Die K und K‑Monarchie, von Österreich-Ungarn weggerutscht, hat als Begriff m. E. zusätzlich, bei kulturpolitischen Überlegungen, eine aktuellere Bedeutung erlangt: die unheilige Allianz von Kunst und Kapital. Das Wort «Performance» spielt dabei eine veranschaulichende Rolle. Zum Beispiel in der Wirtschaft bedeutet Performance eine Messgrösse für die Menge ausgeworfener Produkte pro Zeiteinheit, also für die Rentabilität des Produktionsvorganges und für die Wachstumsrate. Performance ist demzufolge eine Richtgrösse dafür, was «optimiert» werden sollte: Wo können welche Stellen abgebaut werden? Wie können billigere Rohstoffe oder Rohprodukte beschafft werden? Wie kann die Produktionszeit verkürzt werden? Ist es einträglicher, bei der Produktion ohne Rücksicht auf dabei entstehendes «Abfallmaterial» vorzugehen, oder soll möglichst wenig «Abfall» produziert werden, auch wenn die Produktion dabei arbeits- d. h. zeitintensiver wird? Wie kommt man am einfachsten dazu, Produkte aus Billigländern als Grundlage der «Eigenproduktion» zu verwenden, ohne ins Kreuzfeuer der AusbeutungskritikerInnen zu geraten? Wie kann Schlankheit in jeder Produktionsphase erzielt werden, um Verfettung im Gewinnbereich zu garantieren, ohne den Firmenruf dabei zu schädigen und, wenn möglich, dabei noch den Ruf der sozialorientierten Firma bezüglich bedürftiger Länder als zusätzliche Verdienstquelle einzuheimsen? In der Verbalkommunikation der Medien muss die Performance zum Beispiel Hörgewohnheiten und Aufmerksamkeitspotential einer auf Kurzzeit getrimmten Kundschaft gewinnbringend nutzen: knappe, möglichst nicht allzu vielschichtige Beiträge, die auch – nur mit halbem Ohr wahrgenommen – «etwas darstellen», unterhaltend sind und allfällig nicht allzu komplexe Inhalte für Gespräche während der Kaffeepause liefern. «Eeee» ist für das Erreichen der wesentlichen Ziele hier ein sehr oft gebrauchtes und überaus nützliches Wort, vor allem im «professionellen» Gesprächsfluss vor dem Mikrophon. Eee ist eine höchst polyvalente Wortart; zugleich Substantiv, Verb, Konjunktion, Adjektiv, Numerale und so weiter. Der/die Redende redet heute grundsätzlich schnell, sehr schnell, das gehört zur Qualität der Performance. Denken kann er, kann sie halt nicht so schnell. Das Wort eeeeeeeee oder Eeeeeee deutet das Denken an, ohne den Redefluss, die Performance also, zu stören, wenn es nicht gar das Denken erfolgreich ersetzt. Ausserdem gäbe «eee» den Rezipienten die – genutzte oder ungenutzte – Gelegenheit, unbewusst und zusätzlich zum «Hören» einen eigenen Denkvorgang einzuschalten; vielleicht sind ja «mitdenkende» HörerInnen nicht nur unerwünscht. Geschwindigkeit beim Redefluss ist und bleibt unbestritten ein Hauptkriterium beim Beurteilen der Qualität des Geredeten – Inhalt, Stil, Aussage spielen eine untergeordnete Rolle. Lustig, wie ansteckend es wirkt: beispielsweise ein Moderator, der eigentlich sonst nie mit eeee/Eeee arbeitet, wird im Gespräch mit einer/m Eee-Profi plötzlich die Eeee-Komponente wohl unbemerkt in seinen Redefluss einbauen. Eeee als Kreativitätsfaktor gewinnbringend eingesetzt? Medien sind ebenso Wirtschaftszweige wie hochkarätige Modehäuser, die Billigprodukte aus Schwellen- und Drittweltländern beziehen, sie mit dem traditionsreichen Firmenlabel versehen und als Prestigeobjekte an die Kundschaft verkitschen. Beispielsweise im Kleintheaterbetrieb, war (ist?) Performance ebenfalls ein Begriff, stammt wohl von der Tätigkeit der darstellenden KünstlerInnen ab. Performance Theater ist keine Tautologie, obwohl jede Theateraufführung in der englischen Sprache als Performance bezeichnet wird … Norbert Klassen war einer der ersten Theatermenschen, der in Bern dem Performance-Theater verfallen war. Bei einer Klassen-Performance ging es nicht um lukrativen Zeitgewinn, sondern um das Erfahren oder bewusste Erleben von Zeit und damit vielleicht von sich selbst, was natürlich auch für die Zuschauenden galt. Den uneingeweihten ZuschauerInnen fehlte vorerst das, was sie als Handlung erwarteten, es fehlten Monolog und Dialog: der Zuschauer, die Zuschauerin waren sich selber überlassen, während ein Schauspieler vor ihnen eine sinnlose Tätigkeit – oder gar keine – ausübte. Kommt es vor, dass unsere Tätigkeit wenig Sinn macht? Die Zuschauenden waren auf sich selbst zurückgeworfen und hatten dafür erst noch eine Eintrittskarte bezahlt. Ein Beispiel? In einem leeren Raum stehen die Zuschauenden eng beieinander den Wänden entlang. Der Raum ist klein, die Zahl der zugelassenen ZuschauerInnen sehr klein. In der Mitte des nassen Bodens auf den Knien Norbert Klassen, neben ihm ein blecherner Fegekessel, in seinen Händen ein tropfender Scheuerlappen, den er sehr langsam und intensiv auswringt. Er fährt über den Boden, wringt den Lappen aus, fährt über den Boden, wringt den Lappen aus, eeee, fährt über den Boden, wringt den Lappen aus. Er blickt nie zu den Zuschauenden hin. Als der Boden nur noch feucht ist, leert er den Kessel mit bereits recht schmutzigem Wasser aus, entsetzt blicken einige auf die Spritzer an ihren Beinen, er kniet wieder hin, fährt über den Boden, wringt den Lappen aus und so weiter. Nach zehn Minuten klatscht jemand, dann noch jemand, dann alle, Klassen steht nicht auf, verbeugt sich nicht, sieht die Leute nicht, eeee, fährt über den Boden, wringt den Lappen aus – und so weiter. Sehr langsam leert sich der Raum. Kein Wort ist gefallen. Klassen fährt fort. Die nächsten BesucherInnen stellen sich dicht gedrängt den Wänden entlang auf. Und so weiter. Nach der Aufführung trifft man sich nicht im «Du Théâtre» – das überlässt man den Konzertbesucherinnen in den Abendroben mit ihren Begleitern. Vielleicht denkt man an «des Kaisers neue Kleider», und zwar an jede einzelne der vielen von Gottfried Keller im Text angebotenen Perspektiven? In der Kunstwirtschaft denkt man natürlich anders. Wenn die grossen Stars einander in den weltbekannten Kurorten an Musikfestivals treffen – einiges davon ist für gewöhnliche Radiohörende in «Weltklasse auf DRS2» zu hören, während deren «Ohren Augen machen» – geht es weniger um die Kunst der Musik als um Geld. Als die Stadt Bern versuchte, einen Beitrag zu leisten, damit eine als Förderin aktueller Kunst bekannte Galerie überleben konnte, bezahlte sie für ein Ölgemäde von Walter Schälchli sechstausend Franken; der Galerist hatte vergessen, den Ankaufspreis auf der Rückseite des Bildes zu entfernen: Schälchli hatte wenige Jahre zuvor einen Zehntel des Preises erhalten und lebte, schwer asthmatisch, im obersten Stock eines Altstadthauses ohne Lift mit dem Existenzminimum. Als Gerhard Richter bei Toni Gerber ausstellte, waren seine Bilder keineswegs schlechter als heute, aber erschwinglich – nicht Spekulationsobjekte. Es spricht alles dafür, dass KünstlerInnen von ihrer Arbeit leben können – aber die gegenwärtig erstarkende Allianz von Kunst und Kapital ist letztlich tödlich für die Kunst.
Publiziert: ensuite Ausgabe Nr. 141, September 2014






