Bild: Malte Sieveking (links angeschnitten), seine Frau, die ehemalige Sprachlehrerin Margarete "Gretel" Sieveking und ihr Sohn, der Dokumentarfilmer David Sieveking zu Hause in Bad Homburg vor der Höhe (Hessen), Deutschland 2011 "Im fortgeschrittenen Stadium ihrer Alzheimer-Demenz ist meine Mutter oft heiterer Stimmung."

Ver­giss mein nicht

Von

|

Drucken

Von Lukas Vogel­sang – Kurz vor Weih­nach­ten ist mei­ne Groß­mutter gestor­ben. Sie war 89 Jah­re alt und seit eini­gen Jah­ren etwas ver­wirrt – ich hat­te sie lan­ge nicht mehr gese­hen. Die Erin­ne­run­gen an sie sind aber alle noch wach. Die Bil­der, Gerü­che, und vie­le Situa­tio­nen, wel­che ich als Kind mit ihr erlebt hat­te – sogar an ihre Stim­me kann ich mich erin­nern. Mei­ne Gross­mutter hät­te sich aber nicht an mich erin­nern können. 

Der deut­sche Film­re­gis­seur David Sie­ve­king hat mit sei­nen Fil­men inter­na­tio­na­len Erfolg und könn­te sich um gros­se Pro­jek­te küm­mern. Doch sein Vater braucht ihn jetzt. Die Mut­ter, Gre­tel, einst eine wun­der­schö­ne Lebe­frau mit revo­lu­tio­nä­rem Geist, ist dement und ver­wirrt. Für die Fami­lie und für alle Betei­lig­ten kei­ne ein­fa­che Sache: Alz­hei­mer. David Sie­ve­king geht nach Hau­se und nimmt sich vor, sich um Gre­tel zu küm­mern – jene Frau, die ihn einst erzo­gen hat­te und die er bewun­dert. Wir beglei­ten die Fami­lie in ver­schie­de­nen Sta­di­en, gehen mit zurück in die Ver­gan­gen­heit, erle­ben Tei­le aus ihrer Geschich­te, und beglei­ten die Mut­ter in ihrer Ver­wirrt­heit ein letz­tes Stück. Es ist eine ganz pri­va­te Fami­li­en­ge­schich­te, die hier erzählt wird. Doch die Geschich­te kann sich in jeder ande­ren Fami­lie auch abspie­len. Was David Sie­ve­king mit sei­nem Doku­men­tar­film erreicht hat, ist mehr als eine gross­ar­ti­ge Wür­di­gung sei­ner Mut­ter. Jede Fami­lie, in wel­cher ein Mit­glied an Alz­hei­mer erkrankt, wird für die offe­ne und ehr­li­che Dar­stel­lung, die Gedan­ken, die Bewäl­ti­gung und Auf­ar­bei­tung der Geschich­te, und das Abschied­neh­men (von) der Mut­ter dank­bar sein.

Ein Glück, dass der Film­narr die Kame­ra eben­falls mit­lau­fen liess, und die Tage und Mona­te mit sei­ner Mut­ter film­te. Ent­stan­den ist ein wun­der­vol­les Werk über Alz­hei­mer und über einen Men­schen, der lang­sam in eine ande­re Welt abtaucht. Die Erzähl­stim­me fällt als ers­tes auf: David Sie­ve­king spricht wie in einem «Fünf-Freunde»-Kinderfilm. Er wäre als Erzäh­ler sonst denk­bar unge­eig­net. Die­sem Film aber ver­leiht er die Locker­heit, die es braucht, um die Emo­tio­nen ertra­gen zu kön­nen. Je län­ger wir ein­tau­chen, umso dank­ba­rer wer­den wir David dafür. Er schafft es, dem Film die Tra­gik zu neh­men, und bringt so viel Leich­tig­keit rein, dass die Krank­heit Alz­hei­mer fast schön und lieb wirkt – ohne aber beschö­ni­gen zu wol­len. Alles ist real, ehr­lich und unauf­halt­sam. Und dar­in ist die Erzähl­wei­se des Films, die Doku­men­ta­ti­on ein­fach her­vor­ra­gend gelun­gen. Wir neh­men Anteil, ver­su­chen zu ver­ste­hen, und sind als Zuschau­er eigent­lich immer mit den glei­chen Fra­gen kon­fron­tiert wie die betrof­fe­ne Fami­lie. Und obwohl das The­ma an und für sich trau­rig wäre schwingt der Film dar­über hin­weg, ohne despek­tier­lich zu sein, ohne den Blick ver­schlei­ern zu wol­len. Statt trau­rig, gehen wir befreit und gestärkt aus dem Kino. David Sie­ve­king hat es ganz rich­tig for­mu­liert: «Aus der Tra­gö­die mei­ner Mut­ter ist kein Krank­heits- son­dern ein Lie­bes­film ent­stan­den, den ich mit melan­cho­li­scher Hei­ter­keit erfüllt sehe.» – Bes­ser kann man die­sen Film nicht beschreiben.

Foto: zVg.
ensuite, Janu­ar 2013



Newsletter

SPENDEN!

Einen Text gelesen und der hat gefallen? Spende per TWINT ein paar Franken - ohne Abo, aber mit gutem Gewissen. Geht doch auch.