Neu­er Materialismus

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Wir spre­chen über Zukunft oft, als wäre sie das Resul­tat von Visio­nen, Wer­ten oder poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen. Der Neue Mate­ria­lis­mus bie­tet dazu einen erfri­schen­den Kon­trast. Als theo­re­ti­sche Strö­mung in Phi­lo­so­phie, Kul­tur- und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten seit den frü­hen 2000er-Jah­ren sicht­bar gewor­den, ver­schiebt die­se Posi­ti­on den Blick von Spra­che, Dis­kurs und rein mensch­li­chem Han­deln hin zur Wirk­macht von Mate­rie – oder, viel­leicht bes­ser, von Mate­ria­li­tät. Stras­sen, Gebäu­de, Böden, Kör­per, Tie­re und Algo­rith­men sind nicht bloss pas­si­ve Objek­te, son­dern machen eben­so Zukünf­te wie die Gedan­ken, Ideen, Absich­ten und Stra­te­gien in unse­ren Köpfen.

Mate­rie begrenzt, ermög­licht, erzwingt – und han­delt so mit. Vie­le von uns haben noch eine Welt erlebt, in der man ans Tele­fon ging; wort­wört­lich, weil da war noch ein Kabel dran. Seit­her hat das soge­nann­te Smart­phone die Welt sicht­lich ver­än­dert. Die­ses Ding hat uns ver­än­dert. Sicher, da sind vie­le Ideen und Absich­ten in den Pro­zess ein­ge­gan­gen. Den­noch klingt es kaum absurd, hier das Smart­phone als han­delnd zu beschrei­ben – oder zumin­dest als wirk­sam und gestal­tend; über alles, was beab­sich­tigt wur­de, hinaus.

Der Neue Mate­ria­lis­mus ist sicher kei­ne kom­plett neue Erfin­dung, son­dern ein Zusam­men­kom­men an Per­spek­ti­ven und Beschrei­bungs­wei­sen, wel­che je ihre Vor­läu­fer haben. Wie der Name bereits andeu­tet, ist es sowohl Rück­be­sin­nung an ver­gan­ge­ne Mate­ria­lis­men wie auch kla­re Abgren­zung davon. Der wohl wich­tigs­te Bruch mit dem Alten besteht dar­in, die Zen­tra­li­tät des mensch­li­chen Sub­jekts zu über­win­den. Damit wer­den auch klas­si­sche Dua­lis­men von Geist und Kör­per, Sub­jekt und Objekt sowie zwi­schen Kul­tur und Natur abge­lehnt. Viel wich­ti­ger wer­den dafür Bezie­hun­gen und Anord­nun­gen, soge­nann­te Assem­bla­gen. Den Begriff haben bereits Deleu­ze und Guat­ta­ri in ihrer Phi­lo­so­phie des rhi­zo­ma­ti­schen Den­kens geprägt. Gemeint ist damit eine sich ste­tig ver­än­dern­de, wur­zel­ar­ti­ge Anord­nung durch­aus ver­schie­den­ar­ti­ger Ele­men­te – bei­spiels­wei­se Men­schen, Maschi­nen, Ideen und Insti­tu­tio­nen – zu einem dyna­mi­schen und kom­ple­xen Netz­werk. In sol­chen Assem­bla­gen haben offen­sicht­lich nicht nur Men­schen «agen­cy» – also das, was nur holp­rig mit Hand­lungs­mög­lich­keit, Hand­lungs­macht oder Agent­schaft über­setzt wer­den kann. (Ich kann mich noch gut erin­nern, wie nach eini­gen Jah­ren Stu­di­um vor­nehm­lich ana­ly­ti­scher Phi­lo­so­phie son­nen­klar schien, dass nur Men­schen han­deln kön­nen, da es zum Han­deln einer reflek­tier­ten Absicht bedarf. Das könn­ten nur Men­schen. Und damit wür­de sich alles ande­re ein­fach ver­hal­ten, inklu­si­ve Tie­re. Wie ein Stück Metall, wel­ches sich je nach Tem­pe­ra­tur anders ver­hält. Nur ein Mensch hat Absich­ten und kann daher handeln.)

Bei­na­he para­dig­ma­tisch für die Auf­lö­sung die­ser Dua­lis­men steht die Denk­fi­gur «Cyborg», wel­che Don­na Hara­way erst­mals in ihrem Essay «Mani­festo for Cyborgs» 1985 ins Feld geführt hat. Zen­tral ist bei Hara­way die Ein­sicht, dass Wis­sen, Sub­jek­te und Kör­per immer situ­iert, mate­ri­ell und tech­no­lo­gisch ver­mit­telt sind. Damit unter­läuft sie früh die Vor­stel­lung eines auto­no­men, rein geis­ti­gen Sub­jekts. Hara­way benutzt den Cyborg, um zu zei­gen, dass die­se Tren­nun­gen his­to­risch, poli­tisch und tech­nisch insta­bil gewor­den sind. Der Mensch ist längst ein hybri­des Wesen: Durch Medi­zin, Pro­the­sen, Medi­en, Daten, Hor­mo­ne und Infra­struk­tur wur­den wir zu Cyborgs. Den­ken wir uns nur ansatz­wei­se in die Lie­fer­ket­ten einer zeit­ge­nös­si­schen Selbst­ver­ständ­lich­keit wie einem Kühl­schrank, kann uns schwind­lig wer­den. Die Mate­ria­li­en ver­folgt bis in die Minen, die Che­mie­fa­bri­ken, auf Bohr­in­seln. Der Trans­port über Stras­sen – deren Bau­ma­te­ria­li­en wie­der­um bis zu ihrem ver­meint­li­chen Ursprung in der Extrak­ti­on – und dann die Last­wa­gen und Klein­trans­por­ter. Das Land, auf dem das alles steht, und was da frü­her ein­mal war. Dazu die recht­li­chen und sozia­len Struk­tu­ren, Gewerk­schaf­ten, Besitz­ver­hält­nis­se und deren Nar­ra­ti­ve, die uns von Zei­tung, Radio, Fern­se­hen und Inter­net ver­mit­telt wer­den. Ad infinitum.
Leicht sicht­bar und wich­tig dabei ist, dass der Cyborg nicht neu­tral ist. Er ist ein Pro­dukt mili­tä­ri­scher, kapi­ta­lis­ti­scher und wis­sen­schaft­li­cher Macht­ver­hält­nis­se – und zugleich ein mög­li­cher Ort der Ent­geg­nung die­ser Macht­ver­hält­nis­se. Der Cyborg ist kein Zukunfts­ver­spre­chen, son­dern eine Ana­ly­se der Gegen­wart. Damit leis­tet Hara­way wich­ti­ge Vor­ar­beit für den spä­ter von Prot­ago­nis­tIn­nen wie Barad, Ben­nett und Brai­dot­ti aus­ge­ar­bei­te­ten Neu­en Materialismus.

Die­se Ent­rü­ckung des mensch­li­chen Sub­jekts aus dem Zen­trum der Macht ent­raubt uns aber nicht der Ver­ant­wor­tung – die­se wird viel­mehr kom­ple­xer. Es ist nicht mehr die Ver­ant­wor­tung eines zen­tra­len, ratio­na­len, ein­zig hand­lungs­fä­hi­gen mensch­li­chen Sub­jekts, son­dern eines ver­kör­per­ten und in man­nig­fal­ti­ge Kon­tex­te ver­wo­be­nen Wesens, wel­ches Bezie­hun­gen pfle­gen und sich Abhän­gig­kei­ten bewusst machen soll­te. Ver­ant­wor­tung wird zeit­lich und räum­lich gedehnt. Sie fragt nach unse­rer Rol­le in Netz­wer­ken und Anord­nun­gen – was bewir­ken wir damit? Wel­che Ver­hält­nis­se dul­den wir? War­tung, Repa­ra­tur und Pfle­ge erhal­ten viel mehr Gewicht. Hier deu­tet sich auch an, war­um oft Brü­cken geschla­gen wer­den zu femi­nis­ti­schen Posi­tio­nen und war­um der Neue Mate­ria­lis­mus stark öko­lo­gisch ori­en­tiert ist. Gestal­tungs­macht wird – hier zumin­dest phi­lo­so­phisch, als Anfang sozu­sa­gen – dem «star­ken Mann» ent­ris­sen und den bis­her mar­gi­na­li­sier­ten Grup­pen zuge­spro­chen: Frau­en, Tie­ren, Indi­ge­nen, Öko­sys­te­men. Aus dem «nie­mand ist zustän­dig» für die Kli­ma­kri­se, die Mas­sen­tier­hal­tung, die Unter­drü­ckung von Frau­en oder Indi­ge­nen wird ein «wir sind alle ver­ant­wort­lich». Zukunfts­ge­stal­tung und damit Ver­ant­wor­tung wer­den unüber­sicht­li­cher – aber dadurch viel­leicht auch ehr­li­cher. Bei­des anschei­nend eine Über­for­de­rung für die «alten weis­sen Männer».

Die Par­al­le­len zu femi­nis­ti­schen Posi­tio­nen oder indi­ge­nen Sicht­wei­sen soll­ten uns nicht dazu ver­lei­ten, gleich­zu­set­zen. Wir dür­fen es getrost bei Par­al­le­len belas­sen und die viel­fäl­ti­gen Bezie­hun­gen der Per­spek­ti­ven genies­sen. Aus eige­ner Erfah­rung wird es bei­spiels­wei­se deli­kat, nicht in kul­tu­rel­le Aneig­nung zu rut­schen, wenn wir ver­su­chen, indi­ge­ne Kos­mo­lo­gien in west­li­che Spra­che und Gedan­ken­ge­bäu­de zu über­füh­ren. Das Prin­zip der Bezie­hung gilt auch hier und heisst ange­wandt unter ande­rem: Wer spricht? Wenn Tyson Yun­ka­por­ta über indi­ge­ne Wis­sens­sys­te­me berich­tet oder Bayo Ako­mo­la­fe Geschich­ten der Yoru­ba erzählt, dann spre­chen sie als Ver­tre­ter der eige­nen Kul­tur. Auch hier wird es wie­der unüber­sicht­lich – wer darf was wo sagen? Die mög­li­che Über­for­de­rung darf auch als Ein­la­dung zu demü­ti­gem Ler­nen ver­stan­den wer­den. Nicht Unter­wer­fung, son­dern Aner­ken­nung der Fül­le des­sen, was wir (noch) nicht ver­ste­hen. Kein abschät­zi­ges Abstem­peln als «Ani­mis­mus», son­dern ein neu­gie­ri­ges Erkun­den der Par­al­le­len und Über­schnei­dun­gen. An die­sen fehlt es ja kaum. Die Sicht­wei­sen des Neu­en Mate­ria­lis­mus haben wie bereits betont ihre eige­ne Genea­lo­gie (wie wohl alle Per­spek­ti­ven). Die gan­zen Dis­kus­sio­nen rund um die Quan­ten­phy­sik, her­aus­ra­gend in einer Pro­zess­phi­lo­so­phie eines Alfred North Whit­ehead, dür­fen hier erwähnt wer­den. Und wenn wir uns Bru­no Latours Wer­ke anse­hen – ins­be­son­de­re sei­ne Kol­la­bo­ra­tio­nen kurz vor sei­nem zu frü­hen Tod –, eröff­nen wir es uns auch, künst­le­ri­sche Arbei­ten mit in die Erkun­dung auf­zu­neh­men. Ich kann mich noch gut an ein Werk mit Wis­sen­schaft­le­rIn­nen erin­nern, die ver­sucht haben, Land­kar­ten zu zeich­nen, die auch die Per­spek­ti­ven der Tie­re mit auf­neh­men – der Füch­se, Maul­wür­fe, Fal­ken und Regen­wür­mer. Ein Kunst­werk – (noch) kei­ne funk­tio­na­le Kar­te. Vie­le ken­nen Olaf­ur Eli­as­son. Bei ihm ist Mate­rie nicht blos­ses Trä­ger­me­di­um, son­dern Mit­ge­stal­te­rin. Oder Ceci­lia Vicu­ña, wel­che öko­lo­gi­sche Pra­xis und indi­ge­ne Kos­mo­lo­gien in ihren Arbei­ten mit Fäden, Erde, Was­ser und Ritua­len zu einem Bezie­hungs­ge­we­be ver­webt. Oder wir las­sen Agnes Denes, eine Pio­nie­rin der öko­lo­gi­schen Kunst, unse­ren Hori­zont erwei­tern. Den erwünsch­ten und gesuch­ten Para­dig­men­wech­sel her­auf­zu­be­schwö­ren, ist viel­leicht sowie­so eine Auf­ga­be, wel­che Künst­le­rIn­nen als moder­ne Scha­ma­nIn­nen durch sol­che Tauch­gän­ge ins Mys­te­ri­um voll­brin­gen müs­sen – wo sie dann Phi­lo­so­phIn­nen auf­grei­fen und in Spra­che fas­sen mögen.

Den Neu­en Mate­ria­lis­mus sehe ich so als ein reich­hal­ti­ges Denk- und Sprach­ge­bäu­de und damit als mög­li­ches Por­tal, um in eine post­hu­ma­nis­ti­sche, also mehr als mensch­li­che Welt jen­seits des Anthro­po­zen­tris­mus zu gelan­gen. Eine Welt, in wel­cher der Mensch als ein Akteur unter vie­len in einem dich­ten Geflecht mate­ri­el­ler Bezie­hun­gen Zukünf­te mitgestaltet.



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