Bild: Bei Berichterstattung über "Staatsballett Berlin" honorarfrei,Fragen zu Nutzungsrechten an office@enonava.de; "LA PERI";Beatrice Knop(1.Solo)als Nourmahal;Premiere 27.Feb.2010

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Von Ves­na Mlak­ar – Vla­di­mir Malak­hov hul­digt in La Péri blos­ser Form­schön­heit und ver­nach­läs­sigt den dra­ma­ti­schen Gehalt der (Ballett-)Romantik.

Nir­gends fühlt Vla­di­mir Malak­hov sich so daheim wie im roman­tisch-klas­si­schen Reper­toire. Seit sei­nem vier­ten Lebens­jahr wur­de er an der Bal­lett­schu­le in sei­ner Hei­mat­stadt Kri­woi Rog und ab 1978 an der Mos­kau­er Bol­schoi-Bal­lett­schu­le dafür aus­ge­bil­det. Trotz inter­na­tio­nal her­aus­ra­gen­der Erfol­ge auch in Wer­ken füh­ren­der Cho­reo­gra­fen des 20. und 21. Jahr­hun­derts zieht es den rus­si­schen Star­bal­le­ri­no immer wie­der dort­hin zurück. Die Neu­krea­ti­on des zu sei­ner Zeit aus­ge­spro­chen popu­lä­ren, spä­ter in Ver­ges­sen­heit gera­te­nen Bal­letts La Péri war des­halb ein lang geheg­ter Wunsch. Ers­te Erfah­run­gen mit der­ar­ti­gen «Aus­gra­bun­gen», die man­gels Nie­der­schrift der ori­gi­na­len Tanz­be­we­gun­gen nur anhand sekun­dä­rer Quel­len erfol­gen kön­nen, sam­mel­te er bereits vor 24 Jah­ren – ganz am Anfang sei­ner Kar­rie­re: Damals, 1986, wag­te der Fran­zo­se Pierre Lacot­te für das Mos­kau­er Klas­si­sche Bal­lett – mit Malak­hov als frisch enga­gier­tem Solis­ten in der männ­li­chen Haupt­rol­le – ein Revi­val des vor­ro­man­ti­schen Zwei­ak­ters «Natha­lie, ou La Lai­tiè­re Suis­se» [Das Schwei­zer Milch­mäd­chen] (Urauf­füh­rung: 1821, Cho­reo­gra­fie: Filip­po Taglioni).

Beim Erar­bei­ten sei­ner Neu­fas­sung von La Péri für das Staats­bal­lett Ber­lin wähl­te Vla­di­mir Malak­hov einen sehr per­sön­li­chen, emo­tio­na­len Zugang. Zen­tra­les The­ma der Roman­tik, die im Bal­lett ab 1832 mit der Urauf­füh­rung von Tagli­o­nis La Syl­phi­de die Vor­herr­schaft über­sinn­li­cher Geis­ter­we­sen eta­blier­te, war ja die Über­tra­gung von in der Rea­li­tät nicht lös­ba­ren Wider­sprü­chen in eine Traum­welt. Eben­die­ser Goût nach Welt­frem­de und ver­spon­ne­nen Befind­lich­kei­ten zeich­net La Péri aus. Ganz im Ver­trau­en auf sei­ne Intui­ti­on wur­den Mala-
khov vor allem die Impul­se aus der über­lie­fer­ten Par­ti­tur des Kom­po­nis­ten Fried­rich Burg­mül­ler (ein­ge­rich­tet und arran­giert von Roland Bitt­mann und Tors­ten Schlar­baum) zum Leit­fa­den. Aus­ser­dem woll­te er auf den Part des Prin­zen natür­lich nicht verzichten.

Inten­dant, Cho­reo­graf und Ers­ter Solist in Per­so­nal­uni­on, schnei­der­te er sich aus der bal­lett­ge­schicht­li­chen Ver­sen­kung die Rol­le des ori­en­ta­len Ach­med zurecht und aus bewähr­ten Ver­satz­stü­cken (Soli, Pas de deux, Trio, Grup­pen­for­ma­tio­nen) mit in Bewe­gung umge­setz­ten Impres­sio­nen litho­gra­fi­scher Doku­men­te einen form­ver­spiel­ten Abend­fül­ler, der in sei­ner sim­pel gestrick­ten Opu­lenz, zahl­rei­chen Anzi­ta­ten auf male­ri­sche Posen und ste­tig auf­ein­an­der­fol­gen­den Diver­tis­se­ments immer­hin lieb­lich anzu­se­hen war. Den hef­tigs­ten Zwi­schen-applaus gab es für das leb­haf­te Män­ner­trio von Alex­an­der Korn, Rai­ner Kren­stet­ter und Dinu Tamaz­la­ca­ru im zwei­ten Akt.

Mit sei­nen mitt­ler­wei­le 42 Jah­ren steht Vla­di­mir Malak­hov aller­dings an einem Wen­de­punkt sei­ner künst­le­ri­schen Lauf­bahn. Noch ist sie zwar da, die über­ra­gen­de Prä­zi­si­on – doch unauf­halt­sam schlei­chen sich win­zi­ge Ermü­dungs­er­schei­nun­gen, Anzei­chen von Anstren­gung und Schwä­chen in Sprung­kraft, Elas­ti­zi­tät und Kon­di­ti­on ein. Malak­hov kennt sei­nen Kör­per – und weiss dar­um. Cho­reo­gra­fisch weicht er des­halb geschickt in klein­tei­li­ge, fast schon femi­nin anmu­ten­de Varia­tio­nen aus, die er mit viel pan­to­mi­mi­scher Ges­tik und weni­gen, wohl­ge­setz­ten Sprün­gen gar­niert. Die­ser nach­voll­zieh­ba­re Coup aber ver­leiht sei­nem Ach­med die Züge eines Phleg­ma­ti­kers, der weni­ger durch (getanz­tes) Han­deln denn als tech­nisch ver­sier­ter Part­ner in – zuge­ge­be­ner­mas­sen sehr anspre­chen­dem – Pas de deux vor allem mit der zer­brech­lich-bezau­bern­den Dia­na Vish­ne­va (als Gast) in der Titel­par­tie überzeugt.

Sei­ne Urauf­füh­rung hat­te das von Thé­o­phi­le Gaut­hi­er zwei Jah­re nach Gisel­le für Car­lot­ta Gri­si geschaf­fe­ne Bal­lett – leicht ver­wor­ren ange­sie­delt im Span­nungs­feld irdi­scher Über­drüs­sig­keit und himm­li­scher Idea­li­tät – 1843 in Paris erlebt. Wäh­rend Jor­di Roig sich für sei­ne his­to­ri­sie­ren­de Aus­stat­tung (Ker­ker, Harems­pa­last, Para­dies­gar­ten) über gra­fi­sches Quel­len­ma­te­ri­al hin­aus am Libret­to der Urfas­sung ori­en­tier­te, ver­un­klär­te Malak­hov durch mas­si­ve Ver­ein­fa­chun­gen und Karg­heit der inhalt­li­chen Sub­stanz die dra­ma­tisch auf­ge­la­de­ne Vor­la­ge um Ach­meds Lie­be zu La Péri, einem per­si­schen Feen­we­sen. In der Kon­se­quenz kamen dar­stel­le­ri­sche Expres­si­vi­tät und Wan­del­bar­keit – zwei gera­de in der Roman­tik über die tech­ni­sche Leich­tig­keit hin­aus hoch geschätz­te Qua­li­tä­ten – zu kurz.

Unge­ach­tet aller Bemü­hun­gen des unter­ge­be­nen Freun­des Roucem (sprung- und dreh­si­che­rer Pre­mie­ren­ein­sprin­ger: Arshak Ghalum­y­an) ver­mö­gen weder mun­te­re Musi­kan­ten mit Lau­ten noch gra­zil die Arme und Hüf­ten schwin­gen­de Oda­lis­ken Ach­meds Trüb­sal zu ver­trei­ben. Sogar sei­ner reso­lu­ten, lang­bei­ni­gen und feu­ri­gen Favo­ri­tin Nour­mahal (Blick­fang des Abends: Bea­tri­ce Knop) sowie vier leicht­füs­si­gen Prin­zes­sin­nen aus Schott­land (Ele­na Pris), Spa­ni­en (Eli­sa Car­ri­l­lo Cabre­ra), Frank­reich (Corin­ne Ver­deil) und Deutsch­land (Gae­la Pujol) zieht er die Opi­um­pfei­fe vor. Bringt sie ihn doch, zumin­dest im Rausch­traum, näher zu der sehn­suchts­voll Geliebten.

War­um die­se in die Klei­der einer flüch­ti­gen und dar­um getö­te­ten Lieb­lings­skla­vin des Paschas mit Namen Lei­la schlüpft, um Ach­meds Stand­haf­tig­keit auf die Pro­be zu stel­len, blieb man­gels cho­reo­gra­fi­scher Deut­lich­keit eben­so im Unkla­ren wie Ach­meds auf dem Iden­ti­täts­klau der Péri beru­hen­de Ver­ur­tei­lung zum Tod. Viel­mehr erschöpf­te sich Malak­hovs Inter­pre­ta­ti­on in einem Heer deko­ra­tiv ein­ge­setz­ter, vir­tu­os-fili­gran tan­zen­der Péris und einem meist zur Staf­fa­ge her­un­ter­ge­bro­che­nen Ein­satz des Corps des bal­let. Sein Fokus ist Ach­meds Spleen, nur mit La Péri Erfül­lung zu fin­den – und sei es im Jen­seits einer licht- und nebel­durch­flu­te­ten «Zucker­guss-Apo­theo­se».

Jubel unter den Pre­mie­ren­fans an der Staats­oper «Unter den Lin­den» am 27. Febru­ar 2010 gab es den­noch reich­lich und einen veri­ta­blen Tul­pen­re­gen für die St. Peters­bur­ger Gast­bal­le­ri­na Dia­na Vish­ne­va. An ihrer ele­gan­ten, wenn­gleich glat­ten Inter­pre­ta­ti­on müs­sen sich in den fol­gen­den Vor­stel­lun­gen die Japa­ne­rin Sho­ko Naka­mu­ra aus dem haus­ei­ge­nen Ber­li­ner Ensem­ble (mit Part­ner Mikhail Kanis­kin) und Iana Salen­ko (Ers­te Solo­tän­ze­rin des Staats­bal­letts Ber­lin) an der Sei­te von Mari­an Wal­ter mes­sen las­sen. Salen­ko übri­gens wur­de zeit­gleich zur Pre­miè­re bei einer fest­li­chen Gala in Essen mit dem Deut­schen Tanz­preis «Zukunft» 2010 ausgezeichnet.

Foto: Enri­co Nawrath
ensuite, April 2010



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