Bild: Figurentheater Lupine - Probe "Ida hat einen Vogel, sonst nichts". © Manu Friederich

Ida hat einen Vogel, sonst nichts

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Von Lukas Vogel­sang – In einer Welt, weit weg von iPads, Games, und Hosen die an den Knien hän­gen, leben Pup­pen. Und ent­ge­gen allen Ein­wän­den: Pup­pen sind wich­ti­ger für Erwach­se­ne als für Kin­der – aber das darf man nie zu laut sagen. Das ver­ste­hen die Erwach­se­nen schon nicht mehr.

In die­ser Geschich­te steht die klei­ne Ida allei­ne in der Welt. Und weil da nie­mand ist, der oder die ver­ste­hen könn­te, was Ida sich vom Leben vor­stellt, baut sich das klei­ne Mäd­chen in einem Abstell­schup­pen ihre eige­ne Welt auf. Das klingt kli­schiert und nach «arm, aber so reich an Fantasie»-Idealisierung. Nur, was bleibt denn wirk­lich, wenn nichts da ist aus­ser der Hoff­nung und Wün­schen? Ist das wirk­lich so idea­li­siert? Sind nicht gera­de die­se iPods und Games, die­se unmög­li­chen Hosen an den Knien die Zei­chen, dass Kin­der in der rea­len Welt nicht mehr geführt wer­den, und sich in Fan­ta­sie­wel­ten ihr zu Hau­se suchen?

Ich erin­ne­re mich an ein Gespräch in einem Flug­zeug, als ein Vater mir allen Erns­tes erklär­te, dass er nicht mehr wis­se, was er sei­nen Kin­dern bie­ten kön­ne. Sie wür­den sich nur noch lang­wei­len – und nicht mal am Sonn­tag, wenn sie gemein­sam in den McDo­nalds gin­gen, käme etwas mehr Moti­va­ti­on auf. Ich frag­te ihn, ob er schon mal mit den Kin­dern in einem Wald gewe­sen wäre. Pick­nick? Er schau­te mich ver­ständ­nis­los an.

Wie­vie­le Kin­der haben denn nur einen Vogel – und sonst nichts? Und genau des­we­gen ist das Pup­pen­thea­ter heu­te für Erwach­se­ne wich­ti­ger als für Kin­der. Den Kin­dern stärkt es die Hoff­nung und die Wün­sche nach dem rich­ti­gen Leben. Den Erwach­se­nen aber gibt es ein Stück ver­lo­re­ner Kind­heits­ge­dan­ken zurück. Wir Erwach­se­nen müs­sen wie­der ler­nen, mit den ein­fa­chen Bau­klötz­chen zu spie­len, damit wir wie­der zum Leben zurückfinden.

Eigent­lich woll­ten die Mache­rIn­nen die­ses Stü­ckes die Armut the­ma­ti­sie­ren. Aller­dings stellt sich bald ein­mal die Fra­ge: Wel­che Armut? Die mate­ri­el­le oder die geis­ti­ge? Hat ein Holz­stück weni­ger Wert als ein iPad? Sind Feri­en in Ame­ri­ka für Kin­der wich­ti­ger als Feri­en in einem Holz­schup­pen? Was bringt uns mate­ri­el­ler Reich­tum, wenn wir geis­tig nicht rei­cher werden?

Ida baut aus ein paar Bret­tern ein Flug­zeug, also eigent­lich eine Rake­te. Redet mit dem Mann auf dem Mond. Sie spricht mit einem gros­sen Scho­ko­la­de­ku­chen. Zau­bert sich ein Traum­ka­rus­sell in einem Zau­ber­wald. Es ist aber nicht alles ein­fach in die­ser Welt – und Ida krieg arge Pro­ble­me. Aber auch Freun­de, die ihr hel­fen. Sie wird die Hel­din in ihrer iso­lier­ten Fan­ta­sie­welt, bis ihr Vater ihr zusieht und lernt. Bis wir Erwach­se­nen zuse­hen und begreifen.

Kath­rin Leu­en­ber­ger kann sol­che Geschich­ten wun­der­bar auf der Büh­ne erzäh­len. Ihre Büh­nen­er­fah­rung ist gross. Kurz­um hat sie sel­ber auf der Büh­ne den Bret­ter­schup­pen auf­ge­baut, und bas­telt, zusam­men als Idas Alter Ego, die Welt mit. Zwi­schen­durch weiss man nicht so recht, wer wen führt: Ist es die Pup­pe oder ist es Kath­rin? Die­se Fra­ge ist bei guten Pup­pen­spie­len nie ein­fach zu beant­wor­ten. Und aus einem Pup­pen­vor­stel­lung kom­men immer ande­re Men­schen raus, als zuvor rein­ge­gan­gen sind. Und an die­se «Feri­en» wird sich das Publi­kum – allen vor­an die Erwach­se­nen – noch eini­ge Zeit erin­nern. Und wis­sen Sie was? Die Kin­der haben rich­tig Freu­de an Ida, Kath­rin und den Holzbrettern.

Foto: zVg.
ensuite, Mai 2013



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