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Dies­seits vom Tanz

Von Kris­ti­na Sol­da­ti – Kein Schwei­zer Tän­zer hat der­zeit ein lan­des­weit aner­kann­tes Diplom in der Tasche. Was schert man sich auch um ein Stück Papier, wenn die Bret­ter der Büh­ne einem die Welt bedeu­ten und auf ihr das pure Kön­nen zählt? Kein Thea­ter­di­rek­tor hat je einen Blick auf Diplo­me ver­schwen­det, Kunst kommt von Kön­nen und das sieht (oder hört) man. Dar­an wird sich auch nichts ändern. Dass hin­ter der Büh­nen­rei­fe acht Jah­re täg­li­cher Ein­satz ste­cken, braucht nicht eid­ge­nös­sisch erkannt oder gefor­dert zu wer­den. Die zucken­den Kin­der­bei­ne fan­den schon immer ihren Weg. Bei den einen zum Fuss­ball­platz, bei den ande­ren ins Tanz­stu­dio. Die Hüpf­lust vor der Rital­in-Ära war Antrieb genug, nach­mit­tags anzu­tan­zen. Klei­ne Auf­füh­run­gen brach­ten den Flair und die Freu­de am Fort­schritt tat das übri­ge. Woher die Not also für ein Zer­ti­fi­kat? Zum einen hüpft es sich rich­tig oder falsch. Fal­sches Ein­üben kann zu Knie­schä­den führen.

Schon lan­ge trach­ten des­halb Fach­ver­bän­de danach, päd­ago­gi­sche Qua­li­tä­ten flä­chen­de­ckend zu sichern. Tanz­päd­ago­ge ist bis­lang ein unge­schütz­ter Beruf. Neue Qua­li­fi­ka­tio­nen wie das Wei­ter­bil­dungs­di­plom (seit 2004) oder gar der Wei­ter­bil­dungs­mas­ter in Tanz­päd­ago­gik (seit 2007) an der Züri­cher Hoch­schu­le der Küns­te (ZHdK) sol­len da Kri­te­ri­en lie­fern. Die Sor­ge um Gesund­heit und Qua­li­tät ist ein Grund für das Zer­ti­fi­kats­fie­ber. Der zwei­te Grund ist die Ein­sicht, nach jedem noch so erfolg­rei­chen Hüp­fen gibt es ein Danach, jen­seits vom pro­fes­sio­nel­len Tanz (vgl. ensuite Nr. 76): Die Rekon­ver­si­on. Die beruf­li­chen Umschu­lungs­in­stan­zen fra­gen näm­lich nach ertanz­ten Diplo­men. Der drit­te Grund ist stra­te­gisch: Diplo­me füh­ren zu gesell­schaft­li­cher Aner­ken­nung. Und die­se fängt bei den Eltern an: «Es sind oft die Eltern, die die tanz­lus­ti­gen Kin­der brem­sen», meint Patri­ce Delay, Lei­ter der von Balan­chi­ne gegrün­de­ten Gen­fer Schu­le und des Bal­let Juni­or. Wenn sie öfters kom­men wol­len, win­ken die Eltern ab. «Das führt doch zu kei­nem Beruf!» Die Väter deu­ten auf das täg­li­che Schwit­zen ihrer Spröss­lin­ge und sehen kei­ne Per­spek­ti­ve. «Beson­ders hier in der Schweiz», fügt der euro­pa­er­fah­re­ne Lei­ter hin­zu. Rücken Schu­len etwa des­halb ver­mehrt in die Nähe von Sport­ver­ei­nen? Die Jagd nach Medail­len als Ersatz für Aner­ken­nung? Als Legi­ti­ma­ti­on? Auf den Schul-Web­sei­ten pran­gen die glän­zen­den Ver­diens­te und Tanz wird messbar.

Qua­li­fi­zier­te Leh­rer Medail­len haben bekannt­lich ihre zwei Sei­ten. Sie spor­nen an, sie stel­len Talen­te erst­mals ein­an­der gegen­über, dann neben­ein­an­der und dann auf ein Podest. Aber es gibt die zwei­te Sei­te der Medail­le. Die­se recht unkünst­le­ri­sche, bis­wei­len gar unmensch­li­che Sei­te ver­tanzt gera­de das Béjart-Bal­let in «Le Con­cours». Doch so, wie es unse­rer Wett­be­werbs­ge­sell­schaft gera­de ergeht, könn­te es auch dem preis­ver­lieb­ten (Ballett-)Tanz erge­hen. Auch die­sen könn­te die Ernüch­te­rung nach einer Kri­se erei­len. «Immer schnel­ler, immer bes­ser» ist eben nicht nach­hal­tig. Tech­ni­sche Ver­siert­heit kann for­ciert wer­den. Gesund­heit­li­che Stra­pa­zen und Risi­ken neh­men ehr­gei­zi­ge Schü­ler wie Schu­len in Kauf, denn die Aus­fall­quo­ten tau­chen in den Bilan­zen nicht auf. Oder haben Sie schon irgend­wo von der Zahl der Ver­letz­ten und Abbre­cher in Aka­de­mien oder Schu­len gele­sen? Damit sich Schu­len aus dem Pro­fi­lie­rungs­wahn über Prei­se lösen kön­nen und auf nach­hal­ti­ge Wer­te set­zen, sind gere­gel­te Leh­rer­qua­li­fi­ka­tio­nen nütz­lich. Nütz­lich sind sie auch, um ande­rer­seits dem Dile­tan­tis­mus im Ama­teur­un­ter­richt fehl­hüp­fen­der Kin­der zu begeg­nen. Die För­de­rung der Freu­de der Klei­nen am krea­ti­ven Schaf­fen eben­so wie die unspek­ta­ku­lä­re tech­ni­sche Grund­la­gen­ar­beit hät­ten mit Zer­ti­fi­ka­ten unab­hän­gi­ge Legitimation.
Was aber besorg­te Väter letzt­lich in ihrem Zwei­fel umstim­men kön­nen wird ist die Per­spek­ti­ve auf eine Berufs­leh­re mit eid­ge­nös­sisch aner­kann­tem Fähig­keits­zeug­nis (EFZ) für Büh­nen­tän­ze­rIn­nen. Erst­mals ange­bo­ten ab Herbst 2009 in Zürich.

Tanz oder Schu­le? Wie ande­re musi­sche Fächer winkt auch der Tanz am Ende des Tun­nels eines arbeit­sa­men Schü­ler­ta­ges (Und dem Mama-Taxi davor der Stau). Musik oder Male­rei brau­chen aber kei­ne Früh­erken­nung von Talen­ten und kei­ne täg­li­che Pil­ger­fahrt zum Ritu­al. Ein­zig der Tanz for­dert Büh­nen­rei­fe im Alter von Acht­zehn, um in den bes­ten Jah­ren zu ern­ten. Und nur der Tanz übt sich nicht allein. Und so ver­stop­fen täg­lich hun­der­te Bewe­gungs­hung­ri­ge erst ein­mal die Stras­sen, bevor sie sich an die Bal­lett­stan­ge rei­hen. Wen wundert’s, wenn Schu­le und logis­tisch invol­vier­te Eltern dar­un­ter lei­den? Wenn Tanz und Schu­le unver­ein­bar wird? «Mit der täg­li­chen Mit­tags­pau­se, dem vier­fa­chen Schul­weg kann die Schweiz nicht das Arbeits­pen­sum der Nach­bar­län­der schaf­fen», meint Mar­jo­lai­ne Piguet, Lei­te­rin der «Dan­ses Etu­des» in Lau­sanne. Sie hat wäh­rend ihrer Aus­bil­dungs­zeit im Aus­land vor­teil­haf­te­re Tages­ab­läu­fe kennengelernt.

Tanz und Schu­le sol­len nun ver­söhnt wer­den, ganz nach dem Vor­bild des Lau­san­ner SAEF-Gym­na­si­ums (Sport-Arts-Etu­des-For­ma­ti­on), wo gute Schü­ler ihren musi­schen oder sport­li­chen Schwer­punkt in den leicht ent­schlack­ten Schul­stun­den­plan inte­grie­ren kön­nen. Weni­ge hun­dert Meter ent­fernt hat Mar­jo­lai­ne Piguet das­sel­be für den Tanz geschaf­fen: «Dan­se Etu­des». Über dreis­sig Kin­der besu­chen tags­über die Sekun­dar­stu­fe (I und II) in nächs­ter Nähe und schlüp­fen im Tages­ver­lauf mehr­mals in die Trai­nings­haut. Jedes Jahr schnei­dert sie als Mit­ver­ant­wort­li­che des Col­lè­ge Béthu­sy ihren Tanz­schü­lern ein­zeln den Stun­den­plan zurecht und stopft Löcher bei Bedarf mit Mathe­ma­tik- oder Deutsch­nach­hil­fe. Doch Schul­leis­tun­gen sei­en nicht das Pro­blem. 80 Pro­zent ihrer Schü­ler sind ohne­hin auf dem Gym­na­si­um oder der gym­na­sia­len Mit­tel­stu­fe. 2003 hat «Dan­se Etu­des» begon­nen und eine Tän­ze­rin mit Matu­ra bereits gelie­fert. Gleich im Anschluss wur­de die­se von Patri­ce Delay in das Gen­fer Bal­let Juni­or übernommen.

Fünf Minu­ten mit der Metro vom Bahn­hof und hun­dert Schrit­te von der Sta­ti­on Ours ist das muti­ge Pro­jekt Rea­li­tät gewor­den, das Tanz und Schu­le ver­knüpft. Mit die­ser guten Lage möch­te sie eine Lösung für Begab­te der gan­zen West­schweiz bie­ten. Ein Jun­ge kommt etwa täg­lich aus Frei­burg. Dass bis­wei­len nicht mehr als sechs pro Tanz­klas­se teil­neh­men, erklärt die Lei­te­rin so: «Viel grös­ser ist die Aus­beu­te wirk­li­cher Talen­te der Regi­on nicht.» Von der luxu­riö­sen Über­schau­bar­keit sol­cher Klas­sen pro­fi­tiert das Ambi­en­te und die Leis­tung. Aber auch die Schul­auf­ga­ben zwi­schen­durch, denn Dis­zi­plin und Moti­va­ti­on ste­cken an. Mit zwei bis vier moder­nen bezie­hungs­wei­se zeit­ge­nös­si­schen Tanz­stun­den die Woche ist die Aus­bil­dung rela­tiv fort­schritt­lich. Obwohl wie aus einem Mun­de die Schü­ler hier nach mehr rufen. Die Lei­te­rin erwägt durch­aus einen Aus­bau, denn in der Regi­on soll eine eid­ge­nös­sisch aner­kann­te Berufs­leh­re für zeit­ge­nös­si­schen Tanz ent­ste­hen. Falls, ja, falls deren sti­lis­ti­sche Aus­rich­tung eine Vor­bil­dung über­haupt vorsieht.

Eid­ge­nös­sisch aner­kannt in der West­schweiz Wenn die Deutsch­schweiz die Berufs­leh­re Büh­nen­tanz klas­si­scher Prä­gung haben wird, so die West­schweiz die­je­ni­ge zeit­ge­nös­si­scher. Im Jahr 2010 soll’s los­ge­hen, doch Inhalt und Ort wird sei­tens des Bun­des­am­tes für Berufs­bil­dung und Tech­no­lo­gie (BBT) erst die­ser Tage publik. Ob Lau­sanne oder Genf ansteht, ist weni­ger ent­schei­dend als der sti­lis­ti­sche Anspruch. Wäh­rend sich im moder­nen Tanz eine Metho­dik und ein fes­ter Lehr­ka­non ent­wi­ckeln konn­te (z.B. mit der Limon- , Gra­ham- und Cun­ning­ham-Tech­nik), so sind die zeit­ge­nös­si­schen Sti­le noch nicht auto­nom «tänz­er­bil­dend». «Mit der Zeit haben die unter­schied­lichs­ten Sti­le, auch der Jazz­tanz, den Trai­nings­ab­lauf und vie­le Übun­gen des Bal­letts (von pli­és über ten­dus bis gros­se Sprün­ge) sich ein­ver­leibt», meint Caro­li­ne Lam, diplo­mier­te Leh­re­rin für zeit­ge­nös­si­schen Tanz. So wid­me­te sie sich erst ein­ge­hend dem Jazz in Paris und konn­te den­noch mit acht­zehn Jah­ren in den klas­si­schen Tanz ein­stei­gen. Das klappt offen­sicht­lich, denn nach ihrer Tanz­aus­bil­dung zir­ku­lier­te sie «zeit­ge­nös­sisch» in der frei­en Schwei­zer Szene.

Doch beim neu­en Lehr­gang steht zur Dis­kus­si­on, ob – ganz nach dem Vor­bild des Cho­reo­gra­fie­zen­trums der Loire­stadt Angers – über­haupt eine Vor­bil­dung von­nö­ten sei. Bei der Man­gel­wa­re «tan­zen­der Mann» gab es sol­che Kon­zes­sio­nen schon immer. Doch die vie­len fie­ber­haft tan­zen­den Jugend­li­chen lockt eine sol­che Tole­ranz­schwel­le kaum. Im Alter von 15 bis 16 Jah­ren kön­nen sich vie­le gar nicht vor­stel­len, von ihrer täg­lich fei­len­den Arbeit zu las­sen und mit Tan­zun­kun­di­gen erst ein­mal zusam­men zu impro­vi­sie­ren… Die schar­fe Zwei­tei­lung der Tanz(ausbildungs)landschaft klas­sisch ver­sus zeit­ge­nös­sisch kommt ihnen nicht gelegen.

Durch­läs­sig­keit quer Aus der Pro­jekt­pha­se der neu­en drei­jäh­ri­gen Berufs­leh­re zeit­ge­nös­si­scher Tanz in der West­schweiz ist zu hören: «Die Kluft zwi­schen Klas­sik und Zeit­ge­nös­sisch soll über­brück­bar wer­den. Wer nach den ers­ten fünf Mona­ten merkt, er habe die fal­sche Aus­rich­tung gewählt, soll wech­seln dür­fen. Im Prin­zip.» Es soll also nicht nur der Rös­ti­gra­ben samt Sprach­bar­rie­ren über­wind­bar sein, son­dern auch der Gra­ben zwi­schen (system-)freiem zeit­ge­nös­si­schen Tanz und dem Bal­lett à la Waga­no­va rus­si­scher Prä­gung. Die Zukunft wird es zei­gen… Und der Ent­scheid der künf­ti­gen Leitung.

Anschluss nach oben Nichts weni­ger als die Ent­wick­lung eines ganz eige­nen Sys­tems im zeit­ge­nös­si­schen Tanz ver­spricht die Lei­te­rin des Bache­lor-Pro­gramms in Zürich, Prof. Tina Man­tel. Das BA (Bache­lor of Arts) ist ein wei­te­res Zer­ti­fi­kat, das das Bun­des­amt für Berufs­bil­dung und Tech­no­lo­gie BBT dem Tanz die­ses Jahr ver­macht. Der ers­te Stu­di­en­gang beginnt kom­men­den Herbst an der Zür­cher Hoch­schu­le der Küns­te. GaGa heisst das Sys­tem und hat sei­ne Wie­ge in Jeru­sa­lem, in der Bats­he­va Dance Com­pa­ny. Der berühm­te Cho­reo­graf und Direk­tor Ohad Naha­rin liess sei­ne (klas­sisch aus­ge­bil­de­ten) Tän­zer anfangs ein­mal, mitt­ler­wei­le fünf­mal pro Woche, «GaGa wer­den», um sie auf­zu­lo­ckern. Die­se Impro­vi­sa­ti­ons­me­tho­de ver­hilft zur ganz eige­nen Bewe­gungs­spra­che, wenn man bereit ist, den ange­eig­ne­ten Codex auf­zu­bre­chen. Géral­di­ne Chol­let, die künf­ti­ge GaGa-Leh­re­rin des Stu­di­en­gangs, die selbst den Weg nicht in die begehr­te Com­pa­nie fand, ver­folg­te unbe­irrt die­se Metho­de in Naha­rins Work­shops. Sie über­re­de­te ihn, der Metho­de eine Metho­dik und ein Sys­tem abrin­gen zu las­sen. Mit fast täg­li­cher Anwen­dung und jähr­li­chem Besuch aus der Bats­he­va Com­pa­ny möch­te sie genau das in Zürich bewerk­stel­li­gen: Ein päd­ago­gi­sches Sys­tem. Zürich als Labor für die Bats­he­va Com­pa­ny? Prof. Tina Man­tel lacht: «Ja, durch­aus.» Wenn das Expe­ri­ment klappt, wünscht man ihr auch das Patentrecht.

Fast gleich­wer­tig mit den prak­ti­schen Fächern der Tanz­fer­tig­keit sind sol­che der Gestaltung/Produktion und Wissen/Reflexion, wie es im Stu­di­en­plan heisst. Dar­un­ter fal­len Per­for­mance Rese­arch, der akus­ti­sche und der vir­tu­el­le Raum sowie trans­dis­zi­pli­nä­re Pro­jek­te, Kul­tur­ma­nage­ment, Ana­to­mie und Dra­ma­tur­gie. Des­halb erwar­tet die Lei­te­rin (Berufs-)Maturität von ihren Stu­den­ten und das Min­dest­al­ter von 18 Jah­ren. Da gute moder­ne und zeit­ge­nös­si­sche Vor­aus­bil­dung nur ver­streut zu haben ist und kein brot­brin­gen­der Beruf war­tet, ist manch auf­ge­nom­me­ner Bewer­ber ein fer­ti­ger Pri­mar­leh­rer und auch mal 25 Jah­re alt.

Ob Prof. Tina Man­tel sich auf die zer­ti­fi­zier­ten Abgän­ger der neu­en Berufs­leh­re zeit­ge­nös­si­scher Tanz der West­schweiz freut? «Ja und nein», sagt sie, «die Bes­ten wer­den wohl tan­zen gehen und nur ehr­gei­zi­ge, intel­lek­tu­ell Neu­gie­ri­ge hän­gen wei­te­re drei Jah­re an.» Für wel­chen Beruf der Stu­di­en­gang dem­nach vor­be­rei­tet, muss erneut die Zukunft zeigen.

Juni­or-Bal­let­te Nach der Grün­dung des NDT2 1978, einer dem Neder­lands Dan­se Thea­ter ange­glie­der­ten jun­gen Com­pa­nie, ver­brei­tet sich das Phä­no­men: Gros­se Com­pa­nien leis­ten sich eine Jugend – was heisst: Sie lagern die Jun­gen aus ihren Rei­hen aus. «Immer weni­ger Tanz­trup­pen kön­nen sich die Betreu­ung und das Risi­ko mit uner­fah­re­nem Nach­wuchs leis­ten», meint der Gen­fer Juni­or-Bal­let-Direk­tor Patri­ce Delay, der in den 80ern noch in den Genuss eben­die­ses Luxus des König­li­chen Flä­mi­schen Bal­letts kam. Am Gen­fer Thea­ter enga­giert man mitt­ler­wei­le nur erfah­re­ne Solis­ten, meint Patri­ce Delay, der sich damals mit der Zeit zum Solis­ten mau­sern konn­te. Sei­ne Juni­or-Trup­pe ist aller­dings nicht ans Thea­ter ange­glie­dert, son­dern seit knapp dreis­sig Jah­ren an die pri­va­te Schu­le Eco­le de dan­se de Genè­ve. Der hoch­ka­rä­ti­ge Unter­richt und Gast­cho­reo­gra­fen ers­ten Kali­bers locken jähr­lich hun­dert Bewer­ber aus aller Welt – um gehalt­frei zu tan­zen. Sie sam­meln Erfah­run­gen. Ja, in gros­sen Com­pa­nien wür­den sie in der hin­ters­ten Rei­he im Chor tan­zen. Hier pro­fi­lie­ren sie sich in span­nen­den Rol­len, so ver­schie­den wie die Welt­klas­se-Cho­reo­gra­fen selbst – ein idea­ler Prä­sen­tier­tel­ler für künf­ti­ge Arbeit­ge­ber, die auch regel­mäs­sig gela­den wer­den. Das Juni­or-Bal­lett von Heinz Spoer­li (seit 2001) erhält die eben­falls zwei­jäh­ri­ge Aus­bil­dung an der haus­ei­ge­nen Opern­aka­de­mie. Es pro­fi­tiert von den Wer­ken des Meis­ters, für die eige­nen Tour­neen von der Logis­tik des Hau­ses und für Sti­pen­di­en von des­sen Know-how: «Wir haben den gröss­ten und bes­ten Spon­so­ren­samm­ler», erklärt das Bal­lett­ma­nage­ment. Zwi­schen 18 und 21 oder 23 Jah­ren bie­tet das welt­wei­te Phä­no­men Juni­or-Bal­lett also her­vor­ra­gen­de Wei­ter­bil­dung mit Ein­stiegs­chan­cen in die Arbeits­welt. Ein Nach­ge­schmack bleibt: Die ertrag­rei­chen Tanz­jah­re schrump­fen, nicht nur vom Jen­seits her (vgl. Rekon­ver­si­on schon mit Dreis­sig, ensuite Nr. 77), son­dern auch dies­seits vom Tanz.

Tanz­aka­de­mie Zürich schleust Schwei­zer an die Spit­ze Von den 19 Tän­zern im Juni­or Bal­lett Zürich sind zwei Schwei­zer, von zwan­zig in Genf nicht mehr. Beim welt­wei­ten Andrang ist dies nicht über­ra­schend. Doch die neue Züri­cher Aka­de­mie­lei­tung, Stef­fi Scher­zer und Oli­ver Matz, hat sich 2004 vor­ge­nom­men, haus­ei­ge­ne Talen­te von klein auf her­an­zu­züch­ten. Die Früch­te sind her­an­ge­reift und man füllt die höhe­re Aus­bil­dungs­stu­fe nicht mehr mit aus­wär­ti­gen Schü­lern. Ab die­sem Herbst sind 12 von 15 Schü­lern «eige­ne Kul­tur». Auch das Inter­nat wird ver­mehrt zum Gewächs­haus für «hei­mi­sche Sor­ten». Zur Ern­te­zeit fin­den 90 Pro­zent der Aus­ge­bil­de­ten Abneh­mer, Häu­ser wie das NDT2 in Den Haag, das Stutt­gar­ter Bal­lett – oder eben vor Ort Heinz Spoer­li. Dass sie bei so viel­sei­ti­gen Com­pa­nien ein­setz­bar sind ist der sti­lis­tisch auf­ge­schlos­se­nen Kul­ti­vie­rung zu ver­dan­ken: Fast täg­lich ste­hen auch Limon, Gra­ham oder zeit­ge­nös­si­scher Tanz auf dem Stundenplan.

Zum Auf­stieg derer mit Berufs­leh­re in die Liga der­je­ni­gen mit «eid­ge­nös­sisch aner­kann­tem Fähig­keits­zeug­nis» in die­sem Herbst gehört aller­dings auch noch etwas ande­res auf den Stun­den­plan. Näm­lich Fächer für die Berufs­ma­tur. Für die­ses Fina­le im Kampf um Aner­ken­nung muss sich die Lei­tung aber noch qua­li­fi­zie­ren. «Das kommt», sagt sie siegesbewusst.

Stef­fi Scher­zer gibt ihre Erfah­rung Schwei­zer Leh­rern wei­ter. Sie ist für die Leh­rer­bil­dung ver­ant­wort­lich, seit 2007 in Form eines Mas­ter­stu­di­en­gangs. «Sie sol­len nicht auf Prei­se hin­ar­bei­ten!», emp­fiehlt sie den Tanz­päd­ago­gen. «Wir haben in der Pro­fi­schu­le natür­lich mehr Zeit als die Pri­vat­schu­len und müs­sen ein­zel­ne Talen­te nicht auf Prei­se hin­pu­shen. Die sorg­fäl­ti­ge Waga­no­va-Metho­de, die hier ange­wen­det wird, lässt die Klei­nen vor­erst nicht viel bewe­gen. Folg­lich erzielt unse­re Aka­de­mie in der Kate­go­rie der Jün­ge­ren auch kei­ne Preise.»

Neben den Zer­ti­fi­ka­ten rund um die prak­ti­sche Aus­bil­dung spries­sen auch sol­che der aka­de­mi­schen. Die rela­tiv jun­ge Dis­zi­plin Tanz­kul­tur, ein Wei­ter­bil­dungs­stu­di­um in Teil­zeit an der Uni­ver­si­tät Bern, baut aus. Neben dem Diplom wird da ab 2010 auch ein Mas­ter ange­bo­ten. Die Thea­ter­wis­sen­schaft in Bern bie­tet ihren Mas­ter schon seit 2007 in Tanz an. Hof­fen wir, dass vor lau­ter aner­kann­ten Zer­ti­fi­ka­ten dem Land das Geld für die Orte der Pro­duk­ti­on nicht aus­ge­hen. Dem Bern-Bal­lett droh­te man im Mai mit der Auflösung…

Bild: Tanz Aka­de­mie Zürich Aram Has­ler in «Swarm» von Pablo Ven­tura, Fuss­spu­ren IV / Foto: Bet­ti­na Stöss
ensuite, Juni/Juli 2009