Foto: Stock / we are gmbh

Bild: Foto: Stock / we are gmbh

Der Unter­gang der guten Absich­ten: Lio­nel Shriver

Von

|

Drucken

Lio­nel Shri­ver ist gross­ar­tig, aber in Deutsch­land ist ihr Stern schon lan­ge gesun­ken. Als Til­da Swin­ton 2011 die ein­drück­li­che Rol­le der Mut­ter eines Amok­läu­fers spiel­te, in einem Film basie­rend auf dem Roman Shri­vers, war dies noch anders. Der Deutsch­land­funk lieb­te Lio­nel Shri­ver, die sich einen Män­ner­na­men gab, um über­haupt publi­zie­ren zu kön­nen, über alle Mas­sen. Auch noch 2018 lob­te der Deutsch­land­funk den dys­to­pi­schen Roman Shri­vers «Eine ame­ri­ka­ni­sche Fami­lie». Herr­lich «poli­tisch unkor­rekt» und amü­sant sei die Geschich­te, die doch unfass­bar düs­ter aus­fällt. Seit Shri­ver jedoch mit «Mania» einen bis­si­gen Roman über das Feuil­le­ton sel­ber ver­fasst hat, hören wir nichts mehr von den gebil­de­ten Medi­en. Aus­lö­schung ist die Devi­se des deutsch­spra­chi­gen Feuil­le­tons, denn wer will schon Roma­ne, die nicht in die vor­herr­schen­den Nar­ra­ti­ve passen? 

Dabei ist sich Lio­nel Shri­ver nur sel­ber treu geblie­ben. Ihr Namens­wech­sel von Mar­ga­ret Ann Shri­ver zu Lio­nel Shri­ver zeigt nicht nur ihre Unan­ge­passt­heit, son­dern ihren unge­bro­che­nen Wil­len, gehört zu wer­den. In den Ver­ei­nig­ten Staa­ten ist Lio­nel Shri­ver eine der wich­tigs­ten, meist­dis­ku­tier­ten und meist­ge­hass­ten Autorin­nen der Gegen­wart. Sie ver­kürz­te mei­nen lan­gen Flug von Mün­chen nach Atlan­ta, dem gröss­ten Hub für den Süden der USA. Shri­ver erklär­te mir auch mei­nen Kul­tur­schock. Geor­gia und Ala­ba­ma sind regel­rech­te Frau­en­staa­ten. Frau­en sind in allen öffent­li­chen Insti­tu­tio­nen die Mehr­heit, sie prä­gen das Stras­sen­bild, sie stel­len die Arbei­ter­schaft. Schwar­ze Frau­en nota­be­ne. Män­ner sah ich nur in Uni­form bei der Ein­rei­se, in Pick-up-Trucks oder als Last­wa­gen­fah­rer. Selbst­ver­ständ­lich war dies nur ein Ein­druck von mir, obwohl die Zah­len die­se Ver­weib­li­chung der USA prä­gnant bele­gen. Fast 60 Pro­zent der Uni­ab­schlüs­se bspw. in Medi­zin, Recht und «Huma­ni­ties» sind von Frau­en; laut Gewerk­schaf­ten sind schwar­ze Frau­en die Mehr­heit in der Work­force, wäh­rend schwar­ze Män­ner ent­we­der arbeits­los sind oder in den Gefäng­nis­sen sit­zen. Auch ein Kir­chen­be­such gehör­te zu mei­nem US-Pro­gramm, da die Kir­chen in Ame­ri­ka die wich­tigs­te gesell­schaft­li­che Insti­tu­ti­on sind, gera­de aus­ser­halb der gros­sen Städ­te, und sie­he da: Män­ner waren an einer Hand abzu­zäh­len. Des­halb sind die USA ein Land der Frau­en, egal, wie sehr die Euro­pä­er hier die Nase rümp­fen. Nur auf Polit­ebe­ne und im Mil­li­ar­dä­ren­tum der Finanz­co­die­rer regiert Tes­to­ste­ron – kein Unter­schied übri­gens zu Euro­pa; mal abge­se­hen von Queen-Bees wie Ursu­la von der Ley­en oder Nan­cy Pelo­si in den USA. Auch in der US-ame­ri­ka­ni­schen Pod­cast-Sze­ne fällt auf: Frau­en über­all. Radi­kal poli­tisch. Rechts- oder links­extrem. Ame­ri­ka ist also vol­ler gros­ser Autorin­nen, die intel­lek­tu­ell radi­kal, poli­tisch unkor­rekt und lite­ra­risch gna­den­los sind und in kein Ras­ter pas­sen – sie kom­men ein­fach nie im deutsch­spra­chi­gen Män­ner­ku­chen an. Die momen­ta­ne Kon­tro­ver­se rund um den ARD-Lite­ra­tur­zwerg Denis Scheck, der im ARD gebüh­ren­pflich­tig sämt­li­che Bücher von Frau­en in die Ton­ne wirft, zeigt, wie arm­se­lig sich das deutsch­spra­chi­ge Feuil­le­ton gegen­über span­nen­den Büchern von Frau­en ver­hält. Des­halb: Lio­nel Shri­ver lesen, zumal sie nicht eine hüb­sche, diver­se Lite­ra­tur-Ein­tags­flie­ge ist, son­dern eine gestan­de­ne Schrift­stel­le­rin. Shri­ver wird für ihre Pro­vo­ka­tio­nen und Über­schrei­tun­gen geliebt, gehasst, bekämpft und mil­lio­nen­fach gekauft. Sie füllt pro­gres­si­ve Leer­stel­len, die in den USA noch exis­tie­ren – die­sen Platz für unbe­que­me, unab­hän­gi­ge Stim­men –, mit gran­dio­sen Dia­lo­gen. Lio­nel Shri­ver exis­tiert dort, wo Frei­heit noch nicht voll­stän­dig durch mora­li­sche Kon­trol­le, kul­tu­rel­le Erzie­hungs­mass­nah­men und Feuil­le­ton-Kon­for­mi­tät ersetzt wur­de. Schon 2009 mach­te Shri­ver ihren Roman «Big Brot­her» zum Skan­dal über Fett­lei­big­keit. Damals war ihr Bru­der an sei­ner krank­haf­ten Adi­po­si­tas ver­en­det und Shri­ver nahm dies zum Anlass, zu Ess­sucht zu schrei­ben und die west­li­che Beses­sen­heit mit Kör­per­op­ti­mie­rung zu sezie­ren. Ein ähn­lich schmerz­haf­tes Buch ist auch Shri­vers neus­tes: Mit «A Bet­ter Life» setzt sie als lite­ra­ri­sches Mit­tel ein lang­sam wir­ken­des Gift in das Ner­ven­sys­tem der satu­rier­ten west­li­chen Mit­tel­schicht ein. Sie seziert, sie ent­larvt, sie zer­legt mit einer sprach­li­chen Prä­zi­si­on und einer mora­li­schen Käl­te, die in der Gegen­warts­li­te­ra­tur ihres­glei­chen sucht. Wer Shri­ver liest, wird nicht getrös­tet. Die Lese­rin und der Leser wer­den mas­siv gestört, pro­vo­ziert, sind manch­mal regel­recht ange­wi­dert – und genau dar­in liegt Shri­vers Grös­se. Sie schreibt kei­ne beru­hi­gen­den Geschich­ten. Sie legt Spreng­sät­ze in die Wohn­zim­mer der pro­gres­si­ven Éli­te und zün­det sie mit einem Lächeln. Shri­vers Werk bleibt intel­lek­tu­ell unbarm­her­zig und glänzt mit einer erzäh­le­ri­schen Sou­ve­rä­ni­tät. Beson­ders berührt hat mich «The Post-Bir­th­day World», wo sie vir­tu­os mit Par­al­lel­wel­ten spielt und zeigt, wie eine ein­zi­ge Ent­schei­dung, Kuss oder nicht, über Frau­en­le­ben, Frei­heit und Kar­rie­re ent­schei­den kann. Geni­al auch «Mania» – Shri­ver schreibt fast im Jah­res­rhyth­mus Best­sel­ler. «Mania» ist eine beis­sen­de Real­sa­ti­re über die Woken, sehr lus­tig, sehr frech, sehr ver­stö­rend. «A Bet­ter Life» macht 2026 aus einer pri­va­ten Kata­stro­phe eine poli­tisch codier­te, fast gro­tesk zuge­spitz­te Ver­suchs­an­ord­nung. Eine wohl­ha­ben­de, pro­gres­si­ve New Yor­ker Mut­ter nimmt aus poli­ti­scher und mora­li­scher Über­zeu­gung eine jun­ge hon­du­ra­ni­sche Migran­tin namens Mar­ti­ne bei sich auf. Was als Akt der Güte und Offen­heit beginnt, zer­fällt schlei­chend und pro­du­ziert unauf­halt­sam Macht­ver­schie­bun­gen, kul­tu­rel­le Zusam­men­stös­se, sub­ti­le Erpres­sun­gen und mün­det schliess­lich in die voll­stän­di­ge Ero­si­on der fami­liä­ren Ord­nung. Shri­ver lässt kei­ne Figur unge­scho­ren davon­kom­men. Die Mut­ter ver­liert nach und nach die Kon­trol­le über ihr eige­nes Haus. Der Sohn, ein klas­si­scher Zoo­mer, der jede Form von ehr­li­cher Arbeit als Zumu­tung emp­fin­det, kom­men­tiert das Gesche­hen und wächst als Ein­zi­ger dar­an. Die Migran­tin Mar­ti­ne ist kein pas­si­ves Opfer, son­dern eine kom­ple­xe, ambi­va­len­te Gestalt – char­mant, stra­te­gisch, über­le­bens­klug, berech­nend, eine Über­le­ben­de im bes­ten und schlimms­ten Sinn. Shri­ver zeigt, was pas­siert, wenn abs­trak­te Idea­le auf kon­kre­te Men­schen tref­fen. Und genau hier wird «A Bet­ter Life» zum lite­ra­ri­schen Seis­mo­gra­fen unse­rer Zeit. Shri­ver zeigt, was geschieht, wenn bestimm­te Ver­hal­tens­lo­gi­ken domi­nie­ren: wenn Empa­thie, Kon­sens, Kon­flikt­ver­mei­dung und mora­li­sche Selbst­ver­ge­wis­se­rung zur höchs­ten Tugend erho­ben wer­den. Dann zer­brö­ckeln Insti­tu­tio­nen nicht durch äus­se­re Fein­de, son­dern durch inne­re Selbst­auf­ga­be. Dann wird aus der Fami­lie, die sich als welt­of­fen und divers fei­ert, ein Schlacht­feld sub­ti­ler Macht­spie­le. Dann wird aus der Uni­ver­si­tät, die sich als Hort der Auf­klä­rung ver­steht, ein Ort, an dem Zuge­hö­rig­keit wich­ti­ger ist als Wahr­heit. Dann wird aus dem Rechts­sys­tem, das einst für Gleich­heit vor dem Gesetz stand, ein Instru­ment der gefühl­ten Gerech­tig­keit. Die­se Ent­wick­lung ist kei­ne Ver­schwö­rung. Sie ist ein kul­tu­rel­ler Pro­zess, der sich seit Jah­ren beob­ach­ten lässt. Wie schon erwähnt sind Frau­en in den USA gros­se Mehr­hei­ten. Män­ner sind im Ver­gleich dazu die Losers. Was dies für eine Gesell­schaft bedeu­tet, zei­gen Umfra­gen. 71 Pro­zent von Män­nern bspw. stel­len Frei­heit weit über sozia­len Zusam­men­halt. 59 Pro­zent der Frau­en hin­ge­gen fin­den sozia­len Zusam­men­halt viel wich­ti­ger als Frei­heit. Jun­ge Frau­en wäh­len links, jun­ge Män­ner rechts. Dies sind sta­bi­le sta­tis­ti­sche Unter­schie­de und sie kor­re­lie­ren mit der poli­ti­schen Pola­ri­sie­rung. So haben wir in den USA öffent­li­che Insti­tu­tio­nen, die auf Kon­for­mi­tät, Kon­sens, Koope­ra­ti­on und woke Sprech­ak­te set­zen, wäh­rend in der Gesell­schaft Gewalt, Stras­sen­kämp­fe und links­extre­me Wah­len wie in New York oder rechts­extre­me Wah­len wie auf Bun­des­ebe­ne Erfolg zei­gen. Das ist nicht ein Clash der Zivi­li­sa­tio­nen und Tra­di­tio­nen, son­dern ein sehr beun­ru­hi­gen­der Clash der Geschlech­ter. Wenn Weib­lich­keit und Erzie­hungs­auf­trag und Männ­lich­keit mit Wett­be­werbs­zie­len als öffent­lich-recht­lich ver­sus gesell­schaft­lich zusam­men­tref­fen, ist das Resul­tat klar: Die Frau­en ver­lie­ren – und zwar big time. Lio­nel Shri­ver führt dies in «A Bet­ter Life» geni­al vor. Nicht als War­nung, nicht als böse Dyna­mik, son­dern als Poe­sie. Shri­ver über­zieht die Geschich­te bewusst ins Absur­de, weil sie die Logik ideo­lo­gi­scher Selbst­täu­schung die­ser Mas­se an gut mei­nen­den Frau­en auf­zeigt. Genau dar­in liegt ihre Meis­ter­schaft: Sie lässt die Figu­ren reden, wie sie tat­säch­lich reden – in den Krei­sen der urba­nen, aka­de­mi­schen, mit Sprech­ak­ten durch­for­ma­tier­ten Intel­li­gen­zi­ja. Die Dia­lo­ge fun­keln, schnei­den, ent­lar­ven. Sie zei­gen die sprach­li­che Akro­ba­tik, mit der mora­li­sche Über­le­gen­heit behaup­tet, Schuld ver­teilt und Ver­ant­wor­tung umco­diert wird. Die­se Sprach­codes, die­se Sprech­ak­te sind es letzt­lich, die Demo­kra­tie ver­än­dern. Sie beloh­nen Anpas­sung, mora­li­sche Signa­le und Kon­flikt­ver­mei­dung und applau­die­ren Revo­lu­tio­nen, die sich ein mora­li­sches Gewand geben. Algo­rith­men ver­stär­ken die­se Dyna­mik; mein altes The­ma. Emo­tio­na­le Signa­le, mil­li­ar­den­fach geteilt, ver­stär­ken mora­li­sche Urtei­le und per­for­ma­ti­ve Empa­thie, die dann mit Poli­tik und Han­deln ver­wech­selt wird. Wer wider­spricht, wird unsicht­bar gemacht oder ange­grif­fen. Dies sind übri­gens typisch weib­li­che Ver­hal­tens­mus­ter von Teen­agern, die ich schon als Teen­ager hass­te. Wel­ches unan­ge­pass­te Mäd­chen wur­de nicht gemobbt von den Alpha-Mäd­chen, die tota­le Unter­wer­fung ver­lang­ten oder Intri­gen anzet­tel­ten, die fast zur Ver­nich­tung der Mit­schü­le­rin führ­ten? Die Angst vor Aus­schluss, die Sehn­sucht nach Har­mo­nie, die Nei­gung, Kon­flik­te per­sön­lich zu neh­men und sie des­halb zu ver­mei­den oder indi­rekt zu füh­ren, sind so weib­lich, so poli­tisch aktu­ell, dass es den Demo­kra­tien und den Fort­schrit­ten der Auf­klä­rung echt weh­tut. Denn wäh­rend die Insti­tu­tio­nen sich in mora­li­sche Absi­che­rung und Kon­flikt­ver­mei­dung flüch­ten, explo­diert die Wirk­lich­keit aus­ser­halb die­ser codier­ten Bubble. Die Kri­mi­nal­sta­tis­ti­ken, die Gewalt gegen Frau­en, die zuneh­men­den Mes­ser­at­ta­cken in euro­päi­schen Städ­ten, die bru­ta­len Über­grif­fe – all das wird nicht weni­ger, son­dern mehr. Die Kul­tur der Anpas­sung und der gefühl­ten Sicher­heit pro­du­ziert para­do­xer­wei­se mehr Unsi­cher­heit. Die Insti­tu­tio­nen, die sich der Erzie­hungs­auf­ga­be ver­schrie­ben haben, ver­nach­läs­si­gen ihre eigent­li­che Funk­ti­on: die Ver­tei­di­gung von Regeln, von Fak­ten, von Frei­heit. Shri­ver lie­fert die lite­ra­ri­sche Tie­fen­boh­rung zu die­sem Phä­no­men. Sie zeigt die Mikro­struk­tu­ren, die all­täg­li­chen Gesprä­che, die klei­nen Ver­schie­bun­gen, aus denen sich das gros­se poli­ti­sche Beben speist. «A Bet­ter Life» ist kein ange­neh­mes Buch. Es ist ein not­wen­di­ges Buch. Ein Buch, das zeigt, wie teu­er die schö­nen Wor­te «Viel­falt», «Inklu­si­on» und «eine bes­se­re Welt» in der har­ten Rea­li­tät tat­säch­lich ist. Lio­nel Shri­ver bleibt eine der weni­gen gros­sen, unab­hän­gi­gen Stim­men, die noch wagen, die Wirk­lich­keit erns­ter zu neh­men als die herr­schen­de Ideo­lo­gie. Und, dies noch zum Schluss: Bit­te im Ori­gi­nal lesen – die bis­her auf Deutsch über­setz­ten Bücher von Shri­ver sind unles­bar, sorry.

Lio­nel Shri­ver: A Bet­ter Life. Har­per 2026.

Dr. phil. Regu­la Stämpf­li, Polit­phi­o­so­phin, war über 20 Jah­re Dozen­tin der poli­ti­schen Grund­aus­bil­dung für Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten sowie Dozen­tin «Aus­land­jour­na­lis­mus» am MAZ, Die Schwei­zer Journalistenschule.

Publi­ziert: ensuite Aus­ga­be Nr. 281, Mai 2026



Newsletter

SPENDEN!

Einen Text gelesen und der hat gefallen? Spende per TWINT ein paar Franken - ohne Abo, aber mit gutem Gewissen. Geht doch auch.