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«Die Pole­mik brauch­te ich, um zu überleben»

10Jahre(Inter­view: Wolf Röcken, 16. Febru­ar 2013, Ber­ner Zei­tung) 10 JAHRE KULTURMAGAZIN «ENSUITE» Für die einen ist er ein unter­schätz­ter Kul­tur­tä­ter. Für ande­re ein «Heft­li­ma­cher», mit dem man nicht zusam­men­ar­bei­ten kann. Im Inter­view spricht «Ensuite»-Macher Lukas Vogel­sang über die Lust zu pro­vo­zie­ren, sei­ne Bewer­bung beim Amt für Kul­tur, drü­cken­de Geld­sor­gen und über sei­ne Jubi­lä­ums­ak­ti­on mit Post an 500 Politiker.

Lukas Vogel­sang, das Kul­tur­ma­ga­zin «Ensuite» fei­ert das zehn­jäh­ri­ge Bestehen. War es ein Leben oder ein Überleben?
Lukas Vogel­sang: Kul­tu­rell gese­hen war es ein gross­ar­ti­ges Leben mit einer Rie­sen­ent­wick­lung. «Ensuite» ist stän­dig gewach­sen. Finan­zi­ell ist es nach wie vor ein Über­le­ben. Wir rech­ne­ten aber bei der Grün­dung­mit 2 Jah­ren, und jetzt haben wir 10.

Sie kri­ti­sie­ren mit Lei­den­schaft die Kul­tur­po­li­tik und gehö­ren kei­ner Sze­ne an. Was gefällt Ihnen an der Hofnarrenrolle?
Mhhh, ein Hof­narr bin ich eigent­lich nicht. Aber ich bin der Ein­zi­ge, der über gewis­se The­men schreibt oder sie an die Öffent­lich­keit bringt. Die­se Form von Kul­tur­be­richt­erstat­tung gibt es sonst nicht. Die Pole­mik brauch­te ich, um zu über­le­ben. In dem ich den Clown spiel­te, wur­de ich gehört. In die­ser Rol­le konn­te ich gewis­se Din­ge anspre­chen und ein Publi­kum generieren.

Die Clown­rol­le als Programm?
Abso­lut. Ich habe damit sogar Geld ver­dient. Es gab Leu­te, die mich unter­stütz­ten, weil ich die­se Rol­le spielte.

In Ihren Edi­to­ri­als schies­sen Sie ger­ne gegen Amts­trä­ger und die Ver­tei­lung von För­der­geld. Was läuft aus Ihrer Sicht alles schief?
Was machen die Behör­den? Sie schüt­ten Sub­ven­tio­nen an Insti­tu­tio­nen aus. Inhalt­li­che Dis­kus­sio­nen aber blei­ben kom­plett auf der Stre­cke. Behör­den ver­su­chen, Kul­tur zu fixie­ren. Aber das geht nicht, Kul­tur muss beweg­lich bleiben.

«Ensuite» erhielt nur 4 Jah­re lang Geld von der Stadt, jetzt nicht mehr. Des­halb der Frust?
Das ist ein alter Zopf. Das 10-Jahr-Jubi­lä­um ist, den­ke ich, ein guter Zeit­punkt, das hin­ter mir zu las­sen. Aber gene­rell: Kul­tur­för­de­rung ist ein Bauch­ent­scheid. Das pro­vo­zie­re ich auch, indem ich Gesu­che um Unter­stüt­zung ein­ge­be und schaue, was für Reak­tio­nen kom­men und wie die Begrün­dun­gen für Absa­gen ausfallen.

Ein Spiel?
Ja, an und für sich schon, obwohl es wirk­lich ernst ist. Grund­sätz­lich gehe ich davon aus, dass das, was wir von «Ensuite» machen, klar för­de­rungs­wür­dig ist – und wir bräuch­ten das Geld. Wir pro­du­zie­ren seit 10 Jah­ren eine Kul­tur­platt­form, und es arbei­ten vie­le Frei­wil­li­ge mit. Bei den Gesuchs­ab­sa­gen an «Ensuite» geht es um einen per­sön­li­chen Knatsch. Man will uns kein Geld geben, weil der Vogel­sang dabei ist. Es heisst, mit mir kön­ne man nicht zusammenarbeiten.

Kann man?
Ein Bei­spiel: Ein För­de­rungs­gre­mi­um lehn­te ein Gesuch von mir ab, weil man mit mir eben nicht zusam­men­ar­bei­ten kön­ne. Dann schau­te ich, wer in die­sem Gre­mi­um sass. Ich kann­te nie­man­den per­sön­lich. Aber alle waren in Gre­mi­en, mit denen «Ensuite» zusammenarbeitet.

«Ensuite»wird als One-Man-Show wahrgenommen.
Das ist es aber nicht, hin­ter «Ensuite» steckt ein Ver­ein. Aber wenn die Leu­te nur die Edi­to­ri­als lesen, die ich schrei­be, kann ich ihnen auch nicht hel­fen. Ich sehe mich mehr als Captain.

Mit För­der­gel­dern wären Sie etwas ein­ge­bun­den. Möch­ten Sie das?
Ich hät­te ger­ne einen Leis­tungs­ver­trag, dazu ste­he ich. Wir sind eine kul­tu­rel­le Insti­tu­ti­on. «Ensuite» kann den lau­fen­den Betrieb finan­zie­ren, aber wir haben 50 000 Fran­ken Inves­ti­ti­ons­schul­den, die schwer abzu­bau­en sind. Wenn ich För­der­geld erhal­ten wür­de, könn­te ich ruhi­ger schlafen.

Ver­mis­sen Sie eine Wert­schät­zung der Stadt? Hat sich jemand gemel­det zum Jubiläum?
Damit rech­ne ich nicht. Erst recht nicht von der Abtei­lung Kul­tu­rel­les in der aktu­el­len Zusam­men­set­zung. Es ist ja inter­es­sant: Stadt­prä­si­dent Alex­an­der Tsch­äppät kennt mich gar nicht. Er rede­te an einer Podi­ums­dis­kus­si­on über mich als den selbst ernann­ten Heft­li­ma­cher – und ich stand direkt hin­ter ihm.

Sie kri­ti­sie­ren die Behör­den und schrei­ben, wie es lau­fen soll­te. War­um bewer­ben Sie sich nicht sel­ber für ein sol­ches Amt?
Ich habe mich beim kan­to­na­len Amt für Kul­tur als Nach­fol­ger der stark kri­ti­sier­ten Bar­ba­ra den Brok als Lei­ter Kul­tur­för­de­rung deutsch beworben.

Und?
Ich erhielt eine Absa­ge. Die Begrün­dung: Ich sei zu wenig hier­ar­chie­kon­form. Bei der «Lini­en­füh­rung in einem hier­ar­chi­schen Set­ting» gebe es ande­re mit etwas mehr Erfahrung.

Das war wie­der ein Test von Ihnen.
Nein, das war ernst gemeint. Ich den­ke, ich hät­te viel Erfah­rung für die­se Stel­le. Als Kul­tur­be­ob­ach­ter habe ich viel Know-how. Ich bin neu­tral und bin nicht in einer Sze­ne verhängt.

Dann wol­len Sie mit «Ensuite» aufhören?
Ich ver­su­che, mei­nen Job in der Chef­re­dak­ti­on abzu­ge­ben. Ich habe mit dem Ver­lag und der Finan­zie­rung ein­fach zu viel zu tun. Die Fra­ge ist nur, ob jemand den Pos­ten über­neh­men kann.

Zum 10-Jahr-Jubi­lä­um machen Sie kein Fest, son­dern ver­schick­ten 500 Abos mit einem Begleit­brief an Gross­rä­te und Stadt­rä­te in Bern und Zürich. Was waren die Reaktionen?
Ich bin fast täg­lich über­rascht, was aus die­ser Akti­on alles ent­stand. Wir haben inner­halb weni­ger Wochen sechs neue Wer­be­kun­den­er­hal­ten. Es gibt Poli­ti­ker, die ande­ren Poli­ti­kern das Abo zah­len. Kurz:Wir fal­len ziem­lich auf.

Was hat «Ensuite» in den 10 Jah­ren bewegt?
Die Kul­tur­dis­kus­si­on war ein Stein, den wir sicher mit­ge­wor­fen haben. Die Poli­tik nimmt uns wahr, zumin­dest die Gre­mi­en, die mich betref­fen. Und: Bern hat mit «Ensuite» ein Kul­tur­ma­ga­zin, das mehr ist als eine Agenda.

Und trotz­dem­gibt es vie­le Stim­men, die sagen, was Sie anders machen sollten.
Als wir «Ensuite» grün­de­ten, kam der gröss­te Wider­stand aus der Sze­ne sel­ber. Jeder hat sei­ne Vor­stel­lung, wie Kul­tur prä­sen­tiert und wie über sei­ne Insti­tu­ti­on berich­tet wer­den soll. Das ist heu­te nicht anders.

Ins­ge­samt hat Bern aber eine rei­che Kulturszene.
Es gibt hier einen wahn­sin­nig gros­sen Pool von Leu­ten mit Pri­vat­enga­ge­ment, die etwas kre­ieren und machen. In Zürich gibt es das kaum, dort macht nie­mand was, wenn er kein Geld bekommt. Wir kön­nen und wol­len uns das in Bern leis­ten, das ist Lebens­qua­li­tät. Dazu soll­ten wir Sor­ge tragen.

Wie­wür­den Sie dasmachen?
Die Stadt braucht drin­gend eine Kul­tur­stra­te­gie. Unter Peter Betts (städ­ti­scher Kul­tur­se­kre­tär bis 2003 und oft Autor im«Ensuite»; Anmer­kung der­Red.) ging es noch um Inhal­te. In der Ära nach ihm ging es nur dar­um, wie Geld ver­teilt wird. Aktu­ell steckt die Stadt in einer lust­lo­sen drit­ten Ära, in der nur ver­wal­tet wird. Ohne Stra­te­gie wird es noch schlim­mer. Die Behör­den wis­sen gar nicht, was für
ein kul­tu­rel­les Inven­tar wir haben.

Wie mei­nen Sie das?
Neh­men wir die Dis­kus­sio­nen um «Tanz dich frei». Clubs erhal­ten kei­ne Sub­ven­tio­nen. Des­halb tau­chen sie auf dem Radar der Stadt nicht auf. Aber sie haben erheb­li­che Aus­wir­kun­gen auf das kul­tu­rel­le und gesell­schaft­li­che Leben der Stadt. Gehen Sie am Frei­tag­abend doch ein­mal durch die vol­len Gassen.

Wel­chen Wunsch haben Sie zum 10-Jahr-Jubi­lä­um von «Ensuite»?
Wenn die Schul­den gedeckt wären, könn­te ich auf­at­men. Ich habe bis­her pri­vat über 800 000 Fran­ken in den Ver­ein gesteckt. Ich bin damit einer der grös­se­ren Kul­tur­för­de­rer in Bern. Es ist schon sonderbar,wie die Stadt mit einem sol­chen Kul­tur­för­de­rer umspringt. Ich kann Hans­jörg Wyss gut nach­füh­len (lacht).