Eine Retrospektive der Superlative widmet die Fondation Beyeler in Riehen der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama (*1929 Matsumoto, Japan). Die Schau umfasst 300 Werke in zehn Ausstellungsräumen, darunter eine Grossinstallation im Untergeschoss des Museums sowie zwei im Park. Sie zeugt von 70 Schaffensjahren, in denen diese Ikone der zeitgenössischen Kunst sich obsessiv der Kunst widmete. Ausserordentlich ist ihr Werk auch, weil sich die noch immer aktive Künstlerin in verschiedensten Medien bewegt: Malerei, Zeichnung, Skulptur, Installation, Performance, Collage, Mode, Literatur und Film. Die Kuratorin Mouna Mekouar arbeitete eng mit der Künstlerin und deren Studio zusammen. Sie gestaltete den Ausstellungsparcours als Entdeckungsreise durch das vielschichtige Werk von Kusama. 130 Werke sind zum ersten Mal in Europa zu sehen, viele davon sind auch Kennern der Künstlerin unbekannt, da sie aus ihrer Privatsammlung stammen. Ihr Werk ist eng mit ihrem Leben verflochten. Die Hinwendung zur Natur und zu deren Objekten sowie zu ihrer Umgebung praktizierte sie bereits als Kind und danach, als sie in Kyoto eine klassische japanische Kunstschule besuchte. Die Hinwendung zur Natur ist Teil der japanischen Kunsttradition, wohingegen der sehr eigenwillig-individuelle formale Duktus ihres Werkes in die westliche Kunsttradition eingeordnet werden kann. Der wesentliche Kern ihrer Auseinandersetzung ist im Begriff und im Konzept der Unendlichkeit verankert. Inhaltlich lebt sie diesen in ihrer spirituellen und psychischen Realität. Formal sucht sie sich immer wieder eine neue künstlerische Sprache, um ihre Vision der Unendlichkeit auszudrücken: Ihre berühmten «Punkte» und «Infinity-Netz-Bilder» verkörpern sie. Die Wiederholung der formalen Elemente birgt in sich eine stete Bewegung, die dem Leben entnommen ist, das sich fortlaufend bewegt und verändert. Ermutigt durch die Korrespondenz mit der für ihre monumentalen Blumenbilder bekannten US-amerikanischen Malerin Georgia O’Keeffe, verlässt Kusama Ende der 1950er-Jahre Japan in Richtung Seattle, USA. Von da reist sie weiter nach New York, wo sie bis in die 1970er-Jahre bleibt. Das Erleben des Meeres veranlasst sie zu ihren ersten «Infinity-Bildern». In New York entstehen einige ihrer bekanntesten Werke. Dann kehrt sie nach Japan zurück. In Tokio wohnt und arbeitet sie bis heute freiwillig in einer psychiatrischen Klinik: Unweit davon befindet sich auch ihr Atelier. Ihr Werk spiegelt auf einmalige Weise wider, wie die Künstlerin persönliche Krisen und von Halluzinationen geprägte gesundheitliche Schwierigkeiten in umfassende Erfahrungen umwandeln kann. Wie kaum eine andere künstlerische Persönlichkeit spricht sie mit ihrem Werk alle Altersgruppen wie auch alle Kulturkreise an. Ausserordentlich in ihrem Werk ist auch, wie sie die Grenzen der Kunst an sich und jene zum Publikum und zu dessen Wahrnehmung immer wieder verschieben kann. Das hängt auch mit ihrer Virtuosität zusammen, in verschiedenen Medien ihre künstlerischen Anliegen ausdrücken zu können. In der Schau in Riehen werden einmalig auch Werke aus ihrer frühen Schaffenszeit gezeigt, die Bilder mit Tusche, Pastell und Gouache auf Papier umfassen. Hier zeigt sich bereits ihr künstlerischer Duktus, der virtuos mit verschiedenen Techniken umgeht. Die berühmten «Infinity-Netz-Bilder» sowie ihre Phallus-«Soft Sculptures» sind zu sehen wie auch wichtige Exponate aus ihrer Beschäftigung mit der Mode, die für sie Teil einer öffentlichen Kunst ist. Filmaufnahmen ihrer Performances sind ebenso zu bestaunen wie die Serien der 1980er- und 1990er-Jahre zum Thema Kürbis und zu seinen formalen Strukturen, die auch die Rauminstallation im Untergeschoss inspirierten. Eigens für diese bereits anderswo gezeigte Rauminstallation entwarf sie für die Schau in Riehen einen Spiegelkubus, in dem der Besucher eine Fortsetzung der Tentakel erlebt und sich selbst unendlich viele Male gespiegelt sieht. Diese Installation sowie der Spiegelkubus im Garten zeigen, wie vielschichtig und spielerisch Kusama mit dem Begriff der Wahrnehmung und mit deren unendlichen Möglichkeiten umgeht. Der Spiegel taucht in ihrem Werk immer wieder auf als formal lebendige Metapher der Unendlichkeit, und zugleich reflektiert er ihre zeitlebens selbstkritische Perspektive. Die grossformatigen Werke (194 x 194 cm) der Jahre 2009 bis 2021 mit Titeln wie «My Eternal Soul» oder «Death of My Sorrowful Youth Comes Walking with Resounding Steps» zeigen die poetische Lebensphilosophie der Künstlerin: Die Liebe und die gesellschaftliche Verbundenheit sowie die Einheit aller Dinge stehen im Zentrum von Kusamas Kosmos und hallen in ihrer Vision der Unendlichkeit wider. Ihr Werk ist nicht umsonst eines der einflussreichsten der gegenwärtigen Kunstszene: In Installationen wie «Narcissus Garden» (1966/2025), die sie uneingeladen auf der Biennale in Venedig 1966 zeigte, wirft Kusama mit den unzähligen Silberkugeln mit einem spiegelnden Bezug ein sehr kritisches Auge auf den Kunstbetrieb: In diesem beäugt sich jeder wie Narziss am liebsten selbst. Kusama ist Vorbild und Visionärin für eine Kunst, die mitten unter uns und in unserem Leben Akzente setzt, es bereichert und Fragen stellt, denen wir nur allzu oft gerne ausweichen.
Bild: Kusama mit ihrer Installation «Narcissus Garden» an der 33. Biennale von Venedig, 1966. © Yayoi Kusama