(Constantin Seibt) –

Es gibt zwei Zitate aus dem Film «Kinder des Olymp», die in jeder Redaktion hängen sollten.
Das erste sagt der Schauspieler Frédérick, als er noch als Pantomime arbeitet:
Wie, was – wieso soll ich Pantomime spielen, wenn ich doch ein Orchester in der Brust habe?
Das zweite Zitat äussert der Dandy und Verbrecher Lacenaire, nachdem er einen Grafen im türkischen Bad erstochen hat. Er wendet er sich an seinen Komplizen Avril und sagt:
Mein lieber Avril, das Spiel ist aus. Ich glaube, es ist besser, wenn du einige Zeit aus Paris verschwindest. Denn ich für meinen Teil kann es mir nicht leisten, mich in der Provinz hängen zu lassen.
Worauf er sich mit einem Lächeln der Polizei ausliefert.
Die Gesetze der Dramaturgie
Frédérick und Lacenaire haben Recht. Es gibt im Journalismus die Pflicht zur Grösse. Das schon aus drei dramaturgischen Überlegungen:
- Fleiss allein macht in einer Aufmerksamkeitsbranche keinen Sinn. Niemand honoriert die Anzahl der Artikel. Nicht die Leser, nicht die Redaktion. Im schlechtesten Fall wird man zum zuverlässigen Lieferant für Füllstoff. Und kriegt weitere Füllstoff-Aufträge. Im Kampf um Aufmerksamkeit zählt nur, dass Ihnen von Zeit zu Zeit ein Wurf gelingt. So wie das arabische Sprichwort sagt: «Gott achtet mich, wenn ich arbeite. Aber Gott liebt mich, wenn ich singe.»
- Die Wucht eines Artikels hängt nicht zuletzt an der Wucht des Themas. So wie auch das Renommee des Autors. Um gross zu werden, sollte man über grosse Dinge schreiben. Die wirklich grossen Themen erkennt man an einem einfachen Merkmal: Dass man sie nicht begreift. Jedenfalls nicht ganz. Nur Anfänger schreiben über Dinge, die sie verstehen. Themen wie die rollende Finanzkrise, die Digitalisierung der Welt, die Machtverschiebungen in der globalisierten Wirtschaft sind nicht deshalb fruchtbare Themen, weil sie objektiv wichtig sind, sondern weil sie immer neue Unklarheiten hervorbringen.
- Man sollte sich grosse Gegner wählen. Nicht nur, weil die Aufgabe der Presse die Kritik der Macht ist. Sondern schon aus dramaturgischen Gründen. «Je gelungener der Schurke, desto besser der Film», sagte bereits Hitchcock. Und tatsächlich sind Autoren, die auf kleine Leute losgehen, kleine Autoren. Nicht wegen der Moral, sondern wegen der Dramaturgie. Es gibt keinen eleganten Weg, auf Sozialhilfebezüger oder Asylanten loszugehen. Den Fusstritt nach unten kann sich kein Gentleman leisten. Den Uppercut gegen oben schon. (Jeder Journalist, der auch nur einen Funken Dandytum in sich hat, schreibt im Zweifel links.)
Falls Ihnen also Ihre Karriere lieb ist, setzen Sie auf grosse Artikel, grosse Themen, grosse Gegner. Und vermeiden Sie kleine.
Schreiben Sie nie Kleinliches über Kleinigkeiten
Auf Redaktionen tobt ein ewiger Kampf: Was tun, um Lesernähe zu erreichen? Eine Standard-Methode, sich diesen zu nähern, sind die Ärgernisse des Alltags. Soll man mitschimpfen? Also Artikel dazu veröffentlichen, dass Hunde ein bösartiges Wesen haben, Kinderwägen die Trams verstopfen, Raucher stinken, Handys nerven, Jogger scheussliche Anzüge tragen, Mütter Kleinkinder verhätscheln, Balkongrillen wie eine Rauchbombe für die Nachbarn ist, etc.?
Das starke Argument für solche Artikel ist, dass sie gelesen werden. Und Fluten von Kommentaren erzeugen. Das nennt die Redaktion dann: Eine Debatte auslösen.
Meine Empfehlung ist hingegen: Nein. Tun Sie so etwas nie.
Zwar zünden diese Themen wie ein Strohfeuer. Doch im Kern beruhen sie fast alle auf einer Niedrigkeit – meist gegen eine Gruppe. Diese Niedrigkeit pflanzt sich dann zuverlässig in der Debatte fort: Es wird hin und her beleidigt. Die Kommentarspalte füllt sich dann mit einer Kette von kleinen Geschwüren. (Thanx, Mike Müller!)
Aber ist Weglassen nicht Zensur? Von sich selbst und den Lesern? Klar, die Schimpfereien gehören zum Alltag. Doch sie gehören zu den traurigsten Momenten darin. Verflucht, wer sie wichtig nimmt: Das sind verbitterte Menschen.
Die einzige Art, diese Themen zu behandeln, ist die des Lords oder der Lady: Man hebt kurz die Augenbraue. Und wendet sich wieder wichtigeren Themen zu, etwa dem Wetter.
Das Kleingedruckte im Vertrag
Die eigentliche Verpflichtung zu Grösse, ja Grosszügigkeit liegt aber schon im Medium, das Sie gewählt haben: dem Schreiben. Schreiben ist nicht Leben. Es ist die überarbeitete, weniger langweilige, weniger verwirrte Variante davon.
Was immer in Ihrer Bibliothek steht, fast alles hat einen schärferen Blick und ein weiteres Herz als der Alltag. Das ist der Sinn des Buchs: der Filter. Die Möglichkeit, Dinge sehr genau zu sagen. Und deshalb mehr zu riskieren, als man im Leben riskieren würde: mehr Klarheit, mehr Frechheit, mehr Gefühl, mehr Logik, mehr Freundlichkeit. Jedes gelungene Buch ist ein kleines Wunderwerk aus Kontrolle und Kühnheit.
Dasselbe gilt auch – ein wenig abgeschwächt – für den Journalismus. Mit der Wahl des Mediums Schrift hat man sich quasi im Kleingedruckten zur Grösse verpflichtet: zur Weite des Horizonts und des Kopfes. Wer dieses Kleingedruckte nicht einhält, wird vertragsbrüchig.
Als Strafe auf den Bruch dieses Vertrags steht automatisch der Tod: zwar nicht der des Autors, aber seines Artikels.
Grösse in der Praxis
Zugegeben, das vorher war etwas viel Pathos. In der Praxis ist Grösse nichts besonders Aufregendes, sondern gehört zum Handwerk. Wie der Büroangestellte den Anzug, legt man sich als Journalist vor der Arbeit etwas Grösse an. Das fühlt sich so spektakulär an wie eine Krawatte. Einerseits ist diese ein professioneller Schutzschild. Andererseits würgt sie einen ein wenig.
Im Grund genügt ein Set von Faustregeln:
- Man sollte bei den grossen Themen seiner Zeit dabei sein. Wenn man schon Journalismus macht, dann nicht in der Provinz.
- Die grossen Storys finden sich dort, wo man etwas nicht versteht. Das ist fast immer der Kern der Sache.
- Das gilt besonders für Dinge, wo alle so tun, als würden sie sie verstehen. Wenn du etwas nicht verstehst, bist du selten allein.
- Suche routinemässig, bevor du schreibst, das Weite. Recherchiere die Vorgeschichte (bei fast jedem Artikel), die Gegenargumente (bei Analysen), die Umstände (bei Portraits), die Alternativen (bei Handlungen), die Haken (bei Einfachem), die Formel (bei Komplexem).
- Lass dich nicht in einem Fachgebiet einsperren: also in Politik, Wirtschaft, Kultur oder Lokales. Die kompletten Storys finden sich oft im Niemandsland zwischen den Ressortgrenzen. «Die Folgen liest man im Politischen, die Verbrechen im Wirtschaftsteil», schrieb etwa Otto Jägersberg.
- Im Zweifelsfall sieh eine Nachricht, eine Person, ein Buch immer als Symptom: als Teil von etwas Grösserem. Schreib nicht nur über einen Manager, sondern über die ganze Kaste, rezensiere kein Buch, sondern die Zeit, schreib keine Nachricht, sondern die neueste Variante eines uralten Dramas.
- Bist du fertig mit der Recherche, frag dich ehrlich, was dich an der Sache interessiert. Und schreib das. Und alles andere nicht.
- Verschwende dein Thema nicht, wenn es gut ist. Sei widerlich, nerv alle Kollegen und verlange so viel Platz wie möglich.
- Bei Nebenbemerkungen oder Nebensachen fahre nie das ganze Arsenal auf. Es ist Small Talk, also schreib es wie Small Talk: verspielt oder gelassen. Keinesfalls ernst oder empört.
- Gedanken, die fast alle teilen, sind es nicht wert, aufgeschrieben zu werden. Nur Holzfäller hauen in tiefe Kerben.
- Greife keine kleinen Leute an.
- Stelle niemand ausschliesslich als Opfer dar. Nicht ohne Grund beleidigen heutige Jugendliche einander mit: «Du Opfer.»
- Greife – wenn schon – grosse Leute an. Aber nicht ihre Wade. Kritisiere sie nicht wegen Kleinkram, sondern wegen des Zentrums ihrer Tätigkeit: also Politiker wegen ihrer Politik, Manager wegen ihrer Entscheide, Schriftsteller wegen ihres Stils.
- Gegner muss man mögen wie sein Spiegelbild. Sonst findet man nie ihre Schwachpunkte heraus.
- Beschreibe nie jemanden ohne seine Umgebung. Ein Mensch ist nicht einmal nackt ohne Herkunft, Milieu, Vorurteile und Vergangenheit.
- Mach nur selten Prognosen. «Ich begreife nicht, wie sich zwei Propheten auf der Strasse begegnen können, ohne sogleich in lautes Gelächter auszubrechen», schrieb Lichtenberg.
- Sei im Zweifel grosszügig.
Kein Wunder, scheitert man bei dieser Menge an Regeln immer wieder. Doch das tut nichts zur Sache. Denn Scheitern bedeutet nur, dass ein Text widerstandslos in der täglichen Flut versinkt. Das Schöne an diesem Beruf ist: Nur die gelungenen Sachen bleiben im Gedächtnis. Zwar auch nur zwei oder drei Tage, aber hey!
Professionelle Grösse ist übrigens nichts Stabiles. Sie ist alles Mögliche – ein Businessanzug, eine Haltung, ein Prozess – nur eines ist sie nie: ein Zustand.
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Dieser Beitag wurde automatisch per RSS auf unsere Webseite gestellt. Der Originaltext ist über den Tagesanzeiger, dem Blog von Constantin Seibt – http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline – zu finden.






