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Aben­teu­er auf Lust, Trost und Dramen

Von Ste­phan Fuchs - Ein Inter­view mit Ste­fan Sus­ke, Berns aus­ge­zeich­ne­tem Schau­spie­ler und neu­en Schau­spiel­di­rek­tor des Stadt­thea­ter Bern.

Hast du heu­te auch schon viel gelogen?
Was?! Ob ich heu­te schon viel gelo­gen habe… Wie meinst du das? Das ist eine Fra­ge der Defi­ni­ti­on… Lass mich mal sehen: ande­re wil­lent­lich Belü­gen, oder sich sel­ber in die Tasche lügen… ich denk die Dun­kel­zif­fer beim sich sel­ber belü­gen ist wohl unge­mein grös­ser, nicht?

Oh ja, bestimmt! Ich habe vor eini­gen Tagen ver­sucht her­aus­zu­fin­den wie viel ich Lüge und bereits um 10 Uhr mor­gens wie­der auf­ge­hört zu zählen.
Ha! Das ist gross­ar­tig, sind dir die Num­mern ausgegangen?

Qua­si. Es wur­de mir zu pein­lich. Angeb­lich lügt ein Durch­schnitts­mensch täg­lich rund 200-mal. Erstaun­lich nicht? Offen­sicht­lich ist der Mensch von Natur aus ein mani­scher Lüg­ner. Jetzt aber mal ehr­lich, da sind doch Schau­spie­ler auf der Büh­ne wohl noch expo­nier­ter. Du schlüpfst in die Rol­len ande­rer und belügst dein Publi­kum so gut du nur kannst…
Das ist die Fra­ge, ob das Lüge ist oder der Wahr­heit nicht näher kommt. Abge­se­hen von der mut­wil­li­gen Lüge sind Lüge und Wahr­heit manch­mal Schwes­tern. Oder anders gesagt, durch die Lüge erzählt man ein Stück Wahr­heit. Es sind Betrachtungsweisen.

Ist nicht das gan­ze Leben in dem Sin­ne ein gros­ses Schauspiel?
Ja?? In der Schweiz auch, Fra­ge­zei­chen? Eigent­lich zu wenig für mei­ne Begrif­fe. Ich glau­be, dass hier­zu­lan­de dem Thea­ter, ganz spe­zi­ell dem Schau­spiel gegen­über viel „Skep­sis“ ent­ge­gen­ge­bracht wird. Alles Thea­tra­li­sche, alles was mit Show und mit Selbst­dar­stel­lung zu tun hat ist hier eher ver­pönt, oder sagen wir mal nega­tiv besetzt. Mehr als das in ande­ren Län­dern der Fall ist. Das hat viel­leicht mit dem Cal­vi­nis­mus zu tun.

Das Alpen­land Schweiz, als Flach­land der Mittelmässigkeit?
Naja, es macht manch­mal so den Ein­druck. Das sieht man auch in der Poli­tik. Ein Poli­ti­ker, ganz egal aus wel­chem Lager, einer der Ecken und Kan­ten hat und sich zu weit aus dem Fens­ter lehnt, der wird hier häu­fig geschnit­ten. In Deutsch­land und in Öster­reich, da kracht’s ab und zu mal ver­bal, da ist auch die Show ein wich­ti­ger Aspekt und auf die­ser Schie­ne pas­siert ein wich­ti­ger Dis­kurs. In der Schweiz kennt man die­se Kom­mu­ni­ka­ti­ons­form weni­ger. Jean Zieg­ler, so wie ich das damals mit­er­lebt habe, ist so ein Bei­spiel. Was gesche­hen kann wenn man sich zu sehr ins Ram­pen­licht schiebt. Damals wur­de über Zieg­ler ein Doku­men­tar­film gedreht und durch ein komi­sches zeit­li­ches Zusam­men­tref­fen gab es auch eine Abstim­mung über das Film­för­de­rungs­ge­setz und dabei wur­de das Bud­get radi­kal um eine Mil­li­on gekürzt. Nur weil die Bür­ger­li­chen sau­er waren, dass gera­de über den unbe­que­men Zieg­ler ein Film gedreht wur­de. Hät­te man gleich­zei­tig auch einen Film über einen kon­ser­va­ti­ven Poli­ti­ker gedreht, wäre die Abstim­mung wohl anders aus­ge­gan­gen. Jean Zieg­ler ist gewiss kein ein­fa­cher Mann. Er setzt sich bewusst in Sze­ne, um sei­ne Inhal­te bes­ser ver­kau­fen zu kön­nen. Im angren­zen­den Euro­pa aber, da ist er eine ange­se­he­ne Person.

Das Mus­ter zieht sich doch durch die gan­ze Gesellschaft.
Natür­lich, aber das Lau­te, Grel­le, Pola­ri­sie­ren­de ist das eine, dann gibt es aber, um wie­der aufs Thea­ter zu kom­men, Stü­cke die leben nur von Zwi­schen­tö­nen und Schwe­be­zu­stän­den, wo sich die Men­schen nicht immer direkt ins Gesicht sagen was sie den­ken. Das ist auch inter­es­sant: wenn sich etwas ver­birgt und Absich­ten ver­heim­licht wer­den. Das kann sehr span­nend, manch­mal mys­tisch sein.

Bist du ein Mystiker?
Mmm­nö. Ein Beob­ach­ter. Ich bin nicht einer der sich ger­ne in den Vor­der­grund stellt. Mir reicht es, wenn ich auf der Büh­ne ste­he. Im pri­va­ten bin ich ein stil­ler Mensch. Ich füh­le mich da wohl, wo ich einen Fun­dus an Beob­ach­tung habe, dann bin ich nahe dran und sehe die Din­ge, eben auch die Lügen, die ich im Thea­ter umsetz­ten kann. Da ent­steht die Sub­stanz, die man im Schau­spiel spürt. Schau­spiel ist ein Spie­gel der Gesell­schaft, manch­mal ein Katalysator.

Nahe dran sein. Den Puls der Gesell­schaft füh­len, da sein wo es knis­tert, da glei­chen sich unse­re Beru­fe sehr. Wohl auch bei der Jagd nach neu­en Quellen.
Ja, du hast recht. Man kann einer­seits aus dem Innen­le­ben viel schöp­fen. Das ist ein König­reich, das aber auch Gefah­ren beinhal­tet. Es gibt ganz sel­ten Schau­spie­le­rIn­nen, die der­art span­nend sind, dass sie ein Leben lang aus sich selbst schöp­fen kön­nen. Die Gefahr besteht dar­in, dass es schwie­rig ist her­aus­zu­fil­tern, wann das Ego über­bor­det und sich alle ande­ren mit der Fra­ge was in dir vor­geht, nur noch lang­wei­len. Ich fin­de mich übri­gens sel­ber nicht so inter­es­sant, als das ich dar­aus lan­ge schöp­fen könn­te. Die meis­ten Rol­len spie­le ich aus der Beob­ach­tung. Das ist mei­ne Art der Arbeit. Mich inter­es­sie­ren gesell­schaft­li­che und his­to­ri­sche Zusam­men­hän­ge und ande­re Men­schen. Wenn ich da weit genug kom­me, was mei­ne eige­nen Ansprü­che betrifft, bin ich mit mei­ner Arbeit zufrieden.

Ist der Beob­ach­tungs­win­kel nicht auch eine Ver­fäl­schung der Realität?
Nun die Qua­li­tät der Beob­ach­tung ist natür­lich indi­vi­du­ell. Beob­ach­tung kann auf einer Phy­si­schen Ebe­ne, wie bewegt sich der, wie­so macht er das, wie­so han­delt er so, was denkt er, et etc. gemacht wer­den. Das gibt schon eine gros­se Men­ge an Infor­ma­ti­on, die man dann fil­tern muss und sich so einen „neu­en“ Cha­rak­ter zulegt. Das ist eine span­nen­de Auf­ga­be. Man kann aber auch beob­ach­ten in dem man etwas sel­ber tut. In Eng­land zum Bei­spiel, machen sich das die Schau­spie­ler fast zum Sport. Die meis­ten müs­sen, gezwun­ge­ner­mas­sen neben der Schau­spie­le­rei, noch irgend­wo arbei­ten gehen und die meis­ten job­ben dann in einer Knei­pe. Die erar­bei­ten sich einen gros­sen Reich­tum an Erfah­rung, der in der Arbeit umge­setzt wer­den kann. In der Schweiz soll­ten das die Schau­spie­le­rIn­nen vor allem an den Schu­len viel­leicht auch ver­mehrt machen: mehr raus­ge­hen, hin­schau­en. Ich hab manch­mal das Gefühl, in den Schau­spiel­schu­len geht es zuviel um Kunst und zu wenig um Rea­li­tät. Hier, da wo wir leben, die­ses Land, die­se Stadt, die­se Knei­pe und die­ser Tisch. Hier fin­det das Leben statt und von hier geht’s auf die Büh­ne. Nahe dran sein, das ist es. So kann Schau­spiel auch auf Aktua­li­tä­ten Bezug neh­men. Obwohl es dau­ert, bis ein Stück büh­nen­reif ist. Manch­mal ist es auch ein Risi­ko, ob das Stück dann tat­säch­lich noch a jour ist.

Im Prin­zip kann Schau­spiel als Nach­rich­ten­agen­tur ver­stan­den werden.
Thea­ter soll­te dar­über hin­aus­ge­hen, muss das Gese­he­ne ja umset­zen, kann Ele­men­te aus der „Welt­la­ge“ ganz anders bear­bei­ten, ist dadurch lang­sa­mer, aber nicht wir­kungs­lo­ser. Inso­fern erle­be ich das Drei­spar­ten­haus auch nicht als fos­si­le Insti­tu­ti­on. Wir haben in Bern eine enor­me Chan­ce, eine rie­si­ge Berei­che­rung. In dem Haus steckt viel Ener­gie, krea­ti­ve Macher, fan­tas­ti­sche Musi­ker, Tän­zer und Schau­spie­ler. Das alles kann genutzt wer­den. Oper, Bal­lett, Schau­spiel, wir haben alles was man braucht. Was wir jetzt machen müs­sen ist, für die­se Chan­ce und Qua­li­tät ein Bewusst­sein bei den Ber­ne­rIn­nen zu för­dern. Wir müs­sen raus, müs­sen den Men­schen in Bern sagen: Kuckt es euch an. Wir zei­gen euch Din­ge, die euch berüh­ren. Wir zei­gen Din­ge aus eurem Leben.

Also kein Shake­speare mehr?
Aber doch und wie: „Der Sturm“ von Wil­liam Shake­speare ist das ers­te was wir zei­gen wer­den. „Der Sturm“ könn­te zeit­ge­nös­si­scher nicht sein. Zau­ber­mär­chen und Rache­dra­ma, Welt­mo­dell und Polit­stück zugleich. Shake­speare auf­zu­füh­ren, heisst nicht alten Kaf­fee auf­zu­wär­men, son­dern ist in der Inter­pre­ta­ti­on vom Regis­seur, Chris­toph Frick, ein packen­des Stück, ganz auf unse­re schwie­ri­ge Zeit bezo­gen. Im Stück geht es um hoch­ak­tu­el­le The­men; Mythos ver­sus Busi­ness, wie ver­trägt sich die Zivi­li­sa­ti­on mit der Frei­heit und wann schlägt Frei­heit in Anar­chie und Zer­stö­rung um. Fra­gen die aktu­el­ler gar nicht sein können.

O lala… In der Tat bri­san­te Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit der heu­ti­gen Zeit. Sag, hast du nicht Angst, dass vie­le Abon­nen­ten dem Stadt­thea­ter den Rücken keh­ren werden?
Nein. Es wird viel­leicht eini­ge geben die sich von uns ver­ab­schie­den, aber davor habe ich kei­ne Angst. Wir sind nun mal in einer toten Ecke gelan­det in Bezug auf Zürich, Basel, und Luzern und müs­sen neue Wege gehen. Unse­re Pro­duk­tio­nen sol­len wie­der zum Stadt­ge­spräch wer­den. Das wäre ein Geschenk für das Stadt­thea­ter. Wir möch­ten Pro­duk­tio­nen zei­gen, die anre­gen, die berüh­ren, über die man spricht,

Wird die neue Dyna­mik auch den Aus­tausch mit ande­ren Häu­sern beinhalten?
Im Schau­spiel im Augen­blick nicht. Der inter­ne Aus­tausch hat Vor­rang. Sicher wird eine ver­mehr­te Zusam­men­ar­beit mit dem haus­ei­ge­nen Bal­lett statt­fin­den. Wir kön­nen viel von ein­an­der ler­nen und die Qua­li­tät bei­der Spar­ten noch mehr stei­gern. Für die zwei­te Spiel­zeit ist mit Sti­jn Celis, dem neu­en Bal­lett­di­rek­tor, eine Kopro­duk­ti­on geplant. Da wird viel­leicht ein Aus­tausch mit ande­ren Thea­tern mög­lich. Bern über­haupt hat wirk­lich viel Poten­ti­al. Ein rie­si­ges Poten­ti­al. Die­se Ener­gien müs­sen wir jetzt bün­deln , damit das Publi­kum zum vol­len Genuss kommt

Panik?
War­um? Über­haupt nicht! Wir gehen ent­spannt und zuver­sicht­lich an unse­re Aufgabe.

Wird sich aber die älte­re Gene­ra­ti­on noch erfreu­en kön­nen an ihrem Haus der schö­nen Künste?
Wie­so soll­te sie nicht? Weil wir neue Wege gehen, heisst das noch lan­ge nicht dass wir Unsinn spie­len. Wir spie­len Stük­ke die ver­füh­ren, die nach­denk­lich machen, die auch humor­voll und span­nend sind. Und über­haupt, die älte­re Gene­ra­ti­on lebt doch heu­te mit ähn­li­chen Bedürf­nis­sen wie jüngere.

Wel­che Bedürfnisse?
Das Bedürf­nis nach Ant­wor­ten, auf Aben­teu­er, auf Lust, Trost, Dra­men. Da wo die täg­li­che Infor­ma­ti­ons­flut endet, da beginnt das Schauspiel.

Hach! Das erin­nert mich an Jonas Rae­ber, den Trick­fil­mer. Der mein­te beim Ensuite Inter­view, dass Zei­chen­trick da beginnt wo Schau­spiel auf­hört. Das ergibt doch eine schö­ne „Chro­no­lo­gie de l’art“. Und ich gebe euch bei­den recht. Doch hat die Kunst über­haupt eine Chan­ce gegen die Infor­ma­ti­ons­flut und dem dar­aus resul­tie­ren­den Dess­in­tres­se an akti­ver Kunst­be­trach­tung wie dem Schau­spiel gegenüber?
Oh ja, da bin ich über­zeugt davon. Schau es dir an. Das letz­te was dem Mensch in Zei­ten gros­ser Des­ori­en­tie­rung, von Cha­os, oder in der Angst bleibt, das sind ein­zel­ne Pas­sa­gen aus Lie­dern, Phra­sen die dar­aus gesun­gen wer­den, Klän­ge auf einer Gei­ge, die aus der Erin­ne­rung her­aus gespielt wer­den, Fet­zen aus Dra­men und Dich­tun­gen die einem geblie­ben sind, Tän­ze die man nicht ver­ges­sen hat. Dach­au, Buchen­wald, da wo der Mensch am Ende sei­ner Wür­de steht, da wird Kunst wie­der zu einem Instru­ment des Über­le­bens. Nicht dass wir soweit sind, über­haupt nicht, Gott sei Dank, aber wir leben in einer Angst, im Zorn, oder in der Trau­er und in einem Zustand des „wie geht’s denn wei­ter“. In dem Moment wer­den alte Geschich­ten wie z.B das Gil­ga­mesch-Epos wie­der leben­dig. Die­ser Stoff wäre übri­gens eine adäqua­te Ant­wort auf den Irak-Krieg gewesen.
Wir haben eine wich­ti­ge Arbeit vor uns.
Ja, das habt ihr. Ste­fan, ich wün­sche dir viel Erfolg als Schau­spiel­di­rek­tor und bedan­ke mich herz­lich für das Gespräch. 

Ste­fan Suske

Ste­fan Sus­ke ist ab August 2004 neu­er Schau­spiel­di­rek­tor des Stadt­thea­ter Bern. Seit 1991 ist er im Ensem­ble des Stadt­thea­ters. Dane­ben war er immer wie­der in Haupt­rol­len von Kino­fil­men wie „Einst­wei­len wird es Mit­tag“, „Schwei­negeld“ und „Lie­be Lügen“ zu sehen, zuletzt in Chris­toph Scher­ten­leibs „Gros­se Gefüh­le“. Für sei­ne Dar­stel­lung des Linus in „Gros­se Gefüh­le“ wur­de er mit dem Schwei­zer Film­preis 2000 als bes­ter Schau­spie­ler aus­ge­zeich­net. Das Inter­view mit Ste­fan Sus­ke fand im Juli 2004 statt.

Bild: zVg.
ensuite, August 2004