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Car­los Leal: «Die Rol­le eines Sex­be­ses­se­nen gefiel mir bis­her am besten.»

Von Anto­nio Suá­rez Vare­la - Nach sei­nem viel­be­ach­te­ten Auf­tritt als Casi­no­di­rek­tor im letz­ten Bond-Film setzt Car­los Leal mit Erfolg sei­ne Schau­spie­ler­kar­rie­re fort. Vor kur­zem Vater gewor­den, durf­te der Ex-Front­mann von Sens Unik zum ers­ten Mal eine Haupt­rol­le in einer mehr­tei­li­gen Fern­seh­pro­duk­ti­on dar­stel­len. Auch im neu­en Jahr ste­hen vie­le Enga­ge­ments auf der Agen­da. Der Lau­san­ner will im inter­na­tio­na­len Film­busi­ness erklär­ter­mas­sen hoch hin­aus. Im Inter­view erläu­tert er sei­ne Arbeits­wei­se, ver­rät sei­ne Zie­le und nimmt Stel­lung zur aktu­el­len Lage des Schwei­zer Kinoschaffens.

Zuletzt hast Du die Rol­le eines Haupter­mitt­lers in der spa­ni­schen TV-serie «R.I.S. – Cien­tí­fi­ca» ver­kör­pert. Wie lie­fen die Dreharbeiten? 

Sehr gut. Es han­delt sich um eine gros­se spa­ni­sche Pro­duk­ti­on. Es sind Leu­te dabei, die es gewohnt sind, mit TV-Seri­en und ver­schie­de­nen Fern­seh­for­ma­ten zu arbei­ten. Sie machen vor allem klas­si­sche Kri­mi­se­ri­en und Komö­di­en. Es sind Pro’s. Wir began­nen mit den Dreh­ar­bei­ten im Juli. Ende Novem­ber haben wir die ers­te Staf­fel abge­schlos­sen. Es lief gut. Im Ermitt­ler­team arbei­ten sechs Poli­zei­be­am­te und ich bin der Poli­zist, der sich um den wis­sen­schaft­li­chen Part küm­mert, also DNS-Tests oder Com­pu­ter­re­cher­chen macht. Das ist sehr inter­es­sant, weil es für mich die ers­te Haupt­rol­le in einer TV-Serie ist. Ich weiss nicht, ob es eine zwei­te Staf­fel geben wird. Hier in Spa­ni­en gilt ein ähn­li­ches Quo­ten­ge­setz wie in Frank­reich, Deutsch­land und andern­orts auch.

Gefiel Dir die Rol­le? Konn­test Du ihr den eige­nen Stem­pel aufdrücken? 

Ja, selbst­ver­ständ­lich. Die Film­fi­gur gefällt mir des­halb so gut, weil sie Car­los Leal eben kaum ähnelt. Es han­delt sich um eine Per­son, die schüch­tern, intro­ver­tiert, dis­kret und nicht sehr red­se­lig ist. Ich muss­te an die­ser Cha­rak­ter­rol­le arbei­ten. Ich muss­te an mei­ner Sprech­wei­se arbei­ten, etwas lei­ser spre­chen. Letzt­lich ging es also wirk­lich um eine Cha­rak­ter­stu­die, und das reizt mich beson­ders an die­ser Arbeit. Im Rah­men die­ser Fern­seh­se­rie galt es zwei wich­ti­ge Din­ge im Dreh­buch zu beach­ten: einer­seits die Ermitt­lungs­ar­beit der Poli­zei und ande­rer­seits das Pri­vat­le­ben der Dar­stel­ler. Mei­ne Rol­le ver­rich­tet also wäh­rend den Unter­su­chun­gen vor­wie­gend Labor­ar­beit. Doch was sich im Pri­vat­le­ben die­ser Film­fi­gur abspielt, die ich ver­kör­pe­re, ist sehr inter­es­sant, denn sie hat ihren Vater ver­lo­ren und ist mit einem Mör­der befreun­det. Aus­ser­dem ver­liebt sie sich in eine Ermitt­le­rin der Poli­zei­ein­heit. Es han­delt sich also um eine reich­hal­ti­ge Cha­rak­ter­rol­le, die mir sehr gefal­len hat.

Du hast schon in zahl­rei­chen TV-Pro­duk­tio­nen mit­ge­wirkt. Was läuft anders in Spa­ni­en als Du es bis­her gewohnt warst? 

Also ich den­ke, dass der ein­zi­ge Unter­schied der ist, dass die Spa­ni­er ziem­lich unge­zwun­gen sind. Das heisst, trotz der Tat­sa­che, dass die Leu­te arbei­ten, und sie arbei­ten eher gut, ver­su­chen sie stets, gut gelaunt zu sein und immer wie­der ein paar Scher­ze zu machen. Das ist ziem­lich cool. Als ich für die Deut­schen arbei­te­te, ging es doch viel stren­ger zu und her, der Fokus war viel mehr auf die Arbeit aus­ge­rich­tet. Das ist der ein­zi­ge Unter­schied. Die Assis­ten­ten und der Tech­ni­ker­stab sind gut. Ich fin­de, dass es ziem­lich ange­nehm ist, mit sol­chen Leu­ten zu arbei­ten, denn ich habe schon für ande­re Seri­en wie «El inter­na­do», «El comi­sa­rio» oder «Ser­ra­no» in Spa­ni­en gear­bei­tet. Die Stim­mung am Set ist gut. Man lacht, und zwar sehr oft. Das ist angenehm.

Gefällt es Dir gut in Madrid? 

Sagen wir mal, was mir hier in Madrid gefällt, ist, dass man mir vie­le Chan­cen gibt. Man hat mir ziem­lich vie­le Türen geöff­net. Ich den­ke, dass ich dies im Wesent­li­chen mei­nem spa­ni­schen Agen­ten zu ver­dan­ken habe. Er ist ein sehr guter Agent und betreut nament­lich Pené­lo­pe Cruz hier in Spa­ni­en. Ich kann mir gut vor­stel­len, dass er über sehr vie­le Kon­tak­te ver­fügt. Mir hat man also Türen geöff­net, die man mir woan­ders nicht not­ge­drun­gen geöff­net hät­te. Im Übri­gen, was am Leben in Madrid am ange­nehms­ten ist, ist das Kli­ma. Fast das gan­ze Jahr hin­durch ist es schön. Son­nen­schein gibt es nahe­zu täg­lich. Sel­ten wacht man mor­gens auf und hat schlech­tes Wet­ter. In Madrid scheint die Son­ne immer. Das ist sehr ange­nehm. Was mein sozia­les Leben betrifft, so bin ich zur­zeit noch dabei, es auf­zu­bau­en. Ich bin erst seit etwas mehr als einem Jahr hier. Ich war bis­her in ers­ter Linie mit Arbeit beschäf­tigt. Doch ich begin­ne jetzt lang­sam, mei­ne klei­ne madri­le­ni­sche Fami­lie bei­sam­men zu haben. Und das ist auch wich­tig für mich, denn ich bin stets in Cli­quen gross gewor­den, in Grup­pen und Bands. Als ich Break­dance mach­te, war ich in einer Grup­pe. Als ich Rap mach­te, war ich Teil des­sen, was man auf Eng­lisch «pos­se» nennt, das heisst eine «Crew», eine «Cli­que», oder eine «pan­dil­la», wie die Spa­ni­er zu sagen pfle­gen. Dar­um ist es für mich wich­tig, mei­ne eige­ne «pan­dil­la» auch in Madrid zu haben. Und ich fan­ge gera­de damit an, mir eine sol­che zuzu­le­gen. Kürz­lich hat man mir ein Thea­ter­stück ange­bo­ten. Es ist ein sehr gutes Stück, von einem in Spa­ni­en sehr bekann­ten Autor namens Miguel Miura. Es han­delt sich um eine Komö­die. Und ich bin davon über­zeugt, dass alles sehr gut über die Büh­ne gehen wird, denn es wird vom Tea­t­ro de la Dan­za pro­du­ziert, eines der bedeu­tends­ten Thea­ter Madrids. Ich bin sehr zufrieden.

Fühlst Du Dich in Spa­ni­en zu Hau­se? schliess­lich bist Du ja selbst Spa­ni­er, Dei­ne Eltern sind aus Gali­ci­en in die Schweiz eingewandert… 

Obacht, also hier in Spa­ni­en betrach­tet man mich nicht als Spa­ni­er. Die Leu­te betrach­ten Car­los Leal nicht als Spa­ni­er. In der Schweiz sehen mich alle als Spa­ni­er, (lacht) aber in Spa­ni­en sieht man mich eigen­ar­ti­ger­wei­se eher als Fran­zo­sen, weil ich ein ganz klein wenig einen fran­zö­si­schen Akzent habe. Aus­ser­dem bin ich ziem­lich gross. Und ohne es zu wol­len, rage ich meist in einer Men­schen­men­ge als Gröss­ter her­aus. Bei «R.I.S.» war ich der gröss­te Schau­spie­ler und auch im Thea­ter wer­de ich der Gröss­te sein. Es gibt ver­schie­de­ne Fak­to­ren, die schliess­lich dazu füh­ren, dass man mich tat­säch­lich nicht zu hun­dert Pro­zent als Spa­ni­er betrachtet.

Und Du? Wie siehst Du es? Bist Du bei­des, Schwei­zer und Spa­ni­er, oder kei­nes von beidem? 

Also kul­tu­rell betrach­tet, ist es so: Ich bin in einer fran­ko­pho­nen Kul­tur auf­ge­wach­sen, denn ich kom­me aus Lau­sanne. Mei­ne gan­ze kul­tu­rel­le Basis ist des­halb im Wesent­li­chen fran­zö­sisch­spra­chig oder ame­ri­ka­nisch, wenn du willst, wegen des Hip-Hop und so. Tat­sa­che ist, dass ich im Bereich der spa­ni­schen Kul­tur noch eini­ges zu ler­nen habe. Was mei­ne Erzie­hung angeht, so habe ich wirk­lich das Gefühl, je zur Hälf­te Schwei­zer und Spa­ni­er zu sein. Und als Schau­spie­ler bin ich Euro­pä­er, denn ich habe in Frank­reich, Deutsch­land, in der Schweiz und Spa­ni­en gear­bei­tet. Ich habe auch für die Eng­län­der gear­bei­tet, was ich ger­ne fort­set­zen möch­te, so hof­fe ich doch. (Lacht) Zur­zeit betrach­te ich mich als euro­päi­schen Schau­spie­ler, denn ich ver­fol­ge noch Pro­jek­te in Spa­ni­en, Frank­reich und in der Schweiz.

Seit eini­gen Jah­ren schon ver­folgst Du ernst­haft eine Kar­rie­re als Schau­spie­ler und Komö­di­ant. seit wann wuss­test Du, dass Du nach der Musik zur Schau­spie­le­rei wech­seln wolltest? 

Ich woll­te eigent­lich gar nie von der Musik zur Schau­spie­le­rei wech­seln, denn die Musik ist mir ein­fach zu wich­tig. Ich hof­fe, dass ich sie nie­mals auf­ge­ben wer­de. Im Augen­blick ist es so, dass mir die Zeit für die Musik fehlt. Ich muss mei­ne Zeit dem Schau­spie­ler­be­ruf wid­men. Denn um eine Kar­rie­re auf­bau­en zu kön­nen, braucht es viel Zeit, vor allem wenn man wie ich die Kar­rie­re mit 32 Jah­ren begon­nen hat. Wenn du mit 18 Jah­ren anfängst, ist es leich­ter. Des­halb muss ich wirk­lich zu hun­dert Pro­zent prä­sent sein, und dar­um mache ich auch kei­ne Musik mehr. Doch ich habe mit der Schau­spie­le­rei nicht des­halb begon­nen, um kei­ne Musik mehr zu machen, son­dern vor allem des­halb, weil ich aus mei­nem Pan­zer­kleid als Rap­per von Sens Unik aus­bre­chen wollte.

Ich war mit Sens Unik wäh­rend fünf­zehn Jah­re sehr glück­lich. Sens Unik hat mir viel gege­ben. Auch der Rap hat mich viel gelehrt. Aber nach fünf­zehn Jah­ren brauchst du eine Ver­än­de­rung. Und ab einem gewis­sen Zeit­punkt hat­te ich wirk­lich das Bedürf­nis, mich zu ändern. Ich hat­te die Gele­gen­heit, Thea­ter und eini­ge Kurz­fil­me zu machen. Und auf ein­mal hat­te ich die­se Frei­heit, ande­re Leu­te zu ver­kör­pern, jemand ande­rer zu sein. Und das hat mir gut getan. Vor allem des­halb habe ich begon­nen, an mei­ner Schau­spie­ler­kar­rie­re zu arbeiten.

In Sami­rs bis­her gröss­tem Film «Snow White» hat­test Du die Haupt­rol­le. sie war Dir auf den Leib geschrie­ben. nur Du konn­test Paco spie­len, nicht wahr? 

Oh, ich den­ke, dass es heu­te ande­re Leu­te gibt, die Paco spie­len könn­ten. Es gibt vie­le ande­re Rap­per, die dazu in der Lage wären. Samir kann­te mich schon seit «Baby­lon», ein Doku­men­tar­film über Immi­gran­ten, in dem ich mit­ge­spielt hat­te. Und da mich Samir also schon kann­te, hat er für mich eine pass­ge­naue Rol­le geschrie­ben. Es stimmt, für mich war der Zeit­punkt per­fekt. Doch heu­te spie­le ich mit gros­sem Ver­gnü­gen Ver­bre­cher, Homo­se­xu­el­le oder Poli­zis­ten. Das ist echt toll.

Du hast ein­mal in einem Inter­view gesagt, dass Sami­rs Film kein spe­zi­fisch schwei­ze­ri­scher Film sei, denn es geht in ers­ter Linie um das Auf­ein­an­der­tref­fen zwei­er Wel­ten: die Welt Pacos und die Welt Nicos, arm trifft auf reich, Moral auf Amo­ral. Dass die Trenn­li­ni­en zwi­schen bei­den Wel­ten oft nicht so ein­deu­tig sind, liegt auf der Hand und wird im Film ein­drucks­voll ver­an­schau­licht. Wie steht es aber mit die­sem Gegen­satz in der rea­len Gesell­schaft? Ist die Schwei­zer Gesell­schaft beson­ders gekenn­zeich­net durch die­sen Gegen­satz zwi­schen mit­tel­lo­sen Men­schen auf der einen und super­rei­chen auf der ande­ren Seite? 

Natür­lich exis­tiert der Gegen­satz zwi­schen arm und reich in allen Län­dern der Welt. Nun ist es so, dass in der Schweiz die Eigen­tüm­lich­keit dar­in besteht, dass es ver­schie­de­ne Spra­chen und Kul­tu­ren gibt. Es gibt nur weni­ge Län­der, die inner­halb ihrer Lan­des­gren­zen durch ver­schie­de­ne Kul­tu­ren getrennt sind. In Bezug auf Paco und Nico ist das der Fall, denn sie kom­men zudem aus zwei ver­schie­de­nen Kul­tur­räu­men. Im Film von Samir wer­den Men­schen aus der Schweiz gezeigt. Im geo­gra­fi­schen Mit­tel­punkt steht die Schweiz. Doch obwohl er in Anfüh­rungs­zei­chen ein Hei­mat lm ist, den­ke ich, dass er über­all ange­sie­delt sein könn­te. Als «Snow White» in Spa­ni­en gezeigt wur­de, moch­ten ihn die Leu­te sehr, sie konn­ten sich wirk­lich iden­ti­fi­zie­ren. Ich fin­de das toll, weil die Ein­wan­de­rung, die die Schweiz in den Sech­zi­gern und bis hin­ein in die acht­zi­ger Jah­re erlebt hat, heu­te in Spa­ni­en ein The­ma ist. Spa­ni­en erlebt eine star­ke Ein­wan­de­rung aus Süd­ame­ri­ka. Spa­ni­en beginnt nun gewis­ser­mas­sen Anteil zu neh­men an den Geschich­ten die­ser «Secon­dos», denn es gibt hier vie­le Leu­te, die aus Süd­ame­ri­ka ein­wan­dern und Kin­der haben, die nicht ganz Spa­ni­er, aber auch nicht mehr nur Süd­ame­ri­ka­ner sind. Des­halb den­ke ich, dass der Film eine uni­ver­sa­le Spra­che spricht.

Und Samir ist ein sehr intel­li­gen­ter Regis­seur. Vor allem ist er eben ein Regis­seur, der über eine ziem­lich brei­te und objek­ti­ve Sicht auf die Gesell­schaft im All­ge­mei­nen ver­fügt. Er ist jemand, der sich gut infor­miert über das Welt­ge­sche­hen, der auch weiss, wie die Gesell­schaft funk­tio­niert. Er inter­es­siert sich für neue Bewe­gun­gen, die gegen­wär­ti­gen Jugend­be­we­gun­gen usw. Er ist wirk­lich sehr gut informiert.

Du bist in Frei­burg gebo­ren wor­den und in einem Lau­san­ner Vor­ort auf­ge­wach­sen. seit län­ge­rer Zeit lebst Du aber im Aus­land, in Paris zuerst und jetzt in Madrid. Hat sich Dei­ne sicht auf die Schweiz seit­her verändert? 

Ja. Seit 2001 lebe ich im Aus­land, damals zog ich nach Paris. Doch obwohl ich im Aus­land leb­te, war ich in der Schweiz prä­sent, denn ich setz­te mei­ne Tätig­keit mit Sens Unik fort. Am Anfang hat­te ich gegen­über der Schweiz eine gewis­se Ver­wei­ge­rungs­hal­tung. Als ich jeweils in die Schweiz zurück­kam, sah ich erst nur die Feh­ler. Doch all­mäh­lich, nach einer gewis­sen Zeit, ist mir bewusst gewor­den, wie sehr ich von den posi­ti­ven Aspek­ten der Schweiz fas­zi­niert bin. Mich fas­zi­niert die Demut und Geduld der Men­schen. Mich fas­zi­niert, mit wel­cher Ruhe die Din­ge in die Tat umge­setzt wer­den. Mich fas­zi­niert auch die Schön­heit des Lan­des, den respekt­vol­len Umgang mit der Natur, der Land­schaft und den Ber­gen. Ich fin­de das wirk­lich toll. Da ich jetzt nicht mehr dort lebe, ist es aber auch wahr, dass ich jetzt weni­ger Gele­gen­hei­ten habe, mit den Män­geln und den gesell­schaft­li­chen Pro­ble­men der Schweiz kon­fron­tiert zu wer­den. Wenn ich in die Schweiz rei­se, kom­me ich mir not­ge­drun­gen manch­mal fast wie ein Tou­rist vor, der die Qua­li­tä­ten des Lan­des erkennt. Doch es ist mir eben­so bewusst, dass die Schwei­zer Gesell­schaft und Poli­tik die­sel­ben Pro­ble­me zu bewäl­ti­gen haben wie ande­re Län­der. Man kann die Pro­ble­me eben nicht ausblenden.

Vie­le Schau­spie­ler wer­den schnell ein­mal in eine Schub­la­de gesteckt und in eine fixe Rol­le gedrängt. Wel­che Rol­le behagt Dir am meis­ten? Der «Good Guy» oder der «Bad Guy»?

Ich bin bei­des. Ich habe das Glück, nicht in Schub­la­den gesteckt wor­den zu sein. Noch hat man das bei mir nicht gemacht. In der Schweiz viel­leicht etwas mehr, aber in Spa­ni­en und Deutsch­land spie­le ich Böse­wich­ter. Ich den­ke, dass ich wirk­lich das Zeug zum Cha­mä­le­on­dar­stel­ler habe. Und das ist es, was mich beson­ders reizt. Und zwar des­halb, weil mir dies einen reich­hal­ti­gen Fun­dus an schau­spie­le­ri­schen Dar­stel­lungs­mit­teln bie­tet. Dadurch kann ich viel mehr Facet­ten aus­lo­ten und habe mehr Mög­lich­kei­ten als Schauspieler.

Wel­che Rol­le hat Dir bis­her am bes­ten gefallen? 

Die Rol­le, die mir bis­her am meis­ten gefal­len hat, war die eines Sex­be­ses­se­nen in einem Kurz­film mit dem Titel «Demain j’arrète». Ein Sex­be­ses­se­ner, der völ­lig weg­ge­tre­ten ist, trinkt und eine Grup­pen­the­ra­pie machen muss. Doch es gibt tol­le Rol­len zuhauf. Weisst Du, neu­lich habe ich in einem fran­zö­si­schen Film gespielt, wo ich einen Wach­mann spiel­te. Das war auch eine super Rol­le. Auch da muss­te ich eine Cha­rak­ter­stu­die machen. Ich muss­te mei­ne Sprech­wei­se ändern und viel der­ber spre­chen. Dies war auch eine mei­ner Lieblingsrollen.

Was gefällt Dir beson­ders gut an der Komödie? 

Ich glau­be, dass die Komö­die eine hohe Kunst ist, die nicht hoch genug geschätzt wird. Sehr gros­se Wert­schät­zung geniesst die Komö­die in Russ­land, in den ost­eu­ro­päi­schen Län­dern, aber auch in Eng­land und in den USA, etwas weni­ger gross ist sie im Rest Euro­pas. Mei­ner Mei­nung nach ist die Komö­die eine Kunst, die nur sehr schwer mit Anmut, Zwang­lo­sig­keit und Qua­li­tät aus­zu­üben ist. Eine komö­di­an­ti­sche Rol­le zu spie­len, liegt mei­nes Erach­tens in der Reich­wei­te von jeder­mann, doch eine Cha­rak­ter­rol­le über­wäl­ti­gend, gross­ar­tig, fas­zi­nie­rend und unver­gess­lich zugleich zu machen, ist ver­dammt schwie­rig, selbst wenn es sich um einen Böse­wicht han­delt. Um das errei­chen zu kön­nen, muss man sich in die Rol­le ver­lie­ben, man muss ihr Wesen ver­ste­hen, wis­sen, woher die Per­son kommt, was sie macht, wohin sie geht, in wel­che Zwän­ge sie ein­ge­bun­den ist, wel­ches ihre Zie­le und Pro­ble­me sind. Es geht wirk­lich um eine umfas­sen­de Basis­stu­die, die sehr inter­es­sant ist, weil sie Psy­cho­lo­gie, Sen­si­bi­li­tät und per­sön­li­che Erin­ne­run­gen ein­schliesst. Ich bin der Auf­fas­sung, dass ein Schau­spie­ler inten­siv an sei­ner Rol­le arbei­ten muss, um sie inter­es­sant zu machen.

Als Musi­ker hast Du schon so ziem­lich alles erreicht. Du hast mit Leu­ten wie Geor­ge Duke, MC Sola­ar, Ste­ve Cole­man oder Eric Truf­faz zusam­men­ge­ar­bei­tet und warst mit Sens Unik auf der gan­zen Welt auf Tour­nee. Du warst über fünf­zehn Jah­re lang in die­ser Band. Gab es etwas, was Du aus die­ser Zeit als Berufs­mu­si­ker mit­neh­men konn­test und jetzt als Schau­spie­ler gebrau­chen kannst? Es gibt ja vie­le Musi­ker, die eine Schau­spie­ler­kar­rie­re einschlagen… 

Ja, selbst­ver­ständ­lich. Gut, ich den­ke, dass es vor allem zwei Din­ge gibt, die ich als Musi­ker in die Schau­spie­ler­kar­rie­re mit­neh­men konn­te: zum einen, die Offen­heit des Geis­tes. Obwohl wir eine Rap­grup­pe waren, ver­such­ten wir uns mit Sens Unik nach vie­len ver­schie­de­nen Musik­rich­tun­gen, so gut es ging, aus­zu­rich­ten: Jazz, Latin, Rock, Elek­tro. Von einem Album zum nächs­ten ver­such­ten wir, neue Musik­sti­le zu ent­de­cken und mit Rap zu ver­mi­schen. Schon nur das hat uns den Geist geöff­net. Ich den­ke, dass man als Schau­spie­ler einen offe­nen Geist haben und ver­su­chen soll­te, jene Neu­gier zu ent­wi­ckeln, die ein zwei­jäh­ri­ges Kind hat: Dies bedeu­tet, alles anschau­en, erfüh­len, ver­ste­hen und ken­nen­ler­nen wol­len. Das ist äus­serst span­nend. Zum zwei­ten, man braucht den «Rhythm», den Rhyth­mus. (Schnippt mit den Fin­gern) Ich muss fest­stel­len, dass es vie­le Schau­spie­ler gibt, die kein Rhyth­mus­ge­fühl haben. Mei­ner Mei­nung nach ist der Rhyth­mus des­halb so wich­tig, weil es Ruhe­pha­sen gibt. Die stil­len Momen­te im Film sind genau­so wich­tig wie die Dia­log­parts. Und oft braucht es die­se Stil­le. Jemand, der gut tan­zen, sin­gen oder musi­zie­ren kann, hat es leich­ter, Rhyth­mus in sein Spiel zu brin­gen. Und das ist sehr wich­tig, selbst wenn du mit den Regis­seu­ren sprichst. Regis­seu­re, die es ver­ste­hen, Schau­spie­ler gut instru­ie­ren zu kön­nen, wer­den dir immer sagen, dass es sehr wich­tig ist, dass ein Schau­spie­ler die Rhyth­mik respektiert.

Was möch­test Du als Schau­spie­ler noch errei­chen? Wel­che Zie­le ver­folgst Du? 

Eine Schau­spie­ler­kar­rie­re ist lang, vor allem für einen Mann, auch wenn es leich­ter ist als für eine Frau. Frau­en kom­men nur sehr schwer an Rol­len her­an, wenn sie älter wer­den. Doch ein Mann soll­te sei­ne Kar­rie­re behut­sam wei­ter­ent­wi­ckeln und auf Qua­li­tät Acht geben. Ich wer­de mir also mei­ne Zeit neh­men. Doch ich wer­de ver­su­chen, so weit wie nur mög­lich zu kom­men. Ich wer­de ver­su­chen, dass das Publi­kum mich nicht als Schau­spie­ler sieht, weil ich urplötz­lich in einem Film gespielt habe und des­halb urplötz­lich ein Schau­spie­ler gewor­den bin, son­dern weil ich nach und nach, von Film zu Film, mei­ne Kunst, mei­ne Mög­lich­kei­ten, ver­schie­den Rol­len zu ver­kör­pern, erar­bei­tet habe. Das ist das Span­nen­de dar­an. Ich glau­be nicht, dass man einen Schau­spie­ler auf Grund eines Fil­mes beur­tei­len kann. Erst nach einer Kar­rie­re von zehn, fünf­zehn, manch­mal dreis­sig Jah­ren kann man das tun. Mein Ziel ist es, mit guten Regis­seu­ren zu arbei­ten. Ich stre­be eine inter­na­tio­na­le Kar­rie­re an. Doch dazu braucht es Zeit. Im Moment habe ich Auf­trä­ge in ver­schie­de­nen Län­dern und ich hof­fe, dass ich das fort­set­zen kann. Ich möch­te nicht, dass die Leu­te eines Tages sagen wer­den: Wow, Car­los hat in einem Bond­film mit­ge­macht! Dar­auf pfei­fe ich! (Lacht) Es ist toll, dass ich beim letz­ten «James Bond» eine Rol­le spie­len durf­te, aber ich habe kei­ne Lust, dass die Leu­te nur das in Erin­ne­rung behal­ten. Ich fän­de es toll, wenn man eines Tages sagen wird: Ver­dammt, den Car­los, den ich in die­sem Film gese­hen habe, ist nicht der­sel­be Car­los wie in die­sem oder jenem Film! Mein Ziel ist es, mei­ne Wand­lungs­fä­hig­keit als Dar­stel­ler wei­ter­zu­ent­wi­ckeln und ein kom­plet­ter Schau­spie­ler zu werden.

Wegen Ter­min­schwie­rig­kei­ten muss­test Du auf eine Teil­nah­me im Hol­ly­wood lm «My Life in Ruins» ver­zich­ten. Wann wer­den wir Dich in einem gros­sen Hol­ly­wood lm sehen? 

Das habe nicht ich zu entscheiden.

Bewirbst Du Dich? Hast Du etwas am Laufen? 

Lei­der bin ich noch nicht in der Lage zu sagen, dass man mich mor­gen in einem Hol­ly­wood­film sehen wird. (Lacht) Das wäre dann doch zu ein­fach. Wir wer­den sehen. Ich hof­fe es. Noch habe ich gros­ses Ver­trau­en in den Schwei­zer Film. Auch das spa­ni­sche und deut­sche Kino reizt mich. Ich hat­te die­ses Cas­ting für «My Life in Ruins». Ich hät­te die Rol­le gehabt, aber lei­der kann man nicht über­all gleich­zei­tig sein. Die­ses Jahr habe ich Pro­jek­te in Deutsch­land, Frank­reich und hof­fent­lich auch in Spa­ni­en. Ich den­ke, dass Spa­ni­en ein sehr guter Brü­cken­kopf sein kann, um den Sprung in die USA zu schaf­fen, denn es gibt enorm vie­le Schau­spie­ler aus Spa­ni­en, die den Sprung geschafft haben.

Der spa­ni­sche Film hat in Euro­pa und der Welt einen aus­ge­zeich­ne­ten Ruf, nicht zuletzt wegen der Fil­me Almo­dó­vars. Auch vie­le Spa­ni­er wie Javier Bar­dem, Pené­lo­pe Cruz oder Anto­nio Ban­de­ras haben es schon in Hol­ly­wood geschafft. Was zeich­net das spa­ni­sche Kino aus? 

Schwer zu sagen. Tat­sa­che ist, dass das spa­ni­sche Kino sehr oft sur­rea­lis­ti­sche The­men auf die Lein­wand bringt, ein biss­chen in der Art eines Dalís. Es gibt vie­le Regis­seu­re in Spa­ni­en, die mit dem Sur­rea­lis­mus spie­len. Vie­le haben auch die­sen typisch spa­ni­schen Stolz. Das ist eine der Eigen­ar­ten des spa­ni­schen Kinos. Ich glau­be auch, dass Spa­ni­en ein Land ist, das gros­sen Respekt hat vor den Tra­di­tio­nen und die­se auch ger­ne in sei­nem Kino zeigt. Das ist etwas, was dem Aus­land beson­ders gefällt. Almo­dó­var ist die trei­ben­de Loko­mo­ti­ve, doch hin­ter ihm scha­ren sich vie­le begab­te Regis­seu­re. Aus­ser­dem gibt es vie­le spa­ni­sche Dar­stel­ler, dank denen man das spa­ni­sche Kino inter­na­tio­nal bes­ser kennt, denn die Spa­ni­er arbei­ten mit Instinkt und Lei­den­schaft. Javier Bar­dem ist ein lei­den­schaft­li­cher Schau­spie­ler, der nicht nur mit dem Kopf, son­dern auch mit sei­nen Eiern, (lacht) sei­nem Her­zen und sei­nem Bauch arbei­tet. Das ist eine der Eigen­tüm­lich­kei­ten des spa­ni­schen Kinos.

Und wie ist es in der Schweiz? Zur­zeit wird hier­zu­lan­de über die staat­li­chen För­der­gel­der für das ein­hei­mi­sche Film­schaf­fen gestrit­ten. Wie siehst Du den Schwei­zer Film im inter­na­tio­na­len Umfeld? Hat er sich in Euro­pa etabliert? 

Nein, in Euro­pa ist das Schwei­zer Kino nicht eta­bliert. Das ist klar. Der Schwei­zer Kino lm ist noch kein Export­gut. Eini­ge Deutsch­schwei­zer Pro­duk­tio­nen wer­den nach Deutsch­land oder nach Japan oder sonst wohin expor­tiert. Aber ich glau­be nicht, dass das Schwei­zer Kino genau­so gut ver­mark­tet wird wie zum Bei­spiel das däni­sche oder das iri­sche Kino. Das ist lei­der auch so, weil sich das Bild der Schweiz im Aus­land auf ein paar weni­ge Din­ge redu­ziert: oft auf Scho­ko­la­de, Uhren und Ber­ge. Das ist die trau­ri­ge Wahr­heit. Wenn ich über die Schweiz spre­che, dann kom­men die­se Din­ge zur Spra­che, unab­hän­gig davon, wo ich mich im Aus­land gera­de befin­de. Man wird Zeit brau­chen, bis man im Aus­land ein ande­res Bild der Schweiz wahr­neh­men wird. Dazu braucht es auch Hil­fe vom Frem­den­ver­kehrs­amt oder von Orga­ni­sa­tio­nen, die sich um das Image des Lan­des im Aus­land bemü­hen. Man darf sich nicht nur auf die Uhren­in­dus­trie, die Scho­ko­la­den­pro­du­zen­ten und auf den Schnee- und Berg­tou­ris­mus beschrän­ken, auch die Kul­tur muss beach­tet wer­den. Ich war vor nicht all­zu lan­ger Zeit, ich glau­be vor zwei Jah­ren, in einem Flug­ha­fen – ich glau­be, es war der Zür­cher Flug­ha­fen -, als ich einen Wer­be lm der Schwei­zer Tou­ris­mus­bran­che gese­hen habe. Und end­lich, end­lich, nach so vie­len Jah­ren, sah ich zum ers­ten Mal in einem sol­chen Wer­be lm jun­ge Men­schen, Musik­fes­ti­val­be­su­cher, Aus­schnit­te aus hei­mi­schen Kino­fil­men und sol­che Din­ge. Doch das hat sehr viel Zeit gebraucht, denn frü­her zeig­ten die Wer­be­fil­me der Schwei­zer Tou­ris­mus­in­dus­trie bloss die übli­chen hel­ve­ti­schen Kli­schees. Es ist jetzt wich­tig, dass die Schweiz auch die Kul­tur und die Künst­ler mit ein­be­zieht. Denn auf dem Gebiet der ange­wand­ten Kunst, bei­spiels­wei­se in der Archi­tek­tur oder im Gra­fik- und Druck­ge­wer­be, ist ihr Welt­ruf unbe­strit­ten. Ich sehe nicht ein, war­um ein Schwei­zer Film nicht auch im Aus­land Erfolg haben kann oder ein Schwei­zer Schau­spie­ler, des­sen Repu­ta­ti­on über die Lan­des­gren­zen reicht. Dafür gibt es kei­nen Grund. Ich habe immer schon gesagt, wenn es einen Roger Fede­rer gibt, dann kann es auch einen Ste­ven Spiel­berg geben. War­um denn nicht? Ich sehe nicht ein, war­um nicht. Es braucht Geld, das ist sicher. Aber man braucht auch Ideen und vor allem die Hil­fe des Publi­kums und der Insti­tu­tio­nen, damit das Schwei­zer Kino im Aus­land bekannt wird.

Eine letz­te Fra­ge, die vor allem auch Dei­ne Fans inter­es­sie­ren dürf­te. Wird es jemals wie­der ein Album von Sens Unik geben? 

Oh, zur­zeit ist dies­be­züg­lich nichts vor­ge­se­hen. (Lacht) Das steht jeden­falls nicht in mei­nem Ter­min­ka­len­der. Aber man soll ja bekannt­lich nie­mals nie sagen. Ich ver­ste­he mich immer noch sehr gut mit mei­nen Freun­den von Sens Unik. Inter­es­sant könn­te es wer­den, wenn auf ein­mal mei­ne inter­na­tio­na­le Kar­rie­re los­bre­chen wür­de oder ich wirk­lich gute Enga­ge­ments krie­ge und in gros­sen inter­na­tio­na­len Pro­jek­ten mit­wir­ken könn­te, dann viel­leicht ja. Dann wür­de ich mir sechs Mona­te Zeit neh­men und ein Album machen. Aber zur­zeit ist nichts in der Rich­tung geplant.

Bild: San­ti Rodriguez
ensuite, Janu­ar 2008