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Der neu­tra­le Schein

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Die Neu­tra­li­täts­in­itia­ti­ve ist eine, höf­lich gesagt, pro­ble­ma­ti­sche Initia­ti­ve. Der Slo­gan «Neu­tra­li­tät schützt, Neu­tra­li­tät nützt» ist sicher­lich erhe­bend für alle, die ger­ne an die mythi­sche Schweiz, die als selbst dekla­rier­tes neu­tra­les Boll­werk im Cha­os des krie­ge­ri­schen Euro­pas steht, glau­ben. Allein … das ist gröss­ten­teils Fantasie.

Die «immer­wäh­ren­de Neu­tra­li­tät» wur­de 1815 am Wie­ner Kon­gress ein­ge­führt. Sie war nicht, was eine post­na­po­leo­ni­sche, macht­lo­se und des­or­ga­ni­sier­te Schweiz woll­te. Denn die­se war mit ihrer not­fall­mäs­sig zusam­men­ge­bas­tel­ten Ver­fas­sung gar nicht in der Lage, mit geein­ter Stim­me zu sprechen.
Die Zen­tral­la­ge der Schweiz mach­te sie für die sich miss­trau­en­den euro­päi­schen Gross­mäch­te zu einem poten­zi­el­len Zank­ap­fel. Des­halb bestimm­ten sie, dass sie neu­tral und ter­ri­to­ri­al inte­ger sein sol­le. Damit nie­man­dem ein­fal­le, ein Stück­chen abzuzwacken.
Die­se Fremd­be­stim­mung wird fast nie erwähnt. Die patrio­tisch gepräg­ten Geschichts­schrei­ber Paul Schwei­zer (1852–1932) und Edgar Bon­jour (1898–1991) über­zeug­ten die Schweiz von der Idee, dass ihre Neu­tra­li­tät seit Jahr­hun­der­ten selbst gewählt und ‑bestimmt gewe­sen sei. Dies ist geschicht­lich zwar unhalt­bar, aber sicher popu­lä­rer als: Ihr hat­tet die Wahl zwi­schen Neu­tra­li­tät und Auf­tei­lung unter den Nachbarländern.

Die­se Idee wur­de Bestand­teil der Schwei­zer Iden­ti­tät, ein Mythos, der aus Ohn­macht muti­ge Selbst­be­stim­mung gemacht hat.
Abge­se­hen davon, ist die Neu­tra­li­tät in einer Zeit ent­stan­den, als Kon­flik­te meist in einem regio­na­len Kon­text gese­hen wur­den. Die Ver­wick­lung mit fer­nen Mäch­ten bei Krie­gen war hier bis ins 19. Jahr­hun­dert eine Aus­nah­me. Der Ers­te Welt­krieg war in Euro­pa der ers­te inter­kon­ti­nen­ta­le Kon­flikt, als US-Armeen in Euro­pa kämpf­ten und gleich auch noch die Spa­ni­sche Grip­pe mitbrachten.

Damals war die Neu­tra­li­tät der Schweiz am nütz­lichs­ten, ohne zur völ­li­gen Heu­che­lei zu ver­kom­men, da sie nicht als Tran­sit­kor­ri­dor für Waf­fen und Trup­pen die­nen muss­te. Die Anord­nung der Kriegs­geg­ner um die Schweiz mach­te sie für die­se Zwe­cke unwich­tig. Dafür pro­fi­tier­te die Schweiz davon, dass sie trotz eines Kriegs­ma­te­ri­al­ex­port­ver­bo­tes Muni­ti­ons­be­stand­tei­le mit harm­lo­sen Bezeich­nun­gen wie «abge­dreh­te Kup­fer­wa­re» oder «Mes­sing­stü­cke» expor­tier­te. Die Uhren­in­dus­trie stell­te Zig­tau­sen­de Zeit­zün­der her, die Maschi­nen­in­dus­trie Fräs- und Bohr­ma­schi­nen für aus­län­di­sche Munitionsfabriken.
Und waren wir dabei neu­tral? Nein. Da die Roh­stof­fe gross­teils von den Alli­ier­ten kamen, gin­gen 90 % der End­pro­duk­te an die­se zurück. Doch dem Bun­des­rat war dies egal. Die Arbeits­plät­ze waren sehr will­kom­men, und die Geschäf­te wur­den von Pri­vat­fir­men getä­tigt. Da man auf der Sei­te der Sie­ger gear­bei­tet hat­te, wur­den nach dem Krieg von die­sen der Schweiz kei­ne unan­ge­neh­men Fra­gen gestellt. Das soll­te das nächs­te Mal anders sein.

Zwi­schen den Welt­krie­gen wur­de die Schweiz zu einer aus­ge­la­ger­ten Werk­bank der Ver­lier­er­mäch­te, denen im Ver­trag von Ver­sailles eine eige­ne Rüs­tungs­in­dus­trie unter­sagt wor­den war. Die Schweiz wur­de so plötz­lich zum gros­sen Waf­fen­her­stel­ler. Die berühm­te 20-mm-Oer­li­kon-Kano­ne, ursprüng­lich eine deut­sche Ent­wick­lung, wur­de zum Exportschlager.
Im Zwei­ten Welt­krieg ver­kauf­ten Schwei­zer Unter­neh­men wei­ter­hin fleis­sig Waf­fen, Muni­ti­on, Bestand­tei­le von Waf­fen und kriegs­wich­ti­ge Güter wie Kugel­la­ger und Werk­zeug­ma­schi­nen, wobei dies­mal 84 % an die Deut­schen und die Ach­sen­mäch­te gin­gen. Neu­tra­li­tät sieht anders aus und die Men­schen in der Schweiz wuss­ten, genau, dass sie – soll­te Hit­ler sie­gen – dem Ver­lust ihrer Frei­heit und ihres Lan­des zuar­bei­te­ten: «Sechs Tage pro Woche pro­du­zie­ren wir für die Deut­schen; am sieb­ten beten wir für den Sieg der Alli­ier­ten» war in Arbei­ter­krei­sen ein geflü­gel­tes Wort.
Trotz­dem gibt es die Legen­de, dass die Schweiz im Zwei­ten Welt­krieg wegen der wehr­haf­ten Neu­tra­li­tät ver­schont wor­den sei. Die­ses Mär­chen tönt und tut dem Klein­na­tio­nen-Ego gut, ist aber Wunsch­den­ken. Die Schweiz wur­de ver­schont, weil sie auch so nütz­lich genug war: eine Waf­fen­fa­brik, die nicht bom­bar­diert wur­de, eine Bank, die ver­bo­te­ne Geschäf­te für die iso­lier­ten Nazis fast bis 1945 tätig­te (Raub­gold, anyo­ne?), ein Tran­sit­kor­ri­dor für Waf­fen- und Trup­pen­trans­por­te durch die Alpen, der nicht von Jagd­bom­bern atta­ckiert wurde.
Die­ses Schick­sal steht im Kon­trast zu den neu­tra­len Län­dern Bel­gi­en und Nie­der­lan­de, die 1940 über­rollt wur­den, weil sie mit ihren Kanal­küs­ten und als Angriff­sach­se nach Frank­reich stra­te­gisch zu wich­tig waren. Die Schweiz war für unmit­tel­ba­re Kriegs­zie­le unwich­tig. Der Schwei­zer Oppor­tu­nis­mus wur­de nach dem Krieg jedoch mit einer Straf­zah­lung von 250 Mil­lio­nen Fran­ken gebüsst.

Aus alle­dem ergibt sich klar: Eine ech­te mili­tä­ri­sche Schutz­funk­ti­on der Neu­tra­li­tät ist Fiktion.

Spä­tes­tens nach dem Zwei­ten Welt­krieg und mit der Erklä­rung der Men­schen­rech­te, deren Depo­si­tar­staat die Schweiz ist, soll­te sich der Blick auf die Welt von der Optik von 1815, 1907 (Neu­de­fi­ni­ti­on der Neu­tra­li­tät in der Haa­ger Land­kriegs­kon­ven­ti­on) oder 1939 ent­schei­dend wei­ter­ent­wi­ckelt haben. Mili­tä­risch ver­steck­te sich die Schweiz wäh­rend des Kal­ten Krie­ges hin­ter den Nato-Län­dern Deutsch­land, Frank­reich und Ita­li­en. Die Plan­spie­le des Mili­tärs in jener Zeit wie­sen klar dar­auf hin, dass die Schweiz neu­tral nur auf dem Papier war und sich exklu­siv auf die Ver­tei­di­gung gegen einen sowje­ti­schen Angriff aus dem Osten vor­be­rei­te­te. Eine Atta­cke von Frank­reich oder West­deutsch­land war jen­seits der Vor­stel­lungs­kraft. Das wirt­schaft­li­che und ideo­lo­gi­sche Ali­gnment mit die­sen Län­dern mach­te klar, dass die Schweiz Teil des Wes­tens war: Kapi­ta­lis­mus, demo­kra­ti­sche Wah­len, weit­ge­hen­de Meinungsfreiheit.

Und hier kommt das «Nüt­zen» wie­der zum Tra­gen: Die Schweiz konn­te, geschützt durch die Nato, hin­ter deren Rücken anrü­chi­ge Geschäf­te mit der UdSSR täti­gen. So erin­nert sich der Autor dar­an, dass sein Vater in den 80er-Jah­ren für einen Schwei­zer Gene­ral­un­ter­neh­mer an der Elek­tro­pla­nung und der Inbe­trieb­nah­me einer Gies­se­rei­an­la­ge in Russ­land arbei­te­te, wo auch Pan­zer­wan­nen für T‑72-Pan­zer her­ge­stellt wur­den. Beim Geld blieb man neu­tral, und dies­mal ganz ohne Not. Schwei­zer Fir­men ver­dien­ten an den Fabri­ken, aus denen die Pan­zer kamen, wel­che in den Plan­spie­len der Schwei­zer Armee abge­wehrt wer­den mussten.
Sprin­gen wir ins Heu­te: Dank eini­gen Skan­da­len mit Waf­fen­lie­fe­run­gen in Kon­flikt­re­gio­nen wur­de in einer Abstim­mung ein stren­ges Waf­fen­ex­port­ver­bot beschlos­sen, das zu einer sehr rigi­den Hand­ha­bung von Waf­fen­ex­por­ten führ­te, die so weit geht, dass sogar in der Schweiz fürs Aus­land pro­du­zier­te Luft­ab­wehr­mu­ni­ti­on nicht an das Opfer eines Angriffs­krie­ges wei­ter­ver­kauft wer­den kann. Hin­ge­gen scheint es kein ech­tes Pro­blem zu sein, dass Schwei­zer Mikro­chips Droh­nen in Kin­der­gär­ten, Wohn­blocks und Spi­tä­ler steu­ern. Und dies, obwohl sich die Schweiz dem EU-Boy­kott gegen Russ­land offi­zi­ell ange­schlos­sen hat.
Sol­che inter­na­tio­na­len Boy­kot­te gegen Ver­bre­cher­staa­ten sol­len, wenn es nach der Initia­ti­ve geht, ver­bo­ten wer­den. Die Initi­an­ten ver­ken­nen hier, dass Neu­tra­li­tät an einem bestimm­ten Punkt zu Kom­pli­zen­schaft wird und dass ein Angriffs­krieg zu einem staat­li­chen Ver­bre­chen gewor­den ist. Eine Neu­tra­li­tät, die vor­gibt, dass der Angrei­fer mit dem Opfer gleich­zu­set­zen ist, ist ver­ach­tens­wert und auf der Stu­fe jener Men­schen, die einem Ver­ge­wal­ti­gungs­op­fer immer eine Mit­schuld unter­stel­len (okay, da gibt es in den betref­fen­den Par­tei­en eine erheb­li­che Schnitt­men­ge, hm …). Die Schweiz rekla­miert für sich Demo­kra­tie, Mei­nungs­frei­heit und Selbst­be­stim­mung, soll in Zukunft aber die Augen davor ver­schlies­sen, wenn einem ande­ren Land genau die­se Wer­te geraubt wer­den sollen.

Zugleich hat sich die mili­tä­ri­sche Land­schaft extrem ver­än­dert. Geheim­dienst­in­for­ma­tio­nen, Früh­warn­sys­te­me und alter­na­ti­ve Waf­fen wie Zöl­le sind von einem Klein­staat viel schwe­rer abzu­weh­ren. Die Schweiz ist ein sehr fähi­ger Staat. Doch in einer Welt, in der Krie­ge nicht mehr nur in der phy­si­schen Rea­li­tät, son­dern auch vir­tu­ell geführt wer­den, in der Waf­fen von Pan­zern über Artil­le­rie, Luft­ver­tei­di­gung bis zu Infan­te­rie und Droh­nen­ver­bän­den inte­griert sind, ist ein Allein­gang extrem ris­kant. Wenn die Ver­tei­di­gung eines Lan­des frü­her noch eini­ger­mas­sen mit des­sen Grös­se kor­re­lier­te, sind die Auf­wän­de heu­te gleich, ob der Staat klein oder gross ist. Und in einem Han­dels­krieg gegen eine Gross­macht zählt nur Grös­se: Im Gegen­satz zur EU konn­te die Schweiz so lan­ge her­um­ge­schubst wer­den, bis die Regie­rung prak­tisch alles mach­te, was die USA woll­te. Inklu­si­ve Schmier­geld­zah­lun­gen in Form von unvor­teil­haf­ten Waf­fen­de­als, von denen die Schweiz nun nicht mehr abzu­wei­chen wagt. In einem heis­sen Krieg wäre die voll neu­tra­le Schweiz gegen­über Angrif­fen von aus­sen ohne Ver­bün­de­te prak­tisch blind: Kei­ne Satel­li­ten­auf­klä­rung, kei­ne Geheim­dienst­in­for­ma­tio­nen und kei­ne Ein­bin­dung in ein erwei­ter­tes Ver­tei­di­gungs­in­for­ma­ti­ons­netz­werk wür­den die effek­ti­ve Ver­tei­di­gung der Schweiz fast unmög­lich machen.
Doch war­um – so die logi­sche Fra­ge – soll­te die neu­tra­le Schweiz denn ange­grif­fen wer­den? Die Ant­wort ist ein­fach: Die Schweiz ist Teil der west­eu­ro­päi­schen Infra­struk­tur. Daten­hubs und ‑lei­tun­gen, Strom­lei­tun­gen, Finanz­zen­tren und Ver­kehrs­we­ge wer­den als stra­te­gi­sche Assets wahr­ge­nom­men, die aus­zu­schal­ten es sich rein prä­ven­tiv lohnt. Und in einem moder­nen Krieg wäre die Schweiz ohne Ver­bün­de­te prak­tisch hilf­los. Mit oder ohne F‑35 (auch weil die F‑35 nur in einem Netz­werk wirk­lich wirk­sam ist).

Und die Ver­mitt­ler­rol­le der Schweiz? Moder­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­we­ge haben den neu­tra­len Grund für Ver­hand­lun­gen viel unwich­ti­ger gemacht, und die Schweiz fin­det sich so immer wie­der auf dem Abstellgleis.

Doch immer­hin könn­te die super­neu­tra­le Schweiz in Frie­dens­zei­ten wenigs­tens all­fäl­li­ge Restrik­tio­nen umge­hen und mit all jenen han­deln, die von EU oder USA mit Boy­kot­ten bestraft wür­den. Es wür­de also der Wirt­schaft nüt­zen. Na ja, solan­ge die Schweiz dann nicht selbst boy­kot­tiert würde.
Die Schweiz soll­te aner­ken­nen, dass sie zwar – im Ver­gleich zur Grös­se – eine sehr bedeu­ten­de und erfolg­rei­che Wirt­schafts­macht, aber nicht in der Lage ist, sich in der heu­ti­gen Zeit (wie schon im Zwei­ten Welt­krieg) allei­ne zu ver­tei­di­gen. Dass wir uns das immer noch ein­re­den las­sen, ist zwar ver­ständ­lich, aber dient weder unse­rer Sicher­heit noch unse­rem Sta­tus in der Welt.

Die iso­la­tio­nis­ti­sche Neu­tra­li­tät, von der die Initi­an­ten träu­men, ist hoch­ge­fähr­lich und wür­de die Schweiz genau dar­um zu einem akti­ven stra­te­gi­schen Ziel machen: kost­bar und ver­wund­bar, weil isoliert.

Die Neu­tra­li­täts­in­itia­ti­ve hat das Ziel, die­se Iso­la­ti­on zum Gesetz zu machen, und behaup­tet, dass die Schweiz wie­der neu­tral – wie frü­her – wer­den sol­le. Wer die Geschich­te genau anschaut, sieht, dass die­se Neu­tra­li­tät sowohl 1914–1918, 1939–1945 als auch im Kal­ten Krieg vor allem Schein und nur sel­ten Sein gewe­sen ist. Nur: Wer eine Fan­ta­sie gesetz­lich zur Rea­li­tät erklä­ren will, könn­te schon bald ein unsanf­tes Erwa­chen erleben.



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