Im Apfelbaum
vor meinem Haus
ein Lustschrei
ausgestossen unverschämt
Ein Hahn kräht zu früh
Im See ein Hecht auf der Jagd
Er stand vor dem Spiegel, wollte sich für den bevorstehenden Abend zurechtmachen und schaute sich also prüfend an. Nicht unkritisch, aber auch nicht zu kritisch. Man weiss ja nie. Logischerweise sah er sein Gegenüber von vorn. Was ihm gewohnheitsmässig nicht weiter auffiel. Als er sich lange genug betrachtet hatte, überkam ihn aus einer Laune heraus das Bedürfnis, sich auch von hinten zu begutachten. Von vorn sieht man sich von vorn, also müsste man sich hinten von hinten sehen, sagte er sich. Dann nahm er einen kleinen runden Spiegel zur Hand und schaute von vorn in diesen Spiegel, um zu sehen, wie er von hinten aussah. Kann ich mich von hinten tatsächlich nur von vorn anschauen?, fragte er sich leicht verunsichert.
Sich Klarheit zu verschaffen, holte er aus einer Ledermappe, die er immer bei sich trug, sein Handy, stellte die Optik auf rückwärts, so wie er das bei Selfies immer tat. Schliesslich wollte er ja sehen, wen er da wie fotografierte. Also stellte er sich mit dem Rücken vor den Spiegel, schaute von vorn in den auf hinten fokussierten Android, sah sich endlich tatsächlich von hinten und drückte ab. Schaute dann vorn auf dem Handy sein Bild von hinten. Aber wer macht schon Fotos von seinem Hintern, sagte er sich, als ihm bewusst wurde, dass er dieses Bild von hinten von vorn in die Kamera blickend aufgenommen hatte. Kurz kam ihm der Gedanke, seine Freundin könnte ihn ja von hinten fotografieren, allerdings kannte er sie erst seit Kurzem. Aber es müsste ja nicht im Badezimmer sein und auch nicht nackt, wie er im Moment war. Obschon … Dann verwarf er diesen Gedanken, denn seine Freundin müsste ja so oder so von vorn auf die nach seiner Hinterseite gerichtete Optik schauen. Und das Bild von seiner Hinterseite könnten sie ja beide ohnehin nur von vorn anschauen. Gibt es tatsächlich nur eine Wahrnehmung von vorn, auch wenn sie etwas von hinten zeigt?, fragte er sich erschrocken. Und sogar wenn wir sehen wollen, was hinter uns liegt, müssen wir uns umdrehen, damit wir von vorn das hinter uns Liegende wahrnehmen können. Auch wenn wir in unserem Leben gelegentlich am liebsten von vorn anfangen möchten, wäre das nie ein Schritt zurück, sondern notgedrungen immer einer nach vorn. Auch wenn wir daran denken, was wir in unserem Leben hinter uns gebracht haben, so denken wir doch immer in der Zeit und also vorwärts. Die Redewendung, etwas hinten und vorne nicht verstehen, tut der Sache unrecht, wir können zwar erst hinterher und doch nur vorwärts nicht verstehen, was wir vorher nicht verstanden haben.
Wir halten uns für die intelligentesten Kreaturen im Universum und können doch nur in einer Richtung, nämlich vorwärts, denken. Wir sind eindimensionale Wesen. Unsere Wahrnehmung ist beschränkt, was auch immer wir beurteilen, wir beurteilen es von vorn.
Gerade als er sich überlegte, ob er unter solch deprimierenden Umständen verzweifeln wollte, klingelte es an der Tür. Hey, sagte seine Freundin halb beeindruckt, halb verlegen, was hast du für einen knackigen …
Lebensdienlich – editionUmweg