laSt­aem­pf­lis Polit-Kult­jahr 2021

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Titel­bild: Regu­la Stämpf­li und Hei­di Buch­ers Werk im Haus der Kunst.

Janu­ar: MedienUnkult

„Der heu­ti­ge Jour­na­lis­mus gleicht dem Bou­le­vard gebro­che­ner Infor­ma­ti­ons­träu­me“ laStaempfli.

2021 ist die Bilanz punk­to Frau­en, Medi­en und Poli­tik bit­ter. In Afgha­ni­stan über­neh­men die Tali­ban die Macht und in der Schweiz set­zen weis­se Femi­nis­tin­nen die Bur­ka mit der Per­len­ket­te gleich. Das Bur­ka-Ver­bot wird trotz­dem im März ange­nom­men – Göt­tin sei Dank. Es war zwar idio­tisch, dar­über abstim­men zu müs­sen, doch das Ja war wich­tig: Als Zei­chen, Sym­bol & Urteils­kraft. Ange­nom­men wur­de die Initia­ti­ve dank der Roman­die: Die Akti­on in Le Temps (ich war unter den Erst­un­ter­zeich­ne­rIn­nen des offe­nen Briefs) schlug hohe Wel­len. Tele Leut­schen­bach ali­as SRF, ver­such­te mit allen Mit­teln, die Initia­ti­ve in die rechts­extre­me Ecke zu drän­gen: die Stim­men­den lie­ßen sich dadurch nicht beein­dru­cken. Auch SRF nicht: So pro­mo­ten sie im Sep­tem­ber einen Bei­trag mit „Hip mit Hijab“ und löschen kri­ti­schen Stim­men gegen die­sen Bei­trag. Die Lei­tung von SRF Kul­tur ist voll auf der WOKE-Wel­le – aus man­geln­den Mut, den drit­ten Weg zwi­schen Rechts­po­pu­lis­mus und den „Pogro­men des Intel­lekts“ ein­zu­neh­men, so wie es der Auf­trag der SRG wäre.

Im März wen­den sich über 78 Jour­na­lis­tin­nen in einem offe­nen Brief an die TX-Group im all­ge­mei­nen, an den Tages­An­zei­ger im Spe­zi­el­len. The­men der Inter­ven­ti­on sind: sexu­el­le Anzüg­lich­kei­ten, Dis­kri­mi­nie­rung bei Lohn & Job sowie Über­grif­fe zwi­schen den Hier­ar­chien. Kon­se­quen­zen? Kei­ne. Ach doch ja: Eine „Tages­an­zei­ge­rin“ wird im Dezem­ber 2021 ange­kün­digt. Es ist kei­ne Toch­ter­ge­sell­schaft der „Die Pod­cas­tin“ wie Inhalt und Name des Pod­casts ver­mu­ten las­sen, nein: Es ist klas­si­scher Dieb­stahl geis­ti­gen Eigen­tums. Frau­en­er­fin­dun­gen wer­den kol­lek­ti­viert, gestoh­len und letzt­lich unsicht­bar gemacht. Doch www.tagesanzeigerin.ch ist trotz­dem sau­ber: Die Home­page führt direkt zum „DiePodcastin“-Original.

Die SRG hat ein ähn­li­ches Media-Too-Pro­blem. Auch hier gilt: Aus­ser Spe­sen, nichts gewe­sen. Offen­sicht­lich gilt #MeToo nur für das Aus­land. Apro­pos Aus­land: In Deutsch­land gel­ten die glei­chen sexis­ti­schen, eher­nen Medi­en-Geset­ze, doch BILD erfuhr die Macht der Good Gover­nan­ce in den von den lin­ken Euro­pä­ern so ger­ne geschmäh­ten USA: BILD-Chef Juli­an Rei­chelt muss­te Ende Jahr dann doch gehen.


Febru­ar: FRAUENKUNST

«Frau­en wer­den ins Bild gesetzt, um aus der Welt geschafft zu wer­den.“ laStaempfli

Pan­de­mie zwei­tes Jahr: laSt­aem­pf­li wird nicht nur zur Wien-Pend­le­rin, son­dern ver­än­dert ihr Leben radi­kal mit, durch und als Kunst. „Wenn Frau­en, auch Ehe­män­ner und Kin­der im Stich las­sen, und die Gesell­schaft das juris­tisch und sozi­al tole­riert wie im Fall des Man­nes; wenn also Frau­en ein­mal all das errei­chen – dann wer­den sie eine (eben­so) umfas­sen­de Krea­ti­vi­tät ent­fal­ten.“ Valie Export ist mein Gui­de, die Gue­ril­la Girls eh und in der Schweiz Hul­da Zwing­li – der bes­te Account auf Insta­gram. Regu­la Stämpf­li fand in Wien Shei­la Hicks (sie­he Bild), Nan Gol­din (in Witt­gen­stein-Aus­stel­lung), Sonia Delaunay (an Geburts­tags­par­ty), Frie­da Kahlo (in der Alber­ti­na auf dem Stand Women Artists“), Emi­lie Flö­ge (bei Klimt), Gre­te Wolf und Maria Jung­wirth (Die Frau­en der Wie­ner Werk­stät­te), Lee Kras­ner (in Die Pod­cas­tin über Künst­le­rin­nen), Cin­dy Sher­man (die sie dank der Künst­le­rin Loui­se Dei­nin­ger kauf­te), Xenia Haus­ner (Ein­zel­aus­stel­lung Alber­ti­na), Michae­la Ghiset­ti (Ein­zel­aus­stel­lung Alber­ti­na), Kiki Smith (Alber­ti­na in „Natur und Sym­bol“), Danie­la Frim­pong (most wan­ted fema­le art auc­tion), Zanele Muho­li (dank Art­dea­ler Rai­mund Dei­nin­ger), Maria Lass­nig (Ein­zel­aus­stel­lung), Shirin Nes­hat (Tali­ban-Fol­ge der Die Pod­cas­tin & Graf­fi­ti in Wien) und vie­le ande­re mehr. Im „arti­s­a­pi­e­ce­of­ca­ke“ eta­bliert Regu­la Stämpf­li den Pod­cast der ande­ren Art, da sie weiss: Die Pan­de­mie is here to stay.


März: Chi­na 1989 – 2022

„Sym­bol­po­li­tik ist nicht nichts“ laSt­aem­pf­li zur Wir­kung des diplo­ma­ti­schen Bei­jing 2022-Boykott

Boy­kot­te sind wich­tig, selbst wenn sie als „sym­bo­lisch“ lächer­lich gemacht wer­den wie bei Aktio­nen gegen Welt­mäch­te. Ich plä­die­re für die wah­re und wirk­sa­me Can­cel-Cul­tu­re gegen Bei­jing 2022. Gefolgt sind mir Ende Jahr eini­ge Staa­ten, die kei­ne diplo­ma­ti­sche Reprä­sen­tanz in die volks­chi­ne­si­sche Digi­tal­dik­ta­tur schi­cken. Eine ande­re Idee von mir und all den­je­ni­gen, die sich um die west­li­chen Demo­kra­tien Sor­ge machen, wur­de noch nicht ver­wirk­licht: Asyl für Hun­dert­tau­sen­de von Hongkong-Chines:innen, die sich in der Demo­kra­tie­be­we­gung enga­giert haben. Dies wäre die bes­te demo­kra­ti­sche Ver­tei­di­gung gegen die domi­nie­ren­de Welt­macht VR CHINA.

Auf dem Bild erken­nen Sie das Werk von Jia Ma. Es heisst 1989, besteht aus Stahl (Chi­na ist der gröss­te Stahl­ex­por­teur der Welt) und riecht dank hohem Eisen­an­teil nach Blut. Das Werk wur­de wäh­rend der „The most wan­ted fema­le Art Auc­tion“ in Wien bei artcare.at erstei­gert. Die Quiet­sche­ent­chen on Top stam­men von laSt­aem­pf­li: Chi­na als Stahl, Blut und Plastikkapitalismus.


April: Von Amoa­ko Boafo zu Danie­la Frimpong

„Von der Kunst, Leben zu sein.“ laStaempfli

Ein Kunst­mär­chen. Bei uns zuhau­se hin­gen drei Jah­re ein Bild von Amoa­ko Boafo. Der Jahr­hun­dert­künst­ler stammt aus Gha­na, stu­dier­te in Wien und gehört zum Shoo­ting­star zeit­ge­nös­si­scher Male­rei. Sei­ne Por­träts sind umwer­fend, sei­ne Bio­gra­fie rasant, sei­ne Per­so­na cha­ris­ma­tisch. Er erfüllt unser aller Wel­ten mit Far­ben, wir schwim­men in deren Sinn­lich­keit und zele­brie­ren mensch­li­che Schön­heit. Unab­hän­gig­keit, Frei­heit sowie das Aus­schal­ten vor­ge­fass­ter Mei­nun­gen in Bezug auf Iden­ti­tä­ten gehö­ren zu Amoa­ko Boafo wie das genia­le Hand­werk zu sei­ner Kunst.

Im zwei­ten Jahr der Pan­de­mie muss­ten wir uns aus öko­no­mi­schen Grün­den von Amoa­ko Boafo tren­nen. Die Leer­stel­le haben wir gefüllt: Mit Danie­la Frim­pong. Sie hat das Poten­ti­al, eben­so eine Jahr­hun­dert­künst­le­rin zu wer­den. In der Klas­se von Kir­si Mik­ko­la trans­for­miert sie Trau­ma, Leben und Kraft in umwer­fen­de Bil­der. Ihre Stim­me, ihre Bio­gra­phie, ihr Wer­de­gang erzählt sie im Pod­cast arti­s­a­pi­e­ce­of­ca­ke – ein Gespräch, das alle Her­zen berührt. Kunst ist es, die mich wei­ter­le­ben lässt: Denn all­zu oft ter­ro­ri­sie­ren mich Stim­men, TWEETS, Mes­sa­ges als Unglücks­bo­ten einer trum­pis­ti­schen Medienlandschaft.


Mai: Xenia Haus­ner – sie war, ist und bleibt.

„Alle Muse­en kön­nen mit Ein­zel­aus­stel­lun­gen von Frau­en bestückt wer­den.“ laSt­aem­pf­li, die immer Hul­da Zwing­li abguckt.

Als Athe­is­tin lässt sich gut glau­ben. Die Kir­che, der Gesang, Bach, die hei­li­gen Ver­se, rie­chen nach Erha­ben­heit und Kul­tur. Doch in Dub­lin schme­cken sie immer noch nach Blut. Die Geschich­te der Katho­li­schen Kir­che – vom Islam ganz zu schwei­gen, des­sen Men­schen­hass Bom­ben legt, die dann von Neo-Woke-Anhän­gern als kul­tu­rel­le Selbst­de­kla­ra­ti­on gefei­ert wer­den – also die Geschich­te der Katho­li­schen Kir­che in Irland, anders­wo sicher­lich auch, doch in Irland schleicht sie sich wie Krät­ze über­all in den Kopf und unter die Haut, also noch­mals: Die Geschich­te der Katho­li­schen Kir­che ist grau­en­voll. Doch, und jetzt kommt die gute Nach­richt: Sie ist Geschich­te. Anders als der Isla­mis­mus. Des­halb prä­zi­ser: Als Athe­is­tin lässt sich im 21. Jahr­hun­dert im christ­li­chen Wes­ten gut glau­ben. Denn die Katho­li­sche Kir­che hat kei­ne Macht mehr, sie erschüt­tert kei­ne Rei­che, son­dern sie ent­blät­tert sich wie eine Kul­tur aus der Ver­gan­gen­heit, deren Grau­sam­kei­ten all­zu bekannt sind, aber deren Kult­pro­duk­te auch beein­dru­cken. So soll­te es auch dem Patri­ar­chat gehen. Und dem Isla­mis­mus sowieso.

Xenia Haus­ner fei­er­te ihren 70. Geburts­tag, ihre Kunst war schon immer femi­nis­tisch. Nur ihre Vor­gän­ge­rin­nen in den Medi­en, die­se femi­nis­ti­schen Küken mei­nen oft, sie sei­en die Ers­ten. Die Leer­stel­len der ver­bin­den­den Lini­en zwi­schen Töch­ter, Müt­ter, Schwes­tern und Groß­müt­tern, Groß­tan­ten sowie weib­li­chen Urver­wand­ten schmer­zen. Sie wur­den gelöscht, selbst wenn sie, wie im Fall von Xenia Haus­ner, manch­mal nur 40 Jah­re her sind. Xenia Haus­ner ist indes­sen ange­kom­men im Jetzt (Ein­zel­aus­stel­lung in der ALBERTINA WIEN) und war schon immer da und wird blei­ben. Großartig.


Juni: Das Feu­er der FRAUEN DEr Wie­ner Werk­stät­te und wes­halb Adolf Loos ver­ges­sen wer­den MUSS

„Das Böse kriegt zuvie­le Klicks.“ laStaempfli

Wer meint, die Män­ner hät­ten Wien zum Zen­trum der Werk­stät­te in der gan­zen Welt und zur Vor­läu­fe­rin der Bau­haus-Tra­di­ti­on gemacht, irrt. Wie­wohl: irren ist hier das fal­sche Wort. Es ist eine Lüge. Die Wie­ner Werk­stät­te glänz­te durch Pro­duk­tio­nen aus Frau­en­hand. Von 1903 bis 1932 werk­ten genia­le Frau­en wie Mat­hil­de Flögl, Feli­ce Rix, Val­ly Wie­selt­hi­er, Maria Likarz, Nel­ly Bra­betz, Maria Vera Brun­ner, Mizi Fried­mann und wei­te­re, spä­ter ermor­de­te gros­se Wie­ne­rin­nen jüdi­scher Her­kunft. 180 Künst­le­rin­nen zeig­te die umwer­fen­de Ausstellung:„Die Frau­en der Wie­ner Werk­stät­te“ im MAK WIEN. Geni­al kura­tiert von der wun­der­ba­ren Anne-Kat­rin Ross­berg aus dem MAK sel­ber und der Gast­ku­ra­to­rin Eli­sa­beth Schmut­ter­mei­er; mit einer Aus­stel­lungs­ge­stal­tung von Clau­dia Cavallar und Lukas Lede­rer. „Sie haben die Welt ele­gan­ter gemacht“ meint die Süd­deut­sche Zei­tung. Wie bit­te? Die Frau­en der Wie­ner Werk­stät­te haben Welt, Möbel, Thea­ter, Klei­dung, Küche, Pos­ter, Fil­me, ers­te Rech­ner, Tape­ten, den gesam­ten All­tag von Men­schen anders gedacht, anders gestal­tet und anders füh­len lassen.

Die Geschich­te der Frau­en­ver­nich­tung wie­der­holt sich: In ihrer Zeit enorm beliebt und bekannt, wur­den die Frau­en der Wie­ner Werk­stät­te dif­fa­miert. Unter ande­rem vom Kin­der­schän­der Adolf Loos, der mein­te, und dar­in bis heu­te zitiert wird, dass weder die Wie­ner Werk­stät­te noch Frau­en je hät­ten gestal­ten dür­fen, da es sich dabei um „Wie­ner Wei­ber­kunst­ge­wer­be“ hand­le. Well:

Loos gehört aus allen Regis­ter getilgt, wes­halb? Hören Sie den genia­len DIE ZEIT-Pod­cast „Die Kri­mi­nal­ak­te Adolf Loos“.


Juli: Regu­la Stämpf­li unter den zehn ein­fluss­reichs­ten Intellektuellen

„Ange­sichts der Geschich­te bin froh für jede Lis­te, auf der mein Name nicht steht.“ laStaempfli

Die­sem Grund­satz blei­be ich treu, selbst wenn ich unter den ers­ten zehn Intel­lek­tu­el­len die­ses Lan­des auf­ge­führt bin. Ich ste­he übri­gens nur auf Platz sechs statt auf dem Podest der CH-Medi­en­lis­te der „50 ein­fluss­reichs­ten Intel­lek­tu­el­len“. War­um nur Platz sechs und wes­halb über­haupt? Weil Ran­kings immer Leer­stel­len auf­wei­sen und nur so gut sind wie die Metho­de, die dahin­ter steckt. Dies­be­züg­lich hat CH Media eini­ges rich­tig gemacht und zumin­dest ver­sucht, objek­tiv Daten zu sam­meln: Digi­ta­le Prä­senz war wich­tig – die lässt sich auch mes­sen. Die­ses Rating wur­de anschlie­ßend durch eine Jury ergänzt. So wie es die Erfin­de­rin der Medi­en­ra­tings, Dr. Regu­la Stämpf­li, dies schon 2002 vor­ge­macht hat: Im dama­li­gen FACTS unter Chef­re­dak­tor Han­nes Brit­sch­gi. Das Rating war zu dem Zeit­punkt DIE Mega-Inno­va­ti­on, die mir 2003 von Denis von Burg und der Sonn­tags­zei­tung dann durch Ein­schüch­te­rung, Dro­hung und hin­ter­häl­ti­ge Manö­ver gestoh­len wur­de – bis heu­te. Ich habe in mei­nem krea­ti­ven Leben meh­re­re intel­lek­tu­el­le und dreis­te Dieb­stäh­le erlebt – die­se war öko­no­misch wie geis­tig eine der übels­ten und nachhaltigsten.

Als Rating-Erfin­de­rin ken­ne ich, wie Wei­zen­baum, die Schwä­chen von Daten, denn: Sie lügen wie gerech­net. Daten ope­rie­ren nach Ein­ga­be und die ist nie objek­tiv. Zudem gestal­ten Daten Welt, indem sie Din­ge so berech­nen, dass sie in der rea­len Welt die gewünsch­ten Kon­struk­tio­nen zur Fol­ge haben. Nach­zu­le­sen unter STAEMPFLISCH, mei­nem neu­en Buch mit dem durch Goog­le-Rating for­mu­lier­ten Titel: „Sex, Kat­zen und Diä­ten. Die Kult-Kolum­nen von Regu­la Stämpfli.“

Im Bücher­markt feh­len Büh­nen­auf­trit­te. Frau­en ver­kau­fen Non-Fic­tion gut bei Vor­trä­gen – im Feuil­le­ton wer­den sie zu 80 (!) Pro­zent ignoriert.


August 2021: Iden­tit­ti und „weib­li­che“ Steine

„Kul­tur und Poli­tik gehö­ren zusam­men, da in ihnen bei­den Ent­schei­dun­gen zugrun­de lie­gen, wel­che Din­ge und Hand­lun­gen die gemein­sa­me Welt prä­gen.“ laStaempfli

Mit­hu San­y­al hat das bes­te Buch 2021 – neben Isa­bel Roh­ners „Gret­chens Rache“ und Nico­le Sei­ferts Frauen(durchgestrichen) ‑Lite­ra­tur geschrie­ben. Iden­tit­ti gehört in alle Haus­hal­te, bringt uns alle zum lachen, schrei­en und wei­nen: Mit­hu San­y­al kann Dia­lo­ge, sozia­le Medi­en, Poli­tik, Femi­nis­mus, Diver­si­tät und Pod­casts mit ihrer Stim­me, die sofort an Ver­füh­rung aus uralten Zei­ten erin­nert, damals, als die Welt noch nicht berech­net, son­dern erzählt wur­de. Mit­hu San­y­al und ich hat­ten das Ver­gnü­gen im Febru­ar 2021 vom Lite­ra­tur­haus Basel ein­ge­la­den zu sein und das Buch der deutsch­spra­chi­gen Öffent­lich­keit zu emp­feh­len: It rocks. Was mich zu den Stei­nen bringt. Im Lan­des­mu­se­um Zürich, das neu­li­be­ral „Natio­nal­mu­se­um“ heisst, grad so als ob die Schweiz eine Nati­on wäre und kein Wil­lens­ge­bil­de, nun ja, in die­sem Muse­um eben, gibt es die schö­ne Men­schen­stein-Aus­stel­lung (bis 16. Jän­ner 2022). „Men­schen. In Stein gemei­ßelt.“ Alles wäre zau­ber­haft, wenn da nicht die läs­ti­ge Weib­chen-Männ­chen-Ein­tei­lung wäre. Alles Fik­ti­on, wenn sie mich fra­gen. Es gibt Stei­ne, die sind ein­fach gött­lich und ohne Geschlecht, und wenn doch ein Geschlecht zuge­ord­net wer­den muss, dann halt das Weib­li­che. Es wäre so ein­fach, wenn Geschich­te end­lich rea­lis­ti­scher erzählt, statt wie üblich, im Sti­le des 19. Jahr­hun­derts ideo­lo­gi­siert würde.


Sep­tem­ber: Meret Oppen­heim und das 50 jäh­ri­ge Frauenstimmrecht

„Ein Staat ohne Frau­en­rech­te ist kei­ne Demo­kra­tie, son­dern eine Geschlech­ter­dik­ta­tur.“ laStaempfli

Die Schweiz ist astro­lo­gisch gese­hen Jung­frau. Die­ser sagt man nach, immer dann Unschuld zu simu­lie­ren wenn Ver­bre­chen ver­tuscht wer­den sol­len. Well: Es war ein­mal ein „Pass für ALLE“. Pro­pa­giert von swis­s­in­fo, geschrie­ben von der Uni­ver­si­tät Bern, gelei­tet von der Schwei­zer Demo­kra­tie Stif­tung und ver­teilt vom Depar­te­ment für Aus­wär­ti­ge Ange­le­gen­hei­ten. In die­sem „Pass für Alle“, der in der gan­zen Welt für das Sys­tem der Direk­ten Demo­kra­tie Schweiz wer­ben soll­te, feh­len die Frau­en. „Wir woll­ten das poli­ti­sche Sys­tem der Schweiz beschrei­ben und bewer­ben, kei­ne Abhand­lung über Frau­en­rech­te schrei­ben.“ Abge­wer­tet, ver­ges­sen, wie­der­ent­deckt und wie­der­um dem Erd­bo­den des Nichts gleich gemacht, so könn­te das Frau­en­stimm­rechts­ju­bi­lä­um 2021 beschrie­ben wer­den. Hier ein Aus­schnitt aus mei­ner Kolum­ne im Klein Report:

„Mei­ne Mut­ter durf­te nicht über ihr eige­nes Bank­kon­to ver­fü­gen, mei­ne Groß­mutter muss­te zuse­hen, wie ihr Ehe­mann all ihr Erspar­tes ver­soff und sowohl sie als auch die gemein­sa­men Kin­der fast zu Tode prü­gel­te: alles nor­mal und im Män­ner­staat Schweiz bis 1971 rech­tens. Mein Paten­on­kel war ein Ver­ding­kind, des­sen Mut­ter man­gels poli­ti­scher Rech­te in eine Psych­ia­trie gesteckt wur­de. Er sel­ber und vie­le ähn­li­che Kin­der wur­den von der «eid­ge­nös­si­schen Direkt­de­mo­kra­tie» geprü­gelt, miss­braucht und als Gra­tis-Arbeits­kraft fast zu Tode geschän­det. Mein Paten­on­kel durf­te sei­ne Mut­ter nie mehr sehen. Es gibt unzäh­li­ge sol­cher Trau­ma­ta und sie hän­gen direkt mit den feh­len­den Frau­en­rech­ten in der Schweiz bis 1971 zusammen.

Ein Staat ohne Frau­en­rech­te ist kei­ne Demo­kra­tie, son­dern eine Geschlech­ter­dik­ta­tur.“ Eine Bro­schü­re, die behaup­tet „Pass für Alle“ zu sein und Frau­en als läs­ti­ge Neben­be­mer­kung abkan­zelt, ist kei­ne Demo­kra­tie- son­dern eine Talibanschrift.

Meret Oppen­heim hat, als sie so sel­ten aus­ge­stellt, ger­ne ver­ges­sen und dann doch wie­der ent­deckt wur­de, eine eige­ne Aus­stel­lung für sich kon­zi­piert. „Mon expo­si­ti­on“. Die­se wur­de end­lich in Bern ver­wirk­licht – nach Oppen­heims Tod selbst­ver­ständ­lich. Denn wo kämen wir denn hin, leben­den Frau­en zu zu hören, wenn es doch viel ein­fa­cher ist, Tote zu ehren.

50 Jah­re Frau­en­stimm­recht war 2021 ein Desas­ter. Allent­hal­ben wur­den medi­al Kli­schees trans­por­tiert und die Abschaf­fung der weib­li­chen Ent­mün­di­gung 1971 als Neben­sa­che abge­wer­tet. Isa­bel Roh­ner und Zita Küng ver­dien­ten trotz­dem meh­re­re Ehren­dok­to­rin­nen-Titel. Denn ohne die­se zwei enga­gier­ten Frau­en wäre das Jubi­lä­um medi­al völ­lig ver­schwie­gen worden.

Meret Oppen­heims Hand­schu­he: FRAUENHÄNDE. ABGEHACKT.


Okto­ber: Trips, Cha­os, CoronaUNkultur

„Kul­tur 2021: Lei­chen ster­ben frü­her.“ laStaempfli

Mit­te Dezem­ber 2020 erlag das kul­tu­rel­le Leben erneut. Es war tot. Nach dem Jah­res­wech­sel ver­län­ger­ten die euro­päi­schen Regie­run­gen die Lock­downs, ver­ord­ne­ten bis Ende März die Schlie­ßung sämt­li­cher Kul­tur­be­trie­be. Nur eine Stadt mach­te alles anders: Wien. Die ein­zi­ge Kul­tur­haupt­stadt Euro­pas, die Muse­en und Thea­ter zeit­lich VOR den Gast­stät­ten öff­net. Wäh­rend in der Schweiz und in Deutsch­land Gale­rien, Lese­sä­le, Biblio­the­ken, Muse­en, Kinos, Thea­ter, Opern­häu­ser, Musik­lo­ka­le, Kon­zert­sä­le etc. geschlos­sen wer­den und auch nach Öff­nung alle Besu­chen­den schi­ka­nie­ren, dür­fen Fuß­ball- und Shop­ping-Hor­den fröh­lich, unge­impft, unmas­kiert und unge­tes­tet, rumproleten.

Impf­licht? Ach, davon raten die fein­füh­li­gen Intel­lek­tu­el­len wie Richard David Precht und Sven­ja Flas­spöh­ler, regel­mäs­si­ge Gäs­te bei Mar­kus Lanz und SRF Kul­tur, ab.

Kein Wun­der stirbt die Kultur.


Novem­ber: Versöhnung

„Nur eine Welt mit tan­zen­den und lachen­den Frau­en ist eine demo­kra­tisch-lebens­fro­he Welt.“ laStaempfli

In the „House of Losing Con­trol“ an der Nord­west­bahn­stras­se 53 redet die Künst­le­rin Loui­se Dei­nin­ger im Novem­ber 2021 über ihr Buch „DNA of WAR“. Aus­ge­stellt war ihr Kunst­werk „Die Feder“, die Künst­le­rin ist hier im Bild mit ihrem Werk zu sehen. Loui­se Dei­nin­ger ist ein Wun­der: Vol­ler Cha­ris­ma, Akti­vis­mus und Wer­ken, die das Poten­ti­al haben, die Welt zu ver­än­dern. Auch sie ist im Pod­cast „arti­s­a­pi­e­ce­of­ca­ke“ zu hören. Ver­söh­nung ist Dei­nin­gers The­ma. Wie schön wäre es doch, sie wür­de gehört – nicht zuletzt auch von mir. Ich mer­ke, wie mich die Pan­de­mie und die Wider­stän­de vie­ler Idio­ten, Regeln ein­zu­hal­ten, zer­mür­ben. Lei­la Sli­ma­ni wohl auch. Sie ruft in ihrer auf­re­gen­den Rede am Ber­li­ner Lite­ra­tur­fes­ti­val auf „zum Ver­bre­chen“. Das Ver­bre­chen, Frau­en lesen und schrei­ben bei­zu­brin­gen und Frau­en lesen und schrei­ben zu las­sen. Sie hält nichts davon, ame­ri­ka­ni­sche Hoch­schul­de­bat­ten nach Euro­pa ein­zu­füh­ren. „Die wah­re Can­cel-Cul­tu­re ist die, die dar­in besteht, Bud­dha-Sta­tu­en zu spren­gen, in Tim­buk­tu his­to­ri­sche Hand­schrif­ten zu ver­bren­nen, das Kul­tur­er­be Alep­pos in Schutt und Asche zu legen, oder auf Men­schen zu schies­sen, weil sie in Paris tanzen.“

Des­halb: Ver­söh­nen wir uns und för­dern die Frei­heit von Frau­en, die dar­in besteht, ohne Angst lesen und schrei­ben zu dür­fen (und nicht dar­in, den Kör­per gemäss gel­ten­den Moden zu kleiden…).


Dezem­ber: Glück ist Ngo­zi Adi­chie zu lesen & Michae­la Ghiset­ti zu sehen

„Kunst ist die Maschi­nen­wer­dung der Men­schen auf­zu­hal­ten.“ laStaempfli

«Ame­ri­ca­nah» ist der wich­tigs­te Roman des 21. Jahr­hun­derts, 2013 geschrie­ben und mit unzäh­li­gen Prei­sen geehrt. Chi­ma­man­da Ngo­zi Adi­chie ist Femi­nis­tin, Intel­lek­tu­el­le, Poe­tin. Eine Nobel­mar­ke druck­te ihren TED-Talk «We should all be femi­nists» auf ein T‑Shirt, sie wur­de in «Flaw­less» von Bey­on­cé gesam­pelt und hat 2021 das erschüt­tern­de Buch «Trau­er ist das Glück, geliebt zu haben» ver­fasst. Es ist kein Roman, dafür die poe­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit dem The­ma Ver­lust. Ngo­zi Adi­chie ist mit dem schma­len Band wie­der ein gro­ßer Wurf gelun­gen: Sie ver­bin­det Pri­va­tes bei­läu­fig und schlüs­sig mit men­schen­wür­di­ger Poli­tik. Lest: „Trau­er ist das Glück, geliebt zu haben“, von mir für ensuite im Lite­ra­tur­blog und im Heft rezensiert.

Erschüt­ternd gut die­ses Buch, erschüt­ternd gut auch die im Dezem­ber gestar­te­te Ein­zel­aus­stel­lung von Michae­la Ghiset­ti in der ALBERTINA.

2021 zeigt mir: Dem bar­ba­ri­schen, meist digi­tal auto­ma­ti­sier­ten Nexus kann mit Kunst sowie rea­lem poli­ti­schen Han­deln ent­ge­gen­tre­ten werden.



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