KI und der Weg dahin – Wir müs­sen reden!

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Von Lukas Vogel­sang – Am 1. März 2023 fand in Bern im Mobi­li­ar-Haupt­sitz ein Round Table über «Die Eman­zi­pa­ti­on der künst­li­chen Intel­li­genz» statt. Teil­ge­nom­men haben: Pro­fes­sor Flo­ri­an von Wan­gen­heim (ETH Zürich), Tobi­as Gut­mann (Künst­ler, Sai-Bot-Per­for­mer), Anna-Lena Köng (Risi­ko-Stif­tung), Jérô­me Kol­ler (Lei­ter Are­na-Steue­rung, Mobi­li­ar). Mode­riert wur­de der Anlass von Mar­ta Kwiat­kow­ski, Lei­te­rin Gesell­schafts­en­ga­ge­ment, Mobi­li­ar. Ich ver­su­che hier, die wich­tigs­ten Aus­sa­gen oder Tei­le davon wie­der­zu­ge­ben und mich als ehe­ma­li­ger tech­ni­scher Redak­tor in die Dis­kus­si­on einzumischen.

Zu Beginn erzähl­te Tobi­as Gut­mann, wie er zur Idee kam, den Sai Bot zu «erfin­den»: Es sei eine län­ge­re Geschich­te, denn er habe ja 10 Jah­re lang mit dem Face-o-mat welt­weit ana­log Gesich­ter gezeich­net. Wäh­rend die­ser Zeit sei­en immer mehr Din­ge durch Maschi­nen ersetzt wor­den. So sit­ze man im Zug auch nicht mehr mit Men­schen, son­dern mit Mobi­le­pho­nes zusam­men. Alles sei im Wan­del, und die Digi­ta­li­sie­rung sei auch an ihm nicht spur­los vor­bei­ge­gan­gen. Die­se ana­lo­gen Face-o-mat-Geschich­ten wur­den auf sozia­len Medi­en und Blogs geteilt. Und irgend­wann, nach­dem er rund 5000 Por­träts gezeich­net hat­te, über­leg­te er, wie es wäre, wenn er die­se Zei­chen­tech­nik einem digi­ta­len Wesen ler­nen wür­de. Und so ent­stand Sai Bot.

War das auch eine Fra­ge der Effizienz?
Tobi­as Gut­mann: Am Ran­de schon. Beim Face-o-mat moch­te ich ja genau die Lang­sam­keit und wuss­te, dass ich nie­mals alle Men­schen in der Welt wür­de zeich­nen kön­nen. Bei Sai Bot ist es das Gegen­teil: In Theo­rie könn­te ich eigent­lich das Ding hoch­ska­lie­ren, und für die Maschi­ne wäre das mög­lich. Ich als Mensch habe da kei­ne Chance.

Am Anfang ging ich die Idee noch leicht iro­nisch an. Das sei doch nicht das­sel­be, das gehe doch nicht, man könn­te mich doch nicht kopie­ren … Aber dann war eben die­se Chall­enge, das mal aus­zu­pro­bie­ren. Und das hat­te mich gereizt. Jetzt hat Sai Bot schon Tau­sen­de Gesich­ter gezeichnet.

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Ich bin etwas ent­setzt: Wie unbe­darft die Idee, den Men­schen zu erset­zen, zustan­de kam, ist für mich befrem­dend: «ein­fach mal aus­pro­bie­ren», «eine Chall­enge», eine Idee. Was bedeu­tet noch mensch­li­ches Leben? Ist die Fra­ge nach dem Sinn des Lebens so unlös­bar, dass wir uns «ent-sin­nen»? Die Dis­kus­si­ons­run­de ist stolz auf die Leis­tung von Sai Bot. 1300 Zeich­nun­gen wur­den in der Mobi­li­ar-Aus­stel­lung allein gezeich­net – 5000 hat­te Tobi­as inner­halb von 10 Jah­ren ana­log hin­ge­malt. Die Quan­ti­tät ist aus mei­ner Sicht kein Indi­ka­tor. Als ich die Aus­stel­lung vor zwei Mona­ten besuch­te, hör­te ich Mobi­li­ar-Mit­ar­bei­te­rIn­nen erzäh­len, dass Kol­le­gIn­nen mit dem Ergeb­nis der Zeich­nun­gen nicht zufrie­den gewe­sen sei­en und immer und immer wie­der neue Por­träts aus­pro­biert hät­ten. Ein inter­es­san­tes Phä­no­men, das man in die Dis­kus­si­on ein­be­zie­hen müss­te: Der Mensch hat die Inter­pre­ta­ti­on der Maschi­ne bewer­tet und so oft wie­der­holt, bis er mit dem «Ergeb­nis» zufrie­den war. Wür­den wir ein Por­trät ableh­nen, wenn uns eine Male­rin oder ein Maler gemalt und inter­pre­tiert hät­te? Wie hoch wäre die «Feh­ler­quo­te»?

Die Maschi­ne inter­pre­tiert nur anhand von äus­se­ren Merk­ma­len und nicht anhand mensch­li­cher Wer­te. So mag das Ergeb­nis einer Maschi­ne lus­tig, nett sein oder eben lobend – doch berührt es so was wie die See­le? Sind es nicht viel­mehr ein­fach Stri­che und For­men auf einem Papier? Oder stel­len wir die Fra­ge anders: Wenn wir ein von einem Men­schen gezeich­ne­tes Por­trät und ein Com­pu­ter-Por­trät neben­ein­an­der­hal­ten – wel­ches von den bei­den hat für uns mehr Wert? Kommt nicht beim Com­pu­ter­bild unwei­ger­lich der Reflex: Das ist reproduzierbar?

Flo­ri­an von Wan­gen­heim: Als man begon­nen hat, über künst­li­che Intel­li­genz zu reden, hat man das ja bewusst getan, und da kam der Begriff Intel­li­genz aus dem Gedan­ken, dass man mensch­li­che Intel­li­genz über­trägt. Und das ist natür­lich, was Tobi­as macht, wenn er ver­sucht, der Maschi­ne sei­nen eige­nen Zeich­nungs­stil bei­zu­brin­gen. Also die Maschi­ne ahmt mensch­li­che Intel­li­genz nach. Gleich­zei­tig hat man sich wie­der etwas davon ver­ab­schie­det, dass Maschi­nen wirk­lich intel­li­gent wer­den kön­nen – oder man weiss es noch nicht so rich­tig. Der zwei­te Aspekt ist, dass wir künst­li­che Intel­li­genz, seit der Begriff auf­ge­kom­men ist – eigent­lich aus der Sci­ence-Fic­tion-Lite­ra­tur –, etwas damit ver­bin­den, was in der Zukunft statt­fin­det. KI ist ja seit den 50er‑, 60er-Jah­ren auch in ver­schie­de­nen Maschi­nen drin und bestimmt zuneh­mend unser Leben. Aber es zeigt auf die Zukunft hin. Auf wis­sen­schaft­li­chen Kon­fe­ren­zen begeg­net man häu­fig der Defi­ni­ti­on, dass KI immer das ist, was in fünf Jah­ren mög­lich sein wird … Und der drit­te wich­ti­ge Aspekt ist die­ses fort­wäh­ren­de Ler­nen oder die Idee, dass Maschi­nen selbst­stän­dig ler­nen kön­nen. Ich ver­mu­te, dass Sai Bot noch nicht fähig ist, aus ver­gan­ge­nen Por­träts, die es gemalt hat, und aus Reak­tio­nen, wel­che Men­schen dar­auf­hin zeig­ten, ler­nen kann und in der Zukunft anders zeich­nen wür­de. Das wäre der Lern­aspekt, in den man viel Hoff­nung rein­steckt – aber auch vie­le Ängs­te, dass sich die künst­li­che Intel­li­genz dann wei­ter­ent­wi­ckelt. Intel­li­genz hat ja damit was zu tun, dass man schlau­er wird über die Zeit. Und das ist die­se abs­trak­te Idee, dass man Maschi­nen durch den Aspekt des Ler­nens Intel­li­genz verleiht.

Tobi­as Gut­mann ent­schärft: Er hat die Kon­trol­le über Sai Bot, das heisst, die­se Maschi­ne lernt nicht, son­dern führt nur aus, was Tobi­as ihr gezeigt hat. Lern­fä­hig ist sie nicht. Dafür bräuch­te es Feed­backs wie Ratings, damit das Sys­tem eine Wer­tung voll­zie­hen kann. Feed­backs? Das ken­nen wir doch von all den Diens­ten und Ser­vices, die uns täg­lich nach jedem Kon­takt zuge­stellt wer­den, damit wir eine Bewer­tung abgeben.
Tobi­as’ Ant­wort ist beru­hi­gend, aber war schon zuvor klar, weil die Tech­nik und die digi­ta­le Kapa­zi­tät für ein sol­ches Pro­jekt noch immer gewal­tig sind. Auf einem nor­ma­len Com­pu­ter kann man den Anfang machen – doch die Lern­kur­ve gene­riert über­pro­por­tio­nal so vie­le Daten, dass ein sol­che Soft­ware schlicht die Pro­zes­so­ren über­hitzt und sich die Maschi­ne durch über­pro­por­tio­na­le Lern­rech­nungs­auf­ga­ben bis zum Still­stand ver­lang­samt. Des­we­gen sind die «intel­li­gen­ten» Sys­te­me auf Gross­rech­nern aus­ge­la­gert, die durch par­al­le­le Rech­ner­ver­bin­dun­gen welt­weit ope­rie­ren. Da geht’s um Rech­nungs­ka­pa­zi­tä­ten, die wir uns nicht vor­stel­len kön­nen. ChatGPT und all die­se «Spiel­ma­schi­nen», die zur­zeit in aller Mun­de sind, sind dar­auf aus­ge­rich­tet, von den Men­schen zu ler­nen. Ein wich­ti­ger Moment. Aber wer ver­sucht, eine Fra­ge zu stel­len, steht oft lan­ge in der digi­ta­len War­te­schlan­ge. Das sind inso­fern gute Nach­rich­ten, als unse­re Autos des­we­gen noch nicht über­mäs­sig intel­li­gent sein kön­nen. Oft­mals sind KI-Ankün­di­gun­gen schlicht nur Wer­bung für etwas, das viel­leicht in fünf Jah­ren mög­lich sein könnte …

Wir hören auch die­se Geschich­ten aus dem unter­neh­me­ri­schen Umfeld, wenn wir jetzt an IBM Wat­son den­ken. Vor eini­gen Jah­ren gab es die Geschich­te, dass in Japan Wat­son in einer Ver­si­che­rung ein­ge­setzt wor­den ist. Was sind da die Potenziale?
Jérô­me Kol­ler: Der Fall Wat­son war damals eine Inspi­ra­ti­ons­quel­le, die haben auch ziem­lich viel Wer­bung gemacht dafür mit der Begrün­dung, es wer­de sehr viel Effi­zi­enz brin­gen. Die­se japa­ni­sche Ver­si­che­rung war die ers­te Fir­ma, die mein­te, sie wer­fe 30 Mit­ar­bei­ter raus, weil sie dach­ten, dass das Sys­tem die­se erset­zen wird. Das war natür­lich für die­se Ver­si­che­rung gute Werbung.

Es gibt ein rie­si­ges Poten­zi­al die­se Tech­no­lo­gie bei uns ein­zu­set­zen. Wir bei der Mobi­li­ar wer­fen natür­lich des­we­gen kei­ne Men­schen auf die Stras­se, aber wir ver­wen­den sol­che Sys­te­me. Wer ChatGPT kennt: Bei der Mobi­li­ar set­zen wird die­ses Sys­tem nicht ein, aber die Tech­no­lo­gie, die dar­un­ter liegt, die­se trans­for­mie­ren­den Algo­rith­men, sind bei uns in der Tat auch im Ein­satz. Aber nur für sehr geziel­te Anwen­dun­gen. Ein Bei­spiel wäre: Tech­no­lo­gien kann man in einem Unter­neh­men nut­zen, um die Effi­zi­enz zu stei­gern. Aber das ersetzt kei­ne Men­schen. Gera­de bei der Mobi­li­ar sind die Kun­den im Zen­trum. So zum Bei­spiel wer­den die­se Sys­te­me beim Erfas­sen von Scha­dens­mel­dun­gen ein­ge­setzt und ver­ein­fa­chen die­se Pro­zes­se für die Kunden.

Vie­le erin­nern sich noch an die Such­ma­schi­ne Yahoo. Vor 20 Jah­ren muss­te man sich auf die­ser rie­si­gen Sei­te durch Kate­go­rien kli­cken und den Weg zu den Infor­ma­tio­nen selbst suchen. Doch alle wis­sen heu­te, dass Goog­le ein­fach eine weis­se Sei­te ist mit einem Logo und einem Such­feld. Und das ist für mich die kon­zen­trier­te Macht die­ser Tech­no­lo­gie. Ich kann ein­fach schrei­ben, was ich will, und ich erhal­te ers­te Ant­wor­ten. ChatGPT macht hier das Poten­zi­al noch grösser.

Eine gute, fach­kun­di­ge Bemer­kung, die Kol­ler hier macht. Die Dis­kus­si­on geht aber immer, wenn fach­kun­di­ges Wis­sen auf­taucht, in die Ver­trau­ens­rich­tung. Also die eigent­li­che Fra­ge, die sich mir stellt: Kön­nen wir Maschi­nen ver­trau­en? Anna-Lena Köng, die ein­zi­ge Fach­frau in der Run­de, kommt erst nach 23 Minu­ten und 50 Sekun­den zu Wort und sagt Wesent­li­ches: Sie ver­gleicht das Ver­trau­ens­the­ma mit den ers­ten Flug­zeu­gen. Da sei man auch nicht ein­fach gleich ein­ge­stie­gen und in die Luft geflo­gen – das Ver­trau­en in die Maschi­ne brauch­te Zeit. Ich wür­de ger­ne noch anmer­ken: Bis heu­te ist die hun­der­pro­zen­ti­ge Sicher­heit beim Flie­gen nicht gege­ben und es stürzt immer wie­der ein Flie­ger ab. Viel­leicht ist mein Edi­to­ri­al die­ser Aus­ga­be auch inter­es­sant: Ver­trau­en ist eine mensch­li­che Eigen­schaft. Ver­trau­en Maschi­nen uns? Oder ist das eine ein­sei­ti­ge Lie­bes­be­zie­hung? Wir sind noch sehr weit ent­fernt davon, dass eine Maschi­ne ech­te Kul­tur ver­ste­hen und leben kann. Das macht sie als Bestand­teil einer Gesell­schaft unbrauch­bar, höchs­tens als Skla­ve davon nütz­lich. Doch genau die­se Pas­sa­ge wäre drin­gend zu über­den­ken. Man stel­le sich vor, was pas­siert, wenn die Maschi­ne es merkt!

Doch Köng sagt auch, dass sich die Ent­wick­lung von auto­ma­ti­sier­ten Pro­zes­sen hin zu auto­no­men Sys­te­men ver­la­ge­re. Das ist die­se Neu­ent­wick­lung oder eben der Unter­schied zu den 60er-Jah­ren, als man Maschi­nen pseu­do­in­tel­li­gent gemacht hat. Das ist eine Schlüs­sel­de­fi­ni­ti­on von die­ser Ent­wick­lung oder davon, was wir zur­zeit erle­ben. Köng meint zudem, dass es sehr kom­pli­ziert und schwie­rig sei, mit die­sen neu­en, auto­no­me­ren Maschi­nen mit­zu­hal­ten – als Men­schen. Es brau­che vie­le neue Regu­lie­run­gen, das Bil­dungs­we­sen rütt­le es momen­tan stark auf, und wir müss­ten da viel schnel­ler wer­den. Gleich­zei­tig sei es schwie­rig, jetzt schon Gren­zen zu set­zen. Das Mili­tär wie­der­um erfor­sche sehr stark die­se Mensch-Maschi­nen-Sym­bio­se, und Köng meint dazu, dass wir uns noch viel mehr in die­se Rich­tung ent­wi­ckeln würden.

Bei einer The­se klin­gel­ten aber die Alarm­glo­cken: Köng mein­te – und ich weiss schon, wie sie es mein­te –, dass Maschi­nen feh­ler­haft blei­ben soll­ten, damit wir Men­schen nicht die­ser Per­fek­ti­on gegen­über­ste­hen. Also eine «natür­li­che» Feh­ler­quo­te im Bord­com­pu­ter eines selbst­flie­gen­den Flug­zeugs? Sol­len wir dar­auf ver­trau­en, dass die Maschi­ne eine glei­che Feh­ler­an­fäl­lig­keit auf­weist wie der Mensch? Wol­len wir das?

Und gut ist, dass wir eben genau über die­se Ideen, Maschi­nen und unse­re Zukunft diskutieren.

Das war jetzt knapp die Häl­fe der Dis­kus­si­on, die ich hier ver­ar­bei­tet habe. Wer die­se nach­hö­ren möch­te, kann auf unse­rer Web­site oder bei Tobi­as Gut­mann auf dem Insta­gram-Account nachsehen.

www.instagram.com/tobiasgutmann

Über Tobi­as Gutmann
Seit mehr als zehn Jah­ren por­trä­tiert Tobi­as Gut­mann (*1987) mit sei­ner Per­for­mance «Face-o-mat» Men­schen. Er wur­de bereits in nam­haf­te Aus­stel­lungs­häu­ser wie das Cent­re Pom­pi­dou in Paris, das Plat­form L Con­tem­po­ra­ry Art Cen­ter in Seo­ul, das Haus Kon­struk­tiv in Zürich und die Kunst­hal­le Bern ein­ge­la­den. 2019 begann der Künst­ler eine Zusam­men­ar­beit mit Daz­lus, um Sai Bot zu ent­wi­ckeln. Der künst­li­chen Intel­li­genz wur­de bei­gebracht, Gesich­ter zu lesen und zu inter­pre­tie­ren. Dabei hat Sai Bot gelernt, Bril­len, Haa­re, Ohren und Mut­ter­ma­le zu ana­ly­sie­ren. Im Gegen­satz dazu sind her­kömm­li­che Gesichts­er­ken­nungs­soft­wares auf die Erken­nung von Augen und Mund spe­zia­li­siert. Nun por­trä­tiert die künst­li­che Intel­li­genz im Stil von Tobi­as Gut­mann Men­schen in aller Welt.



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