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Das Publi­kum macht die Musik

Wer hat sich nicht schon – zu Recht – über die «unbe­deck­ten» Hus­ter im Kon­zert geär­gert? In den Lon­do­ner Kon­zert­pro­gramm­hef­ten steht ein Hin­weis dar­auf, dass ein Hus­ter ohne Taschen­tuch der Inten­si­tät einer For­te-Note des Horns entspricht!

Musik­re­zep­ti­on und Publi­kums­ver­hal­ten sind kul­tu­rel­le, aber auch sozio­lo­gi­sche Phä­no­me­ne, deren Unter­su­chung wert­vol­le Infor­ma­tio­nen über die Men­ta­li­tät der Zeit ver­mit­teln kön­nen. Das Buch von Sven Oli­ver Mül­ler «Das Publi­kum macht die Musik – Musik­le­ben in Ber­lin, Lon­don und Wien im 19. Jahr­hun­dert» (Van­den­hoeck & Ruprecht, Göt­tin­gen 2014) lässt uns anneh­men, dass ech­te Musik­freun­de im 19. Jahr­hun­dert vie­ler­orts froh gewe­sen wären, hät­te man in Kon­zert und Oper nur gehustet!

Es brauch­te viel Zeit, um die «klas­si­sche» Musik, die haupt­säch­lich als Pres­ti­ge­ob­jekt des Adels benutzt wur­de (natür­lich mit bedeu­ten­den Aus­nah­men!), in einen kul­tu­rel­len, mit Auf­merk­sam­keit ver­folg­ten Anlass zu ver­wan­deln. Sozu­sa­gen als Zwi­schen­stu­fe erscheint der Kon­zert­saal als Treff­punkt, wie es Mül­ler treff­lich dar­stellt: «In den Bau­wer­ken für Musik traf man Bekann­te und Freun­de, um Gesell­schaft zu fin­den, einen Kaf­fee oder ein Glas Wein zu trin­ken, sich über Musik oder Poli­tik zu unter­hal­ten und gleich­zei­tig den neu­es­ten Klatsch aus­zu­tau­schen. Wel­che Ver­gnü­gun­gen musi­ka­li­sche Auf­füh­run­gen auch sonst berei­ten konn­ten, als kon­sti­tu­ie­ren­der Fak­tor öffent­li­chen Lebens waren sie spä­tes­tens seit dem frü­hen 19. Jahr­hun­dert nicht mehr weg­zu­den­ken.» (S. 43)
Ein wei­ter Weg war bis zum «Musen­tem­pel» noch zu beschrei­ten. Rein- und Raus­ge­hen wäh­rend der Opern­vor­stel­lung, stän­di­ges Schwat­zen, Essen und Trin­ken – ja, sogar Kar­ten­spiel! – mit Musik nur als Hin­ter­grund (ob sich heu­ti­ge Restau­rants und Super­märk­te davon inspi­riert haben … ?), aber auch das Zer­reis­sen von Sym­pho­nien, indem zwi­schen den Sät­zen vir­tuo­se Inter­mez­zi gepielt wer­den: All dies waren gän­gi­ge Miß­stän­de, gegen die Musi­ker wie Men­dels­sohn, Spohr u. A. anzu­kämp­fen hatten.

Die­se Ent­wick­lung beschreibt Sven Oli­ver Mül­ler auf span­nen­de Art und stützt sich dabei auf viel Doku­men­ta­ti­on. Als Leser fragt man sich vor allem, wie einem Kom­po­nis­ten zumu­te war, der sei­ne Wer­ke auf die­se Art der Öffent­lich­keit preis­ge­ben musste.

Ein beson­ders inter­es­san­tes Kapi­tel ist dem Vir­tuo­sen­kult gewid­met. Hier ist aller­dings auf einen Feh­ler auf­merk­sam zu machen: Enri­co Caru­so und Ade­li­na Pat­ti haben nie bei der Edi­son-Gesell­schaft, son­dern bei Vic­tor bzw. der Gra­mo­pho­ne Com­pa­ny ihre Schall­plat­ten ein­ge­spielt (Caru­so auch bei Pathé/AICC und Zono­pho­ne). Und die ziti­ter­te Wer­bung von 1902 für Caru­sos Auf­nah­men kam nicht von RCA – die Fir­ma exis­tier­te damals noch gar nicht – son­dern von der Vic­tor Tal­king Machi­ne Company.


Bild: Sven Oli­ver Mül­ler, «Das Publi­kum macht die Musik – Musik­le­ben in Ber­lin, Lon­don und Wien im 19. Jahr­hun­dert», Van­den­hoeck & Ruprecht, Göt­tin­gen 2014. 

Publi­ziert: ensuite Aus­ga­be Nr. 141, Sep­tem­ber 2014