Ein Leben aus Ideen – und jetzt?

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Von Albert le Vice – Seit Sep­tem­ber 2011 habe ich an die­ser Stel­le zu erzäh­len ver­sucht, was es eigent­lich heisst, hier­zu­lan­de – und heu­te – ein gan­zes Leben von Ideen abhän­gig zu machen. Ideen. Dar­un­ter ver­steht man ja land­läu­fig irgend­wel­che Ein­fäl­le, die irgend­wem per Zufall durch den Kopf geis­tern. Und wer von Ideen leben will gilt als Spin­ner, allen­falls als bun­ter Vogel, der sich zwar recht hübsch aus­nimmt im Grau unse­res All­tags, wel­cher mitt­ler­wei­le zu einem Büro­all­tag gewor­den ist. Dass aber Ideen, auf die die­ser bun­te Papa­gei zu bau­en vor­gibt, sogar selbst für einen grau­en All­tag von Bedeu­tung sein könn­ten, wol­len wir schon gar nicht gel­ten las­sen. Dar­auf sagt dann jeder und jede ziem­lich schnell und über­zeugt, sol­ches sei zwar schön und gut, aber… Und bald kommt dann auch die Begrün­dung des «Aber»: Man sei halt Rea­list und stün­de mit bei­den Bei­nen auf dem Boden der Wirk­lich­keit. Und schon klebt dem Ideen­mensch die berühm­te «Zwei» am Rücken, er muss sich recht­fer­ti­gen und hat zu bewei­sen, dass sei­ne Vor­stel­lun­gen durch­aus Hand und Fuss haben. Gelin­gen wird ihm das nie, denn was der sagt – egal was es ist – betrach­tet man skep­tisch, um nicht zu sagen ablehnend.

Natür­lich, es gibt auch Leu­te, die etwas dif­fe­ren­zier­ter in die Welt schau­en; und die­se dif­fe­ren­zier­te Sicht will ich jetzt, in mei­ner letz­ten ensuite-Geschich­te, zum The­ma machen. In einer Art kri­ti­scher Bilanz will ich das, was ich Ihnen, lie­be Lese­rin, erzählt habe, zu wer­ten ver­su­chen: Ideen in der Schweiz, unter wel­chen Umstän­den wer­den sie Rea­li­tät, unter wel­chen ver­schwin­den sie sang- und klang­los in irgend­wel­chen Schub­la­den? Gene­rell gese­hen ist die Ant­wort rela­tiv ein­fach: Ideen, pri­vat ent­wi­ckelt, pri­vat umge­setzt und wirt­schaft­lich erfolg­reich, sind in der Schweiz akzep­tiert, manch­mal sogar geschätzt. Über­schrei­ten sie aber den Rah­men des Pri­va­ten, also: kos­ten sie bei­spiels­wei­se mehr, als die Ein­zel­ne auf­zu­brin­gen ver­mag, wird es schwie­rig – eigent­lich fehlt dafür schlag­ar­tig das öffent­li­che Inter­es­se, zumin­dest im Normalfall.

Dazu mein ers­tes kon­kre­tes Bei­spiel: Das schie­fe Thea­ter. Das schie­fe Thea­ter war ein Erfolg: Über 1’100 Vor­stel­lun­gen euro­pa­weit, mehr als hun­dert­tau­send Zuschau­er auf einer Tour­nee von sie­ben Jah­ren in über sech­zig Städ­ten. Die­ses schie­fe Thea­ter wäre nie ent­stan­den, wenn es da nicht zwei Typen (spä­ter kamen noch zwei Typ­in­nen dazu) gege­ben hät­te, die davon über­zeugt waren, dass das, was sie zu bie­ten hat­ten, auch öffent­lich gut, also berech­tigt war. Wären sie also nicht bereit gewe­sen, Kopf und Kra­gen aufs Spiel zu set­zen, wäre die­ses klei­ne, fah­ren­de Thea­ter­haus nie gebaut wor­den, und nie auf eine so lan­ge Tour­nee gegan­gen. Es wäre aber auch nie ent­stan­den, wenn da nicht im Hin­ter­grund ein Vater und eine Mut­ter Bürg­schaft geleis­tet, also der Idee die­ser jun­gen Typen ver­traut und ein beträcht­li­ches Risi­ko mit­ge­tra­gen hät­ten. Und es wäre eben­falls nicht ent­stan­den, wenn nicht eine Bank (mit eben der erwähn­ten Bürg­schaft im Hin­ter­grund) das nöti­ge Geld, das eine sol­che Idee zwangs­läu­fig nötig hat, vor­ge­schos­sen hät­te. Trotz­dem und in einem Wort: Eine Idee, die mit pri­va­ten Mit­teln rea­li­siert wer­den kann, hat in der Schweiz eine Chance.

Doch damit ist noch nicht alles gesagt, was in die­ser Fra­ge auch gesagt wer­den muss. Trotz des pri­va­ten Enga­ge­ments hat auch die­se Geschich­te ihre öffent­li­che Sei­te, die weder in den zustän­di­gen öffent­li­chen Instan­zen noch in den Medi­en zur Kennt­nis genom­men und ernst­haft dis­ku­tiert wird, die Fra­ge näm­lich nach dem öffent­li­chen Inter­es­se an einem sol­chen Unter­fan­gen. Wie ist das nun genau mit die­sem Inter­es­se einer Stadt, die sowas braucht, damit sie leben­dig wird, respek­ti­ve leben­dig bleibt? Liegt es dann nicht in ihrem urei­ge­nen Inter­es­se, dass so etwas wie ein schie­fes Thea­ter über­haupt ent­ste­hen kann? Unse­re kon­kre­te Erfah­rung: Jede öffent­li­che Instanz fin­det bei einer hand­fes­ten Nach­fra­ge nach Unter­stüt­zung für ein sol­ches Vor­ha­ben viel­fäl­ti­ge, schö­ne Wor­te, mut­ma­chen­de Flos­keln und unend­lich vie­le Grün­de fürs Abwim­meln sol­cher Anlie­gen. Vor allem natür­lich, wenn die Gesuch­stel­le­rin noch kei­nen Namen hat.

Nein, ein schie­fes Thea­ter, das auf Hil­fe von aus­sen gesetzt hät­te, wäre nie ent­stan­den – aus Angst der Ange­spro­che­nen vor dem mög­li­chen Miss­erfolg – und natür­lich aus grund­sätz­lich finanz­po­li­ti­schem Geiz, der bei uns ja Sys­tem hat. Geld geht vor in der öffent­li­chen Schweiz, selbst wenn es offen­sicht­lich ist, dass eine gute Idee dem Leben in der Öffent­lich­keit gut täte.

Die­se Erkennt­nis haben wir also mit dem schie­fen Thea­ter gelebt; und wir haben unse­ren Weg gefun­den. Ihren Weg suchen die Eid­ge­nos­sen noch immer, und ver­pas­sen beim ewi­gen Suchen die gros­sen Chan­cen. Also, wie gesagt, Ideen haben in der Schweiz eine Chan­ce, wenn sie pri­vat getra­gen und erfolg­reich sind.

Doch wie ergeht es Ideen, die expli­zit für die Öffent­lich­keit gedacht sind, und des­halb unver­zicht­bar auf eine enga­gier­te und kom­pe­ten­te Öffent­lich­keit ange­wie­sen sind? Nach mei­ner Erfah­rung geht es sol­chen Ideen ziem­lich eigen­ar­tig, näm­lich so, wie ich es in mei­ner Geschich­te über den Ber­ner Geburts­tag erzählt habe. Die­se Geschich­te aller­dings muss man, um ihre Bri­sanz zu ver­ste­hen, mit jener um «Hans Sachs in allen Gas­sen» ver­glei­chen. Der Ver­gleich zeigt näm­lich, dass sich in die­ser Geschich­te ein Pro­blem mani­fes­tiert, wel­ches mit unse­rer Auf­fas­sung von Demo­kra­tie zusam­men­hän­gen muss: «Hans Sachs in allen Gas­sen», in Nürn­berg, also in Deutsch­land rea­li­siert, ist geglückt, «Der Ber­ner Geburts­tag» in der Schweiz, und ver­mut­lich in den Köp­fen einer Behör­de, gescheitert.

Wo liegt der Unter­schied? In Nürn­berg kam der Anstoss zum Fest vom Ober­bür­ger­meis­ter, respek­ti­ve vom Amt des Ober­bür­ger­meis­ters. Er hat­te fest­ge­legt, dass die Ehrung von Hans Sachs die Stadt Nürn­berg was angin­ge, und er beauf­trag­te den Kul­tur­re­fe­ren­ten, die­se Ange­le­gen­heit an die Hand zu neh­men. Mit ande­ren Wor­ten: der Auf­trag, Hans Sachs zu ehren, war nicht der Spleen irgend­ei­nes Beam­ten oder Poli­ti­kers, son­dern eine Ange­le­gen­heit, die die Stadt etwas anging, und der die Stadt ent­spre­chend Gewicht geben woll­te. Im Gegen­satz dazu spiel­te sich das Drum und Dran um den «Ber­ner Geburts­tag» wie eine Geheim­ope­ra­ti­on ab: Da mel­de­te sich bei mir der Poli­zei­di­rek­tor, offen­bar für die­ses Vor­ha­ben zustän­dig, und erteil­te mir den Auf­trag, ein Grund­kon­zept aus­zu­ar­bei­ten. Kei­ne öffent­li­che, offi­zi­el­le Ankün­di­gung des Vor­ha­bens, kei­ne Medi­en­mit­tei­lung, kei­ne öffent­li­che Dis­kus­si­on. Und am Ende, als das Kon­zept vor­lag, kein Wort an den Autor, kein posi­ti­ves, kein nega­ti­ves, nur Still­schwei­gen – und natür­lich auch kei­ne offi­zi­el­le Äus­se­rung für die Öffentlichkeit.

Was mani­fes­tiert sich da?

Zwei Städ­te. Bei­de auf der Suche nach einer guten Idee für einen wich­ti­gen öffent­li­chen Anlass. Die eine Stadt führt einen ein­ge­hen­den Dis­kurs mit allen denk­ba­ren Gre­mi­en und in allen ver­füg­ba­ren Medi­en, die ande­re druckst in Geheim­nis­krä­me­rei umher, als hand­le es sich bei die­sem Unter­fan­gen um einen gehei­men Deal mit der Mafia.

Die­se bei­den Bei­spie­le machen deut­lich, wie die Einen einen ganz natür­li­chen Umgang mit Ideen pfle­gen, wäh­rend die Ande­ren gera­de­zu unter para­no­iden Berüh­rungs­ängs­ten zu lei­den schei­nen, wenn es um Kul­tur, wenn es um Ideen geht, mit­tels derer man einen beson­de­ren Anlass der Stadt adäquat und viel­leicht sogar unkon­ven­tio­nell fei­ern könn­te. Dies das Eine. Dazu kommt jetzt aber noch ein wei­te­rer Aspekt des öffent­li­chen Umgangs mit Ideen: Bekannt­lich sind Ideen, gera­de wenn sie noch sehr jung sind, ziem­lich fra­gi­le «Gebil­de», und so kommt es dann halt schon dar­auf an, wie wer damit umgeht, wie eine Behör­de bei der Beur­tei­lung vor­geht und die Idee anschlies­send durch die öffent­li­che Debat­te hin­durch­trägt. In Nürn­berg hat­te ich das Glück, auf einen Refe­ren­ten zu tref­fen, der kul­tu­rell sehr erfah­ren war, und fürs Über­ra­schen­de, Unkon­ven­tio­nel­le einen aus­ge­spro­che­nen Rie­cher hat­te. Im Gegen­satz dazu mein Gesprächs­part­ner in Bern: Ein typisch schwei­ze­ri­scher Poli­ti­ker, ein soge­nann­ter Gene­ra­list, wahr­schein­lich Jurist von Haus aus, theo­re­tisch über­all ein­setz­bar und kaum geübt im Umgang mit Ideen. Dass so jemand Mühe hat beim Beur­tei­len von Gedan­ken­gän­gen, die das Unge­wohn­te suchen, liegt eigent­lich auf der Hand. Das heisst aber mit ande­ren Wor­ten, dass es ein Zufall ist, wenn so jemand beim Beur­tei­len von Ideen inner­lich sicher ist und instink­tiv spürt, was mit einer Idee los ist, und was sie einer Stadt brin­gen könn­te. Damit will ich sagen, dass unse­re poli­ti­schen Struk­tu­ren, die den Lai­en­ge­dan­ken über alles stel­len, denk­bar schlecht sind in Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit Gedan­ken, die etwas ande­res suchen als die Bestä­ti­gung des gemein­hin Übli­chen und Gän­gi­gen. Zwangs­läu­fig wer­den unter sol­chen Vor­aus­set­zun­gen Ideen, die wei­ter­füh­ren, sehr schnell als uto­pisch (sprich: undurch­führ­bar), als fremd, als irgend­wie stö­rend emp­fun­den, und des­halb rascher als nötig als uner­wünscht abge­tan. So etwas hat aber Aus­wir­kun­gen auf unser Zusam­men­le­ben in der Öffent­lich­keit, und genau so wer­den mög­li­che Ent­wick­lun­gen ver­passt, die unter Umstän­den aus einer ver­schla­fe­nen eine leben­di­ge Stadt machen könnten.

In die­sem zwei­ten Abschnitt habe ich jetzt eine Ant­wort auf die Fra­ge gesucht, wie es hier­zu­lan­de Ideen ergeht, die aus­schliess­lich für die Öffent­lich­keit gedacht sind. Nach mei­ner Erfah­rung haben sie es des­halb auf­fäl­lig schwer, von den zustän­di­gen Behör­den in ihrer Bedeu­tung wahr­ge­nom­men zu wer­den, weil deren Wahr­neh­mungs­fä­hig­keit für Unge­wöhn­li­ches in der Regel unter­ent­wi­ckelt ist. Gene­rell haben unse­re Behör­den Mühe im Umgang mit Ideen und begeg­nen ihnen des­halb mit Skep­sis, also meist ableh­nend. Dazu kommt, dass in unse­ren poli­ti­schen Struk­tu­ren wahr­schein­lich der Chef fehlt, der für die Stadt wich­ti­ges im Vor­aus fest­le­gen kann.

Ideen in der Schweiz: Drei Spiel­ar­ten, drei Pro­jek­te: Das schie­fe Thea­ter, der Ber­ner Geburts­tag, resp. Hans Sachs in allen Gas­sen, das klei­ne Freu­den­haus. Jetzt also die drit­te Spiel­art: Das klei­ne Freu­den­haus. Auch die­se Geschich­te habe ich Ihnen, lie­be Leser, aus­führ­lich erzählt. Jetzt geht es mir um jene Rea­li­tät, mit der eine ziem­lich kom­ple­xe Idee fer­tig wer­den muss. Zu Ihrer Erin­ne­rung: Das klei­ne Freu­den­haus geht ja davon aus, dass Kul­tur, wenn sie demo­kra­tisch, also von der Mehr­heit einer Stadt­be­völ­ke­rung, wahrge­nommen wer­den will, dass also eine sol­che Kul­tur nicht ein­di­men­sio­nal in ein­zel­nen Spar­ten, son­dern in drei kon­zen­tri­schen Krei­sen agie­ren soll: In einem inne­ren Kreis, einem Kunst­werk, dann in einem zwei­ten, in der direk­ten Umge­bung des Kunst­werks, und von Zeit zu Zeit, das Gan­ze erfas­send, in der gan­zen Stadt. Wie kommt so etwas in Gang? Wie kann das funktionieren? 

Eigent­lich ganz ein­fach: Ein Ein­zel­ner, oder natür­lich auch eine Ein­zel­ne, der, oder die sich ein sol­ches Werk vor­stel­len und es kon­kret auch umset­zen kann, lässt zuerst den inners­ten Kreis ent­ste­hen, also das Kunst­werk. In ihm soll, für ein auf­merk­sa­mes Publi­kum fühl- und nach­voll­zieh­bar wer­den, was das Gesamt­werk eigent­lich will; wie es von sei­nem Geist her gemeint ist und was es, kon­se­quent ange­wen­det und umge­setzt, dem Gan­zen, also der Stadt, brin­gen kann.

Gleich­zei­tig über­legt sich der Autor des Gesamt­werks, wie die direk­te Umge­bung des Werks, von des­sen Geist geprägt, kon­kret aus­se­hen könn­te. In der Idee des klei­nen Freu­den­hau­ses ist damit so etwas wie ein kul­tu­rel­ler Stadt­park gemeint, also ein Ort, der durch Ideen von Bür­gern, die Hand (und Kopf) anle­gen wol­len, geprägt ist – ein poe­ti­scher Ort quasi.

Dann, und das betrifft jetzt den drit­ten Kreis, wird die Grund­idee noch ein­mal aus­ge­dehnt auf die gan­ze Stadt, indem von Fall zu Fall und von Anlass zu Anlass Ideen für aus­ser­ge­wöhn­li­che Fes­te ent­wi­ckelt wer­den, die mehr sind als die übli­chen, ideen­lo­sen, soge­nann­ten Volks­be­lus­ti­gun­gen. Rea­li­siert wird dies wie­der­um durch enga­gier­te Bür­ger, denen das Zusam­men­le­ben in der Stadt ein Anlie­gen ist.

Es geht also bei der Idee «klei­nes Freu­den­haus» ums akti­ve Her­an­bil­den einer auf eine bestimm­te Stadt bezo­ge­nen Kul­tur, die natür­lich mit der Zeit zum inne­ren und äus­se­ren Wahr­zei­chen die­ser einen Stadt wird. Die Idee «klei­nes Freu­den­haus» ist daher – und dies zu beto­nen ist mir sehr wich­tig – nicht ein Modell, über­all eins zu eins anwend­bar, son­dern eine Vor­ge­hens­wei­se, die sich nach den ver­schie­de­nen Gege­ben­hei­ten vor Ort rich­tet. Soweit der gedank­li­che Hin­ter­grund die­ser ziem­lich kom­ple­xen Idee.

Und wie sieht nun die kon­kre­te Sei­te eines sol­chen Unter­fan­gens in der Schweiz, und am Ende in einer wirk­li­chen Schwei­zer Stadt aus?

Der inners­te Kreis, das Kunst­werk (in die­sem Fall ein Thea­ter der Sin­ne), wur­de zu genau dem, was es nach der Idee wer­den soll­te, und es wur­de zu einem gros­sen Erfolg.

Im zwei­ten Kreis (also in der Umge­bung des Sin­nen­thea­ters) rea­li­sier­ten sich zwei Wer­ke. Auch sie waren öffent­lich erfolg­reich. Aller­dings: als es dann hand­fest ums Schaf­fen jenes oben erwähn­ten kul­tu­rel­len Stadt­parks, der soge­nann­ten «Bernt­or­gas­se / Kul­tur­gas­se» ging, kam der bis anhin erfreu­li­che Pro­zess ins Sto­cken. Umlie­gen­de Gewer­be­be­trie­be began­nen kon­kret zu oppo­nie­ren mit dem Ziel, die Kul­tur­gas­se zu ver­hin­dern. Und genau hier fehl­te jetzt die poli­ti­sche Instanz (im Nürn­ber­ger Bei­spiel von vor­hin waren das der Ober­bür­ger­meis­ter und der Kul­tur­re­fe­rent), es fehl­te also die Instanz, die sich hin­ter das gan­ze Pro­jekt stell­te und mit ihrer Auto­ri­tät für des­sen wei­te­re Ver­wirk­li­chung ein­setz­te. Das war das Ende mei­nes Wir­kens in Thun, weil ich eben allein­ge­las­sen war. Und selbst­re­dend kam es auch nie zu einem für sich spre­chen­den, gros­sen Fest in Thun.

Was geschieht eigent­lich mit Ideen in der Schweiz? Das ist ja die Fra­ge hier. Ist die Idee «klei­nes Freu­den­haus» ins­ge­samt gelun­gen? Zum Teil, wür­de ich sagen. Gelun­gen ist, was ich selbst – und unab­hän­gig – rea­li­sie­ren konn­te. Es ist tat­säch­lich ein Thea­ter der Sin­ne ent­stan­den, das es vor­her noch nicht gab. Und es ist beim Publi­kum gut ange­kom­men. Es war ein gros­ser Erfolg sowohl in Basel, in Thun, und im Gwatt-Zen­trum. Acht Jah­re hat die­ser Teil der Idee öffent­lich sei­ne Wir­kung ent­fal­ten kön­nen – und wirt­schaft­lich ist die Insti­tu­ti­on «klei­nes Freu­den­haus» in jener Zeit auch über die Run­den gekommen.

Die­ses pri­va­te Gelin­gen hat­te aber auch sei­nen Preis: Drei­zehn Jah­re voll­be­ruf­li­cher Arbeit ohne Ent­gelt waren nötig, um das Thea­ter, also den inners­ten Kreis, zu rea­li­sie­ren. Und es kamen recht hohe Inves­ti­tio­nen für die Vor­stel­lung sel­ber dazu. Mög­lich war das nur durch das Enga­ge­ment mei­ner Frau, die mir durch ihre – in die­sem Fall bezahl­te – Berufs­ar­beit den Rücken für mei­ne von nie­man­dem bezahl­te Berufs­ar­beit frei­hielt. Das klingt roman­tisch – ich wür­de dem ent­ge­gen­hal­ten, das sei schwei­ze­ri­sche Realität.

Ja, und wo war im Ent­ste­hungs­pro­zess die­ses letzt­end­lich öffent­li­chen Werks die öffent­li­che Hand, wo war das Enga­ge­ment einer sich für so etwas enga­gie­ren­den Wirt­schaft? Es war vor­han­den – aber eigent­lich immer erst dann, wenn im Ent­ste­hungs­pro­zess gesi­cher­tes Ter­rain erreicht war. Im Klar­text heisst das: Das klei­ne Freu­den­haus wäre weder als Kon­zept noch als Werk je ent­stan­den, hät­te ich auf die tra­gen­de Mit­hil­fe einer Öffent­lich­keit oder jene der Wirt­schaft gesetzt. In einem Wort: Die Idee «klei­nes Freu­den­haus» war zu gross, um in der rei­chen Schweiz geför­dert zu wer­den. Sie war so gross, dass sie nur durch das Enga­ge­ment von zwei lächer­lich klei­nen Leut­chen rea­li­siert wer­den konn­te! Auch das ist hel­ve­ti­sche Rea­li­tät. Ich sage das nicht bit­ter oder ver­bit­tert. Aber ich benen­ne die Rea­li­tät. Und ich for­de­re all jene Men­schen, die von sich behaup­ten, Rea­lis­ten zu sein auf, die­se Rea­li­tät auch ein­mal zu beden­ken – und dann viel­leicht auch ein­mal ent­spre­chend zu han­deln. Wir brau­chen ein neu­es Denken.

Trotz­dem – und das set­ze ich expli­zit an den Schluss –: die Öffent­lich­keit enga­gier­te sich durch­aus in die­ser Geschich­te. Und das geschah wie durch ein Wun­der, näm­lich durch ein öffent­li­ches Bedürf­nis nach Kul­tur. Die eid­ge­nös­si­sche 700-Jahr­fei­er stand bevor. Auf einen Schlag brauch­te es jetzt brauch­ba­re Ideen – und jetzt war Geld vor­han­den (für ein Jahr!). Und als nach dem Jubi­lä­ums­jahr 1991 das Gast­spiel des klei­nen Freu­den­haus in Basel been­det (also der Erfolg gesi­chert) war, enga­gier­te sich die Stadt Thun, dann gab es auch Gel­der aus der Wirt­schaft, um die Infra­struk­tur für ein Haus, in dem das klei­ne Freu­den­haus unter­ge­bracht wer­den konn­te, bereit­zu­stel­len. (Obwohl eigent­lich, dies nur neben­bei, von der 700-Jahr­fei­er ein geeig­ne­tes Haus verfüg‑, transportier‑, nutz­bar und gra­tis zur Ver­fü­gung stand). Also, hier begann die Öffent­lich­keit eine Rol­le zu spie­len. Und das funk­tio­nier­te dann auch, immer mehr oder weni­ger, je nach Umstän­den, bis zu jenem oben erwähn­ten Moment, wo die Idee als Gesamt­heit plötz­lich, und eigent­lich uner­war­te­ter­wei­se, zurecht­ge­stutzt wer­den soll­te – einer gewis­sen Wirt­schaft­lich­keit wegen. Was heisst dies nun alles? In knap­pen Wor­ten dies:

  • Ideen sind Pri­vat­sa­che, und wenn sie umge­setzt wer­den sol­len, ist auch dies eine pri­va­te Ange­le­gen­heit; sonst bleibt das Gan­ze unrea­li­siert liegen.
  • Medi­en kön­nen Ideen zwar auf­grei­fen, aber kul­tur­po­li­tisch ernst genom­men wer­den sie trotz­dem nicht.
  • Unter­stüt­zung, von wem auch immer, erhal­ten Ideen allen­falls als klei­ne Pro­jek­te, die in ihrer Wir­kung klar abge­grenzt und im Vor­aus kal­ku­lier­bar sind.
  • Öffent­lich gefragt sind Ideen nur, wenn ein ent­spre­chen­der öffent­li­cher Anlass besteht, für den im Vor­aus die nöti­gen Mit­tel auch gleich bereit­ge­stellt sind.
  • Nach sol­chen Anläs­sen fehlt das öffent­li­che Inter­es­se, und natür­lich auch das Geld für Aus­ser­ge­wöhn­li­ches wie­der. Die Gewöhn­lich­keit nimmt dann wie­der ihren gewöhn­li­chen Gang.
  • Eine öffent­li­che Dis­kus­si­on über Ideen, die für unse­re Kul­tur auch prak­ti­sche Kon­se­quen­zen haben könn­ten, exis­tiert in der Schweiz offi­zi­ell nicht.
  • Dass eine gute Kul­tur mit guten Ideen an ihrer Basis den Boden für ein gutes Zusam­men­le­ben der Bevöl­ke­rung bil­den könn­te, und das auch zum Ziel haben, ist der Schweiz als Gemein­schaft nicht bewusst.

Und als Letz­tes: In unse­ren Köp­fen ist Kul­tur als Hob­by ein­ge­stuft – nett viel­leicht, aber nicht eigent­lich nötig. Ein Leben aus Ideen? Für vie­le Men­schen in der Schweiz ist das – als pri­va­te Mei­nung – viel­leicht eine fas­zi­nie­ren­de Opti­on. Sie zu leben wagen sie aber kaum. Und öffent­lich gibt es ein Leben aus Ideen ein­fach nicht: Zu unsi­cher, zu wenig greif­bar (im Vor­aus), zu aben­teu­er­lich, zu ris­kant. Der Krä­mer in unse­rer Volks­see­le sucht das im Vor­aus Siche­re, nicht das Hirngespinst.

Foto: Albert le Vice
ensuite, Janu­ar 2013



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