Schau­feln und hoffen

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Von Peter Schnei­der, bear­bei­tet von Son­ja Wen­ger – Die Akti­vis­ten der inter­na­tio­na­len Bri­ga­den woll­ten Anfang der acht­zi­ger Jah­re in Nica­ra­gua bei der revo­lu­tio­nä­ren Umge­stal­tung der Gesell­schaft mit­hel­fen und so die Lebens­be­din­gun­gen der mar­gi­na­li­sier­ten Land­be­völ­ke­rung ver­bes­sern. Einer von ihnen reis­te 25 Jah­re spä­ter wie­der in das Dorf, mit vie­len Fra­gen im Gepäck.

Wäre ich jemals nach Nica­ra­gua zurück­ge­kehrt, wenn ich gewusst hät­te, was mich erwartet?

Im Som­mer 1984 ist das noch kei­ne Fra­ge. Wir sind ein Dut­zend Schwei­zer und Schwei­ze­rin­nen – mehr­heit­lich Stu­den­ten in den Semes­ter­fe­ri­en – und unter­wegs in ein Dorf in den Ber­gen des Nord­wes­tens von Nica­ra­gua. Dort wol­len wir den Bau­ern tat­kräf­ti­ge Hil­fe beim Häu­ser­bau leis­ten – und damit unse­re Soli­da­ri­tät mit der jun­gen Revo­lu­ti­on und ihrem neu­en revo­lu­tio­nä­ren Gesell­schafts­ent­wurf zeigen.

Fünf Jah­re zuvor hat ein Volks­auf­stand die von den USA gestütz­te Dik­ta­tur von Ana­sta­sio Somo­za gestürzt. Die sieg­rei­chen San­di­nis­ten stre­ben eine Bes­ser­stel­lung der jahr­hun­der­te­lang ver­nach­läs­sig­ten und aus­ge­beu­te­ten Bau­ern­be­völ­ke­rung an.

Die Häu­ser sol­len auf einer Wald­lich­tung gebaut wer­den, die zum Lati­fun­di­um eines ver­schul­de­ten Kolo­ni­sa­tors gehör­te, der vor der Revo­lu­ti­on ins Aus­land geflo­hen war. Die christ­li­chen Schwei­zer Hilfs­wer­ke Heks und Cari­tas sowie die Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on des «Blo­que» koor­di­nie­ren die Unter­stüt­zung, um den Bau­ern zu men­schen­wür­di­gen Unter­künf­ten zu ver­hel­fen. Für den Haus­bau brin­gen die Ein­hei­mi­schen das Fach­wis­sen mit, wir Schwei­zer sind ihre Hilfs­kräf­te, die Bau­ma­te­ria­li­en und Werk­zeu­ge im Gepäck füh­ren: Schau­feln, Pickel, Zement.

Wir tei­len die kar­gen Lebens­be­din­gun­gen der Bau­ern, schla­fen in Hän­ge­mat­ten und in Schlaf­sä­cken auf Holz­bret­tern. Wir tei­len mit ihnen die täg­li­che Rati­on Reis, Boh­nen und eine Mais­tor­til­la. Die Kat­zen­wä­sche in den Was­ser­tüm­peln eines Baches muss der Hygie­ne Genü­ge tun. Es ist ein auf das Ele­men­ta­re redu­zier­tes Leben. Mehr Zivi­li­sa­ti­ons­kram als in unse­ren Ruck­sä­cken unter­zu­brin­gen ist haben wir nicht dabei.

Die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit den Bau­ern ist schwie­rig. Unse­re Spa­nisch­kennt­nis­se sind beschei­den – ihr Dia­lekt für uns kaum ver­ständ­lich. Bei der Arbeit behel­fen wir uns mit Zei­chen­spra­che. Ansons­ten herrscht meist Stil­le. Sie schwei­gen. Wir schwei­gen. Ein Gefühl der Ver­lo­ren­heit macht mir zu schaf­fen. Es scheint, als säs­sen wir an gegen­über­lie­gen­den Ufern eines brei­ten Flus­ses, auf dem Jahr­hun­der­te der Geschich­te flies­sen, die uns tren­nen. Der damals 48-jäh­ri­ge Bau­er Aman­cio muss ähn­lich emp­fun­den haben: «Ich begrei­fe nicht, was uns Analpha­be­ten für euch Aka­de­mi­ker inter­es­sant machen könn­te», sagt er.

Hoff­nung im Gepäck Wes­halb Nica­ra­gua? Ich hat­te damals nicht ein­fach irgend­wo in Latein­ame­ri­ka irgend­wel­che Ent­wick­lungs­ar­beit leis­ten wol­len. Nica­ra­gua hin­ge­gen war ein poli­ti­sches Bekennt­nis. Ich ver­knüpf­te es mit der Hoff­nung, dass dank der erfolg­rei­chen Revo­lu­ti­on etwas Neu­es und vor allem Dau­er­haf­tes ent­ste­hen könn­te. Und dass die Ent­wick­lungs­hil­fe hier mehr sein wür­de als Augenwischerei.

Ent­spre­chend stolz war unse­re Grup­pe des­halb dar­auf, von den Ein­hei­mi­schen als «Inter­na­tio­na­lis­ten» bezeich­net zu wer­den – in Anleh­nung an jene Frei­wil­li­gen, die wäh­rend des spa­ni­schen Bür­ger­kriegs in den dreis­si­ger Jah­ren aus aller Welt nach Spa­ni­en geströmt waren, um das Land gegen den Faschis­mus von Gene­ral Fran­co zu verteidigen.

Natür­lich lock­te auch das Aben­teu­er, obwohl dies nie­mand von uns zuge­ge­ben hät­te. Wir woll­ten mit Aben­teu­er­ge­schich­ten heim­keh­ren. Die Bau­ern waren die Pro­jek­ti­ons­flä­che unse­rer Revo­lu­ti­ons­phan­ta­sien. Wobei die­se pri­va­ten Moti­ve durch­aus Hand in Hand mit den poli­ti­schen Inter­es­sen der san­di­nis­ti­schen Revo­lu­ti­ons­füh­rer gingen.

Denn Nica­ra­gua stand in den acht­zi­ger Jah­ren völ­lig iso­liert im inter­na­tio­na­len Ram­pen­licht. Nach Somo­zas Sturz 1979 befürch­te­ten die USA – zuvor Somo­zas wich­tigs­ter Ver­bün­de­ter – einen Roh­stoff­lie­fe­ran­ten und Absatz­markt zu ver­lie­ren, doch vor allem, dass die erfolg­rei­che Revo­lu­ti­on in Zen­tral­ame­ri­ka Schu­le machen könnte.

Des­halb rekru­tier­ten die USA Somo­zas geflo­he­ne Fol­ter­knech­te in die kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re Söld­ner­trup­pe der Con­tras und ver­sorg­ten sie mit Geld und Waf­fen. Die Mili­tär­lo­gik der Con­tras war denk­bar sim­pel. Mit einem kräf­te­zeh­ren­den Bür­ger­krieg ver­such­ten sie alles zu zer­stö­ren, was die Revo­lu­ti­on auf­bau­te – Gesund­heits­zen­tren, Schu­len, Land­wirt­schafts-Koope­ra­ti­ven – und töte­ten jene, die für die neu­en Idea­le unter­wegs waren: Ärz­te, Kran­ken­schwes­tern, Leh­rer und poli­ti­sche Aktivisten.

Vor die­sem Hin­ter­grund war unser Arbeits­ein­satz nicht unge­fähr­lich, wenn­gleich wir uns als Schwei­zer neu­tral und damit unver­wund­bar fühl­ten. Wir hat­ten tat­säch­lich Glück. Kurz nach unse­rer Rück­kehr in der Schweiz erreich­te uns die scho­ckie­ren­de Nach­richt, dass «unse­re» Koope­ra­ti­ve von den Con­tras über­fal­len wor­den war: Sechs Men­schen wur­den dabei ermor­det und das Schul­haus sowie die gesam­te Boh­nen­ern­te niedergebrannt.

Wir Inter­na­tio­na­lis­ten tref­fen uns in Zürich, orga­ni­sie­ren Soli­da­ri­täts­kund­ge­bun­gen und Mahn­wa­chen, sam­meln Geld. Ein­zel­ne kehr­ten im dar­auf­fol­gen­den Som­mer nach Nica­ra­gua zurück, um das Schul­haus wie­der auf­zu­bau­en. 1990 wähl­te eine vom Bür­ger­krieg erschöpf­te Bevöl­ke­rung die San­di­nis­ten ab. «Die Men­schen waren wei­se genug, für ein Ende die­ses Krie­ges zu stim­men», sagt der Bau­er Edu­ar­do. «Es war die ein­zi­ge Mög­lich­keit, Frie­den zu schaffen.»

Vor­bild und Inspi­ra­ti­on Als Pri­vat­per­son keh­re ich 25 Jah­re spä­ter wie­der in das Dorf zurück. Ich will die Men­schen noch ein­mal tref­fen – und her­aus­fin­den, wie sie damals die Prä­senz von uns Inter­na­tio­na­lis­ten erlebt haben.

Der Emp­fang ist unter­schied­lich. Dies­mal erwar­ten uns kei­ne Kin­der. Flo­ren­ti­na, die uns damals ver­pflegt hat­te, ist inzwi­schen 61 Jah­re alt. Sie freut sich, zeigt sich aber gleich­zei­tig ent­täuscht und fragt vor­wurfs­voll: «Wir haben uns in all den Jah­ren, da wir nichts mehr von euch gehört haben, gefragt, was aus euch gewor­den ist. Ob ihr noch lebt, ob ihr gestor­ben seid?» Sie kon­fron­tiert mich mit mei­nem Gewis­sen. Ja, den­ke ich, sie hat Recht. Wo bin ich in all den Jah­ren geblie­ben? Wes­halb hielt ich nicht wenigs­tens Brief­kon­takt? Dass auch wir Inter­na­tio­na­lis­ten nach unse­rem Ein­satz unter­ein­an­der wenig Kon­takt pfleg­ten, ist für Flo­ren­ti­na erst recht unverständlich.

Ich habe vie­le Fra­gen mit im Gepäck. Was wer­de ich vor Ort antref­fen? Exis­tiert die Koope­ra­ti­ve noch? Haben die Bau­ern ihr Land ver­lo­ren? Sind sie aus ihren Hüt­ten ver­jagt wor­den? Wer lebt von ihnen noch? Und vor allem: Wie sehen die Dorf­be­woh­ner unser Enga­ge­ment im Rückblick?

Flo­ren­ti­na stim­men mei­ne Fra­gen mil­de. Sie erin­nert sich an die dama­li­gen Wohn­ver­hält­nis­se. Ein hal­bes Dut­zend Fami­li­en leb­te unter dem einen Dach des Gebäu­des vom Guts­ver­wal­ter. «Wir hat­ten die Häu­ser drin­gend nötig», sagt sie. Und ihr Schwa­ger, der heu­te 73-jäh­ri­ge Aman­cio, fügt hin­zu: «Vor eurer Ankunft hat­ten wir noch nicht ein­mal eine Schaufel!»

Beson­de­ren Ein­druck muss unse­re Fähig­keit zur Orga­ni­sa­ti­on hin­ter­las­sen haben. Roger, damals ein 15-jäh­ri­ger Jugend­li­cher: «Für uns Jun­ge, die wir nie gelernt hat­ten, uns zu orga­ni­sie­ren, gaben die gut orga­ni­sier­ten Inter­na­tio­na­lis­ten Anstoss, es ihnen gleich zu tun». Vie­le für uns Euro­pä­er selbst­ver­ständ­li­che Din­ge hat­ten für die Bau­ern Vor­bild­funk­ti­on: «Wir haben viel in Sachen Hygie­ne gelernt», sagt Edu­ar­do. «Ganz beson­ders beein­druck­te uns, dass ihr nach jedem Essen die Zäh­ne geputzt habt.»

Und nicht nur vom 72-jäh­ri­gen Mar­ce­li­no höre ich: «Wir wer­den euch nie ver­ges­sen, dass ihr uns in jenen schwie­ri­gen Jah­ren bei­gestan­den habt, dass ihr den Mut hat­tet, mit­ten im Krieg zu uns zu kom­men». Flo­ren­ti­na pflich­tet ihm bei: «Mir gab eure Anwe­sen­heit ein Gefühl der Hoff­nung. Es war Soli­da­ri­tät in einem Augen­blick, in dem wir sie drin­gend nötig hatten.»

Der 40-jäh­ri­ge Roger, der seit zehn Jah­ren als Hotel­an­ge­stell­ter in der Pro­vinz­haupt­stadt Leòn arbei­tet und im Dorf eine Musik­grup­pe gegrün­det hat, ver­weist auf einen ande­ren Aspekt: «Von euch lern­ten wir zu arbei­ten, ohne dar­aus per­sön­li­chen Gewinn zu zie­hen. Ihr wart uns ein Vor­bild, weil ihr gehol­fen habt Häu­ser zu bau­en, obwohl ihr zu Hau­se ein Dach über dem Kopf hat­tet.» Doch für ihn war der Aus­tausch gegen­sei­tig. «Es war für uns eine gute Erfah­rung zu sehen, dass auch wir euch etwas zu geben hat­ten, näm­lich unse­re Musik, unse­re Spra­che, unse­re Kultur.»

Noch etwas Über­ra­schen­des erwähnt Roger: «Ich habe erst dank euch Inter­na­tio­na­lis­ten rea­li­siert, dass aus­ser­halb unse­res Tales eine Welt exis­tier­te, von der wir Bau­ern bis­her nichts geahnt hat­ten.» Wäh­rend wir Schwei­zer den «Wert» unse­rer Prä­senz in ers­ter Linie an der Anzahl Häu­ser mas­sen, die wir auf­bau­en konn­ten, schei­nen die Dorf­be­woh­ner gänz­lich ande­re Wer­te geschätzt zu haben. Ohne es zu ahnen, haben wir vie­len zu einer neu­en Welt­sicht ver­hol­fen. Die­se Erfah­rung mag sie spä­ter inspi­riert haben, in ihrem Dorf eine Spa­nisch­schu­le für Aus­län­der zu eröff­nen. Mit dem Geld, das so erwirt­schaf­tet wer­den konn-te, haben inzwi­schen vie­le Dorf­be­woh­nern zu einem beschei­de­nen Wohl­stand gefunden.

Geschen­ke von ges­tern War die Kom­mu­ni­ka­ti­on vor 25 Jah­ren noch eine Her­aus­for­de­rung, so gab es dies­mal kei­ne Pro­ble­me. Die Schul­lei­tung for­dert von den Dorf­be­woh­nern, mit den Stu­den­ten nicht Dia­lekt, son­dern ein gepfleg­tes Spa­nisch zu spre­chen – ein Umstand, der mir für mei­ne Inter­views sehr entgegenkommt.

Neben Fra­gen habe ich auch Geschen­ke mit­ge­bracht: Sei­fen, Näh­na­deln, Zahn­bürs­ten, Toi­let­ten­pa­pier, Kugel­schrei­ber, letz­te­res das A und O des auf­ge­klär­ten Tou­ris­ten. Ich über­ge­be sie Aman­cio zur gerech­ten Ver­tei­lung. Als er die Sachen aus­packt, über­kommt mich ein Scham­ge­fühl. Ich rea­li­sie­re, dass mei­ne Geschen­ke sich nicht an die Gegen­wart, son­dern an ein Ges­tern rich­ten, das nicht mehr exis­tiert. Die Men­schen im Dorf müs­sen sich heu­te den Hin­tern nicht wie frü­her mit ent­körn­ten Mais­kol­ben put­zen. In den Häu­sern ste­hen Näh­ma­schi­nen. Sei­fe ist im Dorf­la­den bil­lig zu kau­fen. Und auch Zahn­bürs­ten sind längst kei­ne Man­gel­wa­re mehr.

Viel­leicht liegt mein Faux­pas dar­an, dass ich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren im Abbild mei­ner Nica­ra­gua­fo­tos gefan­gen gelebt habe – Fotos, auf denen die Zeit still stand. Aus­ge­rech­net die­se Fotos lösen dann aber bei den Dorf­be­woh­nern Begeis­te­rung aus und wer­den so zum eigent­li­chen Geschenk. Bau­er Lencho fasst es in Wor­te: «Das Beson­de­re an den Bil­der ist, dass sie nicht bloss unse­re Gesich­ter zei­gen, son­dern auch wie damals unser täg­li­ches Leben aus­sah.» Beson­de­re Freu­de berei­tet ihm ein Bild des Och­sen Capuil­lo, der den Men­schen im Dorf damals so wich­tig war, dass sie ihn nicht zum Metz­ger brach­ten. «Wir haben ihn eines natür­li­chen Todes ster­ben las­sen, denn er hat sei­ner­zeit unse­re toten Mär­ty­rer zum Fried­hof gezogen.»

Len­chos Wor­te lösen in mir eine Erin­ne­rung aus, die ich lan­ge ver­ges­sen hat­te: Vor 25 Jah­ren hat­te ich Por­trät­fo­tos mei­ner Fami­lie mit­ge­nom­men, doch die Fotos wur­den von den Bau­ern acht­los von einem schwie­li­gen Hand­paar zum nächs­ten gereicht. Als ich nach­frag­te, wes­halb die Bil­der kei­nen Anklang fan­den, sag­te man mir: «Man sieht ja nicht dein Haus. Wo ist dein Bett? Wo ist dein Haus­schwein? Habt ihr denn kei­nen Ochsenkarren?»

Spä­ter, als ich eige­ne Auf­nah­men von den Bau­ern machen woll­te, zwan­gen sie mich, mit der Kame­ra auf Distanz zu gehen, denn alle Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen muss­ten mit aufs Bild, genau­so wie die Hüt­te, das Maul­tier und das Haus­schwein, die Hüh­ner und Trut­häh­ne. Den Bau­ern war wich­tig, ihr gan­zes sozia­les Umfeld und ihren gesam­ten Besitz auf den Bil­dern wiederzufinden.

Nach­hal­tig erfolg­reich? Von der Lich­tung, in die wir damals die Häu­ser bau­ten, ist nichts geblie­ben. Sie ist heu­te über­baut. Die loka­le Bevöl­ke­rung hat sich ver­fünf­facht. Im Dorf leben 125 Men­schen. Der Lebens­stan­dard ist sicht­bar gestie­gen. Alle haben ein Dach über dem Kopf. Die Mehr­zahl wohnt in Back­stein­bau­ten oder Ado­be­häu­sern, eini­ge Fami­li­en noch in Holz­hüt­ten. Alle Haus­hal­te haben Zugang zu sau­be­rem Trink­was­ser. Knapp zwar wäh­rend der Tro­cken­zeit, aber aus­rei­chend. Solar­zel­len auf Haus­dä­chern sor­gen für Strom. Über­all ragen Fern­seh­an­ten­nen in die Höhe.

Das Dorf ist bes­ser als je zuvor in der Lage, von den selbst her­ge­stell­ten Lebens­mit­teln zu leben. Die Erwach­se­nen sind in Mar­ken­klei­dern unter­wegs. Auch die Kin­der sind gut geklei­det und spie­len mit Bar­bie­pup­pen. Vie­le besit­zen bil­li­ge Fahr­rä­der aus Chi­na, etli­che Motor­rä­der, und das Dorf ver­fügt über einen Klein­las­ter. Ein Gesund­heits­pos­ten wird gera­de auf­ge­baut, in dem ein­mal pro Woche ein Arzt und eine Kran­ken­schwes­ter prä­sent sein sol­len. Im Dorf­zen­trum ste­hen zwei Schul­häu­ser. Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen wür­den die­se Ent­wick­lung wohl als eine «nach­hal­ti­ge» bezeichnen.

Die Bil­dung hat auch die Frau­en erreicht. Drei von vier Lehr­per­so­nen an den Schu­len sind Frau­en. Sie gehö­ren zur ers­ten Gene­ra­ti­on, die dank der san­di­nis­ti­schen Schul­re­form gra­tis stu­die­ren konn­te. Dank der Spa­nisch-Schu­le für Aus­län­der konn­ten zudem Arbeits-plät­ze geschaf­fen und damit die Abwan­de­rung aus dem Dorf gestoppt wer­den. Gera­de­zu über­schwäng­lich bezeich­nen die Bewoh­ner ihr Dorf als ein Vor­zei­ge­mo­dell für alle latein­ame­ri­ka­ni­schen Dör­fer, beson­ders hin­sicht­lich der Orga­ni­sa­ti­on, Arbeits­for­men und Menschlichkeit.

Ent­schei­dend bei­getra­gen zu die­ser posi­ti­ven Ent­wick­lung im Dorf hat wohl, dass das frü­her weit ver­brei­te­te Alko­hol­pro­blem über­wun­den wer­den konn­te. Aman­cio hat­te bereits vor 25 Jah­ren gesagt, «der Alko­hol ist der gröss­te Feind und eine enor­me Belas­tung für unse­re Koope­ra­ti­ve». Die betrun­ke­nen Män­ner hät­ten ihre Frau­en und Kin­der geschla­gen. Auch ich erin­ne­re mich, wie wir nachts in unse­ren Hän­ge­mat­ten die ver­zwei­fel­ten Schreie der geschla­ge­nen Frau­en hör­ten, wenn ihre betrun­ke­nen Ehe­män­ner heim­kehr­ten. Kei­ner wag­te es, ihnen die Fla­sche aus der Hand zu schla­gen, denn die Säu­fer waren bewaff­net und bal­ler­ten in alle Him­mels­rich­tun­gen, wenn sie grö­lend ver­such­ten, die Ster­ne vom Him­mel zu schiessen.

Eine Gene­ra­ti­on spä­ter ist Alko­hol kein Pro­blem mehr. Die Alko­ho­li­ker sind weg gezo­gen oder haben sich inzwi­schen zu Tode getrun­ken. Die Jun­gen suchen heu­te kei­ne Zuflucht im Alko­hol; das Dorf bie­tet ihnen rea­le Zukunftsperspektiven.

Kon­sum bedroht Iden­ti­tät Es gibt jedoch auch kri­ti­sche Punk­te. So beob­ach­tet der 43-jäh­ri­ge Bau­er Nes­tor, der auch Direk­tor des Dorf­thea­ters ist, skep­tisch die wach­sen­de Über­frem­dung. Denn unüber­seh­bar sind heu­te die vie­len ein­ge­hei­ra­te­ten Aus­län­der, die hier für Haus­bau, Frucht­kul­tu­ren oder Schaf­zucht Boden erwerben.

Eine ande­re Tat­sa­che ist die Hei­rats­po­li­tik vie­ler Nica­ra­gua­ner, deren Kin­der Euro­pä­er oder US-Ame­ri­ka­ner hei­ra­ten und fort­zie­hen. Mit einer sol­chen Hei­rat haben sie finan­zi­ell aus­ge­sorgt. Bei Aman­cio sind fünf sei­ner sechs Kin­der mit Aus­län­dern liiert. Und drei der vier Kin­der von Flo­ren­ti­na leben heu­te in Euro­pa. Es han­delt sich hier­bei um eine neue Form der Alters­vor­sor­ge, denn die finan­zi­ell gut gestell­ten Kin­der sol­len der­einst ihre Eltern unterstützen.

Nes­tors Fami­lie par­ti­zi­piert nicht an und pro­fi­tiert nicht von die­ser Pra­xis. «Hier leben vie­le Frem­de und es wer­den stän­dig mehr. Ent­spre­chend wird sich hier auch viel ver­än­dern in den nächs­ten Jah­ren», sagt Nes­tor. «Ich fürch­te um unse­re Identität».

Eines hält Nes­tor den Aus­län­dern aller­dings zugu­te. Dank ihnen habe öko­lo­gi­sches Gedan­ken­gut im Dorf Fuss fas­sen kön­nen. So ver­fü­ge eine Mehr­zahl der Häu­ser heu­te über Was­ser­tanks, die das Regen­was­ser spei­cher­ten. Neue Häu­ser wür­den im erd­be­ben­si­che­ren und kli­ma­ver­träg­li­chen Ado­be­stil gebaut. Die Abfäl­le wer­den gesam­melt und zen­tral entsorgt.

Die Anwe­sen­heit vie­ler Aus­län­der birgt für vie­le Dorf­be­woh­ner noch eine wei­te­re Gefahr, der sich selbst der sech­zehn­jäh­ri­ge Sekun­dar­schü­ler Djan­go bewusst ist: Er befürch­tet, «dass wir alle dem Kapi­ta­lis­mus ver­fal­len.» Die Jun­gen wür­den genau regis­trie­ren, wel­che Kon­sum­gü­ter wie etwa Mar­ken­klei­der oder tech­ni­sche Gerä­te die Frem­den besit­zen würden.

«Die Kin­der sind der Gefahr des Kapi­ta­lis­mus beson­ders aus­ge­lie­fert. Er greift sie mit Com­pu­tern und mit Fern­se­hen an und defor­miert sie zu rei­nen Kon­su­men­ten», sagt Djan­go. Und sein Onkel, der 35-jäh­ri­ge Oskar, stimmt ihm vor­be­halt­los zu: «Der Kon­sum ist ein gros­ses Pro­blem. Ich sehe das beson­ders bei mei­ner Arbeit, dem Ein­sam­meln des Abfal­les. Noch vor weni­gen Jah­ren war das nicht mehr als ein Sack Abfall pro Fami­lie. Heu­te ist es ein gan­zer Och­sen­kar­ren voll!» Und heu­te wür­den auch Din­ge weg­ge­wor­fen, die oft noch in gutem Zustand sei­en und mit wenig Auf­wand zu fli­cken wären. Doch die Frau­en hät­ten inzwi­schen kei­ne Zeit mehr, die Din­ge zu reparieren.

Der 35-jäh­ri­ge Mau­rer und Künst­ler Javier bezeich­net den Kon­sum als «das Ver­schwin­den der Kul­tur». So vie­le schö­ne und reich­hal­ti­ge Din­ge sei­en ver­schwun­den oder hät­ten sich ver­än­dert. «Neh­men wir die nica­ra­gua­ni­sche Küche. Frü­her war sie viel­fäl­tig und reich. Aber heu­te gibt es nur noch Junk­food, Halb­ga­res vol­ler Kon­ser­vie­rungs­mit­tel.» Oder die vie­len wun­der­ba­ren Frucht­säf­te, die es frü­her gege­ben habe. «Heu­te wer­den sie alle von Coca Cola aus dem Markt gedrängt.»

Weg­be­rei­ter des Kapi­ta­lis­mus? Am Dorf­ein­gang erin­nert eine Metall­ta­fel an das Enga­ge­ment der Schwei­zer Hilfs­wer­ke Heks, Cari­tas und des Blo­que. Wer nach einem gelun­ge­nen Bei­spiel nach­hal­ti­ger Ent­wick­lung sucht, wird hier fün­dig. Es fällt schwer zu sagen, wel­chen Anteil an die­sem Erfolg den Hilfs­wer­ken, und wel­cher der san­di­nis­ti­schen Revo­lu­ti­on zufällt. Eine wich­ti­ge Basis dafür war sicher die san­di­nis­ti­sche Land­re­form und Alpha­be­ti­sie­rungs-kam­pa­gne. Die Hilfs­wer­ke haben ihrer­seits das Selbst­be­wusst­sein der Men­schen gestärkt und die Mit­tel zur Selbst­hil­fe bereit gestellt. Die einen spra­chen von Soli­da­ri­tät, die ande­ren von Nächstenliebe.

Den­noch wer­de ich auch nach 25 Jah­ren eini­ge grund­le­gen­de Zwei­fel nicht los. Die Ent­wick­lung, die die Lebens­si­tua­ti­on der Bau­ern so ver­bes­sert hat, wur­de von aus­sen an sie her­an­ge­tra­gen. Hät­ten die Bau­ern den­sel­ben Weg beschrit­ten, hät­ten sie denn eine Wahl, respek­ti­ve die Vorraus­set­zun­gen für eine Wahl gehabt? Mit ande­ren Wor­ten: Ist unser Enga­ge­ment von damals nur posi­tiv zu wer­ten? Oder sind wir Inter­na­tio­na­lis­ten, die wir bei der revo­lu­tio­nä­ren Umge­stal­tung der Gesell­schaft mit­hel­fen woll­ten, nicht viel­mehr zu den Weg­be­rei­tern des Kapi­ta­lis­mus in eben die­ser Gesell­schaft geworden?

Nicht alle Begeg­nun­gen bei mei­nem zwei­ten Besuch im Dorf sind erfreu­lich. Zu viel hat sich ver­än­dert. So lös­te das Dorf Anfang der 90er Jah­re die revo­lu­tio­nä­re Koope­ra­ti­ve auf, mit fata­len Fol­gen für die Dorf­ge­mein­schaft. Heu­te ist das Land wie­der in Pri­vat­be­sitz, und wie vor der Revo­lu­ti­on tren­nen Sta­chel­draht­zäu­ne Fel­der und Haus­grund­stü­cke. Mit Glas­split­tern gespick­te Mau­ern und all­ge­gen­wär­ti­ge Sicher­heits­schlös­ser bewa­chen das beschei­de­ne Eigen­tum. Bei vie­len ste­hen heu­te finan­zi­el­le Inter­es­sen im Vor­der­grund. Mir bleibt die eine Fra­ge: Ist der Abgrund zwi­schen jenen, die viel haben und jenen, die wenig haben, je zu überwinden?

Ich beschlies­se, nicht nach Nica­ra­gua zurückzukehren.

Foto: zVg.
ensuite, Juni/Juli 2012



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