Die ech­te Freakshow

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Von Patrik Etsch­may­er – Es gibt gewis­se Nicht-The­men, die ich mit Ver­gnü­gen aus­las­se. Royals sind ein sol­cher Fall. So gelang es in unse­rem Haus­halt, ein gan­zes Wochen­en­de ohne ein Life-Bild die­ser Post-Feu­da­len Hoch­zeit eines Resul­ta­tes jahr­hun­der­te­lan­ger Inzucht und einer Seri­en­schau­spie­le­rin zu verbringen.

Auch im Vor­feld war dem Autor die Sache ziem­lich Wurst.

Schon nach dem Unfall von Dia­na vor gefühl­ten Jahr­hun­der­ten war für mich das ein­zig Inter­es­san­te, dass der ein­zi­ge Über­le­ben­de der Leib­wäch­ter war, der sich ange­gur­tet hat­te. Den ande­ren hat­te man schein­bar nicht bei­gebracht, war­um es heisst: Ein­stei­gen – Anschnal­len – Los­fah­ren. Das wis­sen sogar mei­ne Kinder.

Die gröss­te Erkennt­nis aus dem dama­li­gen Trul­laa um die ‹Köni­gin der Her­zen› (und aller Blu­men­händ­ler) war für mich, dass Pro­mi­nen­te mit­un­ter sehr dum­me Din­ge machen und deren Bewun­de­rer sich einen Dreck um die Rea­li­tät (man über­lebt einen Unfall mit über 100 unan­ge­schnallt ein­fach nicht) sche­ren, son­dern lie­ber hirn­lo­se Ver­schwö­rungs­theo­rien spin­nen, die von noch blö­de­ren Jour­na­lis­ten jah­re­lang ver­wurs­tet werden.

OK. Nun wie­der eine ‹Traum­hoch­zeit› und im Vor­feld nahm ich eigent­lich nur ein­mal bewusst Notiz von die­ser, als ein Arti­kel über die Wut weis­ser eng­li­scher Nazis geschrie­ben wur­de, dar­über, dass die Braut kei­ne Weis­se sei.

Von bür­ger­lich, ame­ri­ka­nisch und geschie­den (der Grund, war­um Eliza­beth II ja über­haupt auf dem Thron sitzt) war dabei nicht die Rede.

Aha.

Das war also das The­ma: der Vater der Braut ist zwar weiss, die Mut­ter der Braut aber Afro-Ame­ri­ka­ne­rin! Oh. Die Braut ist also nur halb-weiss? Wow. Neinsowasaberauch!

Und die Nazis kack­ten fast in ihre Hosen, als sie erfuh­ren, dass die kon­ti­nu­ier­li­che Inzucht nicht mehr gewähr­leis­tet wäre, die bis vor weni­gen Jahr­zehn­ten die Grund­vor­aus­set­zung war, um dem roya­len Club anzugehören.

Die Sache mit dem Ras­sis­mus ist aber die, dass er in vie­len Geschmacks­rich­tun­gen kommt. Dazu braucht es nicht unbe­dingt grö­len­de White Supre­macists. Das gibt es auch kul­ti­vier­ter. Wie in der Bericht­erstat­tung des ZDF, wo mit vie­len Andeu­tun­gen und merk­wür­di­gen Attri­bu­ten die Her­kunft der Braut als Dau­er­the­ma beackert wurde.

«Exo­ti­sche Wur­zeln» und «afro­ame­ri­ka­ni­scher Esprit» wur­den da schein­bar eben­so bemüht wie «Exo­tik» und dass die Queen da «ein Auge zudrü­cke». In einem Zusam­men­schnitt der Kom­men­tar-Tief­punk­te durch ‹Über­me­di­en› auf You­Tube lässt sich die­ses unter­ir­di­sche Geschwa­fel im Kon­zen­trat… genies­sen? Nein, defi­ni­tiv nicht. Nach einer knap­pen hal­ben Minu­te der 120 Sekun­den kon­zen­trier­ter Blöd­heit schüt­telt es einen bereits vor Grauen.

Beson­ders, als einer der ‹Royals-Exper­ten› (ist das ein Beruf? Gibt’s da einen Bache­lor? Wel­che Uni bie­tet das Stu­di­um an?) Namens Nor­bert Leh­mann irgend­je­man­den zitier­te (das macht, wer die eige­ne Mei­nung kund­tun will, ohne zu ihr ste­hen zu müs­sen), der vor der Hoch­zeit gesagt haben sol­le: „Eine sol­che Frau hat man sich frü­her als Mätres­se gehal­ten“, dürf­te es so man­chem Zuschau­er die Spra­che ver­schla­gen haben.

Gleich danach hiess es dazu, dass die Braut vom Mar­ke­ting her geni­al sei. Denn hey, neue Käu­fer­schich­ten und so. Sobald der ers­te Roy­al Rap raus kommt, wis­sen wir, was geht.

Kurz zusam­men­ge­fasst, Frau Mark­le wur­de als erfri­schend-exo­ti­scher, ver­kaufs­för­dern­der Freak iden­ti­fi­ziert, die sich vor allem dadurch aus­zeich­net, dass sie Koh­le bringt, mit einem Prin­zen offi­zi­ell koha­bi­tie­ren darf und nicht mor­gens um zwei mit der Kut­sche den Palast Rich­tung Whitecha­pel ver­las­sen muss.

Dass Mil­lio­nen Zuschau­er ent­zückt bei der völ­lig absur­den Hoch­zeits­fei­er einer Deut­schen Adels­fa­mi­lie (Sach­sen-Coburg und Gotha, rebran­ded zu Wind­sor, weil ers­ter Welt­krieg und so) dabei waren, wel­che die eng­li­sche Kro­ne als über tau­send­jäh­ri­ges Erbe eines nor­man­ni­schen Erobe­rers betrach­tet und ihren enor­men Reich­tum über eben die­se tau­send Jah­re mit dem Blut und der Arbeit der dama­li­gen Unter­ta­nen und irgend­wann auch durch Skla­ven­han­del ange­häuft hat, ist wesent­lich bemer­kens­wer­ter als die Her­kunft der Braut. Denn die Freaks sind defi­ni­tiv die Royals.

Wer sich ein­mal ange­schaut hat, wer wann und wie König gewor­den ist, wird unschwer erken­nen, dass sich Königs­häu­ser vor allem dadurch aus­zeich­nen, dass Mör­der, Irre und Intri­gan­ten in ihrem Stamm­baum dich­ter gepackt sind, als Kai­ser­pin­gui­ne in einer ant­ark­ti­schen Brutkolonie.

Da beru­higt es fast schon zu erfah­ren, dass laut Umfra­gen die Hälf­te der Bri­ten sich nicht um die­ses Fest küm­mer­ten und etwas nörd­li­cher auf der Insel eine sehr dif­fe­ren­zier­te Ansicht zum The­ma sehr pla­ka­tiv zum Aus­druck gebracht wur­de. Näm­lich von den Fans von Cel­tic Glas­gow, die 32000-stim­mig ‹You can sho­ve yer roy­al wed­ding up yer arse› zur Melo­die eines bekann­ten Kin­der­lie­des anstimm­ten und somit einen der wert­volls­ten kul­tu­rel­len Bei­trä­ge zu die­sem Anlass gelie­fert haben. In die­sem Sin­ne: Up yours, you roy­al Freaks!



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