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Das Tanz­thea­ter – Die Moder­ne im Abseits

Von Kris­ti­na Sol­da­ti - Die Thea­ter vor dem Drit­ten Reich war­ben um den Mann aus der avant­gar­dis­ti­schen frei­en Sze­ne: Kurt Jooss. Nach dem Drit­ten Reich, aus dem Exil heim­keh­rend, darf er wie­der anknüp­fen – an sei­ner pri­va­ten Schu­le. Mit ver­klemm­tem Lächeln emp­fängt man auch die Heim­keh­rer Ber­tolt Brecht, Erwin Pis­ca­tor und Fritz Kort­ner. Man begeg­net den als Lin­ke dif­fa­mier­ten miss­trau­isch und kei­ner von ihnen bekommt bis in die 60er eine bedeu­ten­de Stel­le an bun­des­deut­schen Thea­tern. Kurt Jooss nutzt sei­ne Schu­le zum Auf­bau des Folk­wang-Tanz­thea­ters, so dass er 1951 sein mitt­ler­wei­le welt­be­kann­tes Stück «Der grü­ne Tisch» erst­mals auch in Deutsch­land her­um­zei­gen kann. Wir erin­nern uns, in die­sem Tanz­dra­ma bricht an einem lan­gen Tisch mit viel Frack die Kriegs­eu­pho­rie aus, die einen lan­gen Todes­rei­gen nach sich zieht und letzt­lich in der Anfangs­sze­ne mün­det. Drei Mona­te spä­ter tanzt Mari­ka Rökk auf die­sem Tisch. Was ist pas­siert? «Sen­sa­ti­on in San Remo» ist ein Film, der wie vie­le ande­re die Mühen der Nach­kriegs­jah­re ver­ges­sen las­sen soll und die schö­nen Bei­ne der erfolg­rei­chen Ope­ret­ten­sän­ge­rin Mari­ka Rökk zeigt – aber eben auf dem besag­ten Tisch. Mit näm­li­chem Frack und expres­sio­nis­ti­scher Ges­tik. Ein Gerichts­ent­scheid ver­fügt, 52 m sind wegen Pla­gi­ats aus dem Film auszuschneiden.

Doch der respekt­lo­se Umgang mit dem moder­nen Tanz ist damit nicht aus­ge­merzt, die Unter­hal­tungs­kul­tur hat auch in den Insti­tu­tio­nen ihren Sie­ges­zug ange­tre­ten. Wen wundert’s? Der deut­sche Bür­ger emsig und arbeit­sam es gilt, ein Land wie Phoe­nix aus der Asche stei­gen zu las­sen! – sucht die Bestä­ti­gung. Bis Ende der 50er schafft es Deutsch­land, sich zur zweit­gröss­ten Wirt­schafts­na­ti­on der Welt nach den USA empor­zu­schuf­ten. Und die Tanz­kunst leis­tet dazu ihren affir­ma­ti­ven Bei­trag. Die Exzen­trik und Indi­vi­dua­li­tät der Aus­drucks­tän­zer wür­de die täti­ge Auf­bruch­stim­mung einer sich neu for­mie­ren­den Gesell­schaft nur stö­ren. In die­ser will jeder nur unauf­fäl­lig blei­ben, in jeder Bezie­hung, auch in der des Geschmacks.

Ruf nach klas­si­schem Bal­lett Ein (noch heu­te) renom­mier­ter deut­scher Tanz­kri­ti­ker kün­det 1957 vom «Ruf nach dem von allen Über­la­ge­run­gen des Moder­nen Tan­zes gerei­nig­ten klas­si­schen Bal­lett». Denn seit Balan­chi­nes Euro­pa­tour­nee im Jah­re 1952 weiss man in Deutsch­land plötz­lich, was man ver­pass­te hat. Das tech­nisch auf Hoch­glanz gebrach­te New York City Bal­let prä­sen­tiert Abs­trak­tes, ein Novum made by Balan­chi­ne. Es trifft auf Begeis­te­rung. Sind die viel­fa­chen Form­spie­le schon Moder­ni­tät genug, um damit den Bedürf­nis­sen nach Fort­schritt­lich­keit zu genü­gen? Oder ist es viel­mehr der Kraft und Schön­heit aus­strah­len­de Stil gepaart mit tech­ni­scher Hoch­leis­tung, der eine leis­tungs­sen­si­ble Nati­on beein­druckt? Eine wah­re Nach­ah­mungs­wut packt Deutsch­land. Wie treff­lich, kön­nen nun die Städ­te auch auf künst­le­ri­schem Gebiet mit­ein­an­der wett­ei­fern. Der kom­pe­ti­ti­ve Ansporn befä­higt zu Höhen­flü­gen, wer weiss das bes­ser als die Begrün­der der Wohl­stands­ge­sell­schaft. Die Grös­se der Com­pa­nie steht im Ver­hält­nis zu Grös­se und Fri­sche des Bal­lett­abends (über erhol­te Spie­ler auf der Ersatz­bank) und der Anzahl der Pirou­et­ten. Das erziel­te Renom­mee poten­ziert wie­der­um den Erfolg wie ein Zin­ses­zins: es wirkt wie ein Magnet auf die bes­ten Tän­zer welt­weit. Und im Abglanz des Ruh­mes aalen sich die (grös­se­ren) Städ­te. Der durch Dis­zi­plin und stren­ge Ord­nung erwor­be­ne Anschein der Unbe­schwert­heit in der neo­klas­si­schen Dyna­mik ist zudem eine Ästhe­tik, die den Tugen­den im Wie­der­auf­bau einer zer­stör­ten Welt entspricht.

Das Fie­ber des Bal­letts ergreift aber nicht nur Deutsch­land. Zürich, Basel und Genf suchen eben­falls Anschluss. Nach­dem Zürich 1950 «Schwa­nen­see», «Dorn­rös­chen» und «Les Syl­phi­des» aus Lon­don prä­sen­tiert bekam, kann die Stadt schon sechs Jah­re spä­ter ihre eige­ne «Schwanensee»Version auf­füh­ren. Basel gar schon nach fünf Jah­ren. In Genf wird 1960 Balan­chi­ne künst­le­ri­scher Bera­ter und die abs­trak­te Ära kann dort begin­nen. Die klei­ne­ren Häu­ser dage­gen ver­leug­nen (vor­erst) nicht die flä­chen­de­ckend wirk­sa­men Ein­flüs­se des moder­nen Tan­zes der 20er. Oder sie kön­nen sich eine Leug­nung nicht leis­ten. St. Gal­len hält bis 1957 an sei­ner Ensem­ble­lei­tung aus der Paluc­ca/­Jooss-Tra­di­ti­on fest, Bern bis 1956 an der Paluc­ca-Geschul­ten und Wig­man-Erprob­ten Hil­de Bau­man, der Lebens­ge­fähr­tin Harald Kreutz­bergs, des Stars des Ausdruckstanzes.

Thea­ter­tanz ver­sus Tanz­thea­ter Bal­lett und frei­er, mitt­ler­wei­le <moder­ner> Tanz kämpf­ten schon immer um ihren Ein­fluss­be­reich. Kurt Jooss bemüh­te sich bereits Ende der 20er auf einem Tän­zer­kon­gress, den oft stra­te­gi­schen Kampf in eine inhalt­li­che und künst­le­ri­sche Debat­te zu wan­deln. Er unter­nahm eine Begriffs­klä­rung und ende­te mit einem kon­struk­ti­ven Vor­schlag. Für ihn gab es damals am Thea­ter zwei Extre­me: Der ‚abso­lu­te Tanz’, der auf rein tän­ze­ri­sche Kom­po­si­ti­ons­ge­set­ze gestellt war, wobei eine Hand­lung, falls vor­han­den, wie bei Ora­to­ri­en etwa nur Bei­werk blieb. Das zwei­te Extrem war Tanz als Behelf für die ande­ren Büh­nen­küns­te. Hier hat­te der Tanz dem gespro­che­nen oder gesun­ge­nen Dra­ma sinn­ge­mäss zu die­nen. Eine Ange­mes­sen­heit in der Form wur­de vom lei­ten­den Regis­seur nicht bean­sprucht, die Form blieb so oft belie­big. Die­se Tanz­ein­la­gen über­wieg­ten am Thea­ter, so nann­te Jooss sie Thea­ter­tanz. Ihm aber schweb­te die Syn­the­se vor: das Tanz­dra­ma (auch Tanz­thea­ter genannt). Es soll­te Form und Hand­lung in Wech­sel­be­zie­hung erwach­sen las­sen, sich gegen­sei­tig bedin­gen. Die inte­gra­ti­ve Figur Kurt Jooss woll­te also den Kampf zwi­schen Klas­sik und Moder­ne ver­la­gern und for­der­te: «Schaf­fet auf dem Boden des Alten im Geis­te und mit den Mit­teln des Neu­en den eini­gen Stil des Deut­schen Tanz­thea­ters!» Die­sem Prin­zip blieb er treu. Auch jetzt nach dem Krieg. Fol­ge­rich­tig führt er nach der erneu­ten Über­nah­me der Lei­tung des Folk­wang das täg­li­che Bal­lett­trai­ning in die moder­ne Tanz­aus­bil­dung ein. ‚Der Boden des Alten’ ist somit berei­tet. Das Prin­zip nimmt kon­kre­te Gestalt an in sei­ner Cho­reo­gra­phie und der Cho­reo­gra­phie­leh­re in den von ihm erwirk­ten Meis­ter­klas­sen. Sei­ne Tanz­dra­men fol­gen nicht vor­ge­fer­tig­ten Hand­lun­gen wie einem Libret­to, son­dern ent­wi­ckeln sich zeit­gleich mit der cho­reo­gra­phi­schen Idee (ver­glei­che den Rei­gen in «Der grü­ne Tisch»). Die Form und der Stil der Schrit­te hat sich nach dem Cha­rak­ter der betei­lig­ten Rol­len zu rich­ten. Er stu­diert sei­ne Figu­ren: Wel­che Hal­tung, Ges­te ist spe­zi­fisch für ihr Milieu, ihren Beruf, ihre Stel­lung? Wel­cher Rhyth­mus ent­spricht die­sem Cha­rak­ter? Jooss’ Fra­gen sieht man die Ver­wer­tung der Laban-Leh­re, Stu­di­en zur Ent­spre­chung von Dyna­mi­ken und Cha­rak­ter, an. Jooss ent­wi­ckel­te sie wei­ter und lehr­te die Ent­spre­chung von Rhyth­men und Cha­rak­ter bzw. Ausdruck.

Pina Bauschs Tanz­thea­ter Pina Bausch, die Meis­ter­schü­le­rin von Kurt Jooss, gelang die meis­ter­haf­te Ver­wirk­li­chung sei­nes Gedan­kens. Für Jooss‘ Geschmack mit der Zeit gar zu gut. Denn Pina liess nicht nur das Hand­lungs­ge­sche­hen zeit­gleich und in Wech­sel­be­zie­hung mit dem Tanz ent­ste­hen, son­dern die­sen (ledig­lich) gleich­be­rech­tigt neben jenem bestehen. Wie kam es dazu?

Die ers­ten Cho­reo­gra­phien Pinas waren noch ein­heit­lich im Stil und nach einem cho­reo­gra­phi­schen Kon­zept ver­fasst. Ihre getanz­te Oper «Orpheus und Eury­di­ke», wel­che viel­leicht die Leser jüngst auf Arte ver­folgt haben, fügt sich nicht skla­visch einem Hand­lungs­strang. Aus der Musik und dem Mythos ent­wi­ckelt Pina vier The­men, die ‚irgend­wie’ fol­ge­rich­tig sich an das Libret­to, die Akte, und ‚gefühls­mäs­sig zwin­gend’ an den Aus­druck der Musik knüp­fen. Der for­ma­le Aspekt des Tan­zes und der Stil der Tanz­schrit­te ent­wach­sen die­sen The­men, die wie folgt lau­ten: Trau­er, Gewalt, Frie­de und Tod.

Die Trau­er biegt sich mit gewun­de­nem Tor­so bis zum Anschlag, Gewalt has­tet mit graham’scher Wut durch den Hades, wäh­rend leich­te limon’sche Arm­schwün­ge im Ely­si­um den Frie­den dahin­tra­gen. Die Ver­schmel­zung des Graham‑, Limon- und unpa­the­ti­schen Aus­drucks­tanz-Stils hat einen Stern gebo­ren, wäre er ein­sam ver­blie­ben, man hät­te ihn als leuch­ten­den Höhe­punkt an die Fir­nis der Tanz­ge­schich­te gehef­tet. So aber ver­blasst er hin­ter dem Ruhm, der ihm noch folgt. Indes, aktu­el­le­re Ein­flüs­se (aus ande­ren Spar­ten) gewin­nen die Ober­hand und in der neu ent­stan­de­nen Gat­tung Tanz­thea­ter schrumpft die Bedeu­tung des Tan­zes zuguns­ten des Theaters.

Brechts Epi­sches Thea­ter Das affir­ma­ti­ve Sprech­thea­ter der Auf­bau­jah­re mit sei­nem etwas kör­per­lo­sen dafür sehr lite­ra­tur- und sprach­ver­haf­te­ten Dar­stel­lungs­stil wird von einem brecht’schen Sprech­thea­ter in den 60ern (zumal an den risi­ko­freu­di­ge­ren Häu­sern) abge­löst. Fand der bra­ve Bür­ger bis­lang im Thea­ter sei­ne Wür­de und Iden­ti­tät bestä­tigt, so will das Regie­thea­ter auf­rüt­teln. Hat sein Publi­kum bis­lang erfolg­reich ver­ges­sen und ver­drängt, so will das Doku­men­tar-Thea­ter auf­ar­bei­ten. Wie mäch­tig die­ser Wil­le in der jun­gen Gene­ra­ti­on ent­flamm­bar war, sieht man in der Stu­den­ten­be­we­gung. Die Ent­schlos­sen­heit zu poli­ti­schem und mora­li­schem Enga­ge­ment die­ser Zeit ist ver­ant­wort­lich dafür, dass der Ein­druck eines ver­spiel­ten Hap­pe­nings à la Mer­ce Cun­ning­ham auf die jun­gen Cho­reo­gra­phen nicht nach­hal­tig war. Hans Kres­nik, ein zum Tanz­thea­ter zähl­ba­res ‚enfant ter­ri­ble’ reagiert 1968 mit einem pro­vo­ka­ti­ven Tanz­stück auf die poli­zei­li­che Gewalt gegen die Stu­den­ten­be­we­gung und die Bon­ner Notstandsgesetze.

In Wup­per­tal holt ein fort­schritt­li­cher Inten­dant 1973 Pina Bausch aus dem geschütz­ten Raum der Folk­wang-Schu­le und des expe­ri­men­tie­ren­dem Folk­wang-Tanz­stu­di­os an die Öffent­lich­keit und ver­pflich­tet sie am Thea­ter. Behut­sam ertas­tet sie sich ihre cho­reo­gra­phi­sche Hand­schrift. In der drit­ten Spiel­zeit am Wup­per­ta­ler Stadt­thea­ter macht Pina einen Brecht-Weill-Abend. Seit­dem kann man von ihrer Abkehr vom ‚klas­si­schen’, da mitt­ler­wei­le eta­blier­ten, Modern-Dance-Stil sprechen.

Pina Bausch über­nimmt die Prin­zi­pi­en von Brecht: Das Publi­kum soll zu einem kri­ti­schen Betrach­ter gemacht wer­den, indem ihm ver­wehrt wird, der Illu­si­on der Dar­stel­lung zu erlie­gen. Das (all­zu) Ver­trau­te soll ihm in einem neu­en Licht, eben ver­frem­det dar­ge­bo­ten wer­den. Die­sem Ziel die­nen die soge­nann­ten Ver­frem­dungs­ef­fek­te. Dazu zählt alles, was die Erzäh­lung und Dar­stel­lung bricht, kom­men­tiert und auf das Spie­len selbst hin­deu­tet. Bei­spiels­wei­se wen­den die Tän­zer sich direkt an das Publi­kum und kon­fron­tie­ren es mit sei­ner Erwar­tungs­hal­tung: «Eine schö­ne vir­tuo­se Tanz­dia­go­na­le soll ich dir vor­füh­ren? Da hast du sie!» Eine Bre­chung der Dar­stel­lung wird erreicht, wenn etwa ein Hand­lungs­ab­lauf wie beses­sen wie­der­holt wird oder mit dem Knopf­druck eines Ton­band­ge­räts ein­setzt und anhält. Mit der Gewäh­rung einer kri­ti­schen Betrach­tung soll das Publi­kum Ein­blick in die Bedingt­heit von Abläu­fen erhal­ten. Ver­klemm­te All­tags­ge­wohn­hei­ten wer­den als gesell­schaft­lich beding­te ent­larvt, wenn sie sich aus ihrem funk­tio­na­len Rah­men lösen und sich ver­selb­stän­di­gen. Män­ner in dunk­lem Anzug über ein wei­tes Par­kett ver­streut ver­beu­gen sich bei einem fei­er­li­chen Anlass kurz und ruck­ar­tig. Wie­der­holt, um sich her­um, in alle Rich­tun­gen, minu­ten­lang. Es ist wie ein sto­cken­der Tanz (im Stück Blau­bart. Beim Anhö­ren einer Ton­band­auf­nah­me von Béla Bar­toks Oper «Her­zog Blau­barts Burg», 1977). Brechts ursprüng­li­ches Ziel, die Bedingt­heit der jewei­li­gen Hand­lung einer Figur zu beleuch­ten, war, sie als ver­än­der­ba­re auf­zu­zei­gen. Das ist eine zutiefst auf­klä­re­ri­sche Idee. Ob ihm Pina Bausch so weit folgt, ist frag­lich. Im Stück «Café Mül­ler» (1978) fällt sich ein Paar traum­wand­le­risch in die Arme. Ein aus­sen­ste­hen­der Frem­der rich­tet ihre Umar­mung: Mund auf Mund, dann Frau in die Arme des Man­nes. Der Pose nicht gewach­sen ent­glei­tet ihm die Frau aus den Armen. Kaum am Boden ange­langt zieht eine Kraft sie hoch, und mit traum­wand­le­ri­scher Sicher­heit fin­den sie sich wie­der in der ursprüng­li­chen Umar­mung. Der Aus­sen­ste­hen­de greift erneut ein: Mund auf Mund, Frau in Arme. Sie glei­tet zu Boden. Wie ein Magnet haf­tet sie wie­der in der Umar­mung, der Frem­de kor­ri­giert. Das wie­der­holt sich noch eini­ge Male, immer schnel­ler. Was unwei­ger­lich allem einen aggres­si­ven Anstrich ver­leiht. Beim elf­ten Mal bleibt der Frem­de weg – und das Paar kor­ri­giert sich selbst. Fei­ert Pina Bausch hier­mit die Ver­än­der­bar­keit oder weist sie sie als neue Bedingt­heit aus? Pina Bausch teilt nicht platt Brechts didak­ti­sche Auf­klä­rungs­am­bi­tio­nen. Je viel­fäl­ti­ger die Bedeu­tun­gen, die man aus ihren Sze­nen her­aus­le­sen kann, des­to glück­li­cher ist sie.

Impro­vi­sie­ren las­sen Ein berühmt gewor­de­nes Merk­mal ihrer cho­reo­gra­phi­schen Vor­ge­hens­wei­se ist das anfäng­li­che Befra­gen ihrer Tän­zer. Z.B.: «Was seht Ihr an Kin­dern, das Ihr bedau­ert, nicht mehr tun zu kön­nen?» Ant­wor­ten kön­nen gespro­chen, geschrien, geweint oder vor­ge­macht werden.

Wozu dient das Impro­vi­sie­ren? Wenn weder ein Hand­lungs­fa­den noch Musik die Cho­reo­gra­phie tra­gen, kann Pina anhand ihrer Fra­gen (und Gegen­fra­gen) The­men für die Cho­reo­gra­phie eru­ie­ren und ein­krei­sen. Anhand der Ant­wor­ten trifft sie auf Gefüh­le, die man gar nicht rich­tig ein­ord­nen kann. Die­se inter­es­sie­ren sie beson­ders. Sie von vie­len Sei­ten aus­zu­leuch­ten wird in sol­chen Gesprä­chen mög­lich. «Die Schrit­te sind immer woan­ders her­ge­kom­men; die kamen nie aus den Bei­nen. Und das Erar­bei­ten von Bewe­gun­gen – das machen wir immer zwi­schen­durch. Dann machen wir immer wie­der mal klei­ne Tanz­phra­sen, die wir uns mer­ken. Frü­her habe ich aus Angst, aus Panik, viel­leicht noch mit einer Bewe­gung ange­fan­gen und habe mich noch gedrückt vor den Fra­gen. Heu­te fan­ge ich mit den Fra­gen an.» Die Impro­vi­sa­ti­on scheint die authen­tischs­te Art zu sein, die Tän­zer eines Ensem­bles in das über den Aus­drucks­tanz ver­erb­te Prin­zip ein­zu­bin­den: Jede Bewe­gung hat eine Moti­va­ti­on. Die Pio­nie­re des frei­en Tan­zes Isa­do­ra Dun­can und Ruth St. Denis leb­ten und tanz­ten es vor.

Der­art moti­vier­te Bewe­gun­gen her­auf­zu­be­schwö­ren ist schon nicht jeder­manns Gabe. Sie zu Bil­dern zu arran­gie­ren (denn Tän­ze sind es immer sel­te­ner), mit­ein­an­der in Bezug zu set­zen und über ein beein­dru­cken­des Mon­ta­ge- und Col­la­ge­ver­fah­ren zu kon­tras­tie­ren ist Pina Bauschs zusätz­li­che und gänz­lich ori­gi­nel­le cho­reo­gra­phi­sche Arbeit. 

Fazit Es lässt sich fra­gen: was ist mit der Ein­bin­dung brecht’scher Dar­stel­lungs­me­tho­de im Tanz gewon­nen? Der Tanz selbst lernt mit ihrer Hil­fe eine Men­ge über einen sou­ve­rä­nen Umgang mit Hand­lung und einem Aus­leuch­ten von The­men. Das Sprech­thea­ter lernt wie­der­um vom Tanz­thea­ter eine Men­ge über Rhyth­mi­sie­rung und Ver­frem­dungs­mög­lich­kei­ten von Ges­te, Hal­tun­gen und Bewe­gun­gen und deren Anbrin­gung im Raum. Das Sprech­thea­ter berei­chert sich also um kom­po­si­to­ri­sche Ele­men­te. Sei­ne Wert­schät­zung zeigt sich in öffent­li­cher Aner­ken­nung: Das Wup­per­ta­ler Tanz­thea­ter oder sein jün­ge­res Pen­dant in Bre­men, das Tanz­thea­ter Rein­hild Hoff­mans, wird bei den Ber­li­ner Thea­ter­tref­fen wie­der­holt zu den zehn bes­ten Regie­aben­den der BRD gezählt. Sei­ne Wert­schät­zung zeigt sich auch in sei­nen Wer­ken: z.B. Die Arbeit eines Chris­toph Mar­tha­lers ist unter dem Ein­fluss des Tanz­thea­ters zu sehen, wohl auch die Arbei­ten im Musik­thea­ter von Hei­ner Goeb­bels oder gar Robert Wilsons.

Was aber ist for­mal und sti­lis­tisch für den Tanz gewon­nen? Die Über­win­dung der Berüh­rungs­ängs­te zu All­tags­be­we­gun­gen leis­te­ten schon die Aus­drucks­tän­zer. Sie lie­fer­ten eine Aus­beu­te, die anschlies­send in der Bal­lett-Ära Jahr­zehn­te brach lag. Erst vom Tanz­thea­ter wird wie­der All­tags­be­we­gung ver­wert­bar, sezier­bar, neu­kom­bi­nier­bar. Aber und das muss gesagt wer­den die Ver­wer­tung gilt nicht dem Tanz. Nicht der Berei­che­rung des Bewe­gungs­re­per­toires und auch nicht der Meh­rung cho­reo­gra­phi­scher Ope­ra­tio­nen am gewon­nen Mate­ri­al. «Wie­so redet man allein vom Tanz? Ich ver­ste­he nicht, war­um die Welt über­haupt nicht dazu­ge­hört. Es gesche­hen unend­lich vie­le Din­ge im Leben, und es ist inter­es­sant, wie­so das alles geschieht. So ist auch beim Tanz das wirk­lich Wich­ti­ge der Grund, wes­we­gen man tanzt» meint dazu Pina. Aber wir fra­gen sie nicht. Und im letz­ten Win­kel sei­nes Her­zens haben wir in Domi­ni­que Mer­cy, Grün­dungs­mit­glied des Tanz­thea­ters, einen Ver­bün­de­ten: «Ja klar wür­de man sich manch­mal gern mehr bewe­gen, um ehr­lich zu sein, – ich bin ja ein Tän­zer. Der Tanz ver­flüch­tigt sich, um rei­cher den grösst­mög­li­chen Aus­druck zu erwir­ken.» Die immense Ent­wick­lung – und ihr wei­te­res Poten­ti­al – in den raren Tanz­se­quen­zen Pina Bauschs her­aus­zu­le­sen ist wohl die Auf­ga­be der kom­men­den Cho­reo­gra­phen-Gene­ra­ti­on. Und wehe dem bil­li­gen Pla­gia­tor, der sich nur um die Effek­te müht.

Spann­brei­te des Tanz­thea­ters Neben Pina Bausch gab es zwei Tän­zer des Tanz­thea­ters, die sich aus der Mary Wig­man-Linie des Aus­drucks­tan­zes ent­wi­ckel­ten: Susan­ne Lin­ke und Ger­hard Boh­ner. Lin­ke kam aus Wig­mans letz­ter Diplom-Klas­se und erin­nert sich: «Da hat man immer aus dem Ste­hen am Boden das Gewicht nach vor­ne, das Welt­all, die Erde und das Gött­li­che und so gefühlt. Mit dem mage­ren Kör­per, mit dem, was man da hat­te, soll­te man das dar­stel­len, das Inne­re nach aus­sen keh­ren.» Der ‚gros­se Atem’ und der Blick nach oben sei­en ihr dabei immer schwer gefal­len. Aber dies war wohl, meint sie, für die Nach­kriegs­ge­nera­ti­on typisch. Den­noch, trotz ein­ge­hen­der Aus­wärts­kor­rek­tur (das ‚ende­hors’ wur­de in ihrer anschlies­sen­den Folk­wang-Aus­bil­dung wich­tig), wenn sie spä­ter ihre Solo­tän­ze ver­fasst «da kommt auf ein­mal … die Mary raus». Sie arbei­te alles aus dem Zen­trum her­aus, erklärt sie. Wenn sie im Stück «Im Bade wan­nen» (1980) auf dem Rand sit­zend die Bade­wan­ne (!) wie im Wal­zer ein­mal um sich, genau­er um zwei ihrer alt­mo­di­schen ‚Füs­se’ her­um­schwingt, ist es gera­de­zu geni­al und das mit dem Anschein des Tri­via­len. Auch Ger­hard Boh­ner erin­nert sich an den Pathos im Wig­man-Stu­dio und des­sen all­ge­mei­ne Ableh­nung. Die künst­le­ri­sche Ernst­haf­tig­keit dage­gen, die an den Tanz her­an­ge­tra­gen wur­de, beein­druck­te ihn. Hier war es, wo er sich zum Tän­zer beru­fen fühl­te, und nicht in der zeit­gleich («für die Bei­ne») besuch­ten Bal­lett­schu­le. «Ich habe es damals so wie eine Tal­soh­le emp­fun­den. Der Aus­drucks­tanz war nicht end­gül­tig vor­bei, son­dern eben an einem Tief­punkt ange­langt… Und er hat­te ja was sehr Ver­ru­fe­nes in jener Zeit». Es wur­den Tän­zer im Stu­dio hoch­ge­zo­gen, obwohl fer­ti­ge Grös­sen wie «Dore Hoyer (Ex-Tän­ze­rin der Wig­man-Grup­pe) oder Harald Kreutz­berg es schwer hat­ten zu exis­tie­ren», erin­nert Boh­ner sich. Dore Hoyer setz­te auch bald ihrem Leben ein Ende. Boh­ners jah­re­lan­ges Enga­ge­ment an Bal­letthä­u­sern (moder­ne Trup­pen gab es nicht), färbt einst­wei­len sei­ne frü­hen Tanz­thea­ter-Cho­reo­gra­phien noch. Als er sich der abs­trak­te­ren Sei­ten­li­nie des Aus­drucks­tan­zes, den Expe­ri­men­ten des Bau­haus-Leh­rers Oskar Schlem­mer zuwen­det, erkennt er sei­nen Weg, woher er kommt und wohin er gehen mag. Viel­fäl­tig sind die (Aus-) Wege des Tanztheaters.

Bild: Pina Bausch in Wup­per­tal, zVg.
ensuite, März 2008