«Grund­le­gen­de Spiel­re­geln müs­sen ein­ge­hal­ten werden»

Von

|

Drucken

Von Lukas Vogel­sang - (Der Arti­kel wur­de im Sep­tem­ber 2011 ver­öf­fent­lich.) Auf die Gefahr hin, dass sie lie­be Lese­rIn­nen, trotz­dem nichts von dem allem hier ver­ste­hen wer­den: ich ver­su­che es so ein­fach wie mög­lich dar­zu­stel­len. Sei­en Sie aber ver­si­chert: Die­se Din­ge sol­len nicht gese­hen wer­den. Eine Trans­pa­renz in der Ber­ner Kul­tur­för­de­rung her­zu­stel­len, ist regel­recht eine Kunst­dis­zi­plin in sich. (Titel­zi­tat von Alex­an­der Tsch­äppät, Stadt­prä­si­dent Bern)

Der Dis­put zwi­schen der Stadt Bern und mir als Chef­re­dak­tor von ensuite ist bereits legen­där. Im letz­ten Jahr haben wir von der Stadt Bern gross­zü­gi­ge 30’000.- Fran­ken erhal­ten. Vor­aus gin­gen aber lang­wie­ri­ge Buch­al­tungs-Sit­zun­gen – wir frot­zeln jeweils: «Von einem Käfer zu einem Käfer». Die «Abtei­lung Kul­tu­rel­les» akzep­tier­te unse­re Käfer-Buch­hal­tung nicht, wünsch­te sich eine sepa­ra­te Excel-Zusam­men­stel­lung, die exzes­siv aus­ar­te­te, und zum Schluss, nach ca. acht Mona­ten end­lich akzep­tiert wur­de – mit dem Hin­weis: «Das ist kei­ne Buch­hal­tung, das nächs­te Mal wün­schen wir uns einen Käfer…». Die­sen Käfer konn­ten wir umge­hend lie­fern – es waren die glei­chen Käfer­kon­ten von uns – ein­fach mit einem ande­ren Lay­out. Es gab Momen­te, da wir zu Dritt ver­such­ten, der Kul­tur­se­kre­tä­rin und Ex-Regie­rungs­rä­tin eine buch­hal­te­ri­sche Nor­ma­li­tät zu erklären.

Immer­hin – die 30’000.- Fran­ken waren ein Segen, und ich wer­de mich nicht eine Sekun­de dar­über bekla­gen. Aller­dings klang der zwei­te Absatz in der Gesuchs­be­wil­li­gung vom 13. Sep­tem­ber 2010 eigen­ar­tig: «[…] wei­sen wir Sie dar­auf hin, dass die Stadt Bern im Jahr 2011 infol­ge Spar­mass­nah­men lei­der kei­nen Bei­trag an die Finan­zie­rung des ensuite Kul­tur­ma­ga­zin wird leis­ten kön­nen.» Wir hat­ten doch gar kein Gesuch für 2011 ein­ge­reicht – und es ist suspekt, nicht exis­tie­ren­de Gesu­che auf Vor­rat abzu­leh­nen. Im Gegen­teil: Vero­ni­ca Schal­ler mein­te im August 2010 münd­lich, wir müss­ten im 2011 noch­mals ein­ge­ben. Also sand­ten wir am 17. Mai 2011 an alle Kul­tur-Kom­mis­sio­nen der Stadt unse­re Dos­siers, den Gesamt­be­trag von 25’000.- Fran­ken auf­ge­teilt auf klei­ne­re Beträ­ge, die Dos­siers in neu­und­zwan­zig­fa­cher Aus­füh­rung. Wir bezweck­ten damit, dass die Kom­mis­sio­nen über ensuite urtei­len könn­ten, denn bis­her hat­ten wir kei­nen Kon­takt zu ihnen.

Doch es kam uner­war­te­ter­wei­se anders: Im Ant­wort­schrei­ben von Vero­ni­ca Schal­ler vom 24. Mai 2011 (!) stand fol­gen­des: «Mit Post an sämt­li­che Mit­glie­der aller Kul­tur­för­de­rungs­kom­mis­sio­nen ersuchst Du um einen Bei­trag für das Jahr 2011. Zunächst: Bei­trags­ge­su­che lau­fen immer über die Abtei­lung Kul­tu­rel­les, Bei­trä­ge ab Fr. 2’000.- wer­den vom Stadt­prä­si­den­ten bewil­ligt. Die Kul­tur­för­de­rungs­kom­mis­sio­nen haben kei­ne eige­ne Aus­ga­ben­kom­pe­tenz, sie haben bera­ten­de Funk­ti­on, ihre Trak­tan­den­lis­te wird von der Abtei­lung erstellt. Die Abtei­lungs­lei­tung wird Dein Gesuch nicht den Kom­mis­sio­nen vor­le­gen, son­dern direkt ent­schei­den.» Und am Schluss: «Die Stadt Bern wird im Jahr 2011 kei­nen Bei­trag an ensuite leis­ten. Das heisst auch, dass die Stadt Bern ensuite auch in Zukunft nicht regel­mäs­sig unter­stüt­zen und kein Sub­ven­ti­ons­ver­hält­nis mit ensuite ein­ge­hen wird. Der Haupt­part­ner als Kul­tur­anzei­ger ist für die Stadt Bern die Kul­tur­agen­da, die­se wird als Teil des «Anzei­ger Regi­on Bern» her­aus­ge­ge­ben, der in Mit­be­sitz der Stadt ist.»

Die wei­te­re Argu­men­ta­ti­on von Vero­ni­ca Schal­ler, dass die Stadt nicht an ein Pro­jekt Geld gibt, wel­ches in Kon­kurs gehe, ist schlicht ein Witz, ver­gli­chen mit einer Dampf­zen­tra­le oder einem Schlacht­haus, wel­che nur zu 20 bis 30 Pro­zent eigen­fi­nan­ziert sind, geht es uns gut. Im Jahr 2011 schrei­ben wir zum ers­ten Mal schwar­ze Zah­len – aller­dings müs­sen wir rund 80’000.- Fran­ken Inves­ti­ti­ons­geld, wel­ches wir über die letz­ten 10 Jah­re jon­glier­ten, abar­bei­ten. Und genau da ist das Druck­mit­tel der Stadt Bern, die uns mit ihrer Markt­ein­mi­schung die­ses Defi­zit über­haupt ver­ur­sacht hat.

Auf­schluss­reich Eine wich­ti­ge Infor­ma­ti­on möch­te ich den ensuite-Lese­rIn­nen nicht vor­ent­hal­ten: In einem Mail vom 16. Sep­tem­ber 2009 an Jac­que­line Strauss, damals Vor­ste­he­rin der Abtei­lung Kul­tur­för­de­rung vom Kan­ton Bern, schrieb Schal­ler: «A. Tsch­äppät möch­te zuerst wis­sen, ob ensuite nicht eine unge­woll­te Kon­kur­renz zur Kul­tur­agen­da im Anzei­ger Regi­on Bern sei. Der ARB (Anzei­ger Regi­on Bern / Anm. Redak­ti­on) sei ja qua­si unser Kind und wir woll­ten ja nicht sei­ne Kon­kur­renz för­dern. Ich habe A. Tsch­äppät gesagt, dass das heu­te nicht mehr so sei, dass die­se bei­den Pro­duk­te Platz auf dem Markt haben, dass inzwi­schen auch die Kul­tur­agen­da in Bern gut ver­an­kert ist. Ich wer­de noch zwei Anläu­fe brau­chen und einen Für­spre­cher von aus­sen, bevor er unter­schreibt, aber ich wer­de es schaf­fen – aller­dings nicht mehr vor Ende September.»

Wir haben von der Stadt Bern seit 2003 ins­ge­samt etwa 110‘000.- Fran­ken Unter­stüt­zungs­bei­trä­ge erhal­ten. Im direk­ten Ver­gleich dazu: Die «Ber­ner Kul­tur­agen­da» (BKA) erhält pro Jahr 140‘000.- Fran­ken von der Stadt direkt bezahlt – in den letz­ten sie­ben Jah­ren fast eine Mil­li­on Fran­ken. Und dies, ohne dass eine Aus­schrei­bung oder eine poli­ti­sche Debat­te statt­ge­fun­den hät­te. Die gesam­ten bewei­sen­den Doku­men­te sind kom­plett bei uns auf der Web­sei­te ensuite.ch ein­seh­bar. Doch der Rei­he nach:

Was lief hier alles schief? Im Jahr 2003 wur­de im Stadt­rat ein Pos­tu­lat von der SP/JUSO (Pro­to­koll 30, Stadt­rats­sit­zung vom 20. Novem­ber 2003, Antrag 243) vom Gemein­de­rat zum The­ma «Kul­tur­agen­da» wie folgt beant­wor­tet: «[…] Die Stadt wird sich dar­an aller­dings finan­zi­ell nicht betei­li­gen kön­nen […]». Die ers­te Aus­ga­be von der «Ber­ner Kul­tur­agen­da» erschien im Janu­ar 2005 (vor­her erschie­nen Null-Num­mern). Im Sep­tem­ber 2007 wur­de die «Ber­ner Kul­tur­agen­da» im Anzei­ger als Bei­la­ge mit­ge­lie­fert, weil die Koope­ra­ti­on mit «Der Bund» bereits im Som­mer 2007 zu Ende ging, und die «Ber­ner Kul­tur­agen­da» eine Bruch­lan­dung mit Publi­ka­ti­ons­un­ter­bruch machte.

Seit 2001 geben die Stadt Bern und der Gemein­de­ver­band gemein­sam den «Anzei­ger Regi­on Bern» her­aus. Erst 2005 ist die Stadt Bern dem Gemein­de­ver­band bei­getre­ten, und hat «damit die Kom­pe­ten­zen und kom­pli­zier­ten Struk­tu­ren» ver­ein­facht (Erklä­rung im Stadt­rat). Seit dem 9. Janu­ar 2008 wur­de zum Bei­spiel die zwin­gen­de Brief­kas­ten-Zustel­lung durch­ge­boxt – die Auf­kle­ber «Bit­te hier kei­nen Anzei­ger!» wer­den seit­her igno­riert. Man poch­te sei­tens der Stadt dar­auf, dass amt­li­che Nach­rich­ten in jeden Brief­kas­ten ver­teilt wer­den müssen.

Seit 1. Novem­ber 2010 ist die neue Anzei­ger­ver­ord­nung in Kraft getre­ten. Die­se erlaubt erst jetzt die Publi­ka­ti­on von redak­tio­nel­len Tex­ten im «Anzei­ger Regi­on Bern». Mit ande­ren Wor­ten (und so wur­de auch im Stadt­rat argu­men­tiert): Die Ber­ner Kul­tur­agen­da wur­de mehr als 2.5 Jah­re (34 Mona­te) ille­gal im «Anzei­ger Regi­on Bern» mit­ge­druckt. Neu in der Anzei­ger­ver­ord­nung ist auch die Kom­pe­ten­zen­re­ge­lung: «Die bis­he­ri­ge anzei­ger­recht­li­che Auf­sicht des Kan­tons über die Anzei­ger ent­fällt. Für die Ein­hal­tung der anzei­ger­recht­li­chen Bestim­mun­gen sind neu die Ein­woh­ner­ge­mein­den und gemisch­ten Gemein­den zustän­dig.» Freipass.

Finan­zi­ell sieht die Lage inter­es­sant aus Gegrün­det wur­de der «Ver­ein Ber­ner Kul­tur­agen­da» vom ehe­ma­li­gen und dama­li­gen städ­ti­schen Kul­tur­se­kre­tär Chris­toph Rei­chen­au. Er war Prä­si­dent vom Ver­ein und hat­te in den Sub­ven­ti­ons­ver­trä­gen (bis 2011) eine Klau­sel ein­ge­baut, wonach die sub­ven­ti­ons­be­zie­hen­den Insti­tu­tio­nen Mit­glied beim «Ver­ein Ber­ner Kul­tur­agen­da» wer­den soll­ten. Die­ses «sol­len» hat er an einer Sit­zung mit mir und einem wei­te­ren Jour­na­lis­ten so defi­niert: «Wer nicht bezah­len will, dem wird der Betrag von den Sub­ven­tio­nen abge­zo­gen.» Das Stadt­thea­ter Bern hat­te des­we­gen eini­ge Dis­kus­sio­nen zu füh­ren. Gemäss die­ser Defi­ni­ti­on von Chris­toph Rei­chen­au bezahlt das Thea­ter mehr als 50‘000 Fran­ken pro Jahr aus ihrem Gesamt­wer­be­bud­get an die Mit­glied­schaft des «Ver­eins Ber­ner Kulturagenda».

1. FEHLENDE AUSSCHREIBUNG?

Die Stadt Bern hat an den «Ver­ein Ber­ner Kul­tur­agen­da» 2004 Geld aus den frei­en Kul­tur­för­der­kre­di­ten an die Ber­ner Kul­tur­agen­da bezahlt. Auch wir von ensuite haben unse­re Bei­trä­ge aus dem glei­chen frei­en Kre­dit erhal­ten – aller­dings in einer ganz ande­ren Dimen­si­on. Nicht gerech­net sind die Antei­le, wel­che der «Anzei­ger Regi­on Bern», der ja jetzt eben eine «stadt­ei­ge­ne» oder zumin­dest gemein­we­sen­ei­ge­ne Publi­ka­ti­on ist, für den Druck und Ver­trieb der Kul­tur­age­da bei­steu­ert. Es ist anzu­neh­men, dass damit die Bei­trä­ge aus dem Gemein­we­sen auf über 50 % anstei­gen, was zu einer öffent­li­chen Aus­schrei­bung (Regle­ment Beschaf­fungs­we­sen) füh­ren muss. Der «Ver­ein Ber­ner Kul­tur­agen­da» ist ein selb­stän­di­ger, ja, unab­hän­gi­ger Ver­ein – so wird gewor­ben. Eine sol­che Aus­schrei­bung hat nie stattgefunden.

Intrans­pa­renz Im Tätig­keits­be­richt 2009 der Abtei­lung Kul­tu­rel­les heisst es: «Die Kul­tur­agen­da wird nicht mehr in Form eines Mit­glie­der­bei­tra­ges, son­dern einer Sub­ven­ti­on mit Jah­res­ver­trag unter­stützt.» Lei­der habe ich auf kei­ner Lis­te der vom Stadt­rat abge­seg­ne­ten Sub­ven­ti­ons­ver­trä­ge der Stadt Bern je einen «Ver­ein Ber­ner Kul­tur­agen­da» ent­de­cken kön­nen. Die­ser Ver­ein taucht im Jahr 2010 nor­mal bei den gespro­che­nen Bei­trä­gen auf, obwohl die Sub­ven­ti­ons­hö­he auf höhe­rem Niveau als die­je­ni­gen von den Orga­ni­sa­tio­nen BeJazz und Be-flat steht. Der ein­zi­ge Rech­nungs­pos­ten, dem wir die­sen Betrag zuord­nen kön­nen, ist unter der mys­te­riö­sen Rubrik «Wei­te­re För­de­rungs­bei­trä­ge» auf­ge­führt, die mit rund 707’000.- Fran­ken unter der Grup­pe «18 Insti­tu­tio­nen und Grup­pie­run­gen mit Jah­res­ver­trag» steht (Tätig­keits­be­richt 2010, Abtei­lung Kul­tu­rel­les). Es sieht also so aus, als wür­den die­se Bei­trä­ge auf einer eige­nen Eta­ge ent­schie­den. Wer hat dazu die Entscheidungskompetenz?

Die­se 18 Insti­tu­tio­nen sind: 1. Anna Huber Com­pa­nie; 2. BeJazz Som­mer; 3. Bien­na­le Geschäfts­stel­le; 4. Bien­na­le Pro­gramm; 5. Musik­fes­ti­val Geschäfts­stel­le; 6. Frei­tags­aka­de­mie; 7. Ver­ein Thea­ter la Cas­ca­de; 8. Kul­tes­sen; 9. Kul­tur­agen­da, 10. Kul­tur­agen­da; 11. Kul­tur­bü­ro; 12. Marks Blond; 13. Nar­ren­pack; 14. Salo­nis­ti; 15. Tön­stör; 16. Tonus Music; 17. Ver­ein Zau­ber­la­ter­ne; 18. Swiss Jazz Orchestra.

Die Wie­der­ho­lun­gen sind kei­ne Feh­ler! Die «Kul­tur­agen­da» hat 2 Jah­res­ver­trä­ge (Redak­ti­on: 105’000.- Fran­ken, und Event­da­ten: 35’000.- Fran­ken), und die Bien­na­le kommt eben­falls in den Genuss von zwei Ver­trä­gen (Geschäfts­stel­le: 50’000.- Fran­ken, und Pro­gramm 2010: 100’000.- Fran­ken – die Bien­na­le fin­det alle 2 Jah­re statt). Damit kann man die Bud­gets in den Kom­pe­tenz-Richt­li­ni­en hal­ten, ein ein­fa­cher Trick. Eine Auf­lis­tung die­ser Insti­tu­tio­nen ist nur im Tätig­keits­be­richt der Jah­re 2009 und 2010 zu finden.

Die Richt­li­ni­en und Lis­ten sind nur auf­grund kom­pli­zier­ter Recher­chen zugäng­lich. Vie­le Doku­men­te wur­den unter­des­sen wie­der vom Inter­net ent­fernt, so zum Bei­spiel die gespro­che­nen Bei­trä­ge von 2005 – 2009. So ist es nicht mög­lich Jah­res­ver­glei­che anzu­stel­len, ohne die Abtei­lung Kul­tu­rel­les dar­über zu informieren.

2. KOMPETENZÜBERSCHREITUNG?

Die Begrün­dung von Schal­ler, dass die Kom­mis­sio­nen «nur» eine Bewil­li­gungs­kom­pe­tenz bis 2’000.- Fran­ken besit­zen, ist inso­fern falsch, als die Kom­mis­sio­nen Anträ­ge für mehr Geld stel­len kön­nen. Wenn näm­lich Schal­ler recht hät­te, so wür­den die Gesu­che vom 1. Halb­jahr 2011 so ver­teilt (Doku­men­ta­ti­on Gespro­che­ne Bei­trä­ge 1. HJ 2011, auf www.bern.ch):

Thea­ter & Tanz:
2 von 47 Pro­duk­tio­nen unter 2’000.- CHFr.
Literatur:
2 von 16 Bei­trä­gen unter 2’000.- CHFr.
Kunst:
9 von 23 Bei­trä­gen unter 2’000.- CHFr.
Musik:
39 von 60 Bei­trä­gen unter 2’000.- CHFr.
Die seit 2008 nicht mehr exis­tie­ren­de Filmkommission:
2 von 4 Bei­trä­gen unter 2’000.- CHFr.
Diverses:
11 von 26 Bei­trä­gen unter 2’000.- CHFr.

Mit ande­ren Wor­ten: Die Kom­mis­sio­nen wären schlicht nur eine Ali­bi­übung. So stellt es Vero­ni­ca Schal­ler im Brief an uns dar. Nach ihr gilt der Dau­men von Alex­an­der Tsch­äppät: Der Cäsar der Kul­tur in Bern.

In den ers­ten «Richt­li­ni­en der Stadt Bern über die direk­te För­de­rung des zeit­ge­nös­si­schen Kul­tur­schaf­fens und die Kul­tur­för­de­rungs­kom­mis­sio­nen» (Ver­si­on 1996), Arti­kel 5.2., steht fol­gen­des: «In den Berei­chen der Kom­mis­si­ons­kre­di­te hat die Prä­si­di­al­di­rek­ti­on direk­te Finanz­kom­pe­ten­zen bis zu Fr. 3’000.- im Ein­zel­fall und bis zu einer Gesamt­sum­me von max. Fr. 15’000..- pro För­de­rungs­kre­dit. In den übri­gen Fäl­len ent­schei­det sie auf Antrag der kul­tur­för­dern­den Kom­mis­sio­nen.» In der Revi­si­on (29. Nov. 2000) die­ser Ver­ord­nung fehlt die­ser Absatz – wird aber auch nicht auf­ge­löst, und die alten Richt­li­ni­en ste­hen immer noch auf dem Inter­net unter der Kul­tur­för­de­rung als Richt­li­ni­en bereit. In der Revi­si­on steht neu wei­ter unter 4.b.3.: «Auf­ga­ben und Befug­nis­se [der Kom­mis­sio­nen / Anmerk. Redak­ti­on]: Sie behan­deln die von Kul­tur­schaf­fen­den und Ver­an­stal­ten­den ein­ge­reich­ten Gesu­che.» Wei­ter bei 4.f.: «Die Abtei­lung Kul­tu­rel­les führt die Geschäf­te der Kom­mis­sio­nen. Die Ver­tre­te­rin oder der Ver­tre­ter der Abtei­lung Kul­tu­rel­les in den Kom­mis­sio­nen hat kein Stimm­recht, aber ein Antragsrecht.»

Wie kön­nen die Kom­mis­sio­nen etwas vor­be­ra­ten oder emp­feh­len, wenn die Abtei­lung Kul­tu­rel­les die Gesu­che eigen­mäch­tig selek­tiert und nicht weiterleitet?

Wie kann das Gesuch von ensuite – kul­tur­ma­ga­zin «nur» von der Abtei­lung Kul­tu­rel­les, dem Sekre­ta­ri­at der Kom­mis­sio­nen, abge­lehnt wer­den? Die­se Abtei­lung und auch die Kul­tur­se­kre­tä­rin haben nicht die erfor­der­li­chen beruf­li­chen Qua­li­fi­ka­tio­nen, Erfah­run­gen und Wis­sen, um inhalt­li­che Ent­schei­dun­gen zu fäl­len. Vero­ni­ca Schal­ler wird ja nicht müde, an jeder öffent­li­chen Ver­an­stal­tung zu erwäh­nen: «Wir machen die Lösun­gen nicht, wir finan­zie­ren Ideen von Kul­tur­schaf­fen­den» oder «Ich bin nicht für Visio­nen zustän­dig, das ist Sache der Kul­tur­schaf­fen­den». Des­we­gen müs­sen die Kom­mis­sio­nen über jeden Antrag, der in eine Kate­go­rie ihrer Kom­mis­si­on fällt, zumin­dest Kennt­nis haben. Sie sind die inhalt­li­che Instanz, und für die inhalt­li­che Bera­tung zustän­dig. Das geht aus den ursprüng­li­chen Richt­li­ni­en her­vor: Die Abtei­lung Kul­tu­rel­les ist eine Ver­wal­tungs­ab­tei­lung. Unser Gesuch hät­te von den Kom­mis­sio­nen dis­ku­tiert und danach Vero­ni­ca Schal­ler und Alex­an­der Tsch­äppät vor­ge­legt wer­den müs­sen. Aber dazu kam es nie. Wie­vie­le Gesu­che sind noch betrof­fen davon?

3. EIN FALL FÜR DEN SCHWEIZER PRESSERAT?

Es wäre alles weni­ger dra­ma­tisch, wenn wir effek­tiv einen König hät­ten, der bestim­men dürf­te – und es sich in die­sem Fall nicht um eine eigen­nüt­zi­ge städ­ti­sche Pres­se­för­de­rung han­deln wür­de. Wir haben aber in der demo­kra­ti­schen Schweiz eine Pres­se­frei­heit – die ist sogar geschützt. Wenn ich hier die Ber­ner Kul­tur­agen­da anspre­che, dann geht es dabei nicht um Kon­kur­renz, son­dern um das Kon­strukt mit dem Anzei­ger Regi­on Bern und den Finan­zen. Die Anzei­ger­ver­ord­nung hat man wegen der Ber­ner Kul­tur­agen­da redak­tio­nell geöff­net, damit der Anzei­ger eine bes­se­re Markt­po­si­ti­on erreicht. Jetzt ist die Publi­ka­ti­on aus dem Geld des Gemein­we­sens sozu­sa­gen eine «nor­ma­le» Zeitung.

In den Sta­tu­ten vom Ver­ein Ber­ner Kul­tur­agen­da steht: «Der Ver­ein sorgt für die Finan­zie­rung der Kul­tur­agen­da. Er über­trägt Redak­ti­on, Gestal­tung, Her­aus­ga­be und Ver­trieb der Kul­tur­agen­da Drit­ten, die für die ord­nungs­ge­mäs­se Erfül­lung der Auf­ga­be Gewähr bie­ten». Dumm ist jetzt nur, dass gemäss Impres­sum der Ver­ein Ber­ner Kul­tur­agen­da sel­ber Her­aus­ge­ber ist, die Redak­ti­on an der sel­ben Adres­se figu­riert, und somit die Tren­nung zu den Geld­ge­bern (Ver­an­stal­te­rIn­nen und Gemein­we­sen) nicht gege­ben ist, ja, durch die Ver­ban­de­lung mit dem städ­ti­schen Anzei­ger Regi­on Bern (Gemein­we­sen) über­haupt kei­ne Drit­ten sicht­bar sind. Hier ist nie­mand unab­hän­gig, son­dern im höchs­ten Gra­de abhän­gig. Die Ber­ner Kul­tur­agen­da ist ein redak­tio­nel­les Pres­se­er­zeug­nis, wel­ches die Mei­nungs­frei­heit im höchs­ten Mas­se mani­pu­liert. «Die Recher­che von Infor­ma­tio­nen und ihre Ver­öf­fent­li­chung darf durch die Annah­me von Ein­la­dun­gen oder Geschen­ken nie­mals beein­flusst wer­den.» – Nun, viel­leicht sind es bei der Ber­ner Kul­tur­agen­da kei­ne Geschen­ke, aber Löh­ne, Büros, Sozi­al­leis­tun­gen, Pro­duk­ti­ons­gel­der, Ver­triebs­leis­tun­gen, etc… Es wird sogar in den Sta­tu­ten erwähnt, dass die «Aus­ge­wo­gen­heit der redak­tio­nel­len Bei­trä­ge zu über­wa­chen und auf­t­recht zu erhal­ten» sei.

ensuite ist seit 2003 monat­lich bemüht, «kul­tu­rel­le Inhal­te» zu ver­mit­teln und Dia­lo­ge zu ent­fa­chen – was uns gut gelingt. Wir sind kein Ver­an­stal­ter­ma­ga­zin, son­dern ein Kul­tur­ma­ga­zin mit Agen­da. Wir sind zu 80% eine Redak­ti­on mit aka­de­mi­scher Bil­dung, wel­che sich pro­fes­sio­nell und ehren­amt­lich für eine unab­hän­gi­ge Kul­tur­be­richt­erstat­tung ein­setzt. Das ist kei­ne lee­re Hül­le. «Ein Kul­tur­ma­ga­zin ist immer sel­ber ein Stück Kul­tur» – ensuite baut exakt auf die­se These.

Die Fort­set­zung? Durch die eigen­mäch­ti­ge Hand­ha­be der Stadt ent­ste­hen Kau­sal-Schä­den: Das Amt für Kul­tur des Kan­tons Bern hat­te uns bis­her part­ner­schaft­lich unter­stützt. Nach­dem sich die­se Abtei­lung per­so­nell ganz neu zusam­men­setzt, will man jetzt nur noch «sub­si­di­är» funk­tio­nie­ren. Das heisst: Ohne Geld von der Stadt krie­gen wir auch vom Kan­ton kei­ne Unter­stüt­zung mehr. Unser Bud­get für 2011 wur­de im Okto­ber 2010 erstellt – erst im Juni 2011 klär­te uns der Kan­ton Bern über die neue Hand­ha­be auf und stell­te dazu die Fra­ge, «wo» wir uns denn in der Kul­tur­för­de­rung plat­ziert sähen.

Ich möch­te nicht wis­sen, wie vie­le Gesu­che von sol­chen Geschich­ten betrof­fen sind, aber ich ken­ne eini­ge. Ich weiss, dass ich unter die­sen Umstän­den kein Ver­trau­en habe in eine Abtei­lung Kul­tu­rel­les. Es wird Zeit, die­se Vor­gän­ge durch poli­ti­sche Instan­zen zu überprüfen.

Down­load

NEU: Aus­schrei­bung 2003
Kom­men­tar ensuite zum BZ-Arti­kel vom 4.8.2011
Briefe/ V. Schal­ler an ensuite
Tätig­keits­be­richt 2009
Tätig­keits­be­richt 2010
Gespro­che­ne Bei­tra­ge 2011 (1HJ)
Gemein­de­rat 2003 Ant­wort Kulturagenda
Stadt­rat zur Kulturagenda
Richt­li­ni­en
Revi­si­on der Verordnung
Grund­sät­ze

ensuite Grund­re­geln / Arti­kel als PDF



Newsletter

SPENDEN!

Einen Text gelesen und der hat gefallen? Spende per TWINT ein paar Franken - ohne Abo, aber mit gutem Gewissen. Geht doch auch.