(Constantin Seibt) –
Was, wenn es nicht rund läuft? Wenn Sie einen komplexen Stoff nicht in den Griff bekommen? Und der Redaktionsschluss ist praktisch Tatsache?
Das Desaster zuvor war: Sie sind in den eigenen Notizen ertrunken. Sie haben keine Haltung zum Stoff gefunden. Sie wissen hundert Dinge, nur nicht, was das Ganze soll.
Was tun?
Der beste Rat gleicht dem, den mir mein Freund Paolo Fusi gab, als er mich in Erfurt als Co-Moderator in seine Sendung schleifte.
«Ich habe noch nie Radio gemacht», protestierte ich.
«Kein Problem», sagte Paolo: «Sag einfach einen Gedanken pro Satz. Dann sind alle glücklich.»
«Und wenn ich keinen Gedanken mehr habe?»
«Dann spielen wir Musik. Dann sind alle noch glücklicher.»
Und so ist es; nur ohne Musik. Im Notfall genügt ein halbwegs vernünftiger Gedanke. Und dann der nächste. Und dann der nächste.
In der Klemme wäre mein Rat, schnell folgenden Fresszettel zu machen:
- Die zwei, drei amüsantesten Anekdoten
- Die zwei, drei wichtigsten Informationen
- Die zwei, drei schmissigsten Zitate
- Die zwei, drei cleversten Gedanken
- Die zwei, drei naseweisesten Nebenbemerkungen
Und dann reiht man das Interessanteste auf dem Fresszettel skrupellos hintereinander. Nach dem Prinzip Perlenkette. Präziser gesagt: Glasperlenkette. Denn die Kette ist eine billige dramaturgische Struktur. Sie kennt keine Steigerung, keinen Anfang, kein Ende, also weder Entwicklung, noch Fazit – und sie pflegt am schwächsten Glied zu reissen.
Deshalb ist es wichtig, falls einem keine bessere Lösung eingefallen ist, auch nicht so zu tun, als ob. Und keinen Platz und keine Energie auf ehrgeizige Überleitungen oder sonstiges Füllmaterial zu verwenden.
Sondern mit so wenig Überleitungen wie möglich, die interessantesten Brocken aneinanderzufädeln. Und die weniger interessanten wegzulassen.
Um das Publikum ein wenig zu täuschen, hilft am Ende der bereits (im Post «Der elegante Schwanzbeisser») beschriebene Trick, den Schlussabsatz auf den Anfangsabsatz zu beziehen. Das täuscht Geschlossenheit vor.
Manchmal haben diese Notartikel durchaus einen rauen, glitzrigen Charme. Und da Leser Kinder sind, freuen sie sich oft über Glasperlenschnüre.
Nur: Lassen Sie sich von eventuellem Lob nicht den Kopf verdrehen. Sie haben’s nicht gepackt. Sondern nur in Würde Ihren intellektuellen Hintern gerettet.
Betrügen Sie Ihre Leser, aber niemals sich selbst. Sagen Sie sich: Nächstes Spiel, nächste Chance.
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