Bild: HP2 zu Sennentuntschi, einem Schauspiel von Hansjoerg Schneider inszeniert von Elias Perrig am Stadttheater Bern am 16. Dezember 2009. Premiere: Freitag, 18. Dezember 2009 (Annette Boutellier)

Alpen­my­thos ohne Alpenromantik

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Von Alex­an­dra Port­mann – Nach dem Deba­kel um den Film «Sen­nent­unt­schi» zeigt das Ber­ner Stadt­thea­ter Hans­jörg Schnei­ders Stück unter der Regie des Bas­ler Schau­spiel­di­rek­tors Eli­as Per­rig. Am 18. Dezem­ber 2009 war Pre­miè­re in den Vidmarhallen.

Auf der ver­dun­kel­ten Büh­ne steht eine klei­ne Hüt­te, durch deren Fens­ter drei Män­ner­ge­sich­ter erkenn­bar sind. Ein Bet­ruf erklingt, zunächst lei­se und wider­wil­lig, dann aber wird aus dem mono­to­nen Gemur­mel ein kräf­ti­ger Gesang. Fast beschwö­rend wer­den die Namen von Hei­li­gen in die Lee­re geru­fen, und Nebel strömt über den Büh­nen­bo­den. Die­se mys­ti­sche, unheim­li­che Stim­mung über­trägt sich auf den Zuschau­er und bestimmt den gan­zen Abend. Die Alp ist rau, grob, kalt und vol­ler Aber­glau­ben, ganz ohne Roman­tik und Idylle.

Dem Stück liegt eine im gan­zen Alpen­raum bekann­te Sage zugrun­de. Die­se erzählt von drei Sen­nen, die in betrun­ke­nem Zustand aus einer Mist­ga­bel, einer Wein­fla­sche und einem alten Man­tel eine weib­li­che Pup­pe bas­teln. Sie wird zur Pro­jek­ti­ons­flä­che ihrer sexu­el­len Fan­ta­sien und soll den drei Män­nern die letz­ten sech­zehn ein­sa­men Tage auf der Alp «ver­süs­sen». Obschon der Senn Bene­dikt (Ste­fa­no Wenk) das gan­ze Trei­ben got­tes­fürch­tig mit Miss­trau­en betrach­tet, ver­fällt auch er sei­nem pri­mi­ti­ven Ver­lan­gen. Alle Drei stei­gern sich mass­los in das obs­zö­ne Spiel hin­ein, dem kei­ne Gren­zen gesetzt zu sein schei­nen. Das Spiel der drei Män­ner schwankt stän­dig zwi­schen üblen Scher­zen, Macht­spie­len, gegen­sei­ti­ger Miss­hand­lung sowie kur­zen schein­bar freund­schaft­li­chen Augen­bli­cken. Als der Tunt­sch (Mil­va Stark), den sie auf Namen Maria getauft haben, aber eines Abends zum Leben erwacht, gerät das Ver­hält­nis der Män­ner zum ers­ten Mal in ein Gleich­ge­wicht. Mani (Sebas­ti­an Edt­bau­er) ver­steht plötz­lich Fri­do­lins (Ernst C. Sigirst) pro­vo­zie­ren­de Art, und Bene­dikt ver­greift sich sexu­ell an Maria und nicht mehr an Mani. Doch die­ses Gleich­ge­wicht ist brü­chig und währt nur kurz. Schnell lernt Maria, was ihr bei­gebracht wird, und die Aus­ge­beu­te­te wird selbst zur Aus­beu­te­rin. Aus den «süs­sen» Tagen wer­den Tage des Schre­ckens, deren Ende alle drei Män­ner sehn­süch­tig erwar­ten. Als sich der Auf­ent­halt auf der Alp end­lich zu Ende neigt, pla­nen sie, wie sie sich aus ihren Fän­gen befrei­en könn­ten. Doch längst hat Maria die Kon­trol­le über­nom­men, und Per­rigs Insze­nie­rung lässt offen, ob sie ihr je entkommen.

Hans­jörg Schnei­ders Skan­dal­stück wur­de 1972 im Zür­cher Schau­spiel­haus im Rah­men des «Nacht­stu­di­os» in der Regie von Reto Babst urauf­ge­führt und danach an meh­re­ren euro­päi­schen Büh­nen gespielt. Wäh­rend die Kri­ti­ker in Zürich fas­zi­niert vom rau­en Alpen­stück waren, lös­te es aber einen Skan­dal in den Pro­vinz­städ­ten aus. Lan­des­wei­te Empö­rung ent­fach­te «Sen­nent­unt­schi» schliess­lich 1981 als Schnei­ders eige­ne Insze­nie­rung am Schwei­zer Fern­se­hen gezeigt wurde.

Zwi­schen Hor­ror­ge­schich­te und Volks­tück spie­gelt «Sen­nent­unt­schi» gna­den­los die zwi­schen­mensch­li­che Käl­te einer abge­schie­de­nen Gemein­schaft, die über­all sein könn­te. Die ein­fa­che Spra­che des Stü­ckes ver­stärkt die­sen Ein­druck der Lee­re und Ein­sam­keit noch. Der Stoff des «Sen­nent­unt­schi» wird nicht in eine gegen­wär­ti­ge Wirk­lich­keit pro­ji­ziert, son­dern steht als Mythos zeit­los im Raum. In dem Stück wird eine der­be Gesell­schaft dar­ge­stellt, wobei der Tunt­sch die­se Derb­heit nur ver­la­gert. Das Böse, das durch den Bet­ruf gebannt wer­den soll, befin­det sich unter ihnen, denn es ist ihre eige­ne Schöpfung.

Die Leis­tung des Ber­ner Ensem­bles ist bemer­kens­wert. Die erschre­ckend schnel­len Wech­sel zwi­schen Spass und Ernst wer­den her­vor­ra­gend gespielt. Indem der Innen­raum der Hüt­te nur durch die Fens­ter sicht­bar ist und die Umge­bung der Alp ledig­lich durch Geräu­sche ver­mit­telt wird, setzt Bea­te Fass­nacht mit ihrem schlich­ten Büh­nen­bild den Haupt­ak­zent auf den zwi­schen­mensch­li­chen Kon­flikt. Alles, was von der Geschich­te zu sehen ist, fin­det kon­zen­triert auf engem Raum in der Hüt­te hin­ter geschlos­se­nen Fens­tern statt. Dadurch ist der Zuschau­er auf sei­ne eige­ne Vor­stel­lungs­kraft ange­wie­sen, denn je nach Blick­win­kel auf die Hüt­te, sieht man mehr oder weni­ger vom Innen­raum. Fokus­siert auf die Fens­ter befin­det er sich in einer voy­eu­ris­ti­schen Posi­ti­on und wird Zeu­ge der bru­ta­len Hand­lung. Eli­as Per­rig und sein Ensem­ble spie­len gekonnt das Ver­hält­nis von Sicht­ba­rem und Ver­bor­ge­nem aus, womit die Inten­si­tät des Stü­ckes ent­steht. Was nicht sicht­bar ist, wird hin­zu­ge­dacht und ist meist noch erschre­cken­der als das Gezeigte.

Foto: Anet­te Boutellier
ensuite, Janu­ar 2010



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