Der Teu­fel

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Kürz­lich haben wir bei einem Freund Tarot­kar­ten gezo­gen. Jemand zog den Teu­fel, und wir wur­den dar­auf auf­merk­sam gemacht, dass in die­sem weit­ver­brei­te­ten Deck – dem Rider-Wai­te-Tarot aus dem Jahr 1905 – die Frau und der Mann nur schein­bar durch die Ket­ten am Altar des Teu­fels gefan­gen sind. Der Ring um den Hals ist bei genaue­rem Hin­schau­en deut­lich weit genug, um her­aus­zu­schlüp­fen. Der Teu­fel herrscht nicht durch Gewalt, son­dern durch Täu­schung. Wai­te selbst schrieb zu die­ser Abbil­dung: «Sie sind Skla­ven ihrer eige­nen nie­de­ren Natur und der trü­ge­ri­schen Erschei­nun­gen der mate­ri­el­len Welt.»

Ent­le­di­gen wir uns der wohl his­to­risch zeit­ge­mäs­sen per­sön­li­chen Wer­tung von Wai­te, so spricht die­se Kar­te eine ver­mut­lich zeit­lo­se Wahr­heit aus. Wir ope­rie­ren inner­halb der eige­nen Wirk­lich­kei­ten. Wir sind limi­tiert durch unse­re kogni­ti­ven Fähig­kei­ten, getrie­ben durch unse­re bewuss­ten, sel­ten reflek­tier­ten und unse­re unbe­wuss­ten Bedürf­nis­se, leicht ver­führ­bar, leicht kor­rum­pier­bar und Kräf­ten aus­ge­setzt, wel­che wir nur aus der Fer­ne ver­schwom­men erken­nen und kaum ver­ste­hen und die, falls doch, auf den ers­ten und den zwei­ten Blick recht über­mäch­tig erschei­nen. Wir sind Teil eines Kamp­fes zwi­schen Gut und Böse, um das mit­tel­al­ter­lich anmu­ten­de Bild des Teu­fels noch­mals zu bemühen.

Die (christ­li­che) Reli­gi­on – einst­mals Boll­werk gegen das Böse – haben wir im auf­klä­re­ri­schen Eifer wie das Kind mit dem Bade aus­ge­schüt­tet. Doch auch der aus­ge­nüch­ter­te Geist ver­mag in den reli­gi­ös über­spitz­ten Bil­dern von Teu­feln, Dämo­nen, Engeln und sons­ti­gen Figu­ren der anders­welt­li­chen Heer­scha­ren etwas zu sehen, was nicht jeg­li­cher Rea­li­tät ent­behrt. Wir beschrei­ben die Rea­li­tät hin­ter die­sen Pro­jek­tio­nen nun­mehr anders. Aus mei­ner Sicht zu Recht. Wir ermög­li­chen uns so im Ansatz genaue­re Unter­schei­dun­gen. Und doch soll­ten wir dies mit der nöti­gen kogni­ti­ven Beschei­den­heit tun. Dafür gibt es der Grün­de genug. Auch ein Welt­bild gespeist aus wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen ist unvoll­stän­dig und so gut wie sicher feh­ler­haft. Wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis­se und phi­lo­so­phi­sche Erör­te­run­gen selbst zei­gen uns dies auf. So zeig­te Tho­mas Kuhn, dass wis­sen­schaft­li­cher Fort­schritt kei­ne rein ratio­na­le Ange­le­gen­heit ist, wel­che einer linea­ren Logik folgt, son­dern sich Para­dig­men sprung­haft ablö­sen. Oder wenn Geor­ge Lakoff und Mark John­son uns dar­an erin­nern, dass unser Den­ken grund­le­gend meta­pho­risch struk­tu­riert ist und auch abs­trak­te Begrif­fe in kör­per­li­cher Erfah­rung ver­an­ker­ten Bild­sche­ma­ta fus­sen. Wie Lakoff selbst sagt: «Unser gewöhn­li­ches Begriffs­sys­tem, in dem wir sowohl den­ken als auch han­deln, ist von Grund auf meta­pho­ri­scher Natur.» Nur zwei Bei­spie­le, um davor zu war­nen, der Über­heb­lich­keit zu ver­fal­len. Hoch­mut, sei hier mit einem Zwin­kern erwähnt, ist tra­di­tio­nell die ers­te der sie­ben Todsünden.

Damit zurück zum Teu­fel und zur Reli­gi­on. Der oben ange­spro­che­ne meta­pho­ri­sche Kampf zwi­schen Gut und Böse zeigt sich mit welt­li­cher Bril­le – kör­per­li­che Meta­pher – als viel­schich­ti­ge und durch­aus kom­ple­xe Ange­le­gen­heit. Fan­gen wir ganz unschul­dig mit den zahl­rei­chen kogni­ti­ven Ver­zer­run­gen an. Auf Wiki­pe­dia fin­den sich über 300 sol­cher Bia­ses mit wis­sen­schaft­li­chen Quel­len. Einer davon ist das Phä­no­men der «Illu­si­on der expl­ana­to­ri­schen Tie­fe». Es bezeich­net unse­re Nei­gung, unser Ver­ste­hen all­täg­li­cher Gegen­stän­de mas­siv zu über­schät­zen – Klo­spü­lun­gen oder Reiss­ver­schlüs­se bei­spiels­wei­se. Die Sache offen­bart sich, sobald man Test­per­so­nen nach Erklä­run­gen fragt. Schät­zen die­se ihr Fach­wis­sen zu, sagen wir, einer Klo­spü­lung zuvor bei 4 von 7 ein, kor­ri­gie­ren sie sich nach dem Erklä­rungs­ver­such auf durch­schnitt­lich 2,6. Wir mei­nen sol­che Din­ge zu ver­ste­hen, bis wir um eine aus­führ­li­che Erklä­rung gebe­ten wer­den. Eine sol­che Fehl­ein­schät­zung klingt wit­zig und ist wohl meist harm­los. Betrach­ten wir aller­dings das Gros der gan­zen Vor­ein­ge­nom­men­heit, wird es schwer­wie­gen­der: Wir nei­gen dazu, unse­re Fähig­kei­ten zu über­schät­zen, inter­pre­tie­ren oft Zufall als Ver­dienst und Feh­ler als fremd­ver­schul­det. Wir sind gut dar­in, Warn­si­gna­le zu igno­rie­ren und Ver­än­de­run­gen zu unter­schät­zen. Zudem recht­fer­ti­gen wir bestehen­de gesell­schaft­li­che, öko­no­mi­sche oder poli­ti­sche Sys­te­me – selbst wenn sie uns scha­den. Zusam­men mit einer star­ken Nei­gung zum Stam­mes­den­ken und dem Stan­dard, Infor­ma­tio­nen so zu suchen, zu deu­ten und zu erin­nern, dass sie unse­re bestehen­den Über­zeu­gun­gen bestä­ti­gen, haben wir hier star­ken Tobak bei­sam­men (übri­gens eine Rede­wen­dung, die auf eine Geschich­te mit dem Teu­fel zurück­geht). Alles gut doku­men­tier­te Denk- bzw. Ver­hal­tens­mus­ter. Echo­kam­mern, Pola­ri­sie­rung, Dis­kri­mi­nie­rung, Natio­na­lis­mus, Ver­drän­gen von öko­so­zia­len Kri­sen und Ver­har­ren im Sta­tus quo sind nur eini­ge der gegen­wär­ti­gen Kri­sen, die sicher nicht allein durch die­se psy­cho­lo­gi­schen Ver­zer­run­gen her­vor­ge­ru­fen wur­den – aber gleich­wohl nicht ein­fa­cher zu meis­tern wer­den mit den­sel­ben.
Dass wir hier in so etwas wie einen Kampf ver­strickt sind, erscheint deut­lich, sobald wir uns vor Augen füh­ren, wie inten­siv sol­che Nei­gun­gen bespielt wer­den. Das habe ich in die­ser Arti­kel­rei­he schon mehr­fach beklagt – der unge­hemm­te Ein­satz der Ver­hal­tens­for­schung für Wer­be­zwe­cke, Klicks und poli­ti­sche Zustim­mung. Sei es in Macht­kämp­fen um Markt­an­tei­le oder Deu­tungs­ho­hei­ten mit Zie­len wie Markt­do­mi­nanz oder die Schwä­chung der Demo­kra­tien. Die Pro­pa­gan­da­ma­schi­nen lau­fen gut geschmiert, tech­no­lo­gisch aus­ge­klü­gelt und auf Basis wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis­se – auch wenn die­se dann dafür ein­ge­setzt wer­den, Schwach­sinn, Hum­bug, Lügen und Bull­shit zu ver­brei­ten. Da kom­men auf­klä­re­ri­sche Bemü­hun­gen wie Bil­dung, anstän­di­ger Jour­na­lis­mus oder zivil­ge­sell­schaft­li­cher Ein­satz nur schwer dage­gen an.

Zudem ist Vor­sicht gebo­ten, nicht leicht­gläu­big in wei­te­re Denk­fal­len zu tre­ten. Die Kir­che war unser ver­meint­li­ches Boll­werk gegen das Böse – und wur­de nicht sel­ten selbst zum Bösen. Es sind immer Wer­te hin­ter unse­ren Hand­lun­gen. Wir tun etwas, weil wir etwas wol­len. Wir wol­len Din­ge, wel­che wert­voll, wich­tig und gut sind – für uns zumin­dest. Wir täu­schen und wer­den getäuscht. Dar­über, was hin­ter den vor­ge­scho­be­nen Wer­ten tat­säch­lich gewollt wird. «Wir» sind immer die Guten.
Wenn dann der vor­bild­lich gross­zü­gi­ge Tech­gi­gant Goog­le einen Tag in der Woche «Spiel­zeit» ein­führt und neben Smoothies auch Acht­sam­keit («mindful­ness») und Yoga­stun­den für sei­ne Mit­ar­bei­ten­den anbie­tet – ja ein gan­zes Pro­gramm ent­wi­ckelt, das sich «search insi­de your self» nennt, ver­mö­gen wir die Absich­ten dahin­ter noch zu erah­nen. Zumin­dest die Skep­ti­sche­ren unter uns. Spi­ri­tua­li­tät als Pro­duk­ti­vi­täts­werk­zeug im Diens­te des Sys­tems. Ich glau­be, da dre­hen sich etli­che Yogis im Grab um. Yoga ist nicht Gym­nas­tik, viel eher eine Weis­heits­tra­di­ti­on, die auch ethi­sches Ver­hal­ten anstrebt – auf und neben der Matte.

Dif­fi­zi­ler wird es bei Initia­ti­ven wie den IDGs. Die Inner Deve­lo­p­ment Goals ver­su­chen, die «inne­re Arbeit» zu ope­ra­tio­na­li­sie­ren, die nötig ist, um die SDGs (Sus­tainable Deve­lo­p­ment Goals) zu errei­chen. Die Nach­hal­tig­keits­zie­le? Ein gute Sache, klar. Und wie wir oben gese­hen haben, ste­hen denen eini­ge «inne­re» Hin­der­nis­se im Wege, also los. Dabei soll­ten wir gleich­wohl ein wach­sa­mes Auge dar­auf hal­ten, dass hier Inner­lich­keit instru­men­ta­li­siert wird, dass der Anschein von Mess­bar­keit viel­leicht nicht nur in gerecht­fer­tig­ter Wei­se erweckt oder dass ten­den­zi­ell ein west­lich-libe­ra­les Sub­jekt vor­aus­ge­setzt wird. Auch wenn ich die Ziel­set­zung unter­stüt­ze und die Initia­ti­ve schät­ze, sind kon­struk­ti­ve Kri­tik und skep­ti­sche Fra­gen angebracht.

Dies ist auch bei jener Initia­ti­ve der Fall, wel­cher ich selbst am nächs­ten ste­he. Am Bei­spiel John Ver­vae­ke, der sei­ne Bestre­bun­gen auch als «Reli­gi­on, die kei­ne Reli­gi­on ist», bezeich­net (wir haben dar­über geschrie­ben). Als Kogni­ti­ons­wis­sen­schaft­ler bedient er sich der Erkennt­nis­se aus der Phi­lo­so­phie, Psy­cho­lo­gie, der Infor­ma­tik und KI-Wis­sen­schaft, Lin­gu­is­tik, Neu­ro­wis­sen­schaf­ten, Anthro­po­lo­gie und Eth­no­lo­gie. Genau mein Ding. In sei­ner Theo­rie der «Rele­van­ce Rea­liza­ti­on» wird ver­kürzt Weis­heit als die Fähig­keit beschrie­ben, rele­van­te Wahr­neh­mun­gen, Gedan­ken und Emp­fin­dun­gen zu iden­ti­fi­zie­ren und in kohä­ren­ten Hand­lun­gen zusam­men­zu­brin­gen. Dazu sei eine gan­ze Öko­lo­gie von Prak­ti­ken nütz­lich – und not­wen­dig. Und die­se sind vor­zugs­wei­se in Gemein­schaft zu prak­ti­zie­ren und sol­len auf ihre Wirk­sam­keit, Zugäng­lich­keit und so wei­ter geprüft wer­den. Also eigent­lich wis­sen­schaft­lich vom Bal­last der Reli­gi­on «gerei­nigt». Der in die­sem Arti­kel viel ange­brach­te­re Aleis­ter Crow­ley hät­te dem kurz und knapp so gesagt: «das Ziel der Reli­gi­on, die Metho­de der Wis­sen­schaft». Hier ent­steht etwas Neu­es, viel­leicht. Es scheint mir eine gute Idee. Und es kann auf so vie­le Wege in die «fal­sche» Rich­tung abbie­gen. Den­noch brau­chen wir eine Bewe­gung in unse­rer Gesell­schaft, wel­che für «das Gute» ein­ste­hen mag und gleich­zei­tig bereit ist, zu prü­fen, ob man denn wirk­lich weiss, ob denn die Zie­le wirk­lich gut sind, ob denn die Mit­tel wirk­lich gerecht­fer­tigt sind. Denn der Teu­fel steckt im Detail. Wir soll­ten davor kei­ne Angst haben – weder vor dem Teu­fel noch vor dem Prü­fen unse­rer Annah­men; gut mög­lich, dass Ers­te­rer nicht exis­tiert und Letz­te­re uns in Ket­ten legen.



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