut aus für die­sen frisch­ge­ba­cke­nen Fami­li­en­va­ter. Einer sei­ner Jin­gles, die er für die Sen­dung pro­du­ziert hat, legt bered­tes Zeug­nis davon ab: «Eine Stun­de Black Music und Come­dy. Für alle Leu­te, die es im Leben nicht geschafft haben, und für all jene, die es nicht schaf­fen wer­den.» Sei­ne Beharr­lich­keit hat sich bezahlt gemacht. Jetzt macht er das, was er schon immer wollte.

Dabei hat­te Semih das Medi­um Radio erst spät für sich ent­deckt. Ein Tape mit einer auf­ge­zeich­ne­ten Sen­dung des texa­ni­schen Radio­sen­ders K104, das ihm sein Bru­der – sei­nes Zei­chens tür­ki­scher Bas­ket­ball-Inter­na­tio­na­ler – aus den Ver­ei­nig­ten Staa­ten mit­brach­te, ent­fach­te in ihm das Feu­er. «Der Mode­ra­ti­ons­stil fuhr mir unter die Haut. Ich wuss­te sofort, dass ich etwas in der Rich­tung machen muss­te», erin­nert er sich, «denn so etwas gab es hier in der Form nicht».

«Wir kom­men aus Quar­tie­ren und wuch­sen in Eltern­häu­sern auf, wo nach der Schu­le nie­mand zu Hau­se war, weil alle arbei­ten muss­ten. Mein Bru­der, mei­ne Schwes­ter und ich teil­ten ein Zim­mer. Wir hat­ten wenig, aber die­ses Weni­ge hat uns mensch­lich wei­ter­ge­bracht. Heu­te haben vie­le Leu­te sehr viel, aber geben sehr wenig.»

Die Spra­che der Stras­se Punk­to For­mat und Struk­tur bie­ten sei­ne Sen­dun­gen nicht viel Neu­es. Auch sie leben von Erken­nungs­si­gnet, Jin­gles, Teasern, Song­ti­teln, Stu­dio­gäs­ten, An‑, Zwi­schen- und Abmo­de­ra­ti­on. Es sind vor allem Stil und Spra­che, die sei­ne Sen­dun­gen aus­zeich­nen. Er nimmt kein Blatt vor den Mund und spricht, wie ihm der Schna­bel in den Secon­dos-Vier­teln gewach­sen ist. Er bedient sich ganz selbst­ver­ständ­lich eng­li­scher Ein­spreng­sel der Hip-Hop-Kul­tur und benutzt Flos­keln wie «Weisst du, was ich mei­ne» oder Wör­ter wie «Mann!» oder «okay». Es ist die Spra­che der Stras­se. Er nennt sie iro­nisch «pri­mi­ti­ve Sprach­kul­tur». Es ist die Spra­che der unters­ten sozia­len Schichten.

«Wir kom­men aus Quar­tie­ren und wuch­sen in Eltern­häu­sern auf, wo nach der Schu­le nie­mand zu Hau­se war, weil alle arbei­ten muss­ten. Mein Bru­der, mei­ne Schwes­ter und ich teil­ten ein Zim­mer. Wir hat­ten wenig, aber die­ses Weni­ge hat uns mensch­lich wei­ter­ge­bracht. Heu­te haben vie­le Leu­te sehr viel, aber geben sehr wenig.» Oft wur­de er wegen sei­nes Slangs nicht ernst genom­men. Doch Semih konn­te sei­nen Sprach­stil nicht ändern, ohne sei­ne Iden­ti­tät zu leug­nen. «Ich kann mei­ne Sto­ries nur in die­ser, mei­ner Spra­che erzäh­len! Es geht dar­um, dass wir ein­mal uns sel­ber sein kön­nen. Der Grund­ge­dan­ke mei­ner Sen­dun­gen ist: Authen­ti­zi­tät und Wahr­heit, kei­ne Künstlichkeit.»

Robo­cop-Radio Von die­ser Künst­lich­keit näm­lich gibt es schon genug. «Man führt ein Robo­cop-Leben, kommt nach der Arbeit nach Hau­se und hört Robo­cop-Radio. Es fehlt das Mensch­li­che. Die Men­schen durch­schau­en die plat­ten TV- und Radio­for­ma­te.» Die­sem «pein­li­chen Flow da draus­sen» muss­te er etwas ent­ge­gen­hal­ten. Semih «disst» Leu­te wie Mike Shi­va und ande­re Schar­la­ta­ne. «Es ist mir ein Rät­sel, dass der Staat über­all ein­greift, aber wenn man in den Unter­hal­tungs­me­di­en die Leu­te für dumm ver­kauft, pas­siert nichts. Es gibt Leu­te, die sol­chen Schund glau­ben und sol­che wie ich, die etwas dage­gen unter­neh­men», sagt er überzeugt.

«Vie­le Radio­mo­de­ra­to­ren kön­nen sehr ober­fläch­lich sein. Mir ist es Wurst, ob einer die­ser Mode­ra­to­ren ein gros­ses Tier ist, solan­ge ich ihn als Men­schen nicht spü­re. Die meis­ten ver­su­chen es erst gar nicht, eine Con­nec­tion mit den Hörern her­zu­stel­len, wie ich es tue. Sie spü­ren den Men­schen nicht und sehen nur das Ras­ter: ‹Wie heisst du? Woher rufst du an? Was machst du gera­de? War­um willst du den Preis gewin­nen? Schön, hast du ange­ru­fen. Willst du jeman­den grüs­sen?› Mit die­sem typi­schen For­mat­ra­dio stirbt alles.»

Enter­tain­ment, Come­dy und ein Schuss Sozi­al­ro­man­tik In den letz­ten Jah­ren hat er ver­bis­sen an sei­nen Skills gear­bei­tet, lern­te Jin­gles zu pro­du­zie­ren und mit einem Sequen­zer umzu­ge­hen. Wenn er eine Idee hat, dann muss er sie sofort umset­zen. Er kann nicht eine Woche war­ten, bis ein Tech­ni­ker Zeit hat. Des­halb hat er sich sein eige­nes Stu­dio eingerichtet.

Mit der Kom­bi­na­ti­on von Sati­re, Unter­hal­tung und Black Music glaubt Semih den Jack­pot geknackt zu haben. Er ist über­zeugt von sei­nem Sen­de­for­mat. Und die «schweiz­weit phä­no­me­na­len Feed­backs» geben ihm recht. «Ich mache Radio so, wie ich es sel­ber ger­ne hören wür­de. Und ich habe den Geschmack vie­ler Leu­te getroffen.»

In sei­nen Sen­dun­gen wer­den vor­wie­gend Hip-Hop- und R&B‑Hits gespielt. Auch sei­ne Jin­gles und Eigen­pro­duk­tio­nen (dar­un­ter gesun­ge­nes Mate­ri­al) grei­fen auf Gen­re-Klas­si­ker zurück: Man erkennt Songs wie den G‑Funk-Ever­green «Regu­la­te» von War­ren G, den 80er-Jah­re-Hit «Got­ta Get You Home Tonight» von Euge­ne Wil­de oder Micha­el Jack­sons «Thril­ler». Die Jin­gles sind pro­fes­sio­nell pro­du­ziert und erin­nern an Kino-Trai­ler. Es wird mit der gros­sen Kel­le ange­rührt. Der Hörer wird umschmei­chelt mit Ansa­gen wie «Enjoy the Semih Supre­me Show. Be part of a move­ment!». Der ein­zi­ge Unter­schied zu pro­fes­sio­nel­len Radio­shows ist der, dass Semihs Sen­dun­gen nicht von gros­sen Wer­be­trä­gern gespon­sert wer­den, son­dern von merk­wür­di­gen Insti­tu­tio­nen wie dem «Ver­ein für fehl­ge­schla­ge­ne Inte­gra­ti­on», der «Not­schlaf­stel­le Tägert­schi», der «Alko­hol­li­ga Bern» und dem «Obdach­lo­sen­ver­ein Lor­raine West».

«Ich mache Radio so, wie ich es sel­ber ger­ne hören wür­de. Und ich habe den Geschmack vie­ler Leu­te getroffen.»

Semih geht es dar­um, «das Ohr der Zuhö­rer zu erobern», und das geht am ein­fachs­ten mit Humor, «denn die Leu­te lachen ger­ne». Sein Ziel­pu­bli­kum ist eher jung, trotz­dem umfasst es meh­re­re Gene­ra­tio­nen: Vom 13-jäh­ri­gen Teen­ager im Wie­der­ho­lungs­kurs bis zum 37-jäh­ri­gen Kader­mann einer Ver­si­che­rungs­fir­ma. Semih Yav­saner ist über­zeugt, dass Hip-Hop den Life­style von Jugend­li­chen zwi­schen 16 und 26 Jah­ren bestimmt. «Hip-Hop ist all­ge­gen­wär­tig!» Doch es sei oft sehr schwie­rig, die­se Leu­te zu errei­chen. Er macht sich Gedan­ken, was im Kopf eines Jugend­li­chen oder eines jun­gen Erwach­se­nen vor sich geht und spricht The­men an, über die oft geschwie­gen wird, aber gera­de in der der­zei­ti­gen Kathar­sis des neo­li­be­ra­len Kre­dit- und Finanz­sys­tems aktu­ell sind. Zum Bei­spiel das The­ma Schul­den, eine Sor­ge, die «unse­re Gene­ra­ti­on» beschäf­tigt, denn «wir haben uns mit dem Auf­kom­men von Han­dys, Flach­bild­schir­men, Com­pu­tern, Inter­net und Lea­sing­pro­duk­ten ver­schul­det». Die gesell­schaft­li­che Rea­li­tät und der sozio­kul­tu­rel­le Back­ground der Men­schen inter­es­sie­ren ihn.

Semih ver­sucht sei­ne Iden­ti­tät nicht etwa zu kaschie­ren, um ange­passt zu wir­ken und ja nicht auf­zu­fal­len. Im Gegen­teil: Er singt aus vol­ler Keh­le von sei­ner tür­ki­schen Iden­ti­tät und beschreibt, mit wel­chen Vor­ur­tei­len man sich als Aus­län­der kon­fron­tiert sieht. Einer sei­ner Tex­te lau­tet: «Si lue­ge mi a i dr Beiz / Wüu ig ä C‑Uswis ha / Kene seit sälü wie geihts / U kene fragt, was ig äch gmacht ha / Mit schü­che Bli­cke lue­ge si di vo obe bis unde a / Fra­ge sech was ig für eine bi / U was ig hie ver­lo­re ha / Ha geng e chli Schul­de, viu Teer uf dr Lun­ge u ras­sis­ti­schi Sprüch tüe mir lang nüm­me weh (2x) / Wüu ig e Türk bi (7x)». Die­ser von Göläs Hit «Büet­zer» abge­kup­fer­te und ange­pass­te Song­text ist Semihs Ant­wort auf die Fra­ge nach der sozia­len Hei­mat. «Die­ses Lied von Gölä sprach vie­len Schwei­zern aus dem Her­zen. Ich dach­te mir: Wenn es für einen Tür­ken so ein Lied gäbe, wel­chen Text müss­te es wohl haben?», erin­nert sich Semih.

Vie­le sei­ner Tex­te und Radio-Sket­ches beschäf­ti­gen sich mit dem kul­tu­rel­len Gegen­satz zwi­schen Schwei­zern und Aus­län­dern. Aus die­sen Gegen­über­stel­lun­gen und der Über­zeich­nung gän­gi­ger Kli­schees und Ste­reo­ty­pen erzeugt er Humor und Situa­ti­ons­ko­mik. Es geht Semih aber dar­über hin­aus auch um die Bekämp­fung von Vorurteilen.

Kampf gegen Kli­schees und Vor­ur­tei­le Aus­län­der der ers­ten und zwei­ten Gene­ra­ti­on wer­den medi­al oft in Ver­bin­dung gebracht mit dem The­men­kom­plex Kri­mi­na­li­tät, Dro­gen, Gewalt, Armut, Bil­dungs­de­fi­zi­te und Kon­ve­ni­en­ze­hen. Die­se stän­di­ge Asso­zi­ie­rung zemen­tiert oft bereits bestehen­de Denk­mus­ter. Semih kann es nicht aus­ste­hen, dass Aus­län­der im «Schma­rot­zer­licht» ste­hen. «Ich kann mir nicht vor­stel­len, dass ein Mensch so beschränkt sein kann, von einer Schlag­zei­le in den Medi­en auf eine gan­ze Bevöl­ke­rungs­grup­pe zu schliessen.»

Semih Yav­saner spricht aus eige­ner Erfah­rung. Er kann nicht ver­ste­hen, dass ein Kroa­te, nen­nen wir in Goran, von sei­nen Arbeits­kol­le­gen mit der Fra­ge pro­vo­ziert wird: «Ist es nor­mal bei euch, 300 km/h zu fah­ren?», bloss weil eine Bou­le­vard­zei­tung davon berich­tet, dass ein kroa­ti­scher Jugend­li­cher durch die Wohn­zo­ne gerast ist. «Ich selbst habe das erlebt. Es gab Fäl­le von häus­li­cher Gewalt und Ehren­mor­den unter Tür­ken. Als die­se Mel­dun­gen in den Medi­en waren, bekam ich eine Mail von einem Arbeits­kol­le­gen einer ande­ren Abtei­lung, der mich dar­auf ansprach, bloss weil ich zufäl­lig Tür­ke bin.» Semih hat die­ses Schub­la­den­den­ken satt. «Das sind dum­me und ein­fäl­ti­ge Leu­te, die oft­mals zu mei­nem eige­nen Erstau­nen wohl­ha­bend sind und gesell­schaft­lich ange­se­he­ne Posi­tio­nen haben. Sie haben aber kei­ne Ahnung, wovon sie spre­chen.» Hin­ter sei­ner Radio­show steckt kei­ne poli­ti­sche Moti­va­ti­on, betont Semih. «Die Mes­sa­ge ist wich­tig; wenn das schon poli­tisch ist, dann ist es halt so», meint er lakonisch.

Der zwei­fels­frei gröss­te Clou ist Semih bei der Erschaf­fung sei­ner Kunst­fi­gur gelun­gen: Müs­lüm. Sei­ne Tele­fon­scher­ze sind bereits Legen­de. Müs­lüm ist ein Mitt­vier­zi­ger aus der Tür­kei, ohne star­ke fami­liä­re Bin­dun­gen. Er hat die Schwei­ze­rin Ros­wi­tha gehei­ra­tet — man ist sich nicht sicher, ob er das wegen der Schwei­zer Nie­der­las­sung getan hat. Mit den Schwei­zer Sit­ten ist er nicht sehr ver­traut, wes­halb er ab und zu mit dem Gesetz in Kon­flikt gerät, obwohl er ein anstän­di­ges Leben füh­ren möch­te. Er ist eine Art Loser vom Bosporus.

Müs­lüm — ein moder­ner Robin Hood aus Ana­to­li­en Semih spricht in einer tie­fe­ren Ton­la­ge, wenn er Müs­lüm spielt. Er hat die Rol­le so sehr ver­in­ner­licht, dass vie­le Hörer gar nicht glau­ben, dass Semih per­sön­lich dahin­ter steckt. «Das bes­te Feed­back über­haupt ist, wenn mir Hörer sagen, dass sie nicht glau­ben, dass ich Müs­lüm spie­le. Mei­ne Angst war, dass ich den Cha­rak­ter falsch umset­zen wür­de. Ich woll­te ihn so authen­tisch wie mög­lich machen.» Der tür­ki­sche Anti­held spricht kein akzent­frei­es Deutsch und ist eher schlecht inte­griert. Für den eigen­wil­li­gen Cha­rak­ter hat er sich in sei­nem Umfeld umge­schaut. Eini­ges konn­te er von sei­nem Vater abkup­fern: «Ich stel­le mir mei­nen Vater in den End­sieb­zi­gern vor, mit Frau und drei Kin­dern, wie er am Tele­fon fast ver­zwei­felt ver­sucht, einen Ter­min mit dem Fri­seur zu ver­ein­ba­ren, was ihm nicht gelingt, weil er nicht Herr über die Spra­che ist.»

Semih hat oft sol­che Momen­te der Frus­tra­ti­on erlebt. Auch Müs­lüm ist nicht beson­ders schlag­fer­tig und des­halb oft des­ori­en­tiert. Müs­lüm ruft bei sei­nen Tele­fon­scher­zen den Ser­vice-Desk-Mit­ar­bei­ter einer Sprach­schu­le an, plau­dert am Tele­fon über Sex­prak­ti­ken mit der Geschäfts­füh­re­rin eines Bor­dells, bewirbt sich auf eine Annon­ce bei der Kan­tons­po­li­zei, bewun­dert einen unerpress­ba­ren Waf­fen­händ­ler und Liba­non­krieg­ve­te­ra­nen und bie­tet einer Dro­ge­rie sei­ne Diens­te als Dro­gen­ku­rier an. Die Nai­vi­tät macht den Cha­rak­ter komisch und lie­bens­wert zugleich. Er ist dop­pelt benach­tei­ligt, weil er ers­tens Aus­län­der ist und zwei­tens die Spra­che nicht beherrscht. Der Tür­ke kommt also eher schlecht weg. «Ich habe das Pri­vi­leg, mich über mein eige­nes Volk lus­tig machen zu kön­nen», meint Semih.

Doch Müs­lüm wäre kaum so beliebt, wenn er nicht auch etwas Lie­bens­wer­tes an sich hät­te. So ist er auch der Ver­tre­ter des klei­nen Man­nes, der sich nicht ger­ne bescheis­sen lässt. «Ich benut­ze die­sen Cha­rak­ter, um einen Über­ra­schungs­mo­ment zu kre­ieren. Denn das Gegen­über erwar­tet bei einem sol­chen Akzent nicht, dass man ihm Paro­li bie­tet.» Was oft harm­los anfängt, endet meist in der Bloss­stel­lung des­je­ni­gen, der am ande­ren Ende der Tele­fon­li­nie ist. «Für uns Aus­län­der ist es ein gei­les Gefühl, denn vie­le sagen sich, das ken­ne ich auch, das Gefühl, sich nicht ver­ständ­lich machen zu können.»

Müs­lüm: «Ich bin aggres­siv. Ich habe Kom­ple­xe. Adrenalin!»

Müs­lüm ist weder gegen Schwei­zer noch gegen Aus­län­der. Er macht es bei­den recht, erklärt Semih. «Vie­le Leu­te machen die Faust im Sack. Müs­lüm macht das nicht. Er teilt aus. Er sagt genau das, was sich vie­le nicht trau­en zu sagen.» Die­se Unver­fro­ren­heit gibt vie­len Hörern eine uner­hör­te Genug­tu­ung. «Müs­lüm ist eine Art Robin Hood», so Semih. «Er sagt das, was jeder ger­ne ein­mal sagen wür­de, dazu noch in einer Spra­che, die sehr direkt ist und belei­di­gend wir­ken kann. Die Absicht dahin­ter ist es nicht, jeman­den zu dis­sen. Die­ses Ele­ment ist ein­fach zen­tral für den Cha­rak­ter. Müs­lüm sagt nicht, ich bin heu­te nicht gut gelaunt, er sagt: Ich bin aggres­siv.» Müs­lüms Stan­dard­satz lau­tet: «Ich bin aggres­siv. Ich habe Kom­ple­xe. Adre­na­lin!» Er spricht alle unter­schieds­los mit «Kol­le­ge» (sprich: «Chol­le­ge») an.

«Ich mag alles an ihm», sagt Semih. «Müs­lüm hat Charme und zeigt guten Wil­len. Er ist direkt und sagt, was er denkt. Er ist libe­ral und tole­rant.» Auf die Fra­ge, ob der Cha­rak­ter auch etwas Nega­ti­ves hat, muss Semih lan­ge nach­den­ken. Schliess­lich sagt er, dass man ihn bes­ser nicht imi­tie­ren soll­te, denn er lässt manch­mal die Fäus­te spre­chen und kon­su­miert regel­mäs­sig Alkohol.

Müs­lüm hat nam­haf­te Fans aus der Pro­mi­sze­ne. So ist zum Bei­spiel Mar­co Wölf­li, der Stamm­goa­lie der Ber­ner Young Boys, den Semih in einem Sketch ver­ulkt, in Meh­met umtauft und zum Dro­gen­ku­rier von Müs­lüm macht, ganz hin­ge­ris­sen von Müs­lüm. Sogar der SVP-Jung­po­li­ti­ker Erich Hess gehört zu jenen, die Müs­lüm ange­ru­fen hat. Auf die Fra­ge, wel­che Musik Hess mag, sagt die­ser, dass er ger­ne Länd­ler hört. Als Hess aber kei­nen Folk­lo­re-Schla­ger vor­sin­gen kann, ist Müs­lüm ent­täuscht und wirft dem jun­gen Rechts­aus­sen­po­li­ti­ker vor, kei­ne Kul­tur zu haben. Es sind die­se Momen­te, die Semih am meis­ten geniesst.

Den emo­tio­nals­ten Moment aber erleb­te Semih «Supre­mo» bei sei­ner Abschluss­sen­dung. «Etwa sech­zig Homies reis­ten aus der gan­zen Schweiz nach Bern, um bei mei­ner Supre­me Block Par­ty dabei zu sein. Kurz vor Sen­de­be­ginn kommt ein Vater in Beglei­tung sei­nes blin­den Soh­nes. Er spricht mich an und erzählt mir, dass sein Sohn mein gröss­ter Fan sei. Er war auch kör­per­lich behin­dert. Ich liess ihn kurz mode­rie­ren. Er hat mei­nen Flow ziem­lich gut rüber­ge­bracht und sogar impro­vi­siert. Er war das High­light des Abends. Es war ein berüh­ren­der Moment. Einen Augen­blick lang herrsch­te Son­nen­schein in sei­ner klei­nen dunk­len Welt. Das war für mich das schöns­te Feed­back überhaupt.»

Semih Yav­saner hat bereits an die Lim­mat dis­lo­ziert und wird dem­nächst bei einer Zür­cher Radio­sta­ti­on auf Sen­dung gehen, dies­mal in einem ordent­li­chen Hono­rar­ver­hält­nis. Auf die neu­en Geschich­ten von Müs­lüm und Co. wird man wohl auch in Zürich gespannt sein.

Foto: zVg.
ensuite, Sep­tem­ber 2009



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