Die 16. Aus­ga­be des NIFFF

Von

|

Drucken

Mit der 16. Aus­ga­be des Fes­ti­vals für den Fan­tas­ti­schen Film in Neu­en­burg (NIFFF 2016, 1. – 9. Juli) hat sich die Orga­ni­sa­ti­on nicht nur den lan­ge geheg­ten Wunsch erfüllt, die Gen­re-Iko­ne John Car­pen­ter als gela­de­nen Gast prä­sen­tie­ren zu kön­nen, son­dern auch das Ver­spre­chen ein­ge­löst, dass die Qua­li­tät der aus­ge­wähl­ten Wer­ke einem hohen Stan­dard genügt, obschon es nur weni­ge davon in das regu­lä­re Kino­pro­gramm schaf­fen werden.

Die Aus­wahl der Fil­me für die dies­jäh­ri­ge Aus­ga­be, so hat­te die künst­le­ri­sche Lei­te­rin Anaïs Eme­ry im Vor­feld des Fes­ti­vals betont, sei beson­ders schwie­rig gefal­len auf Grund der Viel­zahl von sorg­fäl­ti­gen Pro­duk­tio­nen, inno­va­ti­ven Erzähl­for­men und Inhal­ten im aktu­el­len unab­hän­gi­gen Gen­re-Kino. Das hat sich auf das Pro­gramm sicht­bar aus­ge­wirkt, und es blei­ben unzäh­li­ge Ein­drü­cke und Erin­ne­run­gen eines reich­hal­ti­gen Fes­ti­vals, das mit run­den 37’000 Besu­chen­den der Vor­stel­lun­gen den letzt­jäh­ri­gen Rekord-Zuspruch bestä­tigt hat. Als neue Sek­ti­on, neben dem inter­na­tio­na­len Wett­be­werb, den Kurz­film-Pro­gram­men, «New Cine­ma from Asia», den «Films of the Third Kind» und «Ultra Movies», wur­de mit «Ama­zing Switz­er­land» ein Gefäss für das ein­hei­mi­sche Schaf­fen im Gen­re-Bereich ein­ge­führt. Zudem wur­de unter dem Titel «El Dora­do» ein Pan­ora­ma des latein­ame­ri­ka­ni­schen Gen­re-Films prä­sen­tiert, mit einem aktu­el­len und einem geschicht­li­chen Teil, aus­ge­wählt von Adrián Gar­cia Boglia­no, Regis­seur aus Spa­ni­en, der vor allem in Mexi­ko und Argen­ti­ni­en arbei­tet, bis­her selbst am NIFFF 2013 mit «Here comes the Devil», 2014 mit «Late Pha­ses», und 2015 mit «Scher­zo Dia­bo­li­co» ver­tre­ten. Für die­je­ni­gen, die am längst aus­ver­kauf­ten Anlass teil­neh­men durf­ten, wird auch das exklu­si­ve Kon­zert von John Car­pen­ter unver­gess­lich blei­ben, der mit einer Band nicht nur Musik aus sei­nen Fil­men, auch Stü­cke sei­ner «Lost Sound­tracks» live auf die Büh­ne brach­te. Der Ehren­gast wur­de über­dies mit einer umfas­sen­den Retro­spek­ti­ve aus 18 sei­ner Fil­me geehrt, von «Dark Star» (1974) und «Assault on Pre­cinct 13» (1976) über «Hal­lo­ween» (1978), «Escape from New York» (1981) und «The Thing» (1982) bis hin zu «The Ward» (2010).

In einem star­ken inter­na­tio­na­len Wett­be­werb gewann den Preis H.R. Giger «Nar­cis­se» für den bes­ten Film der in Lon­don leben­de Ira­ner Babak Anva­ri mit sei­nem ers­ten lan­gen Spiel­film «Under the Shadow», einem mit mini­ma­len Mit­teln, dafür mit gros­sem Gespür für Zwi­schen­tö­ne und Timing gestal­te­ten Kam­mer­spiel, ange­sie­delt in Tehe­ran 1988, wäh­rend dem Iran-Irak-Krieg. Nahe­zu die gan­ze Geschich­te spielt sich in der Woh­nung einer jun­gen Frau und ihrer Toch­ter, und im zum Haus gehö­ren­den Luft­schutz­kel­ler ab. Sub­til zeigt Anva­ri das Abglei­ten der voll­kom­men ratio­nal den­ken­den Frau, der das Arzt-Stu­di­um auf­grund von poli­ti­schen Akti­vi­tä­ten wäh­rend der Revo­lu­ti­on ver­wehrt bleibt, und deren Mann, ein Arzt, zum Front­dienst ein­be­ru­fen wor­den ist, in den durch die stän­di­ge, rea­le Angst genähr­ten Aber­glau­ben, wie ein Nach­bar ver­mu­tet befän­de sich ein Djinn, ein bös­wil­li­ger Geist im Haus, der von den See­len der Men­schen Besitz nimmt und sie in den Wahn­sinn treibt. – Den sil­ber­nen Méliès für den bes­ten euro­päi­schen fan­tas­ti­schen Film erhielt der Däne Chris­ti­an Taf­drup für «Par­ents», für ein­mal das Gegen­teil einer Coming of Age-Sto­ry: Als ihr Sohn aus­zieht, löst dies bei den Eltern eine Sinn­kri­se aus, der sie begeg­nen, indem sie in die Woh­nung zurück­keh­ren, die sie wäh­rend ihrer Stu­di­en­zeit bewohnt hat­ten. Dass sie über Nacht tat­säch­lich dreis­sig Jah­re jün­ger wer­den, nimmt der Regis­seur zum Anlass, Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart in ver­schie­de­ne Rea­li­täts­ebe­nen zu ver­set­zen, eine sur­re­al ange­hauch­te Refle­xi­on zu Fami­lie, Iden­ti­tät und Alter anzu­stel­len, gewürzt mit dem typisch nor­di­schen, tro­cke­nen Humor vol­ler Melan­cho­lie. – Gleich drei Prei­se, den­je­ni­gen der inter­na­tio­na­len Film­kri­tik, «Ima­ging the Future» für das bes­te Pro­duk­ti­ons­de­sign und den Publi­kums­preis, konn­te der Über­ra­schungs­er­folg am dies­jäh­ri­gen Sun­dance-Film­fes­ti­val «Swiss Army Man» des Regie- und Autoren-Gespanns Dani­el Schein­ert und Dan Kwan aus den USA, kurz Dani­els genannt ent­ge­gen­neh­men. Als hät­te ihnen Char­lie Kauf­man über die Schul­ter geschaut, ent­wer­fen sie die wohl absur­des­te Geschich­te, die die­ses Jahr über die Lein­wand flim­mern dürf­te, mit Paul Dano als des Lebens müder, auf einer Insel Gestran­de­ter, und Dani­el Rad­clif­fe als ange­schwemm­te Lei­che, deren Nütz­lich­keit die Lebens­geis­ter im kurz vor dem Selbst­mord ste­hen­den Robin­son wie­der zu wecken ver­mag. Dass der Tote näm­lich unter Blä­hun­gen lei­det, Erek­tio­nen hat und spre­chen kann, eröff­net dem unfrei­wil­li­gen Insel­be­woh­ner ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten, ihn auf freund­schaft­li­che Art zu viel­sei­ti­gem Gebrauch zu ver­wen­den, wie ein Sack­mes­ser eben, zum Über­le­ben, gar zur Flucht von der Insel ver­hel­fend. Mit ange­sichts der Vor­ga­ben über­ra­schend fein­sin­ni­gem Humor, unge­zü­gel­ter Phan­ta­sie, und einer gehö­ri­gen Por­ti­on Poe­sie schafft das sicht­lich gut gelaun­te Team eine mit beschei­de­nen Mit­teln in fünf Wochen in natür­li­cher Umge­bung gedreh­te, skur­ri­le Per­le die­ses Film­jah­res. – Der Preis der Jugend­ju­ry des Gym­na­si­ums Denis-De-Rouge­mont ging die­ses Jahr an den Eng­län­der Chris­to­pher Smith und sei­nen in den Staa­ten gedreh­ten, ele­gan­ten Neo-Noir Thril­ler «Detour». Der Regis­seur und Autor, bis­her in den ver­schie­dens­ten Spar­ten aktiv, am NIFFF 2006 mit der Gore-Sati­re «Sever­ance» ver­tre­ten, 2010 für sein mit­tel­al­ter­li­ches Beu­len­pest-Dra­ma «Black Death» mit dem Publi­kums­preis bedacht, hat hier ein moder­nes Road Movie geschaf­fen, des­sen Dreh­buch von Jim Thomp­son stam­men könn­te, das Spiel mit den Kon­ven­tio­nen gekonnt mit über­ra­schen­den Wen­dun­gen durch­bre­chend, den spar­sam ein­ge­setz­ten Split-Screen auf inno­va­ti­ve Art in die Erzäh­lung ein­bin­dend. – Zum bes­ten Film aus Asi­en schliess­lich wur­de der düs­te­re Thril­ler aus den Phil­ip­pi­nen «Honor Thy Father» von Erik Mat­ti gekürt. Als ein Patri­arch stirbt, fliegt des­sen mil­lio­nen­schwe­rer Finanz-Scam auf, der den Zorn der gan­zen Dorf­be­woh­ner­schaft, die dabei ihr Erspar­tes ver­lo­ren hat, auf sei­nen unschul­di­gen Schwie­ger­sohn zieht, des­sen Fami­lie eben­falls in den Bank­rott und an den Rand des Abgrunds gedrängt wird. In die span­nen­de Thril­ler-Hand­lung mischt sich unüber­seh­bar die beis­sen­de Kri­tik an der Rol­le, wel­che die Reli­gi­on in den Phil­ip­pi­nen spielt.

Nach­dem sein US-Debut «Sto­ker» 2013 das Fes­ti­val eröff­net hat­te, steu­er­te Chan-wook Park mit dem wie­der in der Hei­mat Süd­ko­rea pro­du­zier­ten «The Hand­mai­den» den dies­jäh­ri­gen Abschluss-Film bei. Die Adap­ti­on des Romans «Fin­gers­mith» von Sarah Waters (2002) trans­por­tiert die Hand­lung vom vik­to­ria­ni­schen Eng­land in die 30er-Jah­re nach Süd­ko­rea. Die Geschich­te um ein Intri­gen­spiel, das Zugriff auf das Ver­mö­gen einer rei­chen Erbin ver­schaf­fen soll, schul­det wie­der­um viel dem Kino eines Alfred Hitch­cock, und spielt in Bezug auf die Ästhe­tik in einer Liga für sich. – Her­aus­ra­gend auch der Ani­ma­ti­ons­film «Seo­ul Sta­ti­on» von Lands­mann Sang-ho Yeon aus dem asia­ti­schen Wett­be­werb. Die Geschich­te um einen Vater, der in den Wir­ren einer aus­bre­chen­den Epi­de­mie nach sei­ner Toch­ter sucht, trans­por­tiert eine unmiss­ver­ständ­li­che poli­ti­sche Bot­schaft. – Die Gren­zen zwi­schen Gut und Böse ver­wischt der für das Kino Indi­ens sehr unty­pi­sche, düs­te­re Thril­ler «Psycho Raman» von Anurag Kas­hyap. Ohne Auf­lo­cke­rung durch Gesangs­ein­la­gen und beglei­ten­de Tän­ze wird ein psy­cho­pa­thi­scher Seri­en­mör­der einem kok­sen­den, kor­rup­ten Kom­mis­sar gegen­über­ge­stellt. – Gleich zwei Psy­cho­pa­then mit Sni­per-Geweh­ren trei­ben im Grenz­ge­biet von Mexi­ko und den Ver­ei­nig­ten Staa­ten ihr Unwe­sen. In «Desier­to» des Mexi­ka­ners Jonás Cuarón, Sohn von Alfon­so Cuarón und Mit­au­tor von des­sen Oscar-gekrön­tem «Gra­vi­ty» (2013), ist es ein texa­ni­scher Red­neck, der mit sei­nem furcht­ein­flös­sen­den Hund «Tra­cker» erbar­mungs­los Jagd auf ille­ga­le Immi­gran­ten aus Latein­ame­ri­ka macht, wobei ihm die Grup­pe um Gael Gar­cía Ber­nal ins Ziel­fern­rohr gerät. «Wel­co­me to the Land of the Free», mur­melt er, bevor er zum ers­ten Mal abdrückt. In «Car­na­ge Park» von Mickey Kea­ting flüch­ten zwei Klein­kri­mi­nel­le nach einem miss­glück­ten Bank­über­fall mit einer Gei­sel in die Wüs­te, wobei sie auf das Grund­stück eines mör­de­ri­schen, ehe­ma­li­gen Sni­pers der US-Armee gera­ten. Bei­de Fil­me bril­lie­ren unter ande­rem durch die Insze­nie­rung der gran­dio­sen Wüs­ten­land­schaft. – Einen völ­lig ande­ren Ton schlägt eine wei­te­re US-Pro­duk­ti­on, «The Trans­fi­gu­ra­ti­on» von Micha­el O’Shea an. In einem tris­ten Wohn­block in Queens, New York, lebt der afro-ame­ri­ka­ni­sche Wai­sen­jun­ge Milo, des­sen Haupt­in­ter­es­se dem Vam­pi­ris­mus gilt. Wäh­rend sei­ne Vor­lie­be bei «rea­lis­ti­schen» Inter­pre­ta­tio­nen wie «Near Dark» oder «The Lost Boys» liegt, wobei er vor allem «Let the Right One In» von Tomas Alfreds­on (NIFFF 2008) ver­ehrt, zieht die Nach­ba­rin, die er ken­nen­lernt, «Twi­light» vor. Als die­se fest­stellt, dass Milo tat­säch­lich Leu­te umbringt, um ihr Blut zu trin­ken (wonach er regel­mäs­sig kot­zen muss), kommt es zum das Herz bre­chen­den Kon­flikt. – Ein düs­te­rer Rea­lis­mus durch­zieht auch das Thril­ler-Dra­ma «The Arden­nes» aus Bel­gi­en, die ers­te Regie-Arbeit von Robin Pront, wobei die Art der Insze­nie­rung eher auf einen erfah­re­nen Regis­seur schlies­sen lies­se. Zwei Brü­der wer­den bei einem Ein­bruch erwischt, der eine kann flie­hen, der ande­re wan­dert für vier Jah­re hin­ter Git­ter. Kaum draus­sen, nimmt er sei­ne kri­mi­nel­le Lauf­bahn wie­der auf, und ver­sucht, sei­ne ehe­ma­li­ge Freun­din zurück­zu­ge­win­nen. Das Wis­sen dar­um, dass die­se nun im Begriff ist, mit sei­nem Bru­der ein neu­es Leben zu begin­nen, wird ihm lan­ge vor­ent­hal­ten, was unwei­ger­lich zur Kata­stro­phe führt. – Erwäh­nens­wert ist mit «Blind Sun» von Joy­ce A. Nas­ha­wa­ti auch ein wei­te­res Erst­lings­werk. Ange­sie­delt in Grie­chen­land in einer nahen Zukunft, herrscht eine uner­bitt­li­che Hit­ze­wel­le, Wald­brän­de und Was­ser­man­gel beherr­schen das Leben der Men­schen. Ein mul­ti­na­tio­na­ler Kon­zern mit Namen «Blue­gold» macht sich die Ver­hält­nis­se zu Nut­ze, und ver­kauft fleis­sig Was­ser. Ein Mann mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund über­nimmt die Auf­ga­be, wäh­rend der Abwe­sen­heit der Besit­zer-Fami­lie zu einer Vil­la zu schau­en. Nicht nur, dass sich bei einer Rou­ti­ne-Kon­trol­le der Poli­zei her­aus­stellt, dass etwas mit sei­ner Arbeits­be­wil­li­gung nicht ganz stimmt, auch die andau­ern­de Hit­ze und der Was­ser­man­gel, der damit ver­bun­de­ne Rea­li­täts­ver­lust machen ihm die Anstel­lung, trotz der luxu­riö­sen Umge­bung, all­mäh­lich zum Alb­traum. – Es stimmt zuver­sicht­lich, wie vie­le Debut-Spiel­fil­me am dies­jäh­ri­gen Fes­ti­val prä­sen­tiert wur­den, die einen mit Span­nung auf die wei­te­ren Arbei­ten der Ver­ant­wort­li­chen war­ten las­sen. Auch jenes von Osgood Per­kins, dem Sohn von Antho­ny Per­kins, dem Schau­spie­ler, der unter ande­rem in Alfred Hitch­cocks «Psycho» als Nor­man Bates und als Josef K. in der Ver­fil­mung von Kaf­kas «Der Pro­zess» durch Orson Wel­les Bekannt­heit erlangt hat­te. Mit «Febru­ary» legt er einen stil­len, poe­ti­schen Film vor, der geschickt mit den Codes des Hor­ror-Kinos spielt, um tief in das Inne­re sei­ner Figu­ren zu drin­gen. Viel zur atmo­sphä­ri­schen Dich­te des psy­cho­lo­gi­schen Kam­mer­spiels trägt eine her­vor­ra­gen­de Ton­spur bei, wel­che vor allem aus mit zurück­hal­ten­der, elek­tro­ni­scher Musik unter­leg­ten Geräu­schen besteht. – Auch die eigen­wil­li­ge Mischung aus Kri­mi-Komö­die und Super­hel­den-Par­odie «Lo Chi­ama­va­no Jeeg Robot» des Ita­lie­ners Gabrie­le Mainet­ti, wel­cher bis­her mit einer Rei­he von Kurz­fil­men in Erschei­nung getre­ten ist, lässt nicht dar­auf schlies­sen, dass es sich dabei um den ers­ten Spiel­film des Regis­seurs han­delt. Sozia­ler Kom­men­tar, eine Hom­mage an den Gial­lo, japa­ni­sche Ani­mes und ame­ri­ka­ni­sche Noir-Thril­ler ver­bin­den sich in einem moder­nen Mär­chen, wel­ches zwi­schen locke­rem Humor und expli­zi­ter Bru­ta­li­tät pen­delt, zu einem stim­mi­gen Gan­zen. – Auch wei­te­re Refe­ren­zen an die 60er- und 70er-Jah­re kamen nicht zu kurz, etwa in «Los Pare­ci­dos» von Isaac Ezban aus Mexi­ko, der aus den Bezü­gen zu ein­schlä­gi­gen B‑Pictures, dem Kino eines Hitch­cock oder Car­pen­ter, «The Inva­si­on of the Body Snat­chers» (1956 und 1978), und Epi­so­den aus «Twi­light Zone» kei­nen Hehl macht, um sei­ne zeit­los anmu­ten­de, schau­er­lich-wit­zi­ge Gesell­schafts-Sati­re zu insze­nie­ren. – Einen Kom­men­tar auf die Wirt­schafts­kri­se lie­fert «Chon­qing Hot Pot» von Yang Qing aus Chi­na, wel­cher eine Grup­pe von Freun­den, die um das Über­le­ben ihres Restau­rants kämp­fen, zwi­schen die Fron­ten von Bank­räu­bern und der die­se bela­gern­den Poli­zei gera­ten lässt. – Eine ähn­li­che, für das asia­ti­sche Kino cha­rak­te­ris­ti­sche Ver­bin­dung von leich­ten, komö­di­an­ti­schen Unter­tö­nen und einer mit Gewalt­dar­stel­lun­gen nicht spa­ren­den Hand­lung bringt auch der ele­gan­te «Bit­co­in Heist» von Ham Tran auf die Lein­wand. Der viet­na­me­si­sche Thril­ler um die Jagd nach einem kri­mi­nel­len Hacker braucht einen Ver­gleich mit den Fil­men um Dan­ny Oce­an nicht zu scheu­en. – Eben­falls in den Cyber­space ent­führt «Crea­ti­ve Con­trol» des Ame­ri­ka­ners Ben­ja­min Dick­in­son aus New York. In gepfleg­ten Schwarz­weiss­bil­dern erzählt der Autor, Regis­seur und Haupt­dar­stel­ler die Geschich­te der Test­pha­se eines Aug­men­ted Rea­li­ty-Pro­jekts, in dem eine Bril­le in eine Par­al­lel­welt ein­tau­chen lässt. – Auch alte Bekann­te des Fes­ti­vals waren an der dies­jäh­ri­gen Aus­ga­be ver­tre­ten, etwa Kevin Smith mit «Yoga Hosers», einer über­dreh­ten Kla­mot­te mit sei­ner und der Toch­ter von John­ny Depp, der selbst als schrul­li­ger, schie­len­der Detek­tiv mit fran­zö­si­schem Akzent auf­tritt und kaum zu erken­nen ist. Dass es um den Fluch Men­schen mor­den­der Kil­ler-Nazi-Würs­te geht, deu­tet in etwa auf den Tief­gang hin, den Smith anstrebt. – Auch Álex de la Igle­sia geht es in «Mi Gran Noche» vor allem um den Kla­mauk in sei­ner tem­po­rei­chen Medi­en-Sati­re. Wäh­rend der chao­ti­schen Pro­duk­ti­on einer nicht nur für Spa­ni­en typi­schen Live-TV-Show gera­ten Sta­tis­ten, Tech­ni­ker, Stars und Mode­ra­to­ren anein­an­der, wäh­rend aus­ser­halb des Stu­di­os eine Revol­te tobt. – Auch in «Sca­re Cam­paign» des aus­tra­li­schen Regie-Gespanns von Colin und Came­ron Cair­nes geht es um eine Fern­seh-Live­sen­dung, die um Ein­schalt­quo­ten kämpft, indem sie ver­meint­lich rea­len, mit ver­steck­ter Kame­ra gefilm­ten Hor­ror auf den Bild­schirm bringt. Was eine Kri­tik an moder­nen Seh­ge­wohn­hei­ten hät­te wer­den kön­nen, ist jedoch eine all­zu vor­her­seh­ba­re Slas­her-Komö­die, die zu sehr auf Gore-Effek­te setzt, und so jeg­li­che Ankla­ge an ein sen­sa­ti­ons­gei­les Publi­kum ins Lee­re lau­fen lässt. – Wit­zi­ger und sub­ti­ler ist da der im Marsch­land der Küs­te Hol­lands ange­sie­del­te «Schnei­der vs. Bax» von Alex van War­mer­dam, in dem ein hin­ter­häl­ti­ger Auf­trag­ge­ber zwei Pro­fi-Kil­ler auf­ein­an­der ansetzt. In der mit raben­schwar­zem Humor gespick­ten Gro­tes­ke wer­den die Absur­di­tä­ten gleich turm­hoch auf­ein­an­der geschich­tet. – Kon­tro­vers auf­ge­nom­men wur­de «The Alche­mist Cook­book» des Ame­ri­ka­ners Joel Potry­kus, in dem ein im Wrack eines Bus­ses im tiefs­ten Wald leben­der Aus­stei­ger in sei­ner Ein­sam­keit Expe­ri­men­te mit Voo­doo-Beschwö­run­gen betreibt. Man­che konn­ten dem mit beschei­de­nen Mit­teln pro­du­zier­ten, schon fast aske­ti­schen Werk sei­ne Lang­sam­keit nicht ver­zei­hen. Wer sich jedoch auf des­sen Rhyth­mus ein­las­sen kann, wird auch die gedank­li­che Frei­heit und den dop­pel­ten Boden des mit lei­sem Witz auf­war­ten­den Strei­fens zu schät­zen wis­sen, der die Kon­ven­tio­nen des Gen­res geschickt unter­wan­dert. – Kru­de und unver­blümt, im wahrs­ten Sin­ne schlüpf­rig ist dage­gen «Hen­tai Kamen: Abnor­mal Cri­sis» von Yûi­chi Fuku­da, ein wei­te­rer Beleg dafür, wie selt­sam der gleich­zei­tig äus­serst fri­vo­le und züch­ti­ge Humor ist, der (doch, nicht nur) in Japan für lus­tig befun­den wird. Schon der ers­te Teil der Geschich­te um einen schüch­ter­nen jun­gen Mann, der zum Super­hel­den mutiert, sobald er sich einen gebrauch­ten Mäd­chenslip über das Gesicht zieht, ist 2013 vom gut gelaun­ten Publi­kum der Spät­vor­stel­lun­gen in Neu­en­burg regel­recht abge­fei­ert wor­den. – Es ist unter ande­rem die­se Art von höhe­rem Blöd­sinn, die im gut besetz­ten Kino­saal jeweils par­ti­zi­pa­ti­ve Höchst­leis­tun­gen aus den Anwe­sen­den her­aus­kit­zelt. Das ame­ri­ka­ni­sche Pen­dant dazu bot die­ses Jahr «The Greasy Strang­ler» von Jim Hos­king. Der Titel gibt schon einen gros­sen Teil der Hand­lung Preis, und die Gren­zen des guten Geschmacks wer­den der­art stra­pa­ziert, dass etwa ein John Waters direkt als stil­si­che­rer Ästhet erscheint. Die oft zitier­te For­de­rung nach «mehr Dreck» wäre hier jeden­falls Fehl am Platz.

Bei allen Geis­tern, den guten wie den bösen, den Vam­pi­ren, Zom­bies, Meer­jung­frau­en, Psy­cho­pa­then, Super­hel­den, Gau­nern, gar den vom Leib­haf­ti­gen Beses­se­nen, wel­che die Lein­wän­de Neu­en­burgs wäh­rend neun Tagen beherrsch­ten, der am meis­ten gesich­te­te war, selbst in den zeit­lo­sen Wer­ken, der Zeit­geist. The­men wie Kor­rup­ti­on, Xeno­pho­bie, Armut und Unter­drü­ckung, Ent­frem­dung, Gewalt an Stel­le des Dia­logs, Miss­brauch von Macht und Kri­tik an den Medi­en schwan­gen in vie­len der Wer­ke mit, in Dra­men und Komö­di­en mit oder ohne Hor­ror-Ele­men­ten, und beleg­ten ein­mal mehr, dass Gesell­schafts­kri­tik im unab­hän­gi­gen Gen­re-Film eine weit­aus grös­se­re Stel­lung ein­nimmt als im Mainstream-Kino.

«Swiss Army Man» (USA 2016), Regie: Dani­el Schein­ert und Dan Kwan («Dani­els»), mit Paul Dano und Dani­el Rad­clif­fe, läuft ab dem 27. Okto­ber in den Kinos der deut­schen Schweiz.

«Desier­to» (Mexi­co 2015) von Jonás Cuarón und «The Trans­fi­gu­ra­ti­on» (USA 2016) von Micha­el O’Shea haben in der Schweiz bereits einen Ver­leih, ein Start­da­tum ist jedoch noch nicht bekannt.



Newsletter

SPENDEN!

Einen Text gelesen und der hat gefallen? Spende per TWINT ein paar Franken - ohne Abo, aber mit gutem Gewissen. Geht doch auch.