Bild: Simone Lappert, Wurfschatten, Berlin 2014 / Pressebild zVg.

Die Angst als Lebensinhalt

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Simo­ne Lap­pert legt mit «Wurf­schat­ten» ihr Roman­de­büt vor. Die 1985 gebo­re­ne Aar­gaue­rin führt den Leser in den Angst-Mikro­kos­mos einer jun­gen Frau ein. Die­se berei­tet sich mit Fried­hofs­be­su­chen auf ihren bal­di­gen Tod vor, und fin­det dann aber trotz­dem noch zur Liebe.

Eine ein­ge­bil­de­te Kran­ke der ande­ren Art: Ada ist 25 Jah­re alt, sie ist erfolg­lo­se Schau­spie­le­rin und fürch­tet sich vor Krank­heit und Tod. Sie spielt in einem Unter­hal­tungs­thea­ter eine Lei­che. Ansons­ten bemit­lei­det sie sich vor­sorg­lich selbst und befasst sich mit ihrer Para­noia. Um damit bes­ser umge­hen zu kön­nen, hat sich Ada in ihrem haus­ei­ge­nen The­ra­pie­zim­mer eine «Angst­ta­pe­te» ein­ge­rich­tet. Die­se besteht aus akri­bisch gesam­mel­ten Zei­tungs­aus­schnit­ten, nach Angst­ur­sa­che «alpha­be­tisch geord­net von Atten­tat bis Zys­te.» Sie geht auch auf den Fried­hof, berei­tet sich damit auf ihren ver­mu­tet bal­di­gen Tod vor, sucht für sich ein Grab und sieht sich Sär­ge aus Fich­ten­holz an.

Als Ada ihre Mie­te nicht mehr bezah­len kann, wird der Enkel des Haus­be­sit­zers in ihrer Woh­nung ein­quar­tiert. Und der neue Mit­be­woh­ner Juri ist nicht nur attrak­tiv, son­dern auch erstaun­lich tole­rant. Ada zeigt sich jedoch zunächst resis­tent gegen das, was nun kom­men muss: Lie­be ist in ihren Augen etwas für «Leu­te, die nicht allein sein kön­nen.» Juri erträgt zu Beginn sto­isch Adas Ver­su­che, ihn wie­der hin­aus­zu­ekeln (Haa­re im Aus­guss, Kühl­schrank­fach leer essen, Boden ver­schmut­zen, Küche ver­qual­men, Affä­ren ver­grau­len). Und ganz plötz­lich mau­sert er sich aus der Per­spek­ti­ve der Prot­ago­nis­tin doch noch zu einem pas­sa­blen Mann. Er zeigt Anteil­nah­me und Ver­ständ­nis für Adas Angst­at­ta­cken, beglei­tet sie ins Kran­ken­haus, und wird zu ihrem Ver­bün­de­ten bei nächt­li­chen Taxi­fahr­ten im Pyjama.

In ihrem ers­ten Roman bie­tet Simo­ne Lap­pert ein Stak­ka­to aben­teu­er­li­cher Ver­bal­gym­nas­tik. Zum Bei­spiel, wenn Juri die «ver­gan­ge­nen Stun­den in sei­ne Hosen­ta­sche steckt» und mit sei­nem «Anwe­sen­heits­vi­rus» stört. Oder wenn Maria, die alte Nach­ba­rin, das «i» bis über die Schmerz­gren­ze dehnt und es mit bei­den Hän­den über die ver­beul­te Metall­plat­te ver­teilt. Gleich­zei­tig gibt es jedoch Pas­sa­gen, in denen die Absol­ven­tin des Bie­ler Lite­ra­tur­in­sti­tuts mit bild­haf­ter Spra­che Stim­mun­gen spü­ren lässt. Wenn Ada sich nach dem ver­patz­ten Vor­stel­lungs­ter­min fühlt, als ob sie eine Gar­ten­sche­re im Bauch hät­te. Oder wenn sie, ein­mal mehr unzu­frie­den mit der Welt und mit sich selbst, «sieb­zehn Ziga­ret­ten lang» in ihrem Zim­mer sitzt und ihren Fischen im Aqua­ri­um zusieht.

Der im Roman beschrie­be­ne Hori­zont ist rela­tiv eng gefasst, und die hypo­chon­dri­sche Prot­ago­nis­tin zerrt an den Ner­ven der Leser. Lässt Simo­ne Lap­perts Mikro­kos­mos-Roman den­noch Raum für zeit­dia­gnos­ti­sche Ein­bli­cke? Mit der Glo­ba­li­sie­rung und mit der Beschleu­ni­gung des Lebens häu­fen sich die Mög­lich­kei­ten und ver­schwin­den die Sicher­hei­ten. Die Unver­bind­lich­keit zwi­schen­mensch­li­cher Bezie­hun­gen, die Unsi­cher­heit im Beruf, all das kann Ängs­te kre­ieren und das Bedürf­nis nach Sicher­heit grös­ser wer­den las­sen. Bei Ada ist die­se Angst ein auf die Spit­ze getrie­be­ner Dau­er­zu­stand: ihre Ver­lust­angst bezieht sich immer dar­auf, das Leben ver­lie­ren zu kön­nen. Und doch bie­tet sie als ori­en­tie­rungs­lo­se Mitt­zwan­zi­ge­rin auf der Suche nach ihrem Platz in Leben und Gesell­schaft eine Spur von Identifikationspotential.

Wie bei Moliè­res ein­ge­bil­de­tem Kran­ken Argan wird also Adas Hypo­chon­drie zum Lebens­in­halt. Anders als bei Moliè­re ist jedoch die­se in Angst vor dem Tod ver­kehr­te Lebens­angst nicht lus­tig. Argans Beses­sen­heit lässt Raum für Iro­nie, Ada ist in ihrer ich­be­zo­ge­nen Patho­lo­gi­sie­rung des Lebens alles ande­re als eine Sym­pa­thie­trä­ge­rin. Freund­schaf­ten zer­bre­chen oder kom­men nicht zu Stan­de, da Ada nicht im Stan­de ist, sich mit etwas ande­rem als mit sich selbst zu beschäf­ti­gen. Und wäh­rend sie sich krank fühlt, zieht das Leben an ihr vorbei.

Dass sie mit ihrem neu­en «Mit­ein­an­der­woh­ner» Juri dann doch noch zur Lie­be fin­det, ist gleich­zei­tig vor­her­seh­bar und unglaub­wür­dig. Zu schnell wan­delt sich Adas Befind­lich­keit, was ihren uner­wünsch­ten neu­en Mit­be­woh­ner betrifft, zu radi­kal ist der Wan­del von der Mis­an­thro­pin zur Lie­ben­den. Trotz­dem ist man am Schluss dank Hap­py End froh, dass Ada ihre pro­phy­lak­ti­sche Sarg­su­che vor­erst auf­ge­ben kann.

Simo­ne Lap­pert, Wurf­schat­ten, Roman. Wal­de & Graf bei Metro­lit, Ber­lin 2014. 206 S.


Publi­ziert: ensuite Aus­ga­be Nr. 141, Sep­tem­ber 2014



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