Bild: STK-9478-1.NEF

Nach dem N.I.F.F.F. ist vor dem N.I.F.F.F.

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Von San­dro Wied­mer – Erneut kann das Neu­châ­tel Inter­na­tio­nal Fes­ti­val for Fan­ta­stic Films in sei­ner 13. Aus­ga­be einen neu­en Zuschau­er­re­kord ver­zeich­nen: mit 31’000 bezif­fern die Orga­ni­sa­to­ren den Publi­kums­zu­strom. Auch das Bun­des­amt für Kul­tur (BAK) aner­kennt die bestän­dig wach­sen­de Bedeu­tung des Fes­ti­vals, und erhöht sei­ne jähr­li­chen Bei­trä­ge ab 2014 um einen Vier­tel auf 150’000.- sFr.

Dass trotz des gros­sen Zuspruchs das Publi­kum die Fil­me stets in ent­spann­ter Atmo­sphä­re genies­sen kann liegt nicht zuletzt dar­an, dass die­ses Jahr an Stel­le des Kinos Apol­lo mit sei­nen drei Sälen das Kino Arca­des als Spiel­stät­te gewon­nen wer­den konn­te. Damit ste­hen, neben dem Thé­ât­re du Pas­sa­ge und dem Temp­le du Bas, einem Thea­ter und einer Kir­che, wel­che für die Dau­er des Fes­ti­vals zu Kinos umfunk­tio­niert wer­den, und dem klei­ne­ren Kino Bio, drei Säle mit einer Kapa­zi­tät von je um die 600 Sitz­plät­ze zur Verfügung.

Von wegen ent­spann­te Atmo­sphä­re: Die­se schwin­det oft, nach­dem der Trai­ler mit den Part­nern und Spon­so­ren über die Lein­wand geflim­mert ist, und der Film beginnt – nach dem Ritu­al, dass der schau­er­lich schlech­te, immer­glei­che Trai­ler zu den «Mid­night Movies» der Télé­vi­si­on Suis­se Roman­de laut­stark beglei­tet wird, wenn sich eines der ani­mier­ten Ske­let­te umdreht und «Hel­looo» sagt, und das dar­auf­fol­gen­de höh­ni­sche Lachen sich im Saal mul­ti­pli­ziert. Im Rah­men der «Mid­night Movies» wird jeweils der Film aus­ge­strahlt, wel­cher am N.I.F.F.F. mit dem Publi­kums-Preis geadelt wor­den ist, die­ses Jahr «You’re next» des Ame­ri­ka­ners Adam Wingard.

Es gehört zu den Kon­stan­ten eines Gen­re-Film Fes­ti­vals, dass es da Strei­fen gibt, in wel­chen die Toten Leben in die Hand­lung brin­gen, respek­ti­ve die bizar­re Art, wie Men­schen zu Tode kom­men. Meist han­delt es sich um eine Grup­pe von mehr oder weni­ger sym­pa­thi­schen Leu­ten, wel­che sich in unbe­kann­tes Gebiet bege­ben, und von geheim­nis­vol­len Mäch­ten nach und nach ins Jen­seits beför­dert wer­den. Längst hat die Gat­tung des «Slasher»-Films Sub­gen­res erhal­ten. So gibt es zum Bei­spiel «Home Inva­si­on»- und «Survival»-Movies, deren Spiel­ar­ten in «You’re next» vari­iert wer­den. Eine Fami­lie ver­sam­melt sich zur Bege­hung des Hoch­zeits­ta­ges der Eltern auf ihrem Land­sitz, wo sie von einer Grup­pe mit Tier­mas­ken ver­klei­de­ter, unter ande­rem mit Arm­brüs­ten bewaff­ne­ter Män­ner ter­ro­ri­siert wird. Womit nie­mand gerech­net hat ist, dass die Freun­din des einen Soh­nes auf einem Sur­vi­val-Camp auf­ge­wach­sen ist …

Zum bes­ten Film aus Euro­pa wur­de «Au Nom du Fils» des Bel­gi­ers Vin­cent Lan­noo gekürt, in wel­chem eine streng gläu­bi­ge, katho­li­sche Mut­ter nach dem Selbst­mord ihres Soh­nes erfah­ren muss, dass die­ser Opfer eines pädo­phi­len Pries­ters gewor­den ist, den sie in ihrem Haus­halt auf­ge­nom­men hat. In der Fol­ge gerät sie in den Besitz einer Lis­te mit kirch­li­chen Wür­den­trä­gern, wel­che der Pädo­phi­lie bezich­tigt wer­den, an wel­cher sie sich buch­stäb­lich abar­bei­tet, bevor es zum fina­len Show-Down mit dem besag­ten Pries­ter kommt, der sich mitt­ler­wei­le der Land­wirt­schaft zuge­wandt hat. Beis­sen­de Reli­gi­ons-Kri­tik durch­zieht die­se raben­schwar­ze Komödie.

Dass düs­ters­te Sati­re auch aus dem Land der unbe­grenz­ten Mög­lich­kei­ten kom­men kann bewies die­ses Jahr auch «Cheap Thrills», das Regie-Debut des Dreh­buch-Autors und Pro­du­zen­ten Evan L. Katz. Der Tag des ver­hei­ra­te­ten, frisch­ge­ba­cke­nen Vaters beginnt schlecht, als er beim Gang zur Arbeit die Andro­hung der Woh­nungs-Kün­di­gung auf­grund aus­ste­hen­der Mie­ten zu Gesicht bekommt. Als ihm dann noch der Job gekün­digt wird, muss er erst­mal den Fei­er­abend begies­sen. In einer schumm­ri­gen Bar trifft er auf einen ehe­ma­li­gen Kum­pel, und gemein­sam machen sie die Bekannt­schaft eines offen­sicht­lich begü­ter­ten Ehe­paa­res, wel­ches den Geburts­tag der Frau fei­ert. Zur Unter­hal­tung lässt der Ehe­mann Geld sprin­gen für anfäng­lich recht harm­lo­se Wett­be­wer­be unter den Kum­pels, wel­che im Ver­lauf der Nacht, die spä­ter in die schmu­cke Vil­la des Paars ver­la­gert wird, mit zuneh­mend grös­se­ren Sum­men dotiert mehr und mehr unmo­ra­li­sche Züge annehmen.

Es gibt Fil­me, die wir­ken am Bes­ten (oder eigent­lich nur) in einem grös­se­ren Publi­kum genos­sen. Dazu gehört sicher «HK – For­bidden Super­he­ro» des Japa­ners Yui­chi Fuku­da, eine typisch japa­ni­sche Schmon­zet­te um einen schüch­ter­nen Ado­les­zen­ten, wel­cher zum Super­hel­den mutiert, wenn er sich einen (gebrauch­ten) weib­li­chen Slip über sein Gesicht zieht: dann wird er zu Hen­tai Kamen, «Per­vert Mask», einer Man­ga-Figur, wie sie nur in der hoch­gra­dig zum Kitsch und höhe­rem Blöd­sinn ten­die­ren­den Kul­tur Japans ent­ste­hen kann. So etwas gehört eben auch zum N.I.F.F.F.: das hem­mungs­lo­se Abgrö­len zu völ­lig sinn­ent­leer­tem Tun auf der Lein­wand zu spä­ter Stun­de. Das funk­tio­niert am bes­ten mit einer gehö­ri­gen Por­ti­on Selbst-Iro­nie, wel­che lei­der den ame­ri­ka­ni­schen Pro­duk­tio­nen «Gal­low­wal­kers», einem als Hom­mage an Ser­gio Leo­ne gedach­ten Neo-Wes­tern mit Wes­ley Snipes, und «Raze» von Josh Wal­ler, einer auf bru­tals­te Kämp­fe auf Leben und Tod redu­zier­te Ver­si­on der «Women in Prison»-Filme aus dem Explo­ita­ti­on-Camp völ­lig abgeht.

Für man­che eine Offen­ba­rung waren dage­gen die Fil­me des Ehren­gas­tes Lar­ry Cohen, des­sen B‑Pictures mit sozia­len Kom­men­ta­ren nicht spa­ren: «Black Cea­sar» (1973) und «Hell up in Har­lem» (1975) waren Wer­ke eines weis-sen Regis­seurs, wel­che dem «Blaxsploitation»-Film Vor­schub leis­te­ten, und Strei­fen wie sein Erst­ling «Bone» (1972), «God told me to» (1976) oder «The Stuff» (1985) haben die Gesell­schafts­kri­tik als Grund­te­nor im Köcher. Der Regis­seur genoss denn sei­ne Auf­trit­te vor den Film-Pro­jek­tio­nen auch sichtlich.

Roland Klick, ein wei­te­rer mit einer Retro­spek­ti­ve geehr­ter Gast, kam in der neu­en Rubrik «His­toires du Gen­re» zum Auf­tritt: Neben dem Doku­men­tar­film «The Heart is a hun­gry Hun­ter» von San­dra Prech­tel (2013) über den Regis­seur, wel­cher sich wäh­rend der Hoch­blü­te des Autoren­films in Deutsch­land lie­ber mit Gen­res aus­ein­an­der­setz­te, wur­den von ihm «Dead­lock» (1970) gezeigt, eine Art Hom­mage an den Italo-Wes­tern mit dem gross­ar­ti­gen Sound­track der Kult-Krautro­cker Can, und «White Star» (1983), in wel­chem Den­nis Hop­per als Mana­ger einen mit­tel­mäs­si­gen Musi­ker zum Star der Neu­en Deut­schen Wel­le auf­bau­en will.

War letz­tes Jahr die Bezie­hung zwi­schen Bild und Ton in einer Rei­he von Musi­cals zum The­ma gemacht wor­den, wur­de die The­ma­tik die­ses Jahr fort­ge­führt, indem fünf Sound­track-Pro­du­zen­ten ein­ge­la­den wur­den, jeweils drei Fil­me mit her­aus­ra­gen­der Ton­spur zu pro­gram­mie­ren, unter ande­rem Cliff Mar­ti­nez («Dri­ve», «Con­ta­gi­on», «Only God For­gi­ves»), der frü­he­re Schlag­zeu­ger der Red Hot Chi­li Pep­pers. Neben Klas­si­kern wie «Shi­ning» von Stan­ley Kubrick, Ser­gio Leo­nes «A Fistful of Dol­lars», Aki­ra Kur­o­sa­was «Ran», und «Ali­en» von Rid­ley Scott, wur­de in der Rubrik «When Music Scores» auch «Elec­tro­ma» gezeigt, die in der kali­for­ni­schen Wüs­te in elf Tagen gedreh­te, bis­her ein­zi­ge Regie-Arbeit der fran­zö­si­schen Daft Punk, wel­che gänz­lich ohne Wor­te auskommt.

In der Sek­ti­on «New Cine­ma from Asia» stach vor allem «The Ber­lin File» von Ryoo Seung-wan her­aus, ein­mal mehr eine Pro­duk­ti­on aus Süd­ko­rea, ein fast voll­stän­dig in Ber­lin gefilm­ter Spio­na­ge-Thril­ler um einen nord­ko­rea­ni­schen Meis­ter-Spi­on und einen inter­na­tio­na­len Waf­fen-Deal, wäh­rend «The Blind Detec­ti­ve» von Alt­meis­ter John­ny To aus Hong­kong, ein comic-arti­ger Mix aus Sus­pen­se und Komö­die eher ent­täusch­te. Stark auch «The Gangs­ter» des jun­gen Thai­län­ders Kongki­at Kome­si­ri, eine rea­li­täts­na­he, bru­ta­le Dar­stel­lung der Ban­den­krie­ge in Bang­kok vor der Mili­tär­dik­ta­tur. Gewon­nen hat den asia­ti­schen Wett­be­werb «Eega» von S.S. Raja­mouli und J.V.V. Sathya­n­a­ra­ya­na, eine skur­ri­le Bol­ly­wood-Komö­die um einen als Flie­ge reinkar­nier­ten Mann, wel­cher in einem Rache­feld­zug Ver­gel­tung für sei­nen Tod sucht.

Wur­de wäh­rend der gan­zen Geschich­te des Fes­ti­vals noch nie ein Film aus der Schweiz in den inter­na­tio­na­len Wett­be­werb auf­ge­nom­men, wur­de die­se Ehre die­ses Jahr gleich zwei Wer­ken zuteil: «Chimè­res» des Neu­en­bur­gers Oli­vi­er Begu­in und «Der Aus­flug» des in Ber­lin leben­den Zür­chers Mathieu Sei­ler. Bei­de Fil­me bestechen durch ihre gepfleg­te Bild­spra­che und konn­ten sich gut im inter­na­tio­na­len Wett­be­werb sehen las­sen, muss­ten dann aber «Dark Touch» der Fran­zö­sin Mari­na de Van den Vor­tritt las­sen, wel­che neben dem Haupt­preis auch den­je­ni­gen der Film­zeit­schrift Mad Movies und den von Schü­le­rIn­nen des Lycée Denis-de-Rouge­mont ver­lie­he­nen Jugend­preis für sich in Anspruch neh­men konn­te. Die stu­dier­te Phi­lo­so­phin und zeit­wei­li­ge Mit­ar­bei­te­rin von Fran­çois Ozon, für des­sen «8 Femmes» und «Sous Le Sable» sie an den Dreh­bü­chern mit­ar­bei­te­te, hat sich schon in «Dans ma peau» (2002) und «Ne te retourne pas» (2009) mit Moni­ca Bel­luc­ci und Sophie Mar­ceau mit psy­cho­lo­gi­schen Phä­no­me­nen beschäf­tigt. Auch die in Irland ange­sie­del­te Geschich­te um ein Mäd­chen mit über­sinn­li­chen Kräf­ten hat das Poten­ti­al zu ver­stö­ren, hat aber doch eini­ge Schwä­chen. Ins­be­son­de­re der unter­schwel­lig vor­han­de­nen The­ma­tik des Kinds­miss­brauchs wird der Film in kei­ner Wei­se gerecht.

Soli­de Wer­ke stan­den als Eröff­nungs- und Schluss­fil­me auf dem Pro­gramm: «Sto­ker» von Chan-wook Park («Sym­pa­thy for Mr. Ven­ge­an­ce», «Old­boy», «Thirst» etc.), sei­ne ers­te Regie-Arbeit aus­ser­halb von Süd­ko­rea, wur­de mit Span­nung erwar­tet, und die Britisch/Amerikanische Pro­duk­ti­on, bei wel­cher auch Rid­ley und der inzwi­schen ver­stor­be­ne Tony Scott ihre Hän­de im Spiel hat­ten, erfüllt alle Erwar­tun­gen, nicht zuletzt wohl weil er mit sei­nem lang­jäh­ri­gen Kame­ra­mann Chung-hoon Chung gear­bei­tet hat. Mit Mia Was­i­kows­ka, Matthew Goo­de und Nico­le Kid­man ist das Dra­ma um eine Fami­lie mit eini­gen Lei­chen im Kel­ler, vol­ler Ver­wei­se auf klas­si­sche Hitch­cock-Fil­me, zudem erst­klas­sig besetzt. Mit «Byzan­ti­um», der das Fes­ti­val abschloss, kehrt der Ire Neil Jor­dan zum Vam­pir-Gen­re zurück, dem er eini­ge neue Twists abge­winnt. Auch hier lässt die Beset­zung mit Sao­ir­se Ronan, Gem­ma Arterton und Sam Riley nichts zu wün­schen übrig, und das Dra­ma kann sich mit dem 2008 eben­falls am N.I.F.F.F. gezeig­ten «Let the right one in» des Schwe­den Tho­mas Alfreds­on durch­aus messen.

Alles in allem bot das Fes­ti­val in sei­ner 13. Aus­ga­be wie­der Anlass zu so man­cher Ent­de­ckung, inspi­rie­ren­den Momen­ten, ent­zü­cken­den, ent­rü­cken­den und erdrü­cken­den, und was bleibt ist die Vor­freu­de auf nächs­tes Jahr, wenn kurz vor dem Film wie­der ein: «Ta gueu­le, Benoît!» im dunk­len Saal erschallt.

Foto: zVg.
ensuite, August 2013



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