Abwar­ten und Tee trinken

Von

|

Drucken

Maxim Gor­kis «Kin­der der Son­ne», der­zeit am Schau­spiel­haus Zürich zu sehen, ist ein gewich­ti­ger Klas­si­ker der Moder­ne. Die kniff­li­gen Figu­ren­kon­stel­la­tio­nen, die in der rus­si­schen Vor­re­for­ma­ti­on ver­an­kert sind, mit Tages­ak­tua­li­tät anzu­rei­chern, stellt die Regie vor gros­se Her­aus­for­de­run­gen. Gera­de dies gelingt in Zürich lei­der nicht – und den­noch mün­det die ori­gi­nel­le Insze­nie­rung zuletzt in ein wür­di­ges Schluss­bild von ein­drück­li­cher Schönheit.

Ein Bie­nen­stock ohne Arbei­ter, aber mit emsig durch­ein­an­der wuseln­dem Hof­staat. Büh­nen­bild­ne­rin Clau­dia Kalin­ski kon­fron­tiert den Zuschau­er in der Insze­nie­rung von Maxim Gor­kis «Kin­der der Son­ne» im Zür­cher Pfau­en mit Wän­den aus honig­gel­ben Bie­nen­wa­ben. Russ­land, 1892. Wäh­rend draus­sen die Cho­le­ra tobt, erhal­ten wir inti­me Ein­bli­cke in die Welt des rus­si­schen Bio­che­mi­kers Pawel Fjo­do­ro­witsch Protas­sow (Rai­ner Bock). Umge­ben von sei­ner psy­chisch kran­ken Schwes­ter Lisa (mit hän­gen­den Schul­tern und run­dem Rücken: Julia Kreusch), Ehe­frau Jele­na Nilo­la­jew­na (mit zur Schau getra­ge­ner Gelas­sen­heit: Frie­de­ri­ke Wag­ner), ein- und aus­ge­hen­den Haus­freun­den und einem Tross Bediens­te­ter lebt er pri­vi­le­giert und zurück­ge­zo­gen. Sein Rück­zugs­ge­biet: die Wissenschaft.

Mit deren Spiel­zeug – bun­te Flüs­sig­kei­ten, Kol­ben, Labor­ge­rä­te und Bücher – sitzt Protas­sow in Danie­la Löff­ners Insze­nie­rung wie ein unmün­di­ges Kind in den eige­nen vier Wän­den. Die Ent­wick­lun­gen auf den Stras­sen berüh­ren ihn nicht. Nur sei­ne ver­nach­läs­sig­te Ehe­frau Jele­na (Frie­de­ri­ke Wag­ner), die ihn glü­hend ver­eh­ren­de Wit­we Mela­ni­ja (Isa­bel­le Men­ke) und die an ihn her­an­ge­tra­ge­nen Tages­pflich­ten reis­sen ihn ab und an aus der Umlaufbahn.

Danie­la Löff­ner por­trä­tiert in ihrer Insze­nie­rung eine Hand­voll neu­ro­ti­scher Ego­zen­tri­ker aus der rus­si­schen Ober­schicht, die auf engs­tem Raum mit­ein­an­der leben – und trotz­dem kei­nen Draht zuein­an­der fin­den: Ver­geb­lich wirbt Tier­arzt Boris Niko­la­je­witsch Tsche­pur­noj um die kran­ke Lisa. Sean McDo­nagh gibt den eit­len Boris als hyper­ner­vö­sen Eigen­bröt­ler, die ver­schlos­sen-ver­spann­te Kör­per­hal­tung macht ihn zum Büh­nen-Fremd­kör­per. Inti­mi­tät will sich in die­sem Bie­nen­staat auch anders­wo nicht ein­stel­len: Die rei­che Wit­we Mela­ni­ja – Isa­bel­le Men­ke macht aus ihr eine wag­hal­si­ge Lie­bes­tol­le, die dem Che­mi­ker viel Honig um den Mund schmiert – dringt mit ihrem Lie­bes­ge­ständ­nis nicht bis zu Protas­sov durch, als sie des­sen Bei­ne umklam­mert und ein ver­ständ­nis­lo­ses «Ent­schul­di­gen Sie, so fal­le ich um» ern­tet. Die­weil ver­gnügt sich Ehe­frau Jele­na Nilo­la­jew­na (Frie­de­ri­ke Wag­ner) halb­her­zig mit Kunst­ma­ler Dimit­rij Ser­ge­je­witsch Wagin (Nico­las Rosat). Jedes Gespräch wird in die­sem Mikro­kos­mos unter­bro­chen. Kei­ne Tür führt aus die­ser Honig­welt hinaus.

Kol­li­sio­nen mit komi­schen Folgen

Man lang­weilt sich anein­an­der und an sich selbst. Und trinkt Tee, wenn es nichts mehr zu reden gibt. Jeder ist sein eige­ner Pla­net. Löff­ner hat sich an der neu­ro­ti­schen Selbst-Bezo­gen­heit von Gor­kis Figu­ren abge­ar­bei­tet, mit gros­ser Sym­pa­thie für deren Cha­rak­ter­schwä­chen: Ihre Schau­spie­ler stellt sie schutz­los wie frei schwe­ben­de Kome­ten auf die Büh­ne, wo sie in ihrer klei­nen Welt selt­sa­men Beschäf­ti­gun­gen nach­ge­hen. Fran­zis­ka Machens manö­vriert als Haus­mäd­chen Fima toll­pat­schig Sil­ber­ta­blet­te über die Büh­ne, sackt Bestechungs­gel­der und Hei­rats­an­trä­ge ein, und wirft pau­sen­los ihr Kopf­haar nach hin­ten, wäh­rend die alte Kin­der­frau Anto­now­na (reso­lut durch­grei­fend: Bar­ba­ra Lotz­mann) ver­geb­lich den abwe­sen­den Haus­herrn zu erset­zen sucht.

Ab und an kreu­zen sich die Umlauf­bah­nen der Figu­ren. Kol­li­sio­nen füh­ren sel­ten zu Kata­stro­phen, haben aber komi­sche Fol­gen: Der umtrie­bi­ge Geschäfts­mann Mischa Awde­je­witsch – Mili­an Zer­za­wy gibt ihn zeit­ge­mäss als agi­len Sport­ler und Trend­set­ter mit Son­nen­bril­le und weis­ser Trai­nings­ho­se – trägt an Protas­sow geris­se­ne Wirt­schafts­deals her­an. Sie stos­sen bei die­sem eben­so auf Unver­ständ­nis wie sei­ne Ehe­kri­se, die er zwi­schen Fach­li­te­ra­tur und Labor­ge­rä­ten als irra­tio­na­len, läs­ti­gen Stör­fak­tor wahrnimmt.

Honig­süs­se Illusionen

Ihr gröss­ter Coup ist Regis­seu­rin Löff­ner mit der Bie­nen­stock-Meta­pher gelun­gen: Ein­dring­lin­ge wer­den in die­sem Bie­nen­staat vehe­ment abge­wehrt. Nur sel­ten ver­irrt sich ein Fremd­ling von aus­sen in die hei­le Welt und bringt das Bie­nen­volk in Unord­nung. Etwa dann, wenn der gewalt­tä­gi­ge Schlos­ser Jegor (Lud­wig Boett­ger) über die Büh­ne tobt und sei­ner Frau an Leib und Leben geht.

Auf ideo­lo­gi­scher Ebe­ne hat Protas­sow die Ange­hö­ri­gen unter einer Visi­on ver­eint: Als «Kin­der der Son­ne» wol­le man mit Hil­fe der Ratio die Angst vor dem Tod über­win­den. Mit pathe­ti­schen Gedich­ten und Reden über Mensch­lich­keit und Gemein­schaft fei­ern die Kin­der der Son­ne sich selbst. Dass jeder sein eige­ner Pla­net bleibt, und der Tod auch den Son­nen­an­be­tern durch Mark und Bein geht, offen­bart sich erst im zwei­ten Teil der Insze­nie­rung. Als die Cho­le­ra das Haus erreicht, die wüten­de Stadt­be­völ­ke­rung den Che­mi­ker zur Ver­ant­wor­tung zieht, und der Tier­arzt nach sei­nem abge­wie­se­nen Hei­rats­an­trag erhängt auf­ge­fun­den wird, beginnt sich die unge­schmink­te Rea­li­tät lang­sam hin­ter der honig­süs­sen Illu­si­on abzu­zeich­nen – als grel­ler Licht­schein hin­ter dem Büh­nen­bild. Bis auf die sen­si­ble Lisa lässt die­se jedoch alle kalt: Das Haus­mäd­chen Fima malt sich lie­ber ein Clowns­ge­sicht und stellt das neue Modell für Maler Wagin, der sich nach sei­ner ver­geb­li­chen Erobe­rung von Ehe­frau Jele­na wie­der in sei­ne Kunst zurück zieht, wäh­rend Protas­sow im Mikro­kos­mos «Che­mie» wie­der zu sei­nem inne­ren Frie­den zurückfindet.

Ego­is­mus und emo­tio­na­le Kälte

Die­ser Rea­li­täts­flucht wohnt eine bedrü­cken­de Tra­gik inne. Dass es Löff­ner nach zwei unter­halt­sam-komi­schen Stun­den gelingt, den Ego­is­mus und die emo­tio­na­le Käl­te in die­ser merk­wür­di­gen Par­al­lel­ge­sell­schaft spür­bar wer­den zu las­sen, ist die gros­se Stär­ke die­ser ori­gi­nel­len Insze­nie­rung. Sie mag den Zuschau­er über eini­ge etwas ver­un­glück­te Ver­su­che, dem Stück einen tages­ak­tu­el­len Anstrich zu ver­pas­sen, hin­weg­se­hen las­sen. Das Schluss­bild ist von berü­cken­der Schön­heit: Die Son­ne, ein Schein­wer­fer hin­ter der Büh­ne, lässt die Honig­wa­ben-Wän­de lang­sam zusam­men­schmel­zen. Wir bli­cken in kal­tes Licht – und erken­nen die irre Rea­li­täts­flucht der ver­gan­ge­nen zwei­ein­halb Stunden.

Copy­right © 2011 Kul­tur­kri­tik • Kri­ti­sche Stim­men zum Zür­cher Kul­tur­ge­sche­hen Kulturkritik.ch ist ein Pro­jekt der Platt­form Kul­tur­pu­bli­zis­tik • Zür­cher Hoch­schu­le der Küns­te (ZHdK)



Newsletter

SPENDEN!

Einen Text gelesen und der hat gefallen? Spende per TWINT ein paar Franken - ohne Abo, aber mit gutem Gewissen. Geht doch auch.