Begrün­dung des modern Dance

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Mar­tha Gra­ham ent­wächst der Denishawn-Schule

Kaum hat­te Ruth St. Denis mit ihrem Mann Ted Shawn, einem ehe­ma­li­gen Theo­lo­gie­stu­den­ten, 1915 in Kali­for­ni­en die Denis­hawn-Tanz­schu­le gegrün­det, wirk­te die­se wie ein Magnet: nach weni­gen Jah­ren kamen Mar­tha Gra­ham und Doris Humphrey,die eigent­li­chen Begrün­der des Moder­nen Tan­zes. Ers­te­re kam, um hier ihre Tanz­aus­bil­dung zu ver­voll­komm­nen, letz­te­re zum Leh­ren. Die Beson­der­heit der Inter­nats­schu­le war die Aus­ge­wo­gen­heit: Im Park wan­del­te man bar­füs­sig mit Büchern (aus einer breit­an­ge­leg­ten Biblio­thek), Dis­kus­sio­nen und (z. B. Nietz­sche-) Lesun­gen waren beliebt, Gast­leh­rer ver­schie­de­ner Spar­ten kamen aus aller Welt. Lou­is Horst, ein auf­ge­schlos­se­ner ame­ri­ka­ni­scher Kom­po­nist, war für die musi­ka­li­sche Aus­bil­dung ver­ant­wort­lich, die Tän­zer wur­den nun­mehr mit Eric Satie oder Skria­bin eher per­kus­siv denn melo­disch beglei­tet. Mar­tha Gra­ham und Doris Hum­phrey avan­cier­ten bald zu Mit­glie­dern der Denis­hawn-Com­pa­nie. Doch St. Denis‘ Hang zu einem Pot­pour­ri ver­schie­de­ner Tanz­sti­le und auf­wen­di­ger exo­ti­scher Aus­stat­tung, mit dem sie nicht nur ein brei­tes Publi­kum, son­dern auch Hol­ly­wood gut bedien­te, befrem­de­te die bei­den anspruchs­vol­len Tän­ze­rin­nen zuneh­mend. 1923 kam es zum Bruch: Gra­ham ver­liess die Denis­hawn- Com­pa­nie Rich­tung New York, Hum­phrey kün­dig­te im Jah­re 1928.

Mini­ma­lis­ti­scher Stil
Bei der Ent­wick­lung des eige­nen Stils ist Mar­tha Gra­hams und Doris Hum­phreys spar­sa­mer Umgang mit dem Büh­nen­bild und Kos­tü­men augen­fäl­lig. Die Ver­mei­dung eklek­ti­scher Ele­men­te erlaubt eine Kohä­renz, nach der es allem Anschein nach sowohl Gra­ham als auch Hum­phrey dürstet.

Die­ses Bedürf­nis nach Strin­genz, das bei­de treibt, ist die Vor­aus­set­zung, einen ein­heit­li­chen Stil zu schaf­fen. Die ande­re Vor­aus­set­zung ist das beson­de­re (ideel­le) Fun­da­ment ihrer Tech­nik, das trag­fä­hig ist für jeweils ein eige­nes aus­bau­ba­res Sys­tem. Was begüns­tigt nach einer eklek­ti­schen Epo­che den Drang nach einem nüch­ter­nen kohä­ren­ten Stil? Das psy­cho­lo­gi­sche Motiv der Über­sät­ti­gung, Abgren­zung und Abna­be­lung erklärt nicht die tie­fe­ren Beweg­grün­de die­ser moder­nen Künst­ler. Der Quer­ver­weis einer Gat­tung auf die ande­re berührt ent­spre­chend nur die Sym­pto­ma­tik: «Wie die moder­nen Maler und Archi­tek­ten haben auch wir das Medi­um von unwe­sent­li­cher Deko­ra­ti­on befreit. Genau so wie kei­ne Ver­zie­run­gen mehr an Gebäu­den wahr­zu­neh­men sind, so wird auch das Tan­zen nicht wei­ter aus­staf­fiert». So äus­ser­te sich Mar­tha Gra­ham in die­ser Zeit (1930).

Die wah­ren Beweg­grün­de zur sti­lis­ti­schen Ein­heit und Kohä­renz, die kei­ne kom­pro­mit­tie­ren­de Zuge­ständ­nis­se dul­det, sind aber in der poli­ti­schen und sozia­len Auf­fas­sung der moder­nen Künst­ler zu suchen. Sie such­ten zu erfor­schen und aus­zu­drü­cken, was die See­le der Leu­te damals beweg­te: sozia­le und gesell­schaft­li­che Unge­rech­tig­keit. Die­se absor­bier­te die Pio­nie­re des Moder­nen Tan­zes, zwang sie zum Enga­ge­ment, zu eigens ent­wi­ckel­ten tän­ze­ri­schen Stel­lung­nah­men und ver­lang­te Verbindlichkeit.

Noch zu Zei­ten des «unver­schäm­ten» Wohl­stands der 20er schuf Mar­tha Gra­ham Solo­stü­cke wie «Revolt» (1927) auf die Musik Arthur Hon­eg­gers und «Immi­grant» (1928), das die Aus­beu­tung der Arbei­ter­klas­se behan­delt. Nach der Welt­wirt­schafts­kri­se schuf Mar­tha Gra­ham das Solo­stück «Lamen­ta­ti­on» (1930). Sie sitzt im Stück auf einem schwar­zen Hocker in einem schwar­zen Raum. Beleuch­tet wird nur ihr enges, lan­ges und elas­ti­sches Kleid, das wie ein dehn­ba­rer Schlauch über­ge­stülpt wirkt, und sie win­det, biegt und krümmt sich dar­in. Die Bedeu­tung des moder­nen Tan­zes, so schrieb der von der «New York Times» im Jah­re 1927 eigens erko­re­ne Tanz­kri­ti­ker, sei des­sen Fähig­keit, Emo­tio­nen durch struk­tu­rier­te Form zu ver­mit­teln. Der Modern Dance destil­liert den Aus­druck zu kla­ren und stren­gen Formen.

Das Inter­es­se an den Naturvölkern
Mar­tha Gra­hams Inter­es­se an afri­ka­ni­schen und «ein­hei­mi­schen» Ame­ri­ka­nern, den India­nern, speis­te sich aus ver­schie­de­nen Quel­len. Zum einen wid­me­ten sich die Maler, z. B. Picas­so 1906/07, Sujets «pri­mi­ti­ver» Kul­tu­ren. Es gab auch zuneh­mend eth­no­lo­gi­sche und anthro­po­lo­gi­sche Stu­di­en. In der Musik wur­de zu ver­schwin­den dro­hen­des Kul­tur­er­be gesam­melt, z. B. die Volks­lie­der des Bal­kans durch Béla Bar­tók. Der Pia­nist und Kom­po­nist Lou­is Horst, mitt­ler­wei­le Mar­tha Gra­hams Men­tor, ermun­ter­te die­se, sich den «Pri­mi­ti­ven» zuzu­wen­den. Er steu­er­te zu ihrem Stück «Pri­mi­ti­ve Mys­te­ries» (1931) die Musik bei. Die­ser «Trend» war die eine Quel­le. Zum ande­ren gewann die afro­ame­ri­ka­ni­sche Kul­tur zuse­hends an Prä­senz. Voy­eu­ris­tisch lab­te sich ein weis­ses Publi­kum an schwar­zen Show­tän­ze­rin­nen und Musi­kern, die New-Negro- und Har­lem-Renais­sance-Bewe­gung war Aus­druck des erstark­ten Selbst­be­wusst­seins vie­ler Schwar­zer, und nicht auf­zu­hal­ten war deren rhyth­mi­scher Ein­fluss in den Tanz­sä­len. Eine ame­ri­ka­spe­zi­fi­sche sozio­kul­tu­rel­le Ent­wick­lung bot also die zwei­te Quel­le. Eine unbe­zwing­ba­re Demar­ka­ti­ons­li­nie bestand aber jen­seits der Unter­hal­tungs­kul­tur. Die­se Dis­kri­mi­nie­rung zu über­win­den, war ein Ziel der Begrün­der des Moder­nen Tan­zes: lin­ke Gesin­nung als drit­te Quel­le also für das Inter­es­se an den Afro­ame­ri­ka­nern und India­nern im Tanz. Der Moder­ne Tanz hat­te die Visi­on einer neu­en, plu­ra­lis­ti­sche­ren ame­ri­ka­ni­schen Kultur.

Doch die Visi­on hat­te ihre Gren­zen: Als 1928 Helen Tami­ris Negro Spi­ri­tu­als auf­führ­te, in wel­chem sie die Unter­drü­ckung der Schwar­zen brand­mark­te, betrat kein Schwar­zer den Tanz­bo­den (wohl aber san­gen sie). Begab­ten dun­kel­häu­ti­gen Tanz­schü­le­rin­nen wie Edna Guy blieb der Zugang zu den meis­ten Tanz­schu­len ver­wehrt. In Ruth St. Denis‘ Denis­hawn-Schu­le wur­de Guy gedul­det. (Sie durf­te gar bei Tour­neen der Denis­hawn-Com­pa­nie teil­neh­men, aber nur als Assis­ten­tin in Sachen Kos­tüm­pfle­ge etwa). Um spä­ter aus­ser­halb des Varie­té-Gen­res zur Gel­tung zu kom­men, muss­te sie ihre eige­ne Com­pa­nie gründen.

In Har­lem ent­stand auf die­ser sozia­len Schief­la­ge bald die ers­te schwar­ze Tanz­schu­le (1932). Aus die­sen drei Quel­len also speis­te sich die Erkennt­nis der moder­nen Tän­zer und dräng­te sie zur Tat: Die schwar­ze und ein­hei­mi­sche Kul­tur soll ihren Bei­trag zur Kunst und nicht nur zur Unter­hal­tung lie­fern. Wäh­rend Tami­ris‘ und Gra­hams Inter­es­se an den Natur­völ­kern poli­tisch und ästhe­tisch moti­viert waren, trieb vie­le Schwar­ze ein exis­ten­ti­el­le­res Inter­es­se: die Suche nach der eige­nen Iden­ti­tät. Wenn Gra­ham ihrem Inter­es­se nach­ging, indem sie die Pyra­mi­den der mexi­ka­ni­schen Inkas bestieg und deren ritu­el­le und spi­ri­tua­lis­ti­sche Sog­wir­kung zu ver­spü­ren mein­te – ein Foto zeigt sie win­dum­weht auf der Pyra­mi­den­spit­ze 1933 in Yuca­tán -, pil­ger­ten Schwar­ze wie die Tän­ze­rin Asa­da­ta Dafo­ra 1935 als Feld­for­sche­rin für die Nor­thwes­tern Uni­ver­si­ty zu ihren Vor­fah­ren in die Kari­bik oder nach Afri­ka. Dort von den Ein­hei­mi­schen will­kom­men emp­fan­gen stu­dier­te sie die tra­dier­ten Tän­ze und trach­te­te in der Ver­wer­tung ihres Mate­ri­als nach Authen­ti­zi­tät. Gra­ham dage­gen such­te in all die­sen pri­mi­ti­ven Kul­tu­ren eine uni­ver­sa­le Formsprache.

Das Ergeb­nis bei­der Annä­he­rungs­wei­sen, Gra­hams und Daforas z. B., an das Pri­mi­ti­ve könn­te unter­schied­li­cher nicht sein: Gra­ham kre­ierte eine kar­ge Mys­tik pri­mi­ti­ver For­men oder grau­sa­mer Riten, Dafo­ra schuf beweg­li­che und bun­te Gen­re­bil­der eines kari­bi­schen Markt­le­bens oder authen­ti­sche Tän­ze im Dschun­gel (z. B. in «L‘Ag‘Ya» aus dem Jah­re 1938). Schwin­gen­de Hüf­ten und stamp­fen­de halb­nack­te Schwar­ze waren in sol­chen Stü­cken will­kom­me­ne Nah­rung für die bestehen­den Vor­ur­tei­le über das Ani­ma­li­sche und Sexu­el­le der Schwar­zen. Die Kri­ti­ker ver­stan­den nicht, dass die­se Schrit­te nur eini­ge, aber not­wen­di­ge, in der ästhe­ti­schen Eman­zi­pa­ti­ons­be­we­gung aus­mach­ten. Mar­tha Gra­ham liess «Pri­mi­ti­ve Mys­te­ries» noch wei­te­re Tanz­stü­cke die­ser Art fol­gen: «Pri­mi­ti­ve Can­ti­c­les» (1931), «Eksta­sis» (1933), «Fre­ne­tic Rhyth­ms» (1934), «El peniten­te» (1940). Span­nend ist vor die­sem Hin­ter­grund ein Bericht eines Zeit­zeu­gen, der Mar­tha Gra­hams Auf­füh­rung mit der des Bal­lets Rus­ses wie folgt ver­gli­chen haben soll: «Ich ging Gra­ham anzu­schau­en in der Erwar­tung, noch scho­ckier­ter zu wer­den als durch die Zusam­men­ar­beit eines Picas­so, Coc­teau und Mas­si­ne. Ich war nicht vor­be­rei­tet auf ihre Sim­pli­zi­tät und war unfä­hig ihren authen­tisch pri­mi­ti­ven Aus­druck wahr­zu­neh­men. Für mich war ‹pri­mi­tiv› gleich­be­deu­tend mit dem Pri­mi­ti­vis­mus des Stra­win­sky eines Sacre und les Noces, mit sei­ner gan­zen Palet­te an kom­ple­xen Far­ben, erle­se­nen Orchestra­ti­on und his­to­ri­schen Bezug­nah­men. Das Archai­sche war für mich der Archais­mus eines Après­midi d‘un Faun, das Zeit­ge­nös­si­sche war der Schick eines Para­de oder les Biches. Die­se ein­sa­me Tän­ze­rin, die nicht ein­mal jung war, mit ihrer Trup­pe spar­ta­ni­scher Mäd­chen, die alle der stäh­ler­nen Frau, die sie war, zu ähneln such­ten, erschien mir naiv oder prä­ten­ti­ös, ich konn­te es nicht ent­schei­den. Aber die Macht der Per­sön­lich­keit die­ser Frau fas­zi­nier­te mich vom ers­ten Augenblick.»

Ame­ri­ca­na
Die Bestim­mung der Iden­ti­tät der jun­gen Nati­on wur­de zum vor­ran­gi­gen The­ma im Ame­ri­ka der spä­ten 30er Jah­re, da es sich einer bedroh­li­chen faschis­ti­schen Ent­wick­lung in Euro­pa gegen­über sah. In Fra­ge gestellt wer­den muss­te der Iso­la­tio­nis­mus, gestärkt wer­den muss­ten die posi­ti­ven Wer­te, wel­che die Demo­kra­tie aus­mach­ten. In die­sem Rah­men muss die Suche nach dem spe­zi­fisch «Ame­ri­ka­ni­schem» ver­stan­den wer­den. Wenn der Musi­ker Lou­is Horst Cha­rak­te­ris­ti­ka her­aus­streicht, die sowohl im Tanz als auch in der Musik eines Aaron Cop­lands z. B. Aus­druck fin­den, rei­hen sie sich nur schein­bar in die Ras­sen-Cha­rak­ter­stu­di­en der Faschis­ten. («Der Ame­ri­ka­ner vom Land hat sogar beson­de­re kör­per­li­che Merk­ma­le: Mäd­chen mit lan­gen Bei­nen, Aben­teu­rer, Per­sön­lich­kei­ten mit lang­sa­men Ges­ten»). Den­noch befällt einen bei der Betrach­tung der Tän­ze wie «Appa­la­chi­an Spring» (1944, Musik: Aaron Cop­land) ein ungu­tes Gefühl: Wenn die Küns­te sich affir­ma­tiv ver­ste­hen, wo bleibt da das Span­nen­de, Auf­rüh­ren­de, Viel­deu­ti­ge? Ein Stück, das den opti­mis­ti­schen Geist der land­ge­win­nen­den Sied­ler im Zuge gen Wes­ten mit dem Segen des Pries­ters ver­sieht, ist kein viel­schich­ti­ges oder «tie­fes» Werk. Den­noch, bei den Ame­ri­ka­nern ist es beliebt, sie kön­nen sich wohl in den weitaus­ho­len­den Sprün­gen des Sied­lers im Land der unend­li­chen Mög­lich­kei­ten und dem Blick in die Fer­ne wie­der­erken­nen. Man hat den Ein­druck, dass alle Cho­reo­gra­phen der Zeit, ins­be­son­de­re wäh­rend des Krie­ges, sich mit die­ser Iden­ti­täts­fra­ge beschäf­tig­ten. Gra­ham begann mit «Ame­ri­can Docu­ment » (1938), «Bil­ly the Kid» von Eugè­ne Lin­coln Kir­stein im Jah­re 1937 lt. Mer­le Armi­ta­ges Buch Mar­tha Gra­ham S. 25f. Lin­coln Kir­stein war der Begrün­der des Ame­ri­can Bal­let Thea­ter. Loring zur Musik Cop­lands (1938), «Rodeo» von de Mill (1942) u. a. folgten.

Die muti­gen Stel­lung­nah­men der Pio­nie­re des Moder­nen Tan­zes fügen aber das Gen­re der Ame­ri­ca­na erst zum Gesamt­bild: So schlägt z. B. Mar­tha Gra­ham 1936 eine Ein­la­dung zu den Olym­pi­schen Spie­len in Ber­lin aus und gibt dazu eine Erklä­rung ab. Sie ver­ur­teilt dar­in offen die Ver­fol­gung deut­scher Künst­ler durch die Natio­nal­so­zia­lis­ten. Nach dem Tod Diag­hi­levs und dem Zer­fall des Bal­lets Rus­ses wur­den deren Cho­reo­gra­phen und Tän­zer von den ver­schie­dens­ten könig­li­chen Thea­ter­häu­sern ange­wor­ben. In Ame­ri­ka erhielt das Metro­po­li­tan Ope­rahouse eine eigen­stän­di­ge Tanz­spar­te und der letz­te lei­ten­de Cho­reo­graph des Bal­lets Rus­ses, Geor­ge Balan­chi­ne, wur­de samt des­sen Neo­klas­sik ange­heu­ert. Im besag­ten Jahr der Urauf­füh­rung des «Appa­la­chi­an Spring» (1944) schuf Jero­me Rob­bins für die­ses neue Ame­ri­can Bal­let das Stück «Fan­cy Free», ganz in Wes­tern-Manier. Es war sti­lis­tisch eine Mischung. Jero­me Rob­bins erwei­ter­te den neo­klas­si­schen Bal­let­tanz um Ele­men­te aus dem Moder­nen Tanz, dem Step­tanz und dem syn­ko­pen­rei­chen Jazz­tanz – inspi­riert von den Bars in Har­lem – zu Leo­nard Bern­steins Musik. Was noch zehn Jah­re zuvor als fri­vol galt, war nun büh­nen­reif und Aus­druck «unse­res ein­zig­ar­ti­gen dan­se ensuite 2010 – Schwei­zer Tanz­ma­ga­zin 9 natio­na­len Mar­ken­zei­chens der Jugend­lich­keit, Mun­ter­keit und Humors», schrieb aus­ge­rech­net die eher links ori­en­tier­te Zeit­schrift «New Mas­ses». Die Ver­eh­rer des klas­si­schen Bal­letts fei­er­ten des­sen Ver­jün­gung, die Ver­eh­rer des Moder­nen Tan­zes befürch­te­ten die Ein­ver­lei­bung durch den «kan­ni­ba­lis­ti­schen» Appe­tit des Bal­letts. Die Ame­ri­ca­na wird zum Mel­ting-Pot nicht nur sozio­kul­tu­rel­ler Unter­schie­de, son­dern auch ästhe­ti­scher Stile.

Grie­chi­scher Zyklus
Nach der Ame­ri­ca­na folgt Mar­tha Gra­hams grie­chi­scher Zyklus, in dem sie grie­chi­sche Sagen, Dra­men und Hel­den ver­ar­bei­te­te. Nach eige­nem Bekun­den ging es Mar­tha Gra­ham immer dar­um, etwas uni­ver­sell Gül­ti­ges aus den grie­chi­schen Mythen auf­zu­zei­gen. So etwa wird bei «The Cave of Heart» (1946) das Schick­sal Mede­as als laten­te Mög­lich­keit, die in jeder Frau schlum­mert, als tie­fen­psy­cho­lo­gi­sche Wahr­heit ver­stan­den. Ein Höhe­punkt ist wohl der abend­fül­len­de Tanz «Cly­tem­nes­tra» (1958), das die «Ores­tie» in Zügen nach­zeich­net. In ihrem grie­chi­schen Zyklus zeigt Mar­tha Gra­ham ihre cho­reo­gra­phi­sche und sti­lis­ti­sche Rei­fe. Mit den abend­fül­len­den und dra­ma­ti­schen Wer­ken erweist sich der Moder­ne Tanz als mün­di­ge Alter­na­ti­ve zum Bal­lett laut einem renom­mier­ten Tanz­kri­ti­ker oder schlicht als des­sen gül­ti­ge Ablösung.

Gra­ham-Tech­nik und ‑Sys­tem
In Anbe­tracht der sti­lis­ti­schen und tech­ni­schen Ein­flüs­se, die Mar­tha Gra­ham über Ruth St. Denis auf­ge­nom­men hat, nimmt es nicht wun­der, dass Atem und natür­li­cher Bewe­gungs­fluss dem Aus­druck von Emo­tio­nen zugrun­de­ge­legt wer­den. Sie reku­riert nicht auf eine vir­tuo­se Tech­nik als Instru­men­ta­ri­um, wel­ches das klas­si­sche Bal­lett zur Ver­fü­gung hat. Wir erin­nern uns an die Sim­pli­zi­tät, von der ein über­rasch­ter Betrach­ter berich­te­te. Die Tech­nik, die heu­te als Gra­ham-Tech­nik bekannt ist, hat sich sys­te­ma­tisch, wenn auch nicht plan­mäs­sig ent­wi­ckelt. Sie ist auf ein der­ar­ti­ges Niveau geho­ben wor­den, dass sie nahe­zu als äqui­va­lent zur klas­si­schen Bal­lett­aus­bil­dung gel­ten kann. Wie ist das mög­lich? Es ist ganz und gar nicht so, dass jed­we­der Stil aus der Zeit poten­zi­ell ähn­lich aus­bau­fä­hig gewe­sen wäre. Wesent­lich ist eine trag­fä­hi­ge Idee. Und die­se war in der genia­len Erfin­dung der Ent­ge­gen­set­zun­gen des Con­trac­tion und Release gege­ben. Con­trac­tion und Release betref­fen bei­de wie das Aus- und Ein­at­men das Kör­per­zen­trum. Sie basie­ren auf dem Aus- und Ein­at­men und ver­wen­den sie als Initia­tor von Bewe­gung. Das Aus­at­men getrie­ben bis zum äus­sers­ten Ende ist eine Krüm­mung, das Ein­at­men deren Auf­lö­sung. Die­se gegen­läu­fi­gen Bewe­gun­gen bil­den den Kern Mar­tha Gra­hams Tech­nik und durch­zie­hen den Tanz wie Ebbe und Flut den Mee­res­gang. Genau­er betrach­tet: Con­trac­tion ist ein Zusam­men­zie­hen der Mus­keln im Becken­be­reich, Bauch und Ober­kör­per zu einer kon­ve­xen Krüm­mung, wie sie beim star­ken Hus­ten oder Lachen ent­steht. Die­sem Zusam­men­zie­hen steht, wenn man die Bewe­gung umkehrt, die Los­lö­sung des «Ver­kramp­fens» und zuneh­men­de Ent­span­nung bis hin zur Aus­gangs­po­si­ti­on gegen­über. Die­ser «gespie­gel­te Bewe­gungs­ab­lauf» lässt sich anein­an­der­rei­hen und wie­der­ho­len. Inso­fern er im Kör­per­zen­trum statt­fin­det, kann man sich leicht vor­stel­len, wie er die Extre­mi­tä­ten invol­vie­ren kann: Der Kopf wird beim kon­vul­si­vi­schen End­punkt nach unten mit­ge­zo­gen, die Arme rotie­ren leicht nach innen, die Knie geben nach. Umge­kehrt ist leicht nach­voll­zieh­bar, dass bei der «Gegen­be­we­gung», dem Release, die Bewe­gung nicht nur bis zur neu­tra­len Aus­gangs­stel­lung, dem Stand, zurück­ge­führt wird, son­dern dar­über­hin­aus in eine Über­deh­nung gelei­tet wer­den kann. Das Brust­bein hebt sich leicht in die Dia­go­na­le nach vor­ne. Hier­bei wären die Extre­mi­tä­ten im umge­kehr­ten Ver­hält­nis invol­viert: Die Arme kom­men in ihre hän­gen­de Aus­gangs­stel­lung zurück und mit dem Heben des Brust­beins rotie­ren sie gar leicht nach aus­sen. Der Kopf rich­tet sich wie­der auf und hebt sich gar leicht mit dem Brust­bein. Die Bei­ne erlan­gen wie­der ihre ursprüng­li­che Gestreckt­heit; es wäre sogar eine akti­ve­re Stre­ckung, gar in Erhe­bung auf die Zehen­spit­zen denk­bar: eine kon­se­quen­te Erwei­te­rung des Release. Die Aus­bau­bar­keit die­ser «Gegen­be­we­gun­gen» ist nun gege­ben, in dem man sie nicht nur rück-und-vor­aus­rich­tet, son­dern etwas dia­go­nal. Oder indem man sie leicht dreht, «twis­ted», ähn­lich einer Spi­ra­le. Wenn man hin­zu­nimmt, dass von nahe­zu jeder Aus­gangs­po­si­ti­on die­se Con­trac­tions erfol­gen kön­nen und egal in wel­cher Höhe, d. h. ob im Sprung, Stand, auf den Knien oder am Boden, ahnt man die Man­nig­fal­tig­keit, die Kom­bi­na­ti­ons­mög­lich­keit die­ser Tech­nik. Indem die Aus­gangs­po­si­ti­on unge­scha­det auch eine klas­si­sche Bal­lett­po­si­ti­on sein kann, ist klar: Sie ist vari­ier­bar wie der klas­si­sche Tanz (aus­ge­nom­men des­sen vir­tuo­se Ent­fal­tung der äus­sers­ten Extre­mi­tä­ten: im Spit­zen­tanz oder in den bat­tus, dem Zusam­men­schla­gen der Füs­se). Die kon­vul­si­vi­sche Posi­ti­on fin­det dage­gen oft eckig ange­win­kelt ihren End­punkt. Gera­de die­se Spröd­heit und Häss­lich­keit, die im Anschluss auf­lös­bar ist, bie­tet ein gros­ses Poten­zi­al für die Ansprü­che der Moder­ne. Wich­tig ist: Der Ablauf der Posi­tio­nen unter­liegt dem beschrie­be­nen Gesetz der Abfol­ge, die Posi­tio­nen kön­nen nicht wie Bau­stei­ne (des klas­si­schen Bal­lett­re­per­toires z. B.) belie­big anein­an­der­ge­reiht wer­den. Die­se Logik des so kon­zi­pier­ten Bewe­gungs­flus­ses – mit dem Impuls aus dem Kör­per­in­ne­ren – ist in mei­nen Augen, was die Gra­ham-Tech­nik so zwin­gend erschei­nen lässt und zu einem ein­heit­li­chen Stil aus­wach­sen lässt. Wir ahnen nun, war­um sie die Eklek­tik einer Ruth St. Denis, die Impro­vi­sa­ti­on einer Isa­do­ra Dun­can einer­seits und das Bal­lett ande­rer­seits sti­lis­tisch über­trifft. Letz­te­res über­trifft es, inso­fern Stil nicht mehr gefäl­lig sein muss und Tech­nik die Vir­tuo­si­tät bedient. Die Tech­nik Mar­tha Gra­hams ent­sprang einem zeit­ge­mäs­sen Stil und bedien­te nur diesen.

TEXT: Kris­ti­na Soldati
FOTOS: Bar­ba­ra Mor­gan / Gela­tin sil­ver print
BILDUNTERTITEL: Mar­tha Gra­ham, Let­ter to The World, «The Kick». 1940.



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