Recep Tayyip Erdogan in Ukraine / Wikipedia

Bild: Recep Tayyip Erdogan in Ukraine / Wikipedia

Behäm­mert ist das neue Schwarz

Von

|

Drucken

Von Patrik Etsch­may­er - Man stel­le sich die­se Sze­ne vor: Ein Auto­her­stel­ler, der für bil­li­ge, qua­li­ta­tiv frag­li­che Fahr­zeu­ge bekannt ist, und des­sen Her­stel­lungs­qua­li­tät in den letz­ten Jah­ren sogar noch schlech­ter gewor­den ist, stellt ein neu­es Modell vor, des­sen Motor schon bei der Fahrt auf die Show­büh­ne in Flam­men auf­geht. Wäh­rend die Kar­re noch vor sich hin kokelt und qualmt, tritt der CEO der Fir­ma vor die ver­sam­mel­te Fach­pres­se und ver­kün­det, dass das rau­chen­de Wrack, das zuver­läs­sigs­te und bes­te und kom­for­ta­bels­te Auto sei, dass je gebaut wor­den ist. Und wenn das jemand bezweif­le, wer­de die Event-Secu­ri­ty all­fäl­li­ge Zweif­ler sofort rausschmeissen.

Die Behaup­tung von Recep Tayyip Erdo­gan, dem zukünf­ti­gen Sul­tan von Anka­ra, dass die Tür­kei die bes­te Demo­kra­tie habe, ist auf dem etwa glei­chen Niveau ange­sie­delt. Dass sei­ne Anhän­ger jubeln, ist klar. Dass Trump Erdo­gan gra­tu­lier­te, war auch nur logisch (ver­mut­lich berei­tet er jetzt ein ähn­li­ches Refe­ren­dum vor). Und dass diver­se EU-Poli­ti­ker befan­den, dass die ohne­hin schon kli­nisch toten und in einem Pro­zess fort­ge­schrit­te­ner Ver­we­sung befind­li­chen EU-Bei­tritts­ver­hand­lun­gen mit der Tür­kei jetzt end­gül­tig geschei­tert sei­en, war nur das Kon­sta­tie­ren des ver­dammt Offensichtlichen.

Der Sul­tan und sein (ver­mut­lich nur durch Wahl­fäl­schung zustan­de gekom­me­nes) Refe­ren­dum sind dabei vor allem Aus­druck des­sen, dass «behäm­mert» die neue Trend­far­be der poli­ti­schen Land­schaft ist. Dabei die­nen Aus­län­der (ob im Aus­land oder als Immi­gran­ten) allent­hal­ben als die gros­sen Böse­wich­te für Rechts­par­tei­en. Und die aggres­si­ven Rechts­par­tei­en sind die per­fek­te Bedro­hung für Immi­gran­ten-Com­mu­ni­ties, wel­che wie­der­um ihre Hei­mat in der Frem­de in ultra-natio­na­lis­ti­schen und ‑reli­giö­sen Par­tei­en aus der Hei­mat fin­den. Wie es eben in vie­len Län­dern West­eu­ro­pas pas­siert ist. Über­all dort, wo auf Druck von rechts auf Erdo­gans Pro­vo­ka­tio­nen beson­ders rabi­at reagiert wur­de, gewann die AKP beson­ders hoch. So wur­den die AKP-Nazis von hei­mi­schen Rechts­aus­le­gern gestärkt und die wie­der­um stär­ken die­se in einer krei­schen­den poli­ti­schen Rück­kopp­lungs­schlei­fe: eine fast per­fek­te Sym­bio­se sich ver­ab­scheu­en­der Organismen.

Hass macht eben Stim­mung. Und Stim­mung ist in Demo­kra­tien die Essenz zum Macht­ge­winn. Mari­ne Le Pen betet ver­mut­lich jede Nacht dar­um, dass es wie­der einen blu­ti­gen isla­mis­ti­schen Anschlag gibt. Und Isla­mis­ten beten garan­tiert dar­um, dass – wo immer mög­lich – rechts­po­pu­lis­ti­sche Het­zer an die Macht kom­men. Radi­ka­le lie­ben gegen­sei­ti­gen Hass. Kla­re Feind­bil­der – egal, wie weit sie von der Rea­li­tät ent­fernt sind – kön­nen in der Poli­tik nicht mal mit Gold auf­ge­wo­gen werden.

Zumin­dest, wenn über­all genü­gend Angst und Unsi­cher­heit herrscht. Und dafür ist der­zeit ja aus­rei­chend gesorgt. Zum Teil durch die stei­gen­de Radi­ka­li­sie­rung in der Poli­tik, zum Teil durch schlich­te Angst-Pro­pa­gan­da und nicht zuletzt durch immer grös­se­re gesell­schaft­li­che Ungleich­ge­wich­te und demo­gra­fi­sche Probleme.

Gemäs­sig­te, lösungs­ori­en­tier­te Stim­men wer­den dabei nicht mehr gehört. Oder sie wer­den – wie in der Tür­kei – zum Schwei­gen gebracht. Wenn die Popu­lis­ten die Macht erst mal wirk­lich gesi­chert haben, ist alles zu spät. Wie es am Schluss raus­kommt, hängt natür­lich vom Land ab und des­sen Mög­lich­keit, allen­falls einen Krieg zur Selbst­ret­tung (wie wei­land Hit­ler) anzu­zet­teln. In Vene­zue­la, wo der popu­lis­ti­sche Bull­shit vor fast zwan­zig Jah­ren in grü­nen Tarn­an­zü­gen und mit Fall­schirm­jä­ger-Berets sei­nen ers­ten Auf­tritt hat­te, reich­te es wenigs­tens nicht dazu. Unter­des­sen wird dort der Popu­lis­mus von einem schmie­ri­gen Ex-Bus­fah­rer in häss­li­chen Hem­den wei­ter­be­trie­ben und es bie­tet sich kein schö­ner Anblick:

Eines der reichs­ten Län­der der Welt, wenn es um Roh­stof­fe und Natur­schön­hei­ten geht, liegt am Boden, darbt nahe dem Staats­bank­rott, wäh­rend sich die «Ret­ter des Vol­kes» wie Napf­mu­scheln an die Res­te ihrer Macht gehef­tet haben. Zer­fal­len­de Infra­struk­tur, galop­pie­ren­de Infla­ti­on (der­zeit «nur» 1000 %), Kor­rup­ti­on an allen Ecken und Enden und der Zusam­men­bruch der öffent­li­chen Sicher­heit bei der gleich­zei­ti­gen Demon­ta­ge aller noch funk­tio­nie­ren­den Struk­tu­ren, da die­se durch ihre allei­ni­ge Exis­tenz die Macht­ha­ber ad absur­dum füh­ren. Auf dem Weg dort­hin: Ver­staat­li­chun­gen, Ent­eig­nun­gen, Kam­pa­gnen gegen Frem­de, absur­de Ein­fuhr­sper­ren, pro­vo­zier­te Kon­flik­te mit Nach­bar­staa­ten, der­weil die Mäch­ti­gen des Lan­des von Mil­lio­nä­ren zu Mil­li­ar­dä­ren wur­den und sich zum Teil als Dro­gen­gros­sis­ten einen Neben­ver­dienst sichern.

Und ja: Das wird – mehr oder weni­ger krass – über­all pas­sie­ren, wo sich Popu­lis­ten die Macht sichern. Ganz ein­fach, weil sol­che Leu­te nur für sich und ihre Kli­en­tel arbei­ten und einen feuch­ten Dreck auf ihre Wahl­ver­spre­chen und das so genarr­te Volk geben. Doch offen­bar ist es modisch, dumm wie Brot zu wäh­len. Däm­lich scheint eben wirk­lich das neue Schwarz zu sein.



Newsletter

SPENDEN!

Einen Text gelesen und der hat gefallen? Spende per TWINT ein paar Franken - ohne Abo, aber mit gutem Gewissen. Geht doch auch.