Foto: Franz Kimmel

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Mün­chen: Eine Aus­zeich­nung als State­ment – ohne Pomp, dafür ent­schie­den gegen alle wid­ri­gen zeit­po­li­ti­schen Aspekte

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Zufit Simon bekommt für ihr Lebens­werk den Tanz­preis der Stadt Mün­chen ver­lie­hen. Der seit 1994 alle drei Jah­re aus­ge­lob­te und mit 10 000 Euro dotier­te Preis – die höchs­te Aus­zeich­nung für «her­aus­ra­gen­de Leis­tun­gen in allen Stil­rich­tun­gen des Tan­zes», die von der baye­ri­schen Lan­des­haupt­stadt ver­ge­ben wird – ehrt damit eine Künst­le­rin aus Isra­el, die seit 25 Jah­ren in Mün­chen, Ber­lin und Braun­schweig erfolg­reich frei­schaf­fend tätig ist.

«Es ist nicht ein­fach, mit mir zu arbei­ten», wirft die dank­ba­re und glück­li­che Preis­trä­ge­rin am Ende in den Raum, als sie per­sön­lich das Wort ergreift. «Das sage ich immer als Aller­ers­tes, wenn ich neue Per­so­nen oder Tän­zer ken­nen­ler­ne. Ich bin kri­tisch; ich bin streng; ich schät­ze Prä­zi­si­on; ich kann es nicht lei­den, wenn Leu­te zu spät sind. Ich ver­lan­ge sehr viel – von mir selbst und von den ande­ren. Es ist nicht ein­fach. Und ich will immer wei­ter aus­pro­bie­ren, for­schen. Es kann auch schief­ge­hen, aber die­ses For­schen und Aus­pro­bie­ren ist für mich total wichtig.»

In ihrem Œuvre setzt sich Zufit Simon – zumeist per­sön­lich auch auf der Büh­ne prä­sent – seit 2005 mit gesell­schafts­po­li­ti­schen Phä­no­me­nen aus­ein­an­der. «Sie ist eine Stim­me, die fest in der Münch­ner Land­schaft des zeit­ge­nös­si­schen Tan­zes ver­an­kert ist.» So drückt es gleich zu Ver­an­stal­tungs­be­ginn Stadt­rat David Süss in Ver­tre­tung von Ober­bür­ger­meis­ter Die­ter Rei­ter aus und kon­kre­ti­siert gleich: «Viel­fäl­tig und facet­ten­reich, cha­ris­ma­tisch und prä­zi­se ist ihr Stil.» Zufit hin­ter­fragt, sie über­prüft Ste­reo­ty­pe, bricht Nor­men auf und bet­tet die­se dann in neue Kon­tex­te ein. Ihr Publi­kum zum Nach­den­ken zu bewe­gen und in den Köp­fen der Zuschau­er etwas los­zu­tre­ten, ist ein wich­ti­ges Anlie­gen der 45-Jäh­ri­gen. Gute Grün­de für eine Jury, «Zufit Simon in her­aus­for­dern­den Zei­ten» als «die Cho­reo­gra­fin der Stun­de» zu würdigen.

Die Begrüs­sung der Gäs­te über­nahm gewohnt gut infor­miert und lau­nig der bereits zitier­te David Süss. Die Preis­trä­ge­rin und deren eigens aus Isra­el ange­reis­te Fami­lie heisst er auf Hebrä­isch will­kom­men. Es bleibt nicht das ein­zi­ge bewusst ein­ge­floch­te­ne poli­ti­sche Signal an die­sem illus­tren Abend, der mit ange­reg­ten Dis­kus­sio­nen aus­klingt.
Stadt­rat Süss beliess es in sei­ner Eröff­nungs­re­de nicht bloss beim Tanz. Die­ser rückt kurz­zei­tig sogar ein klein wenig aus dem Fokus – wird ver­drängt von der Tat­sa­che, dass es «seit zwei Jah­ren bei Ein­rich­tun­gen und Fes­ti­vals Beden­ken gibt, Simons Stü­cke zu zei­gen, weil sie Israe­lin ist». Kein Ein­zel­fall. «Wir wis­sen von vie­len jüdi­schen Künst­le­rin­nen und Künst­lern, denen Auf­trä­ge und Enga­ge­ments weg­bre­chen», merkt Süss an, «viel zu oft wer­den die­se Fäl­le nicht öffent­lich.» Dass unlängst die Aus­la­dung der Münch­ner Phil­har­mo­ni­ker mit ihrem künf­ti­gen Chef­di­ri­gen­ten Lahav Shani von einem Musik­fes­ti­val in Bel­gi­en in die Dis­kus­si­on gera­ten ist, nimmt er zum Anlass, die Ein­stel­lung sei­tens der Stadt erneut klar zu for­mu­lie­ren: «Das dür­fen wir nicht zulas­sen. Was wir da erle­ben, ist israel­be­zo­ge­ner Antisemitismus.»

Da schwebt über der Ver­lei­hung des Tanz­prei­ses 2025 an Zufit Simon plötz­lich so etwas wie ein städ­ti­scher State­ment-Cha­rak­ter – geschul­det einer aktu­ell sich wei­ter zuspit­zen­den gesell­schafts­po­li­ti­schen Lage, wel­che Simon wie­der­um stän­dig wei­ter antreibt, künst­le­risch aktiv zu wer­den. In ihren eige­nen Wor­ten klingt das so: «Mein Kopf ist mein Mit­tel. Bewe­gung ist mei­ne Spra­che. Und die Büh­ne ist für mich die Platt­form, um mich zu arti­ku­lie­ren, Fra­gen zu stel­len, zu hin­ter­fra­gen, zu kon­fron­tie­ren, zu pro­vo­zie­ren, zu pro­tes­tie­ren und auf­zu­we­cken. Für mich ist Tanz das Medi­um, um einen Dia­log zu kre­ieren – das heisst, einen Aus­tausch. Wenn man jedoch ein Kunst­werk oder einen Künst­ler boy­kot­tiert, ver­hin­dert man die­sen Dia­log. Es gibt kei­nen Aus­tausch mehr.»

Zur Ver­lei­hungs­fei­er am 8. Okto­ber lässt eine Dis­co­ku­gel hoch oben im Foy­er im Schwe­re Rei­ter die Lich­ter zu live auf­ge­leg­ter Musik tan­zen. Pin­ke Pom­pons hän­gen von der Decke. Sie erin­nern an «Radi­cal Cheer­lea­ding»: die für den Deut­schen Thea­ter­preis «Der Faust» nomi­nier­te und mit dem Fes­ti­val­preis «Best OFF Frei­er Thea­ter» der Stif­tung Nie­der­sach­sen aus­ge­zeich­ne­te Per­for­mance der immer aus­druck­stark, in Sachen Aus­stat­tung jedoch stets stil­si­cher redu­ziert über die Ram­pe kom­men­den Tän­ze­rin und Cho­reo­gra­fin Zufit Simon.
Getanz­te Aus­schnit­te aus «Radi­cal Cheer­lea­ding» sind dann auch auf der Büh­ne zu sehen – dank einer mehr­mi­nü­ti­gen Film­ein­spie­lung, in der jeweils kur­ze Pas­sa­gen und Kern­mo­men­te aus ver­schie­de­nen Wer­ken chro­no­lo­gisch wie Trai­ler auf­ein­an­der­fol­gend sich nach und nach zu einem packen­den Blick auf Zufits Schaf­fen sum­mie­ren. Das funk­tio­niert vor allem des­halb, weil die Cho­reo­gra­fin mit ihrem Urauf­füh­rungs­team Doro­ta Mich­alak, Suna­ya­na Shet­ty und Cary Shiu zuvor 15 Minu­ten lang live Tei­le aus ihrem 2024 kre­ierten Stück «Bodies in Rebel­li­on» per­formt hat. Es ist eine knap­pe Kost­pro­be der Wie­der­auf­nah­me des ein­drück­li­chen Abend­fül­lers im Schwe­re Rei­ter. Und allein die­se Essenz hat es schon in sich.

Dass die Prä­sen­ta­ti­on zudem anschau­lich Simons künst­le­ri­sche Vor­ge­hens­wei­se auf­zu­zei­gen ver­mag, ist ein tol­ler Neben­ef­fekt. Denn den krea­ti­ven Pro­zess der Kunst­form Cho­reo­gra­fie ver­gleicht Micha Puru­cker in sei­ner aus Boli­vi­en per Video­bot­schaft zuge­spiel­ten Lau­da­tio zutref­fend mit einem Maschi­nen­raum: «Das für den Bereich Tanz anzu­spre­chen, scheint mir wich­tig und not­wen­dig. Gilt doch die Tän­zer­schaft gemein­hin als ein beschwing­tes Völk­chen, dem die Muse ver­gnügt nur so aus den Kno­chen pur­zelt. Es ist fatal und gleich­zei­tig auch wun­der­bar, dass man im Tanz nicht nur phy­sisch arbei­tet muss, son­dern auch die gan­zen ande­ren Pro­ble­me zu lösen hat. Aber dann kommt bei uns womög­lich etwas her­aus, das an Natür­lich­keit, Spon­ta­nei­tät, Selbst­ver­ständ­lich­keit kaum zu über­bie­ten ist.»

Puru­cker, obwohl nicht selbst vor Ort, schafft es schnell, die Stim­mung einer­seits erneut auf­zu­hel­len sowie ande­rer­seits behut­sam und zugleich all­ge­mein sogar für Gen­re-Frem­de nach­voll­zieh­bar auf leicht ver­letz- bzw. zer­stör­ba­re Stel­len der spe­zi­fi­schen Kunst­form Tanz auf­merk­sam zu machen: «Der Flow schluckt das alles weg. Im Wett­streit der Küns­te hat der Tanz damit kei­nen leich­ten Stand. Man unter­stellt schnell mal eine gewis­se Nai­vi­tät der Betei­lig­ten, Unbe­darft­heit – weil der, der tanzt, wenn er die Pro­ble­me gelöst hat, recht unan­ge­strengt, spon­tan und eben pro­blem­los daher­kommt. Unse­re Arbeit folgt aber einer ande­ren Logik, geht kaum sprach­lich vor, und die Ergeb­nis­se sind auch sprach­lich immer schwer zu fas­sen. Alles ist bei uns flüch­tig, alles ist fra­gil, vor­über­ge­hend, man kann nicht drum rum­ge­hen, man kann es nicht lie­gen las­sen, sel­ten nächs­tes Jahr noch ein­mal vor­bei­kom­men und ein zwei­tes Mal gucken. Alles ist im Moment, im signi­fi­kan­ten Moment einer Aufführung.»

Ihren ers­ten pro­fes­sio­nel­len Auf­tritt als Tän­ze­rin hat­te Simon, die 1980 in Kfar Sir­kin öst­lich von Tel Aviv zur Welt kam, in «Tower of Babel» der Com­pa­ny Cob­os­Mi­ka 2002 in der Münch­ner Muf­f­at­hal­le. In Mün­chen war sie aus­ser­dem an Pro­duk­tio­nen von Micha Puru­cker, Ste­phan Her­wig und Sabi­ne Glenz betei­ligt, bevor sie sel­ber zu cho­reo­gra­fie­ren begann. Puru­cker – Jury-Mit­glied und 2003 selbst mit dem Tanz­preis aus­ge­zeich­net – hat «die in jeder Hin­sicht tap­fe­re, über­aus resi­li­en­te, hoch­mo­ti­vier­te, ins Hand­werk ver­lieb­te, enga­gier­te Künst­le­rin, die im ‹Maschi­nen­raum› jede Ecke kennt und uns über die Jah­re mit immer wie­der neu­en Arbei­ten und Ansät­zen über­rascht hat», vor 17 Jah­ren bei einem Gast­spiel ihres Duos «ADOM MODULATIONS» im dama­li­gen Münch­ner i‑camp kennengelernt.

«Was es zu sehen gab, hat­te so gar nichts mit dem damals so ange­sag­ten Kon­zept­tanz zu tun. Es hat­te Küh­le und Prä­zi­si­on, aber es war kei­nes­falls kalt und unsinn­lich. Es war minu­ti­ös geplant und akri­bisch aus­ge­führt, aber es war nicht maschi­nell. Es war zeit­ge­nös­sisch, aber nicht zeit­geis­tig.» Nach einem Job gefragt, enga­gier­te Puru­cker Simon 2010 als Tän­ze­rin. Der Weg für eine nach­hal­ti­ge Ver­wur­ze­lung in Mün­chen war nach dem Abitur mit Tanz­ab­schluss in ihrer Hei­mat und dem Stu­di­um des zeit­ge­nös­si­schen Tan­zes an der Hoch­schu­le für Musik und Dar­stel­len­de Kunst (HfMDK) in Frank­furt am Main geeb­net. «Noch­mal anders, als sehr bewuss­te und hell­wa­che, prag­ma­ti­sche Künst­le­rin, die – und das ist nicht gän­gi­ge Pra­xis – struk­tu­rel­le Lösun­gen für freie Cho­reo­gra­fen und Cho­reo­gra­fin­nen mit­denkt», lern­te Puru­cker die jün­ge­re Kol­le­gin bei einer spä­te­ren, mehr kura­tie­ren­den Koope­ra­ti­on schätzen.

Auf den kol­le­gia­len Innen­blick von Micha Puru­cker liess Jour­na­lis­tin Sabi­ne Leucht in ihrer Lau­da­tio einen Aus­sen­blick auf die Cho­reo­gra­fin fol­gen. Einen fach­kun­di­gen Aus­sen­blick mit O‑Tönen, der weni­ger ins Bio­gra­fi­sche oder gar Pri­va­te aus­hol­te, Anek­do­ten bis auf die deut­sche Über­set­zung von Simons Vor­na­men (Koli­bri) aus­spar­te und sich statt­des­sen ganz auf die beson­de­re Mach­art der Wer­ke sowie auf mar­kan­te Her­aus­stel­lungs­merk­ma­le der Künst­le­rin und deren «Zugang zum Kör­per» konzentrierte.

Ihre Aus­füh­run­gen beschloss Sabi­ne Leucht mit einem Aus­blick. Im Mai 2026 soll nach «Radi­cal Cheer­lea­ding» und «Bodies in Rebel­li­on» die drit­te Fol­ge von Simons «Pro­test-Serie» Pre­miè­re fei­ern. «Hoch die Hän­de, Glä­ser, Tas­sen – fei­ern wir eine Bewe­gungs­for­sche­rin von schöns­ter Stur­heit und ihre klu­gen, flui­de-prä­zi­sen und wit­zig-erns­ten Wer­ke.» Zu scha­de, dass auf­grund der momen­tan gras­sie­ren­den Infek­ti­ons­wel­le im Audi­to­ri­um eini­ge Plät­ze leer und manch pro­mi­nen­te Gäs­te aus­ge­blie­ben waren.



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