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Betanz­te Plätze

Von Kris­ti­na Sol­da­ti - Im ame­ri­ka­ni­schen Tanz-Boom der 60er, als Balan­chi­ne genau­so auf dem Höhe­punkt sei­nes Schaf­fens war wie Mer­ce Cun­ning­ham, ent­stand ein äus­serst expe­ri­men­tier­freu­di­ger Tanz. Er posi­tio­nier­te sich absicht­lich ins Abseits, mied thea­tra­le Struk­tu­ren. In einer ver­las­se­nen Kir­che, der Jud­son Memo­ri­al Church in Green­wich Vil­la­ge in New York, gab es kei­ne Rän­ge, weder Ram­pe, noch Vor­hang, die die Expe­ri­men­tier­freu­di­gen von ihren zuschau­en­den Mit­stu­den­ten trenn­ten. Sie forsch­ten auch nicht im übli­chen Bewe­gungs­be­reich nach Tanz­ma­te­ri­al, son­dern lug­ten absicht­lich über die Gren­zen des Tan­zes. Sie mach­ten auch nicht halt vor den Gren­zen des eige­nen Kör­pers. Die noch namen­lo­se Cont­act Impro­vi­sa­ti­on bot die Grenz­über­schrei­tung, auf die sie abziel­ten. Über­trug man Schwün­ge und Gewicht des eige­nen Kör­pers auf ande­re, konn­te Neu­es in der Bewe­gung ent­ste­hen. Hin­zu kam die Öff­nung hin zu den neu­en Tech­no­lo­gien. Es ent­stand eine Event-Kul­tur, wie wir sie schon bei John Cage, Mer­ce Cun­ning­ham und dem Maler Robert Rau­schen­berg sahen. Eine wei­te­re Beson­der­heit der krea­ti­ven Köp­fe der Jud­son Church war die Demo­kra­ti­sie­rung der Kunst. Kei­ne anspruchs­vol­le Tech­nik soll­te die Künst­ler vom Zuschau­er abson­dern, son­dern das gemein­sa­me Erleb­nis extra­va­gan­ter Ideen ihn zu ihrem Kom­pli­zen machen. Wenn ein Grün­dungs­mit­glied der Zeit, Ste­ve Pax­t­on, sich in einem Muse­um von Gleich­ge­sinn­ten ansprin­gen liess und die zuge­flo­ge­ne Ener­gie abfing und umwan­del­te, war das ein Aus­tas­ten eines neu­en Bewe­gungs­be­reichs (spä­ter Cont­act Impro­vi­sa­ti­on). Wenn ein wei­te­res Grün­dungs­mit­glied, Tri­sha Brown, 1971 mit Tän­zern Dächer im SoHo bestieg, so war das ein Aus­tas­ten der Dehn­bar­keit des Zuschau­er­be­reichs: Kein Zuschau­er konn­te den gesam­ten Tanz ins Auge fas­sen, berich­tet Maria B. Sie­gel, viel­leicht die bedeu­tends­te Kri­ti­ke­rin der Zeit. Den­noch war es span­nend zu sehen da oben, wie Bewe­gun­gen, die Tri­sha über Dächer hin­weg ihrer Mittän­ze­rin «zuspiel­te», sie die­se dann wie­der­um der nächs­ten reih­um im wei­ten Kreis wei­ter­gab, bis sie schliess­lich bei Tri­sha wie­der anka­men. Das war Kom­mu­ni­ka­ti­on über Wol­ken­krat­zer hin­weg. «Man Wal­king Down the Side of a Buil­ding» war ein wei­te­res Out­door-Event der Cho­reo­gra­fin Anfang der 70er. Ein Mann wur­de an einem Haken am Dach ange­seilt und mar­schier­te kur­zer­hand an der Fas­sa­de herunter.

Über­flüs­sig zu erwäh­nen, dass kei­ner von den Grün­dern bis zu ihrer Aner­ken­nung als «die Post­mo­der­ne im Tanz» sich je einer Tanz­in­sti­tu­ti­on unter­ge­ord­net hat­te. Auch nicht zur Aus­bil­dung. Sie hin­ter­frag­ten tän­ze­ri­sche Bewe­gung so radi­kal, dass der Begriff no-dance auf­kam und Ste­ve Reich dazu bemerk­te: «In den frü­hen 60ern ging jeder zu einer Tanz­vor­stel­lung, um Her­um­ste­hen­de zu betrach­ten, und anschlies­send auf eine Par­ty – um zu tanzen.»

In den 80ern wur­de die Post­mo­der­ne vom Main­stream auf­ge­so­gen. Wäh­rend sie sozu­sa­gen von aus­sen und über die Fas­sa­den die Thea­ter­büh­ne erklomm, brach­ten jun­ge Euro­pä­er sie unter den hei­mi­schen Him­mel. Die Bewe­gung schwapp­te nach Euro­pa über.

Ein Bei­spiel davon ist DaMo­tus, deren Grün­der in den 80ern viel­leicht die letz­ten Frei­luft-Ver­an­stal­tun­gen die­ser Avant­gar­de in New York mit­be­ka­men. Dass die Frei­bur­ger Tän­zer in der länd­li­chen Gegend das­sel­be prak­ti­zier­ten wie die Vor­rei­ter, ver­dank­ten sie aber der damals miss­li­chen Infra­struk­tur des Kan­tons. «Es gab kei­nen Pro­be­raum für uns», meint Anto­nio Büh­ler. «Da trai­nier­ten wir im Frei­en und ent­deck­ten unse­re Kind­heit wie­der, wo wir Rum­lie­gen­des umfunk­tio­nier­ten, bestie­gen und bespiel­ten. Ein Stück bei­spiels­wei­se erobert die Pyra­mi­den der pla­si­ti­fi­zier­ten Heu­bal­len auf den Äckern, wonach – geben wir es zu -, auch uns schon immer in den Fin­gern juckte.»

Site-Spe­ci­fic-Dance Als das Fes­ti­val Bel­luard 1987 ein Out­door-Event such­te, reif­te ihre Idee des Urb­an­thro­pus. Halb aus der Wech­sel­blü­ter-Vor­ge­schich­te der Mensch­heit, halb aus Fic­tion-Fil­men ent­schlüpft, bekriecht die­se Krea­tur die Zemen­tauf­tür­mun­gen unse­rer Zivi­li­sa­ti­on. Sie beklet­tern Ver­kehrs­schil­der, hän­gen an ihnen kopf­un­ter zur Rast. Sie flech­ten ihre metal­le­nen Glied­mas­sen durch Schmie­de­ei­sen­to­re von Kathe­dra­len. Sie sind kei­ne aso­zia­len Wesen, beschnüf­feln die Ein­kaufs­tü­ten der Pas­san­ten und neh­men gern das Ver­steck- und Erschreck­spiel necki­scher Kin­der vor Ort auf. Impro­vi­sa­ti­on ist genau­so ein Teil ihres Stü­ckes wie ein­stu­dier­te Ele­men­te. Sol­che Ele­men­te wer­den auf ver­schie­de­ne Städ­te ange­passt. Schil­der, Brü­cken­ge­län­der und Win­kel gibt es über­all. Und was an sol­chem Gelän­de­tanz ist dann noch spe­zi­fisch? Nun, es gibt zwei Arten von Site-Spe­ci­fic-Dance, erklärt uns der Exper­te: Der eine ent­steht kon­zep­tu­ell an einem beson­de­ren Ort. Die­ser Ort löst die Idee und das The­ma aus. Das Klos­ter Part-Dieu und sein ver­fal­le­ner Fried­hof bei­spiels­wei­se, oder das Gruy­er­zer Schloss mit sei­nen immensen Git­ter­stä­ben an den Fens­tern. Dann gibt es den­je­ni­gen Tanz, der Typi­sches, aber Wie­der­hol­ba­res, an sol­chen Plät­zen the­ma­ti­siert. Kreis­ver­kehr gibt es in allen Städ­ten, einen Schil­der­wald auch, sie zeu­gen von Urbanität.

Demo­kra­ti­sie­rung der Kunst Wenn Tän­zer Plät­ze unse­res All­tags betan­zen, dann bege­ben sie sich gewis­ser­mas­sen in den Rachen des Löwen. Hier sind nicht Zuschau­er in Frei­zeit­stim­mung, auch nicht Kunst­ge­bil­de­te und Zah­lungs­wil­li­ge. Indem die Tän­zer sich auf unse­ren All­tags­stress ein­las­sen, leis­ten sie einen gewag­te­ren Schritt Rich­tung Demo­kra­ti­sie­rung der Kunst als noch die Avant­gar­de der beschwing­ten 60er. Site-Spe­ci­fic-Tän­zer wol­len auch kei­nes­wegs mit den Stras­sen­künst­lern wett­ei­fern. Kei­ne vir­tuo­sen Tricks sol­len die Auf­merk­sam­keit auf sich len­ken, son­dern stil­le Irri­ta­tio­nen. Man darf auch nicht den­sel­ben Mass­stab wie an ein ein­heit­li­ches Kunst­werk anle­gen. Auch damit ste­hen sie durch­aus in der Ent­wick­lungs­li­nie der Event-Kunst. Das Hier und Jetzt ist wich­tig, beto­nen sie, und wir Zuschau­er sind als Kom­pli­zen gefragt. Sie grei­fen For­men, die wir an unse­rer Stadt gar nicht wahr­neh­men, auf und machen den Rhyth­mus ihrer Anord­nung durch Bewe­gung erst sinn­fäl­lig. Sol­che Wer­ke wol­len zugäng­lich sein. Kei­ne Kopf­kunst stösst uns vor den Kopf.

Dia­log mit dem Platz Was aber ist genau das Auf­grei­fen von For­men und rhyth­mi­scher Anord­nung? Wor­in besteht die­ser hoch­ge­rühm­te Dia­log mit der Archi­tek­tur und der Land­schaft? Wir müs­sen eine Ant­wort fin­den, sonst sind die Begrif­fe nichts wei­ter als lee­re Meta­phern zu einem scha­len Genre.

Das Mar­kan­te am Ort Wie kann eine Aus­ein­an­der­set­zung mit räum­li­chen Beson­der­hei­ten aus­se­hen? Das Mar­kan­te am Ort her­vor­zu­he­ben kann ein Vor­ha­ben inner­halb der Aus­ein­an­der­set­zung sein. Ein ande­res, das Mar­kan­te zu bre­chen, sich die­sem quer zu stel­len. Kann man bei­des machen? Neh­men wir als Bei­spiel ein metal­le­nes Trep­pen­haus­ge­rüst, das an eine Fas­sa­de ange­baut ist. Über meh­re­re Eta­gen tür­men sich die Stu­fen. Jede Eta­ge erscheint wie ein Kubus, ja Käfig, mit einer Zwi­schen­platt­form, wo der Bestei­ger zur gegen­läu­fi­gen Trep­pe sich wen­det. Die Stie­gen sind nicht mas­siv, son­dern nur fla­ches Metall, so dass Benut­zer durch­weg mit dem Auge ver­folg­bar sind. Was am Trep­pen­ge­rüst mar­kant ist, wenn man die Stu­fen fron­tal anblickt, steht im Kon­trast zum Haus­block mit gross­flä­chi­ger Fas­sa­de: Das Durch­läs­si­ge sowie das eng­struk­tu­riert Regel­mäs­si­ge. Alle sicht­ba­ren Lini­en sind hori­zon­tal (Stu­fen sowie Gelän­der der Zwi­schen­platt­form). Die­ses beson­de­re Merk­mal heben die Ara­bes­quen (90° geho­be­ne gestreck­te Bei­ne) der DaMo­tus-Com­pa­nie her­vor, sowie par­al­lel aus dem Gerüst ragen­de waa­ge­rech­ten Arme. Den Bruch des Mar­kan­ten dage­gen leis­ten Dia­go­na­len. Und zwar in Form stei­fer Kör­per, wenn sie im 45°-Winkel zur Haus­wand geneigt die Stu­fen erklim­men. Oder wenn die Tän­zer je auf einer Zwi­schen­platt­form syn­chron die Bei­ne an den Kubus­ecken wie Win­kel­hal­bie­ren­de her­aus­stre­cken. Sie beto­nen einer­seits das Geo­me­tri­sche, sei­ne Wie­der­ho­lun­gen in der Auf­tür­mung, und set­zen doch mit der Dia­go­na­len Gegenakzente.

Kör­per­glie­der als archi­tek­to­ni­scher Anbau? Das klingt ja noch alles sehr sta­tisch. Kör­per­glie­der als archi­tek­to­ni­scher Anbau? Site-Spe­ci­fic-Dance wird sich im Ide­al­fall aber auch mit dem Rhyth­mus der Archi­tek­tur aus­ein­an­der­set­zen. Und sie in dyna­mi­schen Rhyth­mus umset­zen. Was genau in der Archi­tek­tur Rhyth­mus ist, ist ein The­ma für sich. Die Fach­leu­te brin­gen den Begriff mit Wie­der­ho­lun­gen von klei­ne­ren Ein­hei­ten inner­halb eines (grös­se­ren) Gan­zen in Ver­bin­dung und fügen die Fra­ge hin­zu: In wel­chem Ver­hält­nis? Wenn jedes zwei­te Fens­ter einen Bal­kon hat, so ist die klei­ne­re Ein­heit «Öff­nun­gen» der Fas­sa­de in der grös­se­ren Ein­heit Stock­werk zum Bei­spiel eine regel­mäs­si­ge Wie­der­ho­lung im Ver­hält­nis 1:2 (Bal­kon­fens­ter sei­en dop­pel so gross wie schlich­te). Kurz-lang, kurz-lang, … wäre eine akus­ti­sche Ent­spre­chung. Unser Trep­pen­ge­rüst ist gleich­mäs­sig struk­tu­riert. Die erwähn­te Platt­form zum Wen­den reiht sich da ganz unauf­fäl­lig ein. Hüpft man die Stu­fen Knö­chel an Knö­chel hin­ab, ist die Platt­form eine erzwun­ge­ne Pau­se. Indem nun meh­re­re Tän­zer sowohl das gleich­mäs­si­ge Run­ter­hop­sen als auch ein regel­mäs­si­ges Ein­hal­ten kanon­ar­tig unter sich über meh­re­re Eta­gen ver­tei­len und mit 180°-Wendungen von fron­tal zu dor­sal Über­ra­schungs­mo­men­te set­zen, grei­fen sie den Rhyth­mus des Baus auf und spie­len mit ihm. Es ent­steht eine nahe­zu fugen­ar­ti­ge Kom­po­si­ti­on. Die Idee ist bril­lant, viel zu wenig aus­ge­kos­tet lei­der von der Grup­pe DaMotus.

Nega­ti­ver Raum Einen eigen­wil­li­gen Dia­log geht Wil­li Dor­ner mit der Archi­tek­tur ein (unlängst auf dem Fes­ti­val Tanz In. Bern zu sehen). Er sucht oft «nega­ti­ve Räu­me» auf. Das sind bei­spiels­wei­se Zwi­schen­räu­me. Wenn er in Haus­wand­nä­he einen Schil­der­wald spries­sen sieht, gehen ihm sei­ne Tän­zer­kör­per durch den Kopf. Und schon weiss er, wie­vie­le von ihnen in den Spalt rein­ge­zwängt wer­den kön­nen. Zwi­schen Fas­sa­de und Stä­be gepfercht hält sie die Rei­bungs­kraft, auch kopf­un­ter, ganz ohne Boden­kon­takt. Was betont Wil­li Dor­ner hier? Das Mar­gi­na­le, Rand­zo­nen. Indem Tän­zer zusam­men­ge­drängt Volu­men bil­den, kön­nen der­art auf­ge­füll­te Leer­räu­me über­haupt erst sicht­bar wer­den. Die Skulp­tu­ren, die dabei ent­ste­hen, sind bizarr und komisch. Bevor Gesich­ter blau anlau­fen, (Kapu­zen sor­gen zudem für die nöti­ge Neu­tra­li­sie­rung der Kör­per), sprin­gen sie aus den Posen und lau­fen zur nächs­ten. Hun­dert Meter wei­ter tür­men sie sich erneut. Sobald der Betrach­ter nach­folgt, lebt auch schon die­ser stadt­ar­chi­tek­to­nisch ver­ges­se­ne Raum.

Funk­tio­na­li­tät der Städ­te Wenn er an gut struk­tu­rier­ten Bus­hal­te­stel­len die Kör­per säu­ber­lich sta­pelt, um die bes­te Raum­nut­zung zu bie­ten (indem er die Bank­flä­chen auch von unten «besetzt»), nimmt Wil­li Dor­ner den Ord­nungs­wahn und die Funk­tio­na­li­täts­ma­nie auf die Schip­pe. Mit dem Dia­log zwi­schen Tanz und Archi­tek­tur ist es nicht getan. «Ich wün­sche, dass die Stadt­be­woh­ner ihres Umfel­des über­haupt wie­der gewahr wer­den, auch bei Unschein­ba­rem auf­mer­ken. Und mehr: Sie sol­len den städ­ti­schen Raum wie­der zurück­ge­win­nen kön­nen!» Die Lei­te­rin des Cent­re Pom­pi­dou reiz­te der Gedan­ke, mit ihrer beauf­trag­ten Kunst auch mal Stadt­tei­le ver­kehrs­tech­nisch lahm zu legen. «Stö­run­gen und Irri­ta­tio­nen» nennt sie das dann. Denn wo der Fuss­gän­ger zur Site-Spe­ci­fic-Kon­tem­pla­ti­on ein­ge­la­den wird und wei­te­re Neu­gie­ri­ge anlockt, gerät so man­che städ­ti­sche Funk­ti­on ins Stocken.

Dass dabei der rhyth­mi­sche Cha­rak­ter von Bewe­gung, ja die ver­schie­de­nen Dyna­mi­ken von Bewe­gung im Tanz auf der Stre­cke blei­ben, nimmt der Cho­reo­graf in Kauf. «Ich will in die­ser All­tags­hek­tik das Medi­ta­ti­ve verbreiten.»

Wer also noch die rebel­li­sche Bewe­gungs­wut der New Yor­ker Stras­sen­tän­zer in Erin­ne­rung hat, die den öffent­li­chen Raum ver­un­si­cher­te, sieht sich also ent­täuscht. Aber die woll­ten toten Beton zum Beben brin­gen und die Wüs­te der Vor­städ­te pul­sie­ren las­sen. Auch eine durch­aus gelän­de­ty­pi­sche Antwort…

Inhä­ren­te Bewe­gung Hei­di Ami­seg­ger, die Lei­te­rin der öff öff pro­duc­tions in Bern, pro­du­ziert seit fünf­zehn Jah­ren für beson­de­res Gelän­de. Ob für Brü­cken oder hohe Wän­de, bei ihr ist Akro­ba­tik mit im Spiel. Tri­sha Browns Wand­gang treibt sie gar auf die Spit­ze, wenn sie ihre Leu­te kopf­un­ter wan­deln lässt (upsi­de-down-walk). Indem sie gern ange­seilt arbei­tet, kann Dyna­mik unge­wohn­te Aus­mas­se anneh­men. Obwohl, auch wie­der nicht: kennt man schon vom Bun­gee-Jum­ping. Wenn wir nicht jede rhyth­mi­siert vor­ge­führ­te Bewe­gung Tanz nen­nen wol­len und nicht jede Erwei­te­rung des Bewe­gungs­spiel­raums (in den Lüf­ten) als tanz­för­der­lich anse­hen, dann müs­sen wir uns um ein kon­kre­tes Bei­spiel bemü­hen: Die Auf­füh­rung mit Alp­horn auf dem Dach des Zen­trum Paul Klee.

Das Mar­kan­te an die­sem Gebäu­de von Ren­zo Pia­no, das wel­len­för­mi­ge Stahl­dach, hat die Sta­tur eines Wahr­zei­chens. Da das Dach in die umlie­gen­den Äcker ein­fliesst, kann man es beim Spa­zie­ren betrach­ten: «Das glän­zen­de Metall spie­gelt den Him­mel wie­der und erin­nert mich an die Glet­scher. Die tie­fen Ril­len zwi­schen dem wel­len­för­mi­gen Gerip­pe sind wie Glet­scher­spal­ten. Das nutz­ten wir.» Tat­säch­lich, beim Erklim­men der Höhen sinkt immer wie­der jemand in die Spal­ten ab. Die abwech­seln­den Posen, auf allen Vie­ren, die steil dem «Berg» zuge­neigt ste­hen, auf dem Hin­tern rut­schend und plötz­lich absa­ckend, bie­tet an sich Mate­ri­al genug für einen Tanz. Die Cho­reo­gra­fin macht uns auf einen neu­en Aspekt auf­merk­sam, den die vori­gen Cho­reo­gra­fen über­gin­gen: «Die Archi­tek­tur hat eine inhä­ren­te Bewe­gung. Die­se woll­te ich aufzeigen».

Die Sinus­kur­ve des Paul-Klee-Zen­trums Sehen wir Bewe­gung am Dach, weil wir die Wogen des Mee­res asso­zi­ie­ren? Weil laue Hügel­ket­ten zum Wan­dern ein­la­den? Weil die Bah­nen uns an die par­al­lel­ver­lau­fen­de Auto­bahn und ihre Geschwin­dig­keit gemahnt? Neben sol­chen kon­text- und kul­tur­ab­hän­gi­gen Ant­wor­ten gibt es viel­leicht auch wel­che, die mit der Gleich­för­mig­keit der Struk­tur zusam­men­hän­gen. Die regel­mäs­si­ge Rei­hung von Wöl­bun­gen der Sinus­kur­ve ver­sinn­bild­licht in der Mathe­ma­tik unter ande­rem die har­mo­ni­sche Schwin­gung, also Bewe­gung. Sowohl der Feder- als auch der Faden­pen­del, ein­mal in Bewe­gung gebracht, schwingt (ohne Luft­wi­der­stand) je in einer kon­stan­ten Aus­len­kung und Dau­er. Die Ampli­tu­de und die Schwin­gungs­dau­er sind den Koor­di­na­ten der Sinus­kur­ve abzu­le­sen. Es steckt noch mehr ables­ba­re Bewe­gung hin­ter die­ser Kur­ve: Die Dyna­mik­ver­än­de­rung des Pen­dels. Die Höhen und Tie­fen der Kur­ve ent­spre­chen dem Umschlags­punkt des Pen­dels, an wel­chem die Geschwin­dig­keit null ist. Zwi­schen ihnen wird’s rasant. Wo die Beschleu­ni­gung am gröss­ten ist, ist die Spit­ze der Cosi­nus­kur­ve – wel­che genau­so har­mo­nisch sich hin­wellt. Ist das zu abs­trakt? Ganz ähn­li­che Kräf­te sind aber am Werk, wenn wir uns oben auf der ers­ten Höhe des Dachs plat­zie­ren wür­den. Unse­re poten­ti­el­le (die soge­nann­te Lage-)Energie las­sen wir frei, indem wir gegen das Tal ren­nen, unten ange­langt ist die­se Fall­kraft gehemmt und ledig­lich der Schwung gibt uns Auf­trieb. Die Rei­bungs­kraft kön­nen wir nicht aus­schal­ten, also kom­pen­sie­ren wir das letz­te Stück mit Mus­kel­kraft. Am obe­ren Punkt spü­ren wir ein leich­tes Ver­hal­ten (Geschwin­dig­keit null), spü­ren wohl aber unser «Poten­ti­al», bevor wir uns ins nächs­te schwin­gen­de Ereig­nis stür­zen. Wäre es mög­lich, dass wir am Bau die­se Bewe­gung als «inhä­ren­te» wahr­neh­men? Bei die­ser Erklä­rung spiel­te aber erneut der Rhyth­mus der archi­tek­to­ni­schen Struk­tur eine Rol­le. Rhyth­mus fin­den wir aber in die­ser öff-öff-Pro­duk­ti­on kei­nen. Rhyth­mus ist bis auf eine Aus­nah­me weder im Bewe­gungs­ab­lauf aus­zu­ma­chen, noch in der Musik. Damit scheint aber die Auf­füh­rung wie aus­ein­an­der­zu­fal­len. Das Gelän­de ist weit, die Tän­zer ver­liert man aus dem Blick. «Das ist bezweckt» bemerkt Hei­di Ami­seg­ger, «es geschieht wie in der Natur: Auf einen Ruf eines Horns oder Tiers folgt eine Ant­wort. Man weiss nur nicht wann und nicht wo.»

Ja, auf man­chem Gelän­de kann man sich halt auch ver­lie­ren. Eines ist sicher, wenn man sich auf eine Site-Spe­ci­fic-Ver­an­stal­tung begibt: Unmög­lich zu wis­sen, was einen erwar­tet auf dem betanz­ten Platz.

www.tanzkritik.net

Die nächs­ten Fol­gen von «Tanz der Gegenwart»:
VIII. Fol­ge: Soft­ware & Tanz
IX. Fol­ge: Tanz wird reif fürs Alter (oder wahl­wei­se: Das Alter im Tanz)

Bild: Akram Khan / Foto: Carl Fox und «d’schwyz tanzt»
Ensuite, Janu­ar 2009