Der Aus­drucks­tanz

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Von Kris­ti­na Sol­da­ti - Mon­te Veri­tà, die Wie­ge des Aus­drucks­tan­zes Emil Nol­de betrach­te­te den bizar­ren Tanz Mary Wig­mans (damals noch: Marie Wieg­mann) und mein­te: «Es gibt noch jeman­den, der tanzt wie Du: Rudolf von Laban!» Die frisch diplo­mier­te Rhyth­mi­sche-Gym­nas­tik-Leh­re­rin vom Dal­cro­ze-Insti­tut in Hel­ler­au, Mary Wig­man, konn­te bis­lang nur in der stil­len Kam­mer tan­zen wie sie woll­te. Dal­cro­zes Theo­rie war näm­lich, dass Dyna­mik, Takt­art und Struk­tur der Musik durch tanz­ähn­li­che Bewe­gun­gen bes­ser nach­emp­fun­den und ver­stan­den wer­den. Nicht aber, dass Tanz etwas Unab­hän­gi­ges sei. So folg­te sie im Som­mer 1913 dem ver­heis­sungs­vol­len Mann Rudolf von Laban auf den Mon­te Veri­tà bei Asco­na. Sie muss­te nur den Gong­schlä­gen und Hand­trom­meln nach­ge­hen und oben erwar­te­te sie die Frei­heit: Impro­vi­sa­tio­nen im Tanz frei von Musik, Nackt­kul­tur sowie mys­ti­sche Natur­spie­le. Der Tanz der Däm­me­rung erfolg­te bei Son­nen­un­ter­gang auf einem Berg­ab­hang, der Tanz der Dämo­nen um Mit­ter­nacht um ein Feu­er her­um, der abschlies­sen­de Tanz des Son­nen­auf­gangs rich­te­te sich gen Osten. Was steck­te hin­ter den kul­ti­schen Ritualfeiern?

Nietz­sches Ein­fluss Nietz­sches Werk «Also sprach Zara­thus­tra» wir­ke auf die Avant­gar­de-Künst­ler mit sei­nem pro­phe­ti­schen und bibli­schen Duk­tus magisch: Jeder fühl­te sich beru­fen, dem Auf­ruf zu fol­gen, mit Über­kom­me­nem zu bre­chen und die schöp­fe­ri­sche Lebens­kraft ganz aus sich zu ent­fal­ten. Dem Tanz fiel dabei eine ganz urtüm­li­che Rol­le zu. Der dio­ny­si­sche Tanz sei die ursprüng­lichs­te Bekun­dung der Freu­de, deren heil­sam-eksta­ti­sche Kraft. Laban ver­kün­de­te die­se die gan­ze Mensch­heit betref­fen­de Ver­heis­sung mit Vor­lie­be. Alle soll­ten von den Zivi­li­sa­ti­ons­schä­den erlöst wer­den. Für Mary war Nietz­sche zwar ein Weg­wei­ser, doch nur ein «zwei­di­men­sio­na­ler Tän­zer, […] die­ser Vor­tän­zer des Über­men­schen jam­mert noch zu viel und tanzt noch lan­ge nicht genug». Als im nächs­ten Som­mer, im August 1914, Deutsch­land die Gene­ral­mo­bil­ma­chung aus­ruft, ver­waist die schwei­zer Som­mer-Kolo­nie auf dem Mon­te Veri­tà. Laban und die mitt­ler­wei­le zur Assis­ten­tin avan­cier­te Mary Wig­man blei­ben sich und ihren Selbst­stu­di­en über­las­sen. Laban fürch­tet, als ehe­ma­li­ger k.u.k.-Reserveoffizier noch ein­ge­zo­gen zu wer­den. Ihre aus­ge­ar­bei­te­ten Plä­ne für ein Tanz­zen­trum in Deutsch­land wer­den kur­zer­hand nach Zürich ver­la­gert (Vera Sko­ro­nel und Ber­the Trüm­py wer­den dort aus­ge­bil­det, zwei gros­se künf­ti­ge Mary-Wig­man-Tän­ze­rin­nen). Laban tritt einer Frei­mau­rer­lo­ge bei. Sei­nen Appe­tit auf ritu­el­le Fest­lich­kei­ten kann er als Haupt­ze­re­mo­nien­meis­ter hier gewiss stil­len. Bald schon gehört Rudolf von Laban zur künst­le­ri­schen Sze­ne Zürichs. Die­se wird von den Dada­is­ten bevöl­kert. Ihre Auf­fas­sung von radi­ka­ler Neue­rung liegt ihm. In ihrem Kreis sind die ers­ten Auf­trit­te sei­ner Schu­le, so wie umge­kehrt Lab­ans Tanz-Freun­des­kreis die treu­en Bewun­de­rer der Dada-Aus­stel­lun­gen stellt. Nur eine ist selt­sam immun gegen­über dem iro­nisch-ver­spiel­ten Dada: Mary Wig­man mit ihrem wei­he­vol­len Ernst. Sie bleibt dem Expres­sio­nis­mus ver­haf­tet. Ergrif­fen prä­sen­tiert sie dem Dad­aK­reis eine dekla­ma­to­ri­sche Vert­an­zung des Werks «Also sprach Zara­thus­tra». Ernst ist es wohl auch der deut­schen Regie­rung, wenn sie mit 150 000 Exem­pla­ren die­ses Buch nebst Bibel den Sol­da­ten auf den Weg an die Front mitgibt.

Im Zür­cher Stadt­thea­ter, dem Pfau­en­thea­ter, ern­tet Mary Wig­man 1917 vom bür­ger­li­chen Publi­kum nur Hohn und Pfif­fe. Die «NZZ» fragt: «Wes­halb […] melan­cho­li­sches Spe­ku­lie­ren über nächt­li­che Abgrün­de, wenn rings umher fri­sche, grü­ne Wei­de liegt?»

Was bringt die grü­ne Wei­de? Was also trei­ben die Begrün­der des Aus­drucks­tan­zes, Mary Wig­man und Rudolf von Laban auf den saf­ti­gen Wie­sen von Asco­na? Laban misst mit dem Meter­band … die Beweg­lich­keit des Kör­pers aus, setzt das Win­kel­mass an Mary an. Eine bahn­bre­chen­de Arbeit beginnt: Laban ver­sucht eine defi­nier­ba­re Struk­tur für ein Modell der mensch­li­chen Bewe­gung auszumachen.

Lab­ans Theo­rie Wie Leo­nar­do da Vin­ci in sei­ner Feder­zeich­nung «Der vitru­via­ni­sche Mensch» zeigt, ist der Mensch den Pro­por­tio­nen der Kör­per­glie­der gemäss sowohl in einen Kreis als auch in ein Qua­drat zu span­nen. Der For­scher Laban, am plas­ti­schen Bewe­gungs­ra­di­us inter­es­siert, plat­ziert ihn in eine Kugel und einen Wür­fel. Doch es stellt sich her­aus, dass die idea­le geo­me­tri­sche Figur, wel­che sowohl den Pro­por­tio­nen als auch den meist­ge­nutz­ten Rich­tun­gen gerecht wird, der Iko­sa­eder ist (ein Zwölf­eck). Von sei­nen Kan­ten aus hat der Iko­sa­eder durch sei­ne Mit­te drei glei­che recht­ecki­ge Flä­chen gespannt, die jeweils senk­recht zuein­an­der sind. Die­se drei Recht­ecke ent­spre­chen zum einen dem auf­rech­ten Mensch in seit­lich leicht­ge­spreiz­ter Arm- und Bein­po­si­ti­on (in der ver­ti­ka­len Flä­che), zum zwei­ten dem­sel­ben auf­rech­ten Men­schen in vor-rück-gespreiz­ter Posi­ti­on (in der sagit­ta­len Flä­che) und zum drit­ten einer Ebe­ne um den Nabel her­um, die wie eine Tisch­plat­te sowohl die hori­zon­ta­len Rich­tun­gen, in die wir uns bewe­gen kön­nen als auch die Bein­rich­tun­gen im 90°-Winkel erfasst (die hori­zon­ta­le Fläche).

Dies ist erst der Anfang. Der Tän­zer im Raum, mit sei­ner Ori­en­tie­rung, Sym­me­trie, Pro­por­ti­on, aber auch die Gestalt der Bewe­gungs­ab­fol­ge gehö­ren zu sei­ner Theo­rie der Chor­eu­tik. Dann aber stürzt er sich in das unglaub­li­che Unter­fan­gen, eine Sys­te­ma­tik mensch­li­cher Dyna­mik, der mög­li­chen Dyna­mi­ken mensch­li­cher Bewe­gung zu ent­wer­fen. Die­se nennt er Euki­ne­tik. Natür­lich ist die Euki­ne­tik im Zeit­al­ter des Aus­drucks­tan­zes beson­ders aktu­ell und for­dernd. Denn jede Dyna­mik ist dem Aus­drucks­tanz will­kom­men, kei­ne tra­dier­te Ästhe­tik trifft eine Aus­le­se. Sys­te­ma­tisch sucht Laban erst nach gemein­sa­men Fak­to­ren hin­ter den Antriebs­kräf­ten, wie er die Dyna­mik auch nennt: Allen ist Raum, Zeit und eine Kraft gemein. Jeder die­ser Fak­to­ren erstreckt sich auf einer Ska­la zwi­schen zwei Polen (bei der Zeit wäre die Ska­la zwi­schen «plötz­lich» und «all­mäh­lich»). So unwahr­schein­lich es klingt, Laban schafft es, jede mensch­li­che Dyna­mik in der Kom­bi­na­ti­on die­ser Fak­to­ren zu beschrei­ben. Es gelingt ihm nicht nur sie der­art zu ana­ly­sie­ren, son­dern ihr auch eine Nota­ti­on zuzu­wei­sen. Eine Nota­ti­on, die des Namens wür­dig ist: sie bleibt ent­zif­fer­bar und anwend­bar. Mehr noch, sie kann (angeb­lich) durch Zusät­ze mit den Ent­wick­lun­gen im zeit­ge­nös­si­schen Tanz mithalten.

Was für einen Nut­zen bie­tet die Theo­rie für den Tän­zer? Laban mein­te, er kön­ne eine Art Ton­lei­ter, A‑Skalen und B‑Skalen, soge­nann­te «Laban-Schwün­ge» anhand des Iko­sa­eders anbie­ten, die wie Mor­gen­ge­be­te den Tän­zer auf die Erfor­der­nis­se des Tages ein­stim­men. Doch als Mary Wig­man die ver­lang­ten Bewe­gungs­ska­len mit der ihr eige­nen, gan­zen Hin­ga­be tanz­te, unter­brach sie Laban wütend, «sie wür­de mit ihrer schreck­li­chen Aus­drucks­in­ten­si­tät sei­ne gan­ze Theo­rie tän­ze­ri­scher Har­mo­nie rui­nie­ren.» – Mary wird ihre künst­le­ri­sche Ent­fal­tung ohne Lab­ans Theo­rie zuwe­ge bringen.

Mary Wig­mans Stil Auf dem Mon­te Veri­tà grei­fen mit dem Auf­ent­halt C.G. Jungs die Gedan­ken der Psy­cho­ana­ly­se um sich. Marys Hexen­tanz, Dämo­nen­tän­ze und eksta­ti­schen Stü­cke befin­den sich an der Schnitt­stel­le zwi­schen Tie­fen­psy­cho­lo­gie und einer eigen­tüm­li­chen wig­man­schen Meta­phy­sik. Betrach­ten wir den eksta­ti­schen Tanz. Mit ihrer Dreh­mo­no­to­nie hat Mary Wig­man eine bemer­kens­wer­te Trance­tech­nik ent­wi­ckelt. Ihr Kör­per bil­det unver­rück­bar eine Ach­se, um die sie mit stets ein­wärts über­tre­ten­dem Bein eine Spinn­kraft ent­wi­ckelt, die sich in einer zuneh­men­den Geschwin­dig­keit ent­lädt. Wäh­rend ihre Arme seit­lich wel­len­ar­ti­ge Akzen­te geben, wird ihr Kör­per immer wei­ter nach oben geso­gen, was sie als einen Schwe­be­zu­stand emp­fin­det. Bis zu acht Minu­ten hält die Trance. Die Gegen­stän­de, von Anbe­ginn nie anvi­siert (im Gegen­satz zum Fixie­ren eines Punk­tes mit dem Blick beim klas­si­schen Tanz), ver­schwim­men. Sie fühlt sich einer­seits ent­ho­ben, ande­rer­seits «als Mit­tel­punkt des gros­sen Bewe­gungs­ge­sche­hens». Dann aber wie­der­um – und das rela­ti­viert den ego­zen­tri­schen Blick – als eine Art Sym­bol, «Teil aller unend­lich schwin­gen­den Welt­kör­per». So heisst’s im Tage­buch. Mary Wig­mans Aus­drucks­tanz war immer bedeu­tungs­ge­la­den. Die gedruck­ten Begleit­wor­te waren aber sel­ten hilfreich.

Mary Wig­mans Wir­kung Als die Schweiz Marys Auf­ent­halt nach dem Krieg nicht wei­ter geneh­migt, geht sie nach Dres­den, der vor­erst ein­zi­gen deut­schen Stadt, die ihr zuju­belt. Als die ihr ver­spro­che­ne Bal­lett­meis­ter­stel­le an der Sem­per­oper wei­ter­ver­ge­ben wird, springt die Züri­cher Indus­tri­el­len­toch­ter Ber­the Trüm­py zu Hil­fe und kauft in Dres­den ein Haus, die künf­ti­ge Mary-Wig­man­Schu­le. Mit ihrem neu­en Stil wirkt Mary wie ein Magnet. Inner­halb von ein bis zwei Jah­ren hat sie die bes­ten Tän­zer des Lan­des um sich: Harald Kreutz­berg, Hanya Holm, Gret Paluc­ca, Max Ter­pis, Yvonne Geor­gi (neben den alten Schü­le­rin­nen Vera Sko­ro­nel und Ber­the Trüm­py). Wenn ein Win­ter­thu­rer Mäzen 1923 die Bil­dung der ers­ten moder­nen pro­fes­si­on­nel­len Trup­pe spons­ort, ist es kei­ne Fehl­in­ves­ti­ti­on: ihr ist Erfolg beschie­den. Sie erobert nach und nach lan­des­weit Publi­kum und Pres­se und scheint auf dem zwei­ten Tän­zer­kon­gress gegen­über dem riva­li­sie­ren­den Laban-Lager künst­le­risch den Sieg davonzutragen.

Von da an hört man aber kri­ti­sche Stim­men vom Fach: der Höhe­punkt sei wohl hin­ter ihr, der Pathos nicht immer erträg­lich. Ihre Trup­pe muss sie aus finan­zi­el­len Grün­den auf­lö­sen. Zwei Gast­spie­le in New York tref­fen noch auf Eupho­rie, das drit­te auf Sät­ti­gung und Ableh­nung. Wig­man scheint nur noch beim kon­ser­va­ti­ven Bil­dungs­bür­ger­tum gefragt, die Auf­ge­schlos­se­ne­ren rich­ten ihren Blick auf Gesell­schafts­kri­tik. Val­eska Gert, Kurt Jooss und der rote Jean Weidt sind die enga­gier­te­ren Tän­zer. Bewe­gungs­tech­nisch gehö­ren sie (noch) zum Ausdruckstanz.

Unterm Haken­kreuz Ab 1933 ist es vor­bei mit der Gesell­schafts­kri­tik. Mary Wig­man ist für die NSDAP hof­fä­hig. Obwohl aus Goeb­bels Tage­buch her­vor­geht, er wün­sche sich den Tanz «beschwingt und schö­ne Frau­en­kör­per zei­gend» statt «phi­lo­so­phisch [wie] Pal­luc­ca und Mary Wig­man». Doch ihre Phi­lo­so­phie muss ihm schmei­cheln: sie schreibt 1935 ein Buch zum deut­schen Wesen: «Die deut­sche Tanzkunst».

Mary Wig­man legt kei­nen vor­aus­ei­len­den Gehor­sam an den Tag. Sie fügt sich aber ohne viel Erhe­bens. Und ohne Kom­men­tar. In ihrem Tage­buch bei­spiels­wei­se ver­merkt sie 1934 wort­karg: «Clär­chen Gold­schmidt nicht mehr da, Selbst­mord.» Auch Harald Kreutz­berg, ein begna­de­ter und welt­be­rühm­ter Aus­drucks­tän­zer, schafft es, sich ohne jeg­li­che Stel­lung­nah­me durch das Drit­te Reich zu manö­vrie­ren: «Das Schick­sal erspar­te mir eine Stel­lung­nah­me, die unwei­ger­lich zum Bruch und für mich zur Kata­stro­phe hät­te füh­ren müs­sen.» Er blieb ein per­sön­li­cher Günst­ling Goeb­bels und wur­de als «kul­tu­rel­ler Pro­pa­gan­dist» bis zum Krieg auf Aus­land­tour­neen geschickt. Rudolf von Laban war da schon dezi­dier­ter, viel­leicht aus der unsi­che­ren Lage eines Nicht­deutsch­blü­ti­gen her­aus. Er schmei­chel­te mit sei­nen gross­for­ma­ti­gen Bewe­gungs­chö­ren, die in den Dienst der Zusam­men­ge­hö­rig­keit des deut­schen Vol­kes gestellt wur­den. Er war Direk­tor der Ber­li­ner Staats­oper bis 1934, Lei­ter der Deut­schen Tanz­fest­spie­le 1934, Direk­tor der neu­ge­grün­de­ten Tanz­büh­ne, anschlies­send der Deut­schen Meis­ter­werk­stät­ten für Tanz und gela­den für die Olym­pi­schen Fest­spie­le 1936. Dann aber war sein Schick­sal ihm nicht mehr hold…

Als ein Ver­ant­wort­li­cher für Erb- und Ras­sen­leh­re sich 1934 in die Schu­le Mary Wig­mans nie­der­liess, wo sie übri­gens auch leb­te, ver­moch­te er ihr kei­ne inhalt­li­che Aus­ein­an­der­set­zung zu ent­lo­cken. Nicht ein­mal im Tage­buch. Sie kon­sta­tiert nur: «Kei­ne Pri­vat­exis­tenz mehr. Gefäng­nis­le­ben hier im Haus. Nichts zu machen».

Einer, der es anders macht: Kurt Jooss Kurt Jooss war Schü­ler und bald Assis­tent Lab­ans nach des­sen Schwei­zer Zeit. Da Laban mehr noch als zu cho­reo­gra­fie­ren es lieb­te, die Men­schen aus ihren Hem­mun­gen zu lösen, hat­te Jooss genug Gele­gen­heit, sein schöp­fe­ri­sches Talent anzu­brin­gen. 1924 fühl­te er sich reif und just bekam er eine Bal­lett­meis­ter­stel­le in Müns­ter ange­bo­ten. Nur weni­ge schaff­ten es damals von der frei­en Sze­ne ans Thea­ter, denn nur ver­ein­zel­te Thea­ter hat­ten den Mut für radi­kal Neu­es (Mary Wig­mans Ver­trags­an­ge­bot an der Sem­per­oper wur­de wie erwähnt kurz vor Spiel­zeit­be­ginn zurück­ge­zo­gen). Als Kurt Jooss’ Part­ner, ein Tän­zer, Büh­nen­staub­all­er­gie bekam und die Stel­le auf­ge­ben muss­te, grün­de­te er mit ihm eine Schu­le. Mehr noch: Zusam­men mit dem Opern­di­rek­tor die ers­te spar­ten­über­grei­fen­de Kunst­aus­bil­dung Deutsch­lands. Für den Tanz schweb­te ihm vor Augen, ihn «von jeg­li­cher welt­an­schau­li­chen Ver­mum­mung zu ent­klei­den». Aus ihr wird die legen­dä­re Folk­wang­schu­le ent­ste­hen, noch heu­te die Adres­se für moder­nen Tanz. Die Lab­an­schen Metho­den der Chor­eu­tik und Euki­ne­tik bil­de­ten die Grundlagen.

Jooss inte­griert Inzwi­schen fand der ers­te Tän­zer­kon­gress (1927) statt. Die zer­split­terts­te aller Kunst­ar­ten (von Gesell­schafts­tanz, klas­si­schem Büh­nen­tanz bis frei­em Tanz) soll­te ein­heit­li­cher in der Öffent­lich­keit (auch in Lohn­fra­gen) auf­tre­ten kön­nen, eine Gewerk­schaft grün­den und eine staat­li­che Aus­bil­dungs­stät­te for­dern. Alle nam­haf­ten Tän­zer und Päd­ago­gen waren zur Stel­le – aus­ser Mary Wig­man. Riva­li­tä­ten, schon bei der Orga­ni­sa­ti­on, führ­ten zu ihrem Fern­blei­ben. Und zu ihrer Grün­dung eines eige­nen Inter­es­sen­ver­bands. Kurt Jooss über­nahm dar­auf­hin die Orga­ni­sa­ti­on des zwei­ten Kon­gres­ses und schlich­te­te zwi­schen zwei Ver­bän­den. Bei der Fra­ge der Tanz­aka­de­mie kris­tal­li­sier­te sich im Ple­num des zwei­ten Tanz­kon­gres­ses der Zwie­spalt in der Tanz­welt her­aus: Klas­sik oder Moder­ne? Soll das klas­si­sche Bal­lett noch in einer neu zu schaf­fen­den Aus­bil­dung ver­tre­ten sein oder ist dem moder­nen Tanz à la Mary Wig­man als kul­tu­rel­ler Neue­rung voll und aus­schliess­lich Rech­nung zu tra­gen? Kurt Jooss stand für eine Syn­the­se ein. Er for­der­te die Tän­zer auf, sich so viel­sei­tig wie mög­lich zu bil­den. Ein noch heu­te gül­ti­ger Rat.

Essen war im kul­tu­rel­len Auf­wind. Das Ruhr­ge­biet, die Arbei­ter­re­gi­on Deutsch­lands, woll­te sich Kul­tur leis­ten, und zwar gute. Hat­ten die Müns­te­ra­ner Spiess­bür­ger gera­de gegen ihre Thea­ter­lei­tung intri­giert? Um so bes­ser! Essen emp­fing nach und nach die gesam­te Müns­te­ra­ner Rige samt der inter­dis­zi­pli­nä­ren Aka­de­mie von Kurt Jooss. Der gute Ruf der Aka­de­mie mach­te an Lan­des­gren­zen nicht halt. Essen ging auch auf Jooss’ Vor­schlag ein, den erwähn­ten zwei­ten Tanz­kon­gress zu beher­ber­gen und hielt hoff­nungs­voll an Kurt Jooss fest, als er von der Ber­li­ner Staats­oper ein Ange­bot erhielt. Jooss emp­fahl Rudolf von Laban für den Pos­ten. Die­ser wirk­te seit kur­zem an der Folk­wang-Schu­le (nach­dem er wie des öfte­ren – gera­de Kon­kurs gemacht hat­te). Und Laban geht. In den dar­auf­fol­gen­den Jah­ren der Depres­si­on pri­va­ti­siert sich die Schu­le, um der Stadt nicht zur Last zu fal­len und die Leh­rer arbei­ten für das hal­be Geld.

Jooss kri­ti­siert Auf der Büh­ne prä­sen­tiert Jooss Cho­reo­gra en, in denen er sich von sei­nen expres­sio­nis­ti­schen Anfän­gen, «dem frei­en, in sei­ner Art ‚bar­ba­ri­schen’ Aus­drucks­tanz» abkehrt, wie er meint. Die Gefühls­ins­brunst war noch nie sei­ne Sache, und nun sieht er sich von der neu­en Sach­lich­keit gefor­dert: von «spar­sa­mer Öko­no­mie und kunst­ge­mäs­ser Beschrän­kung». Er stellt den Men­schen in ein bestimm­tes und ihn bestim­men­des Milieu. Das war unwei­ger­lich Gesell­schafts­kri­tik. Er brand­markt den Kon­takt­man­gel der Men­schen, die rast­los has­ten­de Gesell­schaft. Als Abon­nent der Welt­büh­ne liest er Tuchol­skys Auf­ru­fe zum Auf­rüs­tungs­stop. 1932 schöpft Jooss für einen Cho­reo­gra­fen­wett­be­werb in Paris ein Stück über den Krieg mit dem Titel «Der grü­ne Tisch». Es wird ein aus­ser­or­dent­li­cher Erfolg und erhält den ers­ten Preis. Es gilt als sein gelun­gens­tes Werk mit sei­ner for­ma­len Eng­füh­rung. An einem lan­gen Tisch, der sich bis in den Büh­nen­hin­ter­grund zieht, bie­gen und beu­gen sich zu bei­den Sei­ten wich­tig­tue­ri­sche Beam­te in Frack. Sie stei­gern sich in einen Streit, ein Schuss fällt und der Krieg ist lan­ciert. Der Tod, ein stei­fes Uni­for­men-Ske­lett, sucht nach und nach alle Gesell­schafts­schich­ten heim. Der Tanz ist ein beklem­men­der Todes­rei­gen, an des­sem Ende das Anfangs­bild steht, der Tisch mit viel Frack. Wel­cher Kon­trast zu Wig­mans heroi­scher Behand­lung des Todes an den Olym­pi­schen Festspielen!

Als 1932 mit einem neu­en Inten­dan­ten der Hit­ler­gruss am Thea­ter ein­ge­führt wird und die jüdi­schen Mit­ar­bei­ter ent­las­sen wer­den, nimmt Jooss sei­nen Hut. Den gekün­dig­ten Mit­ar­bei­tern erwirkt er über büro­kra­ti­sche Hin­der­nis­se hin­weg noch Aus­rei­se­ge­neh­mi­gun­gen als Mit­glie­der sei­ner (selb­stän­di­gen) Tour­nee-Kom­pa­nie. Der lebens­lan­ge Freund und jüdi­sche Kom­po­nist Fritz Cohen darf nicht mehr das Thea­ter betre­ten und Jooss sol­le, wenn’s denn nun sein muss, des­sen Stü­cke spie­len, ohne den Namen zu nen­nen. «Dar­auf ant­wor­te­te ich: Wenn Sie glau­ben, dass jüdi­sche Musik für Deut­sche schlecht ist, bleibt es jüdi­sche Musik, ob Cohens Name nun erwähnt wird oder nicht». Auf­tritts­mög­lich­kei­ten in Deutsch­land erge­ben sich kei­ne mehr. Auch wenn Jooss es nicht wahr­ha­ben will. Weni­ge Tage vor der geplan­ten Nie­der­land­enTour­nee erhält er aus Frei­mau­rer­krei­sen einen Wink, das Land schnellst­mög­lichst zu ver­las­sen. Er gibt dar­auf­hin der Pres­se den offi­zi­el­len Abrei­se­ter­min in drei Tagen bekannt. Jooss packt über Nacht die Kof­fer, bringt sei­ne Toch­ter unter und reist samt Kom­pa­nie vor Tages­an­bruch ab. Weni­ge Stun­den vor dem offi­zi­el­len Ter­min klin­gelt es an sei­ner Tür in Essen. Sein Part­ner Lee­der öff­net die Tür: eine «Kom­mis­si­on» wünscht Jooss, ver­geb­lich, und kon­fis­ziert die Wohnung.

Jooss’ Wir­kung aus­ser Lan­des Kurt Jooss, sei­ne Kom­pa­nie und Dut­zen­de ihm nach­fol­gen­de Schü­ler fin­den in der reform­päd­ago­gi­schen Aka­de­mie Dart­ing­ton in Eng­land ein gast­freund­li­ches Zuhau­se. Von dort aus tourt Jooss welt­weit. Die Ein­la­dung, an den Olym­pi­schen Fest­spie­len teil­zu­neh­men, lehnt er ab und ver­weist auf das solis­ti­sche Kol­lek­tiv sei­nes Ensem­bles, das den erwünsch­ten Mas­sen­for­ma­tio­nen so gar nicht nahe­kommt. Bei einer Durch­rei­se durch Paris stösst Jooss 1937 auf einen her­un­ter­ge­kom­me­nen Rudolf von Laban. Er ist sehr krank, in Deutsch­land kürz­lich in Ungna­de gefal­len und uner­wünscht. Als ihn Jooss auf der Rück­rei­se in unver­än­der­tem Zustand wie­der­fin­det, nimmt er ihn nach Dart­ing­ton mit. Dort ver­fasst Jooss 1939 ein Stück über den Auf­stieg eines Tyran­nen. Die nega­ti­ve Figur wan­delt sich in eine posi­ti­ve, als sie durch ein Selbst­op­fer eine eska­lie­ren­de Kata­stro­phe ver­hin­dert. Der Kriegs­aus­bruch weni­ge Wochen nach der Pre­miè­re straft die­se Hoff­nung Lügen. Kurt Jooss schickt sei­ne Kom­pa­nie zum ers­ten mal allein auf Tour­nee nach Über­see. Er selbst möch­te der bri­ti­schen Regie­rung gegen­über dem ver­hass­ten NS-Régime in wel­cher Form auch immer zur Ver­fü­gung ste­hen. Womit er nicht rech­nen kann: sie kom­men und ste­cken ihn in Haft. Erst als sich renom­mier­te Per­sön­lich­kei­ten wie der Volks­öko­nom Lord John May­nard Keynes für ihn und ähn­li­che «feind­li­che Aus­län­der» ein­set­zen, kommt Jooss nach einem hal­ben Jahr frei.

Im Exil mach­te Jooss die Welt mit sei­ner Kunst bekannt, im Nach­kriegs­deutsch­land macht er den tän­ze­ri­schen Nach­wuchs mit der ver­pass­ten Welt bekannt: Er wird den Nach­wuchs an der Folk­wang-Schu­le mit den welt­weit bes­ten Lehr­kräf­ten ver­se­hen, die ihm in den Exil­jah­ren zu Freun­den wur­den. Pina Bausch wird eine sein, die davon profitiert.

Bild: Mary Wig­man von Char­lot­te Rudolph
ensuite, Febru­ar 2008



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