Sie waren das erste schwule Paar der Schweiz, das 2003 seine Partnerschaft amtlich eintragen liess: Röbi Rapp und Ernst Ostertag. Sie hatten damals bereits fünf Jahrzehnte zusammengelebt, und ihre Liebes- und zeitweise auch Leidensgeschichte ist genauso aufwühlend wie spannend, denn das Leben der beiden war und ist stark geprägt vom Kampf für die Gleichberechtigung gleichgeschlechtlicher Paare in der Schweiz.
Der vielfach ausgezeichnete Regisseur Stefan Haupt erzählt in seinem neuen Spielfilm «Der Kreis», wie sich Röbi Rapp, ein bekannter Travestie-Star, und Ernst Ostertag, der gerade als Französischlehrer zugelassen wurde, Anfang der fünfziger Jahre in Zürich kennen und lieben lernten. Haupt, der sich in den letzten Jahren in «How about Love» oder ein «Ein Lied für Agyris» mit ernsten Themen wie Kriegserinnerungen und kulturübergreifender Liebe auseinandergesetzt hat, beherrscht das Genre des Spielfilms genauso gut wie jenes des Dokumentarfilms. Für «Der Kreis» hat er nun beide Formen kombiniert. So ist der Film eine schlau gemachte Mischung aus realen Aufnahmen und Interviews mit Rapp und Ostertag, kombiniert mit semifiktiven und äusserst authentisch wirkenden Rückblicken, in denen die Schauspieler Matthias Hungerbühler und Sven Schelker den jungen Ostertag respektive Rapp verkörpern.
Beide Männer hatten auf unterschiedliche Weise mit den gesellschaftliche Moral- und Geschlechtervorstellungen ihrer Zeit zu kämpfen, waren lange Zeit gezwungen, ihre Beziehung unter teilweise entwürdigenden Bedingungen geheimzuhalten. Und obwohl die Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg bezüglich gleichgeschlechtlicher Liebe über eine der liberalsten Gesetzgebungen weltweit verfügte, wurden Rapp wie Ostertag immer wieder mit amtlichen Repressalien konfrontiert, die sich – damals wie heute – nur schwer mit der Vorstellung einer Schweiz vereinbaren lassen, in der Demokratie und Rechtssicherheit herrschen.
Allerdings befeuerte gerade die Repression beide zu einem starken Engagement in der Schwulenbewegung, die sich damals um den Verein «Der Kreis» und seine gleichnamige, mehrsprachige Monatszeitschrift aufzubauen begann. Durchaus humorvoll erzählen Ostertag und Rapp, mit welchen Tricks sie in der Schwulenszene dazumal die Argusaugen der Zensur umgingen. Die gespielten Szenen wiederum zeigen, wie etwa die Hefte unter abenteuerlichen Bedingungen ins Ausland geschmuggelt wurden, aber auch, wie die Homosexuellen und Lesben in ihren erkämpften Freiräumen zu feiern wussten, oder woher sie ihren damals noch starken Optimismus nahmen. Erst als Anfang der 60er-Jahre die Behörden immer rücksichtsloser vorgingen und die Justiz dabei wegschaute, zeigte sich, wie fragil die Bewegung doch war.
Dass der Film trotz einiger tragischer Sequenzen durchwegs positiv und hoffnungsfroh erscheint, dabei aber ohne jedes Pathos auskommt und stets sensibel und aufrichtig wirkt, ist eine grosse Leistung von Haupt, der zusammen mit Christian Felix, Ivan Madeo und Urs Frey am Drehbuch mitwirkte. Fast scheint es, als ob die Offenheit und Ehrlichkeit, um die Ostertag und Rapp ihr Leben lang gekämpft haben, alles durchdringt, und durch nichts und niemanden mehr unterzukriegen sei.
Dennoch ist «Der Kreis» kein leichter Tobak. Der Film versteht es blendend, einen Bogen zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu spannen und die Sinne des Publikums zu schärfen. Denn Information tut offenbar noch immer Not – bis heute müssen jene, die sich für die Gleichberechtigung aller non-konformen mit bürgerlich akzeptieren Lebens- und Liebesformen einsetzten damit rechnen, bevormundet, angefeindet oder aktiv diskriminiert zu werden. Auch die Nachrichten, welche seit einiger Zeit vermehrt zu uns dringen, sind durchwegs beunruhigend: So steht in mehreren afrikanischen und arabischen Staaten auf Homosexualität schwere körperliche Züchtigung oder gar wieder die Todesstrafe; in Russland ist die Schwulenhatz inzwischen staatlich sanktioniert; und auch in weniger restriktiven Staaten kommt es inzwischen sofort zu Grossdemonstrationen, wenn die geringste gesetzliche Liberalisierung für Homosexuelle ansteht.
Über zehn Jahre sind in der Schweiz seit der ersten eingetragenen gleichgeschlechtlichen Partnerschaft vergangen, die mit grossem Medienecho zelebriert wurde. Die vorbehaltlose Akzeptanz von Homosexuellen innerhalb der Gesellschaft ist aber auch bei uns noch lange keine Selbstverständlichkeit.
«Der Kreis», Schweiz 2014. Regie: Stefan Haupt. Länge: 102 Minuten. Ab dem 18. September 2014 in Deutschschweizer Kinos.
Bild: Filmstill aus «Der Kreis», Schweiz 2014. zVg.
Publiziert: ensuite Ausgabe Nr. 141, September 2014