Bild: bso_ 0885

«…das Sym­pho­nie­or­ches­ter als ver­zau­bern­der Klang­kör­per, ein Ort pas­sio­nier­ter Konzentration»

Von

|

Drucken

Von Karl Schüp­bach – Ingo Becker, mit dem Ein­tritt in das Bie­ler Sym­pho­nie­or­ches­ter hast du dei­ne Lauf­bahn als Fagot­tist begon­nen. Das war im Jah­re 1971. Ende 2009 ver­lässt du als alter­nie­ren­der Solo-Fagot­tist das Ber­ner Sym­pho­nie­or­ches­ter (BSO). Das Errei­chen des Pen­si­ons­al­ters erlaubt dir einen Rück­blick auf eine beträcht­li­che Zeit­span­ne. Wel­che Ver­än­de­run­gen des Phä­no­mens Sym­pho­nie­or­ches­ter ortest du von 1971 bis 2009?

Ingo Becker: Mög­li­cher­wei­se erle­ben wir einen Bedeu­tungs­ver­lust der klas­si­schen Musik, der Recht­fer­ti­gungs­druck fürs BSO war jeden­falls noch nie so gross wie jetzt, und die Gewiss­hei­ten von damals schwin­den (was ja auch schon unse­ren Vor­gän­gern auffiel).

Auch bei mei­nem Start in Bern war das Orches­ter kei­ne Insel der Seli­gen, aber alles war schön über­sicht­lich. Heu­te ist der Musik­kon­sum deut­lich anders, wir kön­nen auf «You­Tube» sehen, wie unter­schied­lich welt­weit Musik gemacht wird, und wir ste­hen vor der Fra­ge, mit wel­chen Attrak­tio­nen man den Zuhö­rer auf­hor­chen las­sen kann.

Dei­ne Ehe­frau Eli­sa­beth Becker-Grimm führt ihre anspruchs­vol­le Arbeit als Mit­glied des Regis­ters der 1. Vio­li­nen im BSO wei­ter. Du bist ein Exper­te für die Anfor­de­run­gen, die an einen Solis­ten eines Sym­pho­nie­or­ches­ters gestellt wer­den. Jedes Orches­ter­mit­glied kennt den Dua­lis­mus Solo-Tut­ti. Wie defi­nierst du ihn gegen­über einem brei­te­ren Publi­kum?

Unse­re inter­ne Hier­ar­chie ist dem Publi­kum ziem­lich egal. Wich­tig war mir immer die Aner­ken­nung für die Kol­le­gen im Tut­ti, die im Gegen­satz zu uns Blä­sern alles gemein­sam spie­len müs­sen, sie müs­sen eine unglaub­li­che Anpas­sungs­leis­tung an ihre Grup­pe zei­gen. Dafür ern­ten sie aber immer wie­der Miss­ach­tung durch die Diri­gen­ten, die hin­te­ren Pul­te wer­den ja kaum wahr­ge­nom­men. Als Soloblä­ser ist man pri­vi­le­giert, man darf Impul­se set­zen und sich wich­tig füh­len, und nach einer expo­nier­ten Stel­le gibt es ein freund­li­ches «Bra­vo!» der Kol­le­gen und einen dank­ba­ren Blick mei­ner Frau. Anders an schlech­ten Tagen: Da bläst man so schön ins Instru­ment und es kommt so scheuss­lich raus!

In dei­nem Regis­ter arbei­tet Moni­ka Schnei­der als gleich­be­rech­tig­te Part­ne­rin. Wenn man euch auf dem Kon­zert­po­di­um zuhört – aber auch zusieht – fällt eine gros­se Über­ein­stim­mung auf, wie zuletzt wäh­rend des Kon­zer­tes für Orches­ter von Bela Bar­tok. Wel­ches sind die Bedin­gun­gen für eine sol­che Har­mo­nie zwi­schen zwei Musi­kern in einer Posi­ti­on, die bestimmt auch ihre Pro­ble­me beinhaltet?

Die­se als ver­schwo­ren erleb­ten Orches­ter­mo­men­te, wenn es zwi­schen zwei Kol­le­gen kam­mer­mu­si­ka­lisch knis­tert, sind unbe­schreib­lich! Das Sich-Zuspie­len, der musi­ka­lisch inspi­rier­te Dia­log, der ja in die Par­ti­tu­ren hin­ein­kom­po­niert wur­de – das schafft Eupho­rie und Dank­bar­keit, umso mehr, wenn die Kol­le­gin etwas vom Tuten und Bla­sen ver­steht. Zuhö­ren kön­nen, auf­ein­an­der ein­ge­hen, sich anpas­sen: Wir Orches­ter­mu­si­ker müss­ten doch eigent­lich die per­fek­ten Lebens-Part­ner sein!

Das BSO ist ein Kon­zert­or­ches­ter, das einen Teil sei­ner Arbeit als Opern­or­ches­ter im Stadt­thea­ter Bern leis­tet. Wie hast du die­se Dop­pel­be­las­tung empfunden?

Das war eher ein dop­pel­tes Glück, in die­sen bei­den Wel­ten zu spie­len. Schon der Blick hoch in die 1. Rei­he, und das Publi­kum strah­len oder heu­len sehen! «Figa­ros Hoch­zeit», «Salo­me», «Fal­staff» sind selbst für uns Kel­ler­kin­der im Orches­ter­gra­ben ein Fest mit gros­sen Gefüh­len. Der Wahn­sinn auf der Opern­büh­ne, das herz­er­wei­chen­de Sin­gen (und die ver­schlepp­ten Tem­pi) drin­gen ja zu uns durch. Rege­ne­rie­rend sind dann wie­der die Ansprü­che auf dem Kon­zert-Podi­um: Hier geht es um musi­ka­li­sche Inhal­te, um das Sym­pho­nie­or­ches­ter als ver­zau­bern­der Klang­kör­per, ein Ort pas­sio­nier­ter Konzentration.

Als Lei­ter des Jugend-Sin­fo­nie­or­ches­ters des Kon­ser­va­to­ri­ums Bern leis­test du Jugend­ar­beit und du hast dadurch Ein­blick in Pro­ble­me, die unse­re Jugend beschäf­ti­gen. Wie erklärst du dir die enor­me Spann­brei­te zwi­schen höchs­tem Enga­ge­ment – wie bei dei­nen jun­gen Musi­ker-innen und Musi­kern – und sinn­lo­ser, ste­tig zuneh­men­der Gewalt­be­reit­schaft der her­an­wach­sen­den Gene­ra­ti­on?

Die­se (männ­li­che!) Gene­ra­ti­on wächst in einer gewalt­tä­ti­gen Welt auf, aber es gibt ja Hoff­nung: Vie­le Pro­jek­te, die die Jugend an die Musik her­an­füh­ren, zzum Bei­spiel Menu­hins «MUSE» oder die Sis­te­ma-Bewe­gung in Vene­zue­la («Gib mir dei­ne Pis­to­le und ich gebe dir eine Gei­ge»). Wir müs­sen allen Eltern und Erzie­hern dank­bar sein, wenn sie die Kin­der in-
stru­men­tal för­dern kön­nen. Und ich erle­be jun­ge Leu­te, die mit glü­hen­den Ohren rich­tig erns­te, gros­se Kunst machen wol­len – Kunst nicht als Schmerz­mit­tel fürs fal­sche Leben, son­dern als Schlüs­sel zur Über­hö­hung und Grenz­erfah­rung. Etwas weni­ger geschwol­len: Sie suchen die Lust am Zusam­men­spiel und ent­wi­ckeln beträcht­li­chen Stolz aufs eige­ne Orchester.

Zurück zum Orches­ter: Die Struk­tur des Orches­ters und die Zusam­men­ar­beit mit dem Stadt­thea­ter sind Gegen­stand von Dis­kus­sio­nen auf poli­ti­scher Ebe­ne, mit vor­läu­fig unge­wis­sem Aus­gang. Wenn ich dich fra­ge, wo das BSO in zehn Jah­ren ste­hen wird, wür­dest du in die Haut eines Pro­phe­ten schlüpfen?

Unser abso­lut nicht eli­tä­res Publi­kum soll­te unbe­dingt ver­hin­dern, dass sein Sin­fo­nie­or­ches­ter als Opern­or­ches­ter ver­küm­mert, mit gele­gent­li­chen Auf­trit­ten im Casi­no – das wäre die schlimmst­mög­li­che Wen­dung. Der Ver­zicht auf gros­se Sym­pho­nik – eigent­lich ist das undenk­bar! Ein Abbau beim BSO hin­ter­lässt Ver­ar­mung, Kul­tur aber ist ein Lebens­mit­tel! Ich bin sicher: Je klei­ner das Ange­bot, umso klei­ner das Publi­kums­in­ter­es­se. Es blei­ben dann nur noch mas­sen­taug­li­che Wohl­fühl­mu­sik und Kuschel-Klassik.

Ingo, jeder Mensch, der das Pen­si­ons­al­ter erreicht, wird von der Fra­ge beglei­tet: «Was nun?» Dei­ne Fami­lie, dei­ne Freun­din­nen und Freun­de, dei­ne Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, dei­ne Schü­ler-innen und Schü­ler, dein Publi­kum stel­len sie. Wir sind gespannt auf dei­ne Ant­wort und dei­ne Pläne.

Jetzt kommt erst­mal ein selbst­kri­ti­sches kur­zes Auf­räu­men der Bio­gra­fie, kein Durch­at­men, son­dern vol­ler Ein­satz für das Jugend-Sin­fo­nie­or­ches­ter. Die­ses Kraft­feld «Orches­ter» vibriert für mich immer wei­ter, ich bin süch­tig nach die­sen wabern­den sym­pho­ni­schen Entladungen.

Ich bedan­ke mich herz­lich für die­ses Gespräch und ich wün­sche dir für die Zukunft alles Gute!


Ingo Becker, Jahr­gang 1944, ist im dama­li­gen Ost-Ber­lin auf­ge­wach­sen, ab 1958 in West-Ber­lin, wo er nach vie­len beruf­li­chen Umwe­gen ab 1966 an der Musik­hoch­schu­le Fagott stu­dier­te. 1971 erhielt er sei­ne ers­te Orches­ter-Stel­le in Biel, von 1974–2009 war er Solo-Fagot­tist im Ber­ner Sym­pho­nie­or­ches­ter. In die­sen lan­gen Orches­ter­jah­ren ent­fal­te­te er neben sei­nem musi­ka­li­schen Ein­satz eine rege Anteil­nah­me am Geschick des BSO mit gewerk­schaft­lich-hoff­nungs­vol­lem Engagement.

Wäh­rend mehr als 25 Jah­ren wirk­te er an der Musik­schu­le Kon­ser­va­to­ri­um Bern und an der Ber­ner Musik­hoch­schu­le als Leh­rer für Fagott. Als Mit­be­grün­der des Ensem­bles «Die Schwei­zer Blä­ser-Solis­ten» hat er zahl­rei­che Bear­bei­tun­gen für Blä­ser­en­sem­bles ver­fasst. Seit 1994 lei­tet er das Jugend-Sin­fo­nie­or­ches­ter des Kon­ser­va­to­ri­ums Bern.

Foto: zVg.
ensuite, Dezem­ber 2009



Newsletter

SPENDEN!

Einen Text gelesen und der hat gefallen? Spende per TWINT ein paar Franken - ohne Abo, aber mit gutem Gewissen. Geht doch auch.