Beet­ho­ven – gross­ar­tig und … anders

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Fünf Beet­ho­ven-Sym­pho­nie-Zyklen, auf die ich kei­nes­falls ver­zich­ten möch­te? Otto Klem­pe­rer, Wil­liam Stein­berg, Yehu­di Menu­hin, Simon Ratt­le, Iván Fischer. Doch seit Kur­zem gehört ein wei­te­rer «Unver­zicht­ba­rer» dazu: die Auf­nah­me mit dem Ver­bier Fes­ti­val Cham­ber Orches­tra unter Gábor Tákacs-Nagy, die ich neu­lich erhal­ten habe (DG 486 4117, 5 CDs).

Die­ser Zyklus ist drän­gend, vol­ler Enthu­si­as­mus, ja man kann ihn sogar als wild bezeich­nen. Ich habe schon in der Novem­ber-Num­mer den Schwung, die Begeis­te­rung, das Ur-Musi­kan­ten­tum die­ses Diri­gen­ten beschrie­ben. Und wenn auch vie­les eigen­wil­lig ist – es über­zeugt immer, so jeden­falls emp­fin­de ich es.

Die Auf­füh­run­gen wur­den bei Kon­zer­ten zwi­schen 2009 und 2022 mit­ge­schnit­ten: die Nrn. 2 und 6 im Schloss Elmau, alle übri­gen in Ver­bier. Es ist eine gute Idee der Pro­du­zen­ten, den Applaus am Schluss der jewei­li­gen Sym­pho­nien für eini­ge Momen­te ste­hen zu las­sen; die Dar­bie­tun­gen kön­nen nur Begeis­te­rung her­vor­ru­fen!
Gábor Tákacs-Nagy zeigt sich erneut als Meis­ter der leben­den Phra­se, mit sanf­ter Ago­gik und klei­nen dyna­mi­schen Kon­tras­ten, und dies ohne je den Fluss der Musik zu unter­bre­chen. Die Brei­te sei­nes dyna­mi­schen Spek­trums ist unglaublich.

Aus­ser­dem ist er gewillt, den Auf­bau der Orchestra­ti­on deut­lich wer­den zu las­sen, eine über­zeu­gen­de Kom­bi­na­ti­on zwi­schen Spon­ta­ni­tät und Form­be­wusst­sein. Man hört Details in soge­nann­ten Neben­stim­men, die einen über­ra­schen, die ein neu­es Klang­bild ver­mit­teln (mar­kan­tes Bei­spiel: die Fagott­stim­men in der Ach­ten).
Die Tem­pi sind meist auf der raschen (teils sogar sehr schnel­len, aber nie ver­hetz­ten) Sei­te, mit Aus­nah­me des ruhig gespiel­ten Trau­er­mar­sches in der «Eroi­ca», der hier ele­gisch, nach­denk­lich klingt, weder hero­isch noch pathe­tisch. Und was der Solo­obo­ist leis­tet, ist aller­höchs­te Meisterschaft!

Im Rah­men die­ses Arti­kels kann natür­lich nur auf ein­zel­ne Momen­te ein­ge­gan­gen wer­den. So möch­te ich den beson­ders schö­nen Blä­ser­klang am Anfang der «Pas­to­ra­le» erwäh­nen. In der glei­chen Sym­pho­nie hört man den zwei­ten Satz – der so oft schlep­pend gespielt wird – im rich­ti­gen Tem­po: «andan­te mol­to mos­so». Die Sze­ne spielt an einem flies­sen­den Bach, nicht an einer sta­gnie­ren­den Pfüt­ze! Und wie rasch, wild und stamp­fend die Bau­ern im drit­ten Satz ihren Tanz fei­ern! Beim anschlies­sen­den Gewit­ter ist man ver­sucht, auf­zu­ste­hen und zu kon­trol­lie­ren, ob alle Fens­ter in der Woh­nung auch wirk­lich geschlos­sen sind. Der Kon­trast im anschlies­sen­den abge­klär­ten Hir­ten­ge­sang ist ergrei­fend.
In der Sieb­ten unter­streicht Tákacs-Nagy die fast obses­si­ven Rhyth­men; sogar das Trio im Scher­zo wird tän­ze­risch gespielt; der Diri­gent igno­riert die Anga­be «assai meno pres­to» in der Par­ti­tur – eine der zahl­rei­chen Über­ra­schun­gen in die­sem Zyklus (ich glau­be, Beet­ho­ven hät­te es ihm ver­zie­hen). Das Fina­le ist rasend, wie es sich gehört. Ein­drück­lich, wie die schar­fen Har­mo­nien in den Tak­ten 114 ff deut­lich her­vor­ge­ho­ben werden.

Einer der Höhe­punk­te in die­ser Samm­lung ist der drit­te Satz der Ach­ten: ein höfi­sches Menu­ett, dann über­ir­di­scher Schön­klang im Trio. Die humo­ris­ti­schen Ein­fäl­le «à la Haydn» im Fina­le wer­den genüss­lich herausgespielt.

In der Neun­ten ist der Kon­trast zwi­schen Dra­ma und lyri­scher Melo­dik beson­ders stark, schon am Anfang des Kopf­sat­zes. Das Scher­zo wird schnell und rhyth­misch prä­gnant gespielt. Der lang­sa­me Satz klingt über wei­te Stre­cken abge­klärt, zwi­schen­drin wer­den die Emo­tio­nen ver­stärkt. Das Fina­le wird zum umwer­fen­den Höhe­punkt. Die Rezi­ta­ti­ve von Cel­li und Kon­tra­bäs­sen sind hier beson­ders «spre­chend», der Mün­che­ner Bach-Chor (Ein­stu­die­rung Johan­na Soll­er) ist her­vor­ra­gend, eben­so das Solis­ten­quar­tett (Julia Maria Dan, Ema Niko­lovs­ka, AJ Glue­ckert, Michail Petren­ko).
Zwei Details möch­te ich her­vor­he­ben: Ab Takt 115 notiert Beet­ho­ven zwei Fagott­stim­men, die zwei­te «col bas­so». Unklar­hei­ten zwi­schen Auto­graph und Erst­aus­ga­be – bei Beet­ho­ven kei­ne Rari­tät – haben zur Fol­ge, dass die zwei­te Stim­me von den meis­ten Inter­pre­ten weg­ge­las­sen wird, was unzwei­fel­haft falsch ist und die Stel­le um eine reiz­vol­le Fär­bung bringt. Takács-Nagy gehört zu den weni­gen, die bei­de Fagot­te spie­len lassen.

Am Ende des Tenor­so­los («Froh …») akze­le­riert der Diri­gent auf das Wort «freu­dig» und schafft so einen ori­gi­nel­len Über­gang zur Orchesterfuge.

Zum The­ma Wie­der­ho­lun­gen: Sie wer­den, wie oft der Fall, in den Kopf­sät­zen der Nrn. 1, 2, 5 und 8 ein­ge­hal­ten. Erfreu­li­cher­wei­se respek­tiert Tákacs-Nagy auch sämt­li­che Wie­der­ho­lun­gen in der «Pas­to­ra­le» und der Sieb­ten. War­um er in der Vier­ten nicht wie­der­holt, bleibt rät­sel­haft. Inter­es­sant ist der Fall in der «Eroi­ca»: Dort wie­der­holt er im ers­ten Satz nicht, hat jedoch einen reiz­vol­len Ein­fall: Am Anfang der Durch­füh­rung ver­lang­samt er für eini­ge Tak­te das Tem­po und schafft so einen Über­gang, der die Expo­si­ti­on als eine Art Intro­duk­ti­on erschei­nen lässt.

Wir haben hier eini­ge der am per­sön­lichs­ten gepräg­ten Auf­füh­run­gen die­ser Meis­ter­wer­ke. Vor allem jedoch sind sie das Resul­tat tief emp­fun­de­ner Musi­ka­li­tät und begeis­ter­ter Lie­be zu der Musik Beet­ho­vens. Jeden­falls ein Markstein!



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