Gros­se Köp­fe, lee­re Wor­te – wie schreibt man über Machthaber?

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(Con­stan­tin Seibt – http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline)

Es braucht lan­ge, um in die Tep­piche­ta­gen vor­ge­las­sen zu wer­den. Und dann blüht einem oft das Schick­sal eines Suchen­den, der das Grab Jesu öff­net, die Kas­ba betritt oder die letz­ten Geheim­nis­se des Zen erfährt. Wenn man end­lich das Inne­re des Tem­pels erreicht, steht das Inne­re des Tem­pels fast immer leer.

Jeden­falls ist es ver­blüf­fend, wie nichts­sa­gend vie­le Inter­views mit CEOs sind, so stolz sie auch auf einer Dop­pel­sei­te prä­sen­tiert wer­den. Oft bestehen sie aus einer Wol­ke büro­kra­ti­scher For­meln, die klin­gen wie schlecht über­setz­tes Air­port-Eng­lisch.

Die Sprach­lo­sig­keit vie­ler heu­ti­ger Macht­trä­ger hat gute Grün­de. Die Wichtigsten:

  • Zunächst sind gros­se Unter­neh­men tat­säch­lich auch rie­si­ge Büro­kra­tien, und ihr Vor­sit­zen­der darf bei kei­nem Feh­ler über­rascht werden.
  • Wirk­lich klu­ge Aus­sa­gen könn­ten bör­sen­re­le­vant sein.
  • Die Chefs müs­sen als Kapi­tä­ne eines Welt­un­ter­neh­mens auf­tre­ten, des­sen Steue­rung sie wegen der Kom­ple­xi­tät ihres Kon­zerns gar nicht voll unter Kon­trol­le haben können.
  • Das Ziel­pu­bli­kum der Chefs sind fast nie neu­tra­le Leser, auch nicht die eige­nen Ange­stell­ten oder Kun­den; es sind die ande­ren Chefs. Des­halb auch der Management-Jargon.
  • Aus­ser­dem erhal­ten den Top-Pos­ten in der Regel nicht die ein­falls­reichs­ten Leute.
  • Und selbst wenn, dann haben sie seit lan­gem das Reden ver­lernt: Da jeweils nur die Num­mer 1 wirk­lich Aus­kunft geben darf, muss­te die­se eine Kar­rie­re lang öffent­lich schwei­gen, bevor sie end­lich reden konn­te – und dann ist ihre Fähig­keit dazu längst verstorben.
  • Aber selbst wenn die Num­mer 1 aus­nahms­wei­se etwas Küh­nes oder Kan­ti­ges sagt, muss das Inter­view noch durch die PR-Abtei­lung des Kon­zerns gehen: Was einem Nackt­bad in einem Hai­fisch­be­cken gleicht.

Kein Wun­der, sind die meis­ten CEO-Inter­views tod­lang­wei­lig. (Genaue­res über den Auf­stieg der Mana­ger-Kas­te hier in einem sehr lan­gen Essay: «Die Welt­re­vo­lu­ti­on der Mana­ger» aus dem Aus­stel­lungs­ka­ta­log zur Aus­stel­lung «Wir Mana­ger».)

Die Rele­vanz­for­mel

Folg­lich haben vie­le CEOs ein lang­fris­ti­ges Pro­blem: wir­kungs­lo­se Kom­mu­ni­ka­ti­on. Aber vor allem haben Sie als Inter­view­er das aku­te Pro­blem: eine tod­lang­wei­li­ge Doppelseite.

Um die Qua­li­tät eines Inter­views zu mes­sen, genügt eine ein­fa­che Faust­re­gel. Wie viel hat jemand zu sagen? a) im Macht­sinn; b) an Inhalt. Die Rele­vanz ist das Pro­dukt von bei­dem. Also:

Rele­vanz = Macht × Inhalt

Die wich­tigs­te Fol­ge­rung dar­aus ist, dass die Rele­vanz exakt 0 ist, wenn der Inhalt 0 ist. Egal, mit wem sie spre­chen. Ein Para­de­bei­spiel ist das World Eco­no­mic Forum, bei wel­chem die mäch­tigs­ten Leu­te der Welt ver­keh­ren, aber nichts sagen. Trotz einer Macht­bal­lung von meh­re­ren Tau­send Mil­li­ar­den Dol­lar Akti­en­ka­pi­tal ist das Resul­tat der welt­wei­ten Bericht­erstat­tung annä­hernd 0.

Dar­aus ergibt sich eine hand­werk­li­che Fra­ge: Was zum Teu­fel macht man mit wich­ti­gen Inter­view­part­nern, wenn sie langweilen?

Ein Por­trait? Eine Landschaft?

Den Weg aus der Klem­me weist wie oft ein jüdi­scher Witz. In dem Fall sogar mein jüdi­scher Lieblingswitz:

Zwei Juden ste­hen in dem Metro­po­li­tain Muse­um of Art vor einem abs­trak­ten Bild und strei­ten sich.

«Des ist ein­deu­tig a Portrait!»

«Nee, das is a Landschaft.»

«Neb­bich! A Portrait.»

«A Land­schaft!»

«Nu, wol­len wir mal sehen, was der Künst­ler sich dabei gedacht hat!», sagt der eine, geht vor und liest die Pla­ket­te neben dem Bild. Dann dreht er sich tri­um­phie­rend um und sagt: «Siehst du, ich hat­te Recht! Es is ganz ein­deu­tig a Por­trait. Da steht: Rosen­feld in der Toskana!»

Genau dies ist die Lösung. Jeder Mensch ist bei­des: Ein Indi­vi­du­um und eine Land­schaft. Das gilt umso mehr für mäch­ti­ge Leu­te. Die­se sind zwar Herr­scher über ihre Fir­ma, aber noch weit mehr Skla­ven ihrer Umstän­de: Der Absatz­kur­ven, der Kon­kur­renz, der Bör­se, der inter­nen Intri­gen, der all­ge­mei­nen Kon­junk­tur und nicht zuletzt der herr­schen­den Manage­ment-Mode. Ihre Agen­da ist zu enor­men Tei­len fremd­be­stimmt; und da sie es seit Jah­ren war, ist es ihr Cha­rak­ter meist auch. (So wie Men­schen in der Rush-Hour des Leben, zwi­schen 30 und 55, mit­ten in Kar­rie­re und Kin­der­er­zie­hung, die aktivs­ten, aber auch die uni­forms­ten sind. Jun­ge Leu­te und Grei­se sind eigen­wil­li­ger, sie sind aus sich her­aus interessanter.)

Kurz, Sie kön­nen getrost die Annah­me tref­fen: Gros­se Tei­le eines Chefs (in Wirt­schaft, Poli­tik, Kul­tur­sze­ne) bestehen aus sei­ner Umge­bung: Der Mensch ist dann vor allem eine Landschaft.

Okay. Aber was heisst das für die Praxis?

1. Regel: Aus schlech­ten Inter­views mach ein Portrait!

Die­se Regel ist der Königs­weg für jedes ver­haue­ne Inter­view. (Egal, ob aus eige­ner Schuld oder weil der Inter­view­te ein tro­cke­nes Etwas war.) Ein mie­ses Inter­view ist als Inter­view meis­tens unrett­bar. Aber selbst der schlimms­te Müll ist immer­hin als Roh­ma­te­ri­al brauch­bar: für ein Por­trait. Denn zu die­sem kön­nen Sie mehr Mate­ri­al bei­zie­hen als nur die lang­wei­li­gen Wor­te Ihres Hel­den: Aus­sa­gen von Unter­ge­be­nen und Kon­kur­ren­ten, das Pres­se­ar­chiv, die eige­nen Augen.

Die­se Lösung braucht eini­ge Rück­sichts­lo­sig­keit gegen den Inter­view­ten: Der sprach mit Ihnen und fin­det dann nur ein paar Quo­tes wie­der. Dafür neh­men Sie Rück­sicht auf Ihren ech­ten Part­ner: das Publi­kum. Ein gelang­weil­ter Text ist eine schlim­me Sün­de – immer. Falls es einen Gott gibt, wer­den Sie dafür in der Höl­le bren­nen. Das soll­ten Sie ver­mei­den. Also ändern Sie den Plan und schrei­ben Sie ein Portrait.

2. Regel: Als Por­trait zeich­nen Sie die Landschaft!

Das zen­tra­le Pro­blem bei Ihrem Por­trait wird sein: Sie sind der mäch­ti­gen Figur nicht nah. Ers­tens ver­keh­ren Sie in den fal­schen Krei­sen. Zwei­tens wer­den mäch­ti­ge Leu­te nur sel­ten einem Jour­na­lis­ten ihr Herz öff­nen. (Falls sie eins haben.)

Aber das tut nichts zur Sache. Denn ein Macht­ha­ber ist vor allem die Orga­ni­sa­ti­on, die ihn umgibt. Und das zeigt sich in den Din­gen, die ihn beschäf­ti­gen: die Fir­ma, die Bran­che und sei­ne Kas­te. Und das zeigt sich auch in sei­ner Phi­lo­so­phie, sei­ner Kar­rie­re und nicht zuletzt in sei­nen Ent­schei­dun­gen. Das her­aus­zu­fin­den ist eine Fra­ge von Fleiss und Pressearchiv.

Da in Fir­men-Hier­ar­chien nur die Num­mer 1 spre­chen darf, lei­den alle ande­ren. Die­se dür­fen von ihren Aben­teu­ern, Vor­stel­lun­gen, Ärger­nis­sen nichts erzäh­len. Des­halb reden in Orga­ni­sa­tio­nen die klei­ne­ren Num­mern oft erstaun­lich offen. Meist unter zwei Bedin­gun­gen: Dass die Sache off the record ist, und dass Sie sich für ihre Arbeit inter­es­sie­ren. Denn nichts tun Men­schen lie­ber, als über ihre Arbeit zu spre­chen. So erfah­ren Sie eini­ges über die tat­säch­li­chen Pro­ble­me, Tätig­kei­ten und Zie­le der Firma.

Die Gefahr bei dem Por­trait ist die (sie­he den vor­he­ri­gen Post «Shake­speares Rück­kehr»), den Chef als Essenz sei­ner Fir­ma zu beschrei­ben: als ein­zig Han­deln­den, ver­ant­wort­lich für alles, Gewin­ne wie Ver­lus­te. In Manage­ment­bü­chern und ‑semi­na­ren wird zwar ein fast reli­giö­ser Genie­kult ver­brei­tet: Legen­den über Erfolg­rei­che und ihre magi­schen Rezep­te, Bekennt­nis­se von bekehr­ten Bos­sen, Gezi­schel über geschei­ter­te Sün­der, dazu viel Weih­rauch über Lea­der­ship. Und in der Pres­se steht oft das­sel­be: der Mana­ger des Monats oder der Ver­sa­ger des Jahres.

Hal­ten Sie sich fern davon. Cle­ve­rer sind die Fra­gen: Unter was für Bedin­gun­gen, mit was für Mög­lich­kei­ten, hat die­ser Mann, was gesagt, was getan, was erreicht? Und wie weit pas­sier­te sei­ner Fir­ma nur das, was der Markt tat? Inwie­fern waren also die Ent­schei­dun­gen des Bos­ses sei­ne eige­nen, wel­che traf er nur mit der Her­de? Das führt gleich­zei­tig zu einem respekt­vol­le­rem wie respekt­lo­se­rem Bild eines Chefs: Als Mann in einem Netz, nicht als Spin­ne darin.

Des­halb, wenn Sie jemand Mäch­ti­gen por­trai­tie­ren, fol­gen Sie die­sem Rat: Zeich­nen Sie nie einen Men­schen. Zeich­nen Sie einen Men­schen in einer Landschaft.

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