Steps# 12

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Von Kris­ti­na Sol­da­ti – Das wohl attrak­tivs­te Tanz­fes­ti­val der Schweiz fin­det alle zwei 
Jah­re statt. ensuite berich­tet über fünf Ver­an­stal­tun­gen: Die Schwei­zer kön­nen stolz sein auf ihr Migros-Kul­tur­pro­zent, denn es ist wohl welt­weit ein­zig­ar­tig, was der Unter­neh­mer Gott­lieb Dutt­wei­ler im Jahr 1957 ins Leben rief. Ein­ma­lig des­halb, weil die sozia­le und kul­tu­rel­le Wohl­tä­tig­keit in den Unter­neh­mens­sta­tu­ten steht. Auto­ma­tisch, ohne argu­men­tie­ren zu müs­sen, geht Jahr für Jahr ein Pro­zent des Umsat­zes des Gross­un­ter­neh­mens an die Gemein­schaft, unser Gemein­wohl: unse­re Kul­tur, Bil­dung, Frei­zeit und wirt­schaft­po­li­ti­sche Fra­gen. Dutt­wei­ler war nicht Pio­nier heu­ti­ger Pres­ti­ge-Events oder PR-Pro­mo­ti­on. Dutt­wei­ler war schlicht got­tes­fürch­tig. Die Ver­ant­wor­tung für den Schwä­che­ren folg­te dar­aus. Weil das Pro­zent umsatz- und nicht gewin­n­ab­hän­gig ist, kom­men wir auch in Kri­sen­zei­ten zu einem unge­schmä­lert attrak­ti­ven Pro­gramm-ange­bot. Das Schwei­zer Tanz-Fes­ti­val Steps gibt es zwei­jähr­lich seit 1988. Im Geis­te des Migros-Kul­tur­pro­zents ver­sucht es zum Woh­le der Gemein­schaft, die gesam­te Schweiz zu errei­chen. Es bespiel­te die­ses Jahr 29 Städ­te drei Wochen lang mit zwölf Com­pa­nien. Mit Erfolg, denn gut die Hälf­te der Ver­an­stal­tun­gen war ausverkauft.

1. Aus den Flug­ha­fen­hal­len zum Sym­po­si­um Ein ganz wert­vol­ler Bei­trag des Fes­ti­vals ist jeweils das Sym­po­si­um. Sein Sinn? Die erle­se­nen, meist aus­län­di­schen Gäs­te des Fes­ti­vals, die durch das gesam­te Land gelotst wer­den, soll­ten sich nicht nur in den Flug­ha­fen­vor­hal­len tref­fen, meint Hedy Gar­ber, Lei­te­rin der Direk­ti­on Kul­tur und Sozia­les des Migros Genos­sen­schafts­bun­des. Nein, sie soll­ten ein­be­zo­gen wer­den in inhalt­li­che Debat­ten. Zwei Drit­tel der Com­pa­nie­lei­ter von Steps #12 war auch zur Stel­le, die­ses Jahr in den Vid­mar­hal­len von Bern. Migros wünscht, aktiv Akzen­te in der Schwei­zer Kul­tur­land­schaft zu set­zen. Dass Migros för­dert und organ­siert, das wis­sen wir, aber mit sol­chen the­ma­tisch gefass­ten Fes­ti­vals und Sym­po­si­en «inves­tiert sie in Inhalte».

«Geld!» Und was ist der Inhalt die­ses Jahr? Zum ers­ten Mal soll­te der Tanz­ma­cher (Heinz Spoer­lis Begriff) im Mit­tel­punkt eines Sym­po­si­ums ste­hen, sein künst­le­ri­scher, aber auch exis­ten­ti­el­ler Wer­de­gang. «Krea­ti­vi­tät und Kar­rie­re in der Cho­reo­gra­fie» war der Titel. Neben den doch weni­gen Schwei­zer Cho­reo­gra­fen und natür­lich Tän­zern, waren Ver­an­stal­ter, För­de­rer und Medi­en­schaf­fen­de gela­den. Die Pres­se glänz­te durch Abwe­sen­heit. Das visu­el­le Medi­um art-tv wird aber auf sei­ne Kos­ten gekom­men sein, als er Hans van Manen ins Visier nahm. Der Star der Gela­de­nen war augen­schein­lich in Höchst­form. Humor­voll schil­der­te er, wie er zum Beruf kam. Wie er als Mas­ken­bild­ner in die Tanz­pro­ben lug­te – und bald für jemand ein­sprin­gen soll­te… Was wün­sche Hans van Manen für den Tanz von heu­te? Der Rat eines der erfolg­reichs­ten Cho­reo­gra­fen adres­siert an den heu­ti­gen Tanz könn­te für die Anwe­sen­den und jun­gen Cho­reo­gra­fen unschätz­bar sein. Doch auf die Fra­ge ertön­te es schlicht: «Geld!»

Die­ser beschwö­ren­de Ruf wur­de nach Manen-Manier aber sogleich humor­voll umge­wan­delt: «Wenn man den Tanz gerahmt an die Wand hän­gen könn­te, säs­sen lau­ter Mil­lio­nä­re hier…»

Gelehr­sam und mit Goe­the-Zita­ten gespickt spra­chen «Krea­ti­vi­täts­for­scher» und Kunst­hoch­schul­rek­to­ren von Krea­ti­vi­tät und sei­nen Durst­stre­cken. Ob den Betrof­fe­nen das von der Kan­zel Gesag­te hilft oder sie nur ver­stimmt, blei­be offen. Die Defi­ni­ti­on von Krea­ti­vi­tät als Neu­kom­bi­na­ti­on von Infor­ma­ti­on im Wech­sel­spiel von Kon­ver­genz und Diver­genz mag zwar bio­lo­gi­sche, psy­cho­lo­gi­sche und psych­ia­tri­sche Erfah­run­gen auf einen gemein­sa­men Nen­ner zu brin­gen. Sie trifft auf Zel­len nicht min­der zu wie auf Cho­reo­gra­fen -, und hilft in der Not kei­nen Schritt wei­ter. So wenig wie die müs­si­gen Wor­te zur Sor­ge um den Nach­ruhm. Dies ist die ein­zi­ge Sor­ge, die die eph­eme­re Kunst nicht plagt.

Reper­toir­pfle­ge als Chan­ce Eine Red­ne­rin vom Fach, Karin Her­mes, kon­sta­tier­te – zwar in ande­ren Wor­ten – wie der Tanz von heu­te rechts und links klaut. Für die Post­mo­der­ne der mobils­ten aller Küns­te, des Tan­zes, ist das durch­aus legi­tim, doch bes­ser wäre es, wenn man auch noch wüss­te, was man klaut. So plä­dier­te die Tanz­re­kon­struk­teu­rin (sie holt nota­ti­on­ge­nau Tän­ze aus der Ver­ges­sen­heit) und Cho­reo­gra­fin für die Kennt­nis aller Stil­früch­te, die auf dem Markt feil­ge­bo­ten wer­den – und für deren Fai­re­t­ra­de. Damit aber die Früch­te, noch bevor sie gene­tisch ver­än­dert (oder geklaut) wer­den, gekos­tet und ihren Namen in die Welt tra­gen kön­nen, bedür­fen sie der Märk­te. Dafür brau­chen, wenigs­tens die Früch­te der Stil­prä­gends­ten, einen wie­der­keh­ren­den Stand, an dem sie immer wie­der als «Reper­toir» her­vor­ge­holt und auf­ge­tischt wer­den kön­nen. Wir Kon­su­men­ten könn­ten so auf den Geschmack kom­men und sie unter­schei­den ler­nen, bevor sie wei­ter zube­rei­tet werden.

Inten­si­ve Tisch­ge­sprä­che Wert­voll ist die inte­grie­ren­de Idee der Tisch­ge­sprä­che, eine Rari­tät in der Tanz­sze­ne. Da För­de­rer und Ver­an­stal­ter so zahl­reich zur Stel­le waren wie die Künst­ler selbst, ent­stand ein sehr inten­si­ver, zutiefst pro­fes­sio­nel­ler und erfah­rungs­ge­la­de­ner Aus­tausch. Träum­te jemand, z.B. gegen­über Sidi Lar­bi Cher­kaoui sit­zen zu dür­fen? Dem Bel­gi­er Fra­gen zu sei­nen künst­le­ri­schen (Um)Wegen zu stel­len? Das Sym­po­si­um bot an diver­sen mode­rier­ten Tisch­run­den mit den Com­pa­nie­lei­tern des Fes­ti­vals dazu Gelegenheit.

Aner­ken­nung, so ward an die­sem Tag wis­sen­schaft­lich dar­ge­legt, ist ein fes­ter Pfei­ler der Krea­ti­vi­tät. Näm­lich für ihre Moti­va­ti­on. Doch woher neh­men? Die bel­gi­sche Tanz­för­de­rung ist welt­weit vor­bild­lich. Der Schwei­zer Cho­reo­graf der frei­en Sze­ne bet­telt (abend­fül­len­de!) pro­jekt­wei­se um Geld, wird kaum ange­kün­digt oder bespro­chen (die Schwei­zer Pres­se ist im Abbau und fusio­niert) und Fach­blät­ter gibt es kei­ne mehr (die letz­ten drei gin­gen die ver­gan­ge­nen zehn Jah­re ein). Was zuneh­mend den Ton angibt, ist die PR der Ver­an­stal­ter und ihr Geschmack…

Wie gut tut da so ein Sym­po­si­um, das wie­der alle um den Tisch sammelt!

2. «Beau­tiful Me», ein Stück mit afri­ka­ni­scher Leucht­kraft Steps stellt die­ses Jahr sei­ne Tanz­stü­cke the­ma­tisch unter den Stern stil­prä­gen­der Cho­reo­gra­fen­schick­sa­le. Und da leuch­tet Gre­go­ry Maqo­mas Stück bunt und hell. Es grenzt an ein fei­er­li­ches Wun­der, dem wir bei­woh­nen dür­fen, wenn Maqo­ma sich am eige­nen Schopf aus dem Sumpf des Town­ships Sowe­to gezo­gen ein so posi­ti­ves und sug­ges­ti­ves Werk schafft wie «Beau­tiful Me». Wie er in der Kind­heit sei­nen Namen buch­sta­bie­ren lernt (Gre­go­ry ist ein Zun­gen­bre­cher für die Xho­sa, dem Volk, dem Nel­son Man­de­la und Des­mond Tutu ange­hö­ren), hun­dert­mal, lernt er auch die Lis­te der Namen, die in sei­nem Land (trau­ri­ge) Geschich­te schrie­ben. Doch er sucht nicht Rache noch Spu­ren sei­ner Ahnen, son­dern ver­spiel­ten Dia­log. Die Spu­ren quel­len ihm ohne­hin aus den Glie­dern: Bevor er sich ver­sieht und eine aus­ho­len­de Spi­ra­le uns auf­fä­chert, ward schon die Erde ange­stampft und ihrem Geist die Kraft ent­lie­hen. Die Spi­ra­le selbst ist ein Geschenk des Inders Akram Khan, einem Schick­sals­ge­nos­sen und gefei­er­ten Cho­reo­gra­fen in Lon­don. Auch er lern­te die Kunst der Ahnen, den von den bri­ti­schen Kolo­ni­al­her­ren ver­pön­ten klas­si­schen Tanz Kathak. Auch er fand zu einer frucht­ba­ren Aus­ein­an­der­set­zung im Tanz von heu­te. Gre­go­ry sog den Kathak sei­nes Freun­des in sich auf wie begna­de­te Tän­zer es tun: wie ein Schwamm. Wenn er mit einem wei­ten Rumpf­krei­sen die anver­trau­te Spi­ra­le in die Luft zeich­net, säu­men fein­glied­ri­ge Hin­du­tanz-Fin­ger die Shi­va-fürch­ti­ge Pose. Doch dann folgt die Trans­for­ma­ti­on: Greo­go­rys Hand­flä­chen begin­nen zu schwir­ren und zu flat­tern, ein wei­sen­der Zei­ge­fin­ger ver­lässt das indi­sche Sym­bol­ge­bil­de erzäh­len­der Ges­te, um auf die eige­ne Stirn zu pochen (in Kathak ist Eigen­be­rüh­rung tabu), und auf die Brust, sie als Büs­ser nach dem Gewis­sen abzu­klop­fen. Die Bei­ne beben, doch sie fol­gen, mit­ge­ris­sen, dem wei­sen­den Fin­ger, der ihnen den fer­nen Hori­zont deu­tet. In weni­gen Minu­ten ist eine Geschich­te erzählt, die Kon­ti­nen­te und ihre Iden­ti­tä­ten ver­knüpft. Die Musik tut es ohn­hin, denn das par­ti­tur­lo­se Zusam­men­spiel der vier Musi­ker auf der Büh­ne ver­bin­det die indi­sche Sitar, Vio­li­ne, Cel­lo und Schlaginstrumente.

Wen inter­es­siert, wo die zwei Minu­ten Mate­ri­al des Co-Cho­reo­gra­fen Akram Khan ste­cken? Wen inter­es­sie­ren die vir­tuo­sen Ver­wand­lungs­küns­te, wenn Gre­go­ry von Vin­cent Man­t­soe (einem wei­te­ren Mit-Cho­reo­gra­fen) anver­trau­te Tie­rah­mun­gen voll­bringt, stelzt wie ein Fla­min­go oder her­an­pirscht wie ein Tiger? Es ist der Dia­log, der inter­es­siert, den er webt und pflegt, auch mit dem Zuschau­er. Wir hel­fen ihm am Ende, sei­nen Namen zu buch­sta­bie­ren. Wie­der­holt. «Neun­und­neun­zig», heisst’s, und ein stür­mi­scher Applaus bricht los.

3. Limón-Dance-Com­pa­ny José Limóns Wer­ke leben fort. Sei­ne fünf­zig­jäh­ri­ge Com­pa­nie ist vita­ler denn je. Sie brach­te viel Schwung und Atem in das Fes­ti­val Steps #12. Auf dem Pro­gramm stand neben Limóns Klas­si­ker «A Moo­res Pava­ne», einem dich­ten cho­reo­gra­fi­schen Meis­ter­werk von 25 Minu­ten, sein bibli­sches Stück «The­re is a Time». Es ist ein pro­gram­ma­ti­scher Tanz zu Salo­mos bekann­ter Text­stel­le «Alles hat sei­ne Zeit». Doch neben dem nach­voll­zieh­ba­ren aus­drucks­star­ken Inhalt gilt für Schritt wie Schrift: die Form ist so spre­chend wie des Pre­di­gers Wort. In der Form liegt Pro­gramm. Schon Salo­mo wand die Weis­heit in einen Rei­gen. Wie die gröss­ten Kon­tras­te im Leben dicht an dicht ihren Platz haben, so rei­hen sie sich bei Salo­mo Vers an Vers. Wei­nen und Lachen rei­chen sich die Hand. Wen wundert’s, wenn die Kreis­form José Limóns Stück «The­re is a Time» durch­webt? Sie ist am Anfang und Ende, ver­eint sinn­bild­lich die Kon­tras­te und nimmt jeden ein­zel­nen auf. Die getanz­ten Lebens­pha­sen glie­dern sich in ihr ein wie in den wie­der­keh­ren­den Zyklus der Natur der Mensch. Nach vie­lem hin und her, auf und ab mün­det bei Salo­mo das Ende der Rei­hung, der Hass und Krieg, in den Frie­den. Bei Limón wiegt sich da ein Kreis von Men­schen, ein­an­der zuge­wandt, und formt das ent­spre­chen­de Schlussbild.

Die Ver­wen­dung eines star­ken Sinn­bilds allein ist noch nicht geni­al. Geni­al bei José ist, dass Krei­se wie unmerk­li­che Ket­ten­glie­der die Cho­reo­gra­fie durch­zie­hen. Es kreist der Ober­kör­per oder ein ima­gi­nä­res Gewicht rollt im Halb­rund der Arme. Es krei­sen die Köp­fe, die durch die Flieh­kraft einer Dre­hung aus­schwin­gen. Wenn der Dreh­punkt nicht in einem Kör­per liegt, son­dern in der Mit­te vie­ler, etwa beim Rei­gen, so schweis­sen die Tän­zer sich gegen die Flieh­kraft zusam­men. Eine so anste­cken­de Erschei­nung, die beim Kreis­tanz zum Ein­rei­hen ein­lädt: fest am Nach­barn ver­an­kert ist solch kraft­vol­ler Schwung nur in Gemein­schaft zu erfah­ren und vor allem: wie­der ein­zu­fan­gen. Ein in Wogen aus­pen­deln­des Phä­no­men, das in der Aus-Zeit von Kreis­tän­zen ein sel­te­ner Blick­fang ist.

Die Limón-Dance-Com­pa­ny pflegt aber nicht nur das Erbe. Sie belebt auch die Geschich­te, die um José her­um die Gros­sen präg­te. Bei­spiels­wei­se mit Anna Soko­lovs Stück aus dem Jahr 1955, das in Bern zu sehen war. Es macht uns das poli­tisch und gesell­schafts­kri­ti­sche Enga­ge­ment des moder­nen Tan­zes wie­der bewusst. Sti­lis­tisch eckt und schreit es, und kün­det vom (deut­schen) Aus­drucks­tanz. Und schliess­lich ver­mit­telt die Com­pa­nie ihre jüngs­ten Spros­se, wie in Zürich zu sehen war: eine flies­sen­de Cho­reo­gra­fie des ehe­ma­li­gen Solis­ten Clay Taglioferro.

4. Hip Hop wird Kunst Was wünscht man sich mehr, als dass ein Durch-und-durch-Künst­ler wie Bru­no Bel­trao sich einem Sprach­ko­dex wie dem Break Dance annimmt, noch bevor die­ser gänz­lich zur Attrak­ti­on ver­kommt? Bru­no Bel­trao lern­te den Kodex auf den Stras­sen der Vor­stadt von Rio de Janei­ro 1980. Mit 16 barst sei­ne Krea­ti­vi­tät und er grün­de­te sei­ne eige­ne Com­pa­nie. Mitt­ler­wei­le setzt er den Break Dance dem cho­reo­gra­fi­schen Know-how von heu­te aus.

Das wird am Pro­gramm­heft deut­lich, wo er gros­sen Wert auf den Ein­satz von Raum legt. Die­ser mag für den Break Dance der Hin­ter­hö­fe eine immense Errun­gen­schaft sein, der Zuschau­er nimmt ihn gelas­sen für ein Aprio­ri. Doch Bel­trao setzt damit Mass­stä­be: Nie wie­der wer­den wir durch­ge­hen las­sen, wenn Break-Dance-Figu­ren sich auf der Büh­ne in schä­bi­gen For­ma­tio­nen (womög­lich geo­me­tri­schen..) gesel­len. Wenn ehe­dem pro­vo­ka­ti­ve Ein­zel­kämp­fer beim Bat­teln zu gereih­ten Show­dan­cern ver­kom­men. Dank sei also dem Hel­den der Kunst wie Bel­trao, der neue (Raum)Wege sucht.

Atem­be­rau­bend ist ein Weg, den er sei­ne neun Tän­zer flit­zen lässt. Man kennt ihn zwar, es ist die Manè­ge, doch auf die Rich­tung kommts an: Rück­wärts rasen die ath­le­ti­schen Kör­per ohne Geschwin­dig­keits­be­schrän­kung. Über­ho­len gibt’s durch­aus. Doch beson­ders beein­dru­ckend sind die Aus­weich­ma­nö­ver des Gegen­ver­kehrs. Nein, sie schau­en nicht zurück. Auch nicht im Rück­spie­gel. Ihr blin­des Abge­stimmt­sein ist die Quint­essenz des Abends. Hat­ten die Indi­vi­du­en von Anbe­ginn an Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­ble­me, gegen Ende läuft’s rei­bungs­los. Waren zu Beginn die Phra­sen der Ein­zel­nen mono­lo­gisch selbst im Duett, gegen Ende tan­zen neun gemein­sam. Hat­ten die Phra­sen anfangs unab­seh­ba­re Schluss­punk­te – ein Kopf, der statt einem i‑Tüpfelchen nur abknickt, eine Schul­ter die ver­krampft in die Höhe zuckt -, sind sie nach einer Stun­de abge­run­det. Lief zu Beginn der Aus­tausch über miss­glück­te Über­sprung­hand­lun­gen, das zucken­de Hand­ge­lenk, das aus­büchst und am Hin­ter­kopf des Neben­mann zur Ruhe kommt, kreis­te am Ende ein seli­ger Rei­gen. Auch wenn das vier­bei­ni­ge Krei­seln ohne anzu­ecken an die wort­lo­se Ver­stän­di­gung unse­rer lang­ar­mi­gen Vor­fah­ren erinnert…

5. Tri­lo­gie­ab­schluss: Babel(words) Der gefei­er­te Cho­reo­graf Sidi Lar­bi Cher­kaoui hat unlängst in Brüs­sel das Abschluss­werk sei­ner Tri­lo­gie prä­sen­tiert: «Babel(words)». Das Tanz­fes­ti­val STEPS hol­te es tau­frisch in die Schweiz. Die Tri­lo­gie han­delt mit huma­nis­ti­schem Anspruch von den Höhen und Tie­fen mensch­li­cher sowie reli­giö­ser Bezie­hung. «Babel(words)» ist ein thea­tra­li­sches Werk, des­sen Eklek­tik wohl Pro­gramm ist.

Am Anfang war das Wort. So beginnt die Bibel. Am Anfang war die Ges­te, so beginnt dage­gen Cher­kaou­is «Babel». Die Ges­te ging dem Wort vor­an, heisst es da. Doch Ges­te und Wort, die das behaup­ten, sind syn­the­tisch wie eine Robo­ter­stim­me und die abge­nut­ze Zei­chen­spra­che einer Ste­war­dess an Board. Wie aber mag die Ges­te ehe­dem unver­braucht gewe­sen sein?

Da ertö­nen Trom­meln (der fünf gross­teils ori­en­ta­li­schen Musi­ker) und die bun­te Arbei­ter­trup­pe des Turms zu Babel hin­ter der Start­li­nie setzt ihre ers­te Ges­te: Sie mar­kiert ihr Gelän­de. Eine gute Elle bis zum Nach­barn, an den man stösst. Der wie­der­um reagiert und mar­kiert: sein Ter­ri­to­ri­um, eine Elle. Und so fort. Kurz­ge­fass­te Droh­ge­bär­de reiht sich wie der Trom­mel­schlag, zuneh­mend aggres­siv. Dia­go­nal in den Lüf­ten arre­tier­te Fuss­soh­len gren­zen ihren Raum ab und wan­deln rhyth­mi­siert sich zum Kampf­sport ohne Berüh­rung. Die Eigen­räu­me über­schnei­den sich, eine Elle greift bis in die Kern­zo­ne des andern, die Glie­der drin­gen ein wie Enkla­ven. Schon früh lernt der Mensch, wie man mit andern den sel­ben Raum teilt. Respekt­for­dernd. Gewaltig.

Dann kommt die Neu­gier und Ent­de­ckung des ande­ren. Die Ent­de­ckung auch der Mani­pu­la­ti­on. Die syn­the­tisch wir­ken­de Ste­war­dess-Figur, eine Über­spit­zung unse­res Schön­heits­ide­als, ist näm­lich steu­er­bar. Gelen­ke und jed­we­de Aus­wöl­bung sind eine Kla­via­tur, an der sich genüss­lich zwei Asia­ten bedie­nen. Ein Hebeln bewirkt den Knick im Ell­bo­gen, ein Druck das Dre­hen des Hal­ses. Die pas­sen­de neu­ro­wis­sen­schaft­li­che Recht­fer­ti­gung lie­fert uns wort­reich ein Intel­lek­tu­el­ler – doch lei­der hat er uns zuvor schon erfolg­reich die prak­ti­schen und meta­phy­si­schen Vor­zü­ge des gigan­ti­schen Wür­fel-Designs (Büh­nen­bild: Ant­o­ny Gorm­ley) ver­kauft. Wir wer­den miss­trau­isch… Jede Ges­te des Red­ners sitzt, der Ton­fall ist ein­stu­diert wie der abge­brüh­ter Ver­tre­ter. Auf des­sen Rhyth­mus echot das Ensem­ble syn­chron sei­ne Gebär­de. Im Rhyth­mus fin­det jede Gebär­de ein Gegen­über, an dem sie ange­hef­tet wird. Wie eine Bro­sche, oder eben – ein Manö­ver. Denn jeder Druck mani­pu­liert: Er knickt Ell­bo­gen und dreht einen Hals. «Das Fron­tal­hirn feu­ert die­sel­ben Neu­ro­nen, ob wir berührt wer­den oder ande­re berührt sehen. Was auf die Empa­thie­leis­tung des Men­schen hin­weist» säu­selt der Spre­cher. Oder auf das Know-how sei­ner Mani­pu­la­ti­on. Ein­füh­lung und Ein­wir­kung gehen oft Hand in Hand wie Cher­kaou­is Paa­re es zei­gen: Inein­an­der ver­trackt und ver­zahnt han­tie­ren sie anein­an­der her­um, kein Mensch weiss mehr, wer steu­ert und wer reagiert. Eine Bewe­gungs­ma­schi­ne­rie mit vier Ell­bo­gen und zwei Häl­sen, Impuls­ge­ber und ‑emp­fän­ger in einem. Faszinierend.

Als letz­tes, nach schwin­del­erre­gend gedreh­ten und getürm­ten Rie­sen­wür­fel auf der Büh­ne, erfasst eine sehr erde­ne Bewe­gung das Ensem­ble. Eva (Nava­la Chaud­ha­ri) ver­führ­te bereits Adam, schlan­gen­gleich wand sie sich an ihm hoch und run­ter, umschlang ihn mit den Bei­nen und zog ihn, den Erschöpf­ten, schliess­lich zu Boden. Ein ful­mi­nan­ter erd­ver­haf­te­ter Tanz brei­tet sich da aus. Mit nack­tem Ober­kör­per ist die Eva-Figur mal Nym­phe, mit glän­zen­der Haut dann wie­der Schlan­ge. Sie bäumt und wölbt sich in alle erdenk­li­che Rich­tun­gen, sie schleu­dert die Extre­mi­tä­ten des einen Kör­per­en­des zum ande­ren, ein viel­sei­ti­ges Vor­an­kom­men (wüss­te man nur, wo das Ziel ist). Beu­gen und schwin­gen lässt es sich vor­züg­lich auch mit ande­ren, und so steckt sie im Nu die Meu­te um sie her­um an, alles kreucht und fleucht, über­sät den gesam­ten Boden. Der Atem ver­bin­det sie und schweisst die Bewe­gung zu einem Guss. Er macht die Ener­gie hör­bar, wie sie in einer flies­sen­den Spi­ra­le im Über­schwang die Kör­per immer wie­der hoch­schraubt und sich manns­hoch ent­lädt. Oder saugt der Atem samt hoch­flie­gen­der Arme an die­sen Wen­de­punk­ten dem Him­mel Kraft ab, um sie im Kreis auf den Boden gewun­den zu erden? Eine Trance der Wie­der­ho­lung zwi­schen den Gegen­sät­zen. Ekstatisch.

Doch wie folgt eine Bewe­gungs­spra­che aus der ande­ren? Wie löst die fas­zi­nie­ren­de die gewal­ti­ge ab, war­um folgt die eksta­ti­sche danach? Chro­no­lo­gie im Werk ist seit Cun­ning­ham & Cage als ein Zufalls­spiel ent­larvt. Doch im Gegen­satz zu jenen schürt Sidi Lar­bi Cher­kakoui mit viel Sym­bo­lik unse­re Erwar­tung. Ver­knüpft sind die ver­schie­de­nen Bewe­gungs­spra­chen ledig­lich durch Wor­te, die wohl­weiss­lich lose per­len kön­nen, nicht nur seit dem Fall von Babel. Wir fin­den kei­ne Strin­genz in der Bewe­gungs­dra­ma­tur­gie, noch eine cho­reo­gra­fi­sche Hand­schrift (zumal zwei zusam­men­ar­bei­ten: Dami­en Jalet ist lang­jäh­ri­ger Co-Cho­reo­graf). Die sti­lis­ti­sche Eklek­tik ist Merk­mal der Cho­reo­gra­fen-Gar­de, die wie Cher­kaoui aus der Wie­ge der Com­pa­nie C de la B stammt. Wir las­sen die Eklek­tik, spek­ta­ku­lär an die­sem Abend dar­ge­bo­ten, dem gefei­er­ten Wun­der­kind Sidi Lar­bi Cher­kaoui des The­mas zulie­be gern durch­ge­hen. Zur Sprach­ver­wir­rung paart sich Tanz­viel­falt. Doch nach die­ser Tri­lo­gie war­ten wir auf eine Läu­te­rung. Auch Genies, nicht nur ara­bi­sche, ver­tra­gen ein Fasten.

Das Fes­ti­val Steps ist und bleibt einer der Höhe­punk­te im Tanz­an­ge­bot der Schweiz, das durch­aus auch im Aus­land als sol­cher wahr­ge­nom­men wird. Wir freu­en uns auf die nächs­te span­nen­de Ausgabe.

Der Aus­blick auf eini­ge aus­ge­wähl­te Tan­ze­vents für den Som­mer lesen Sie auf
tanzkritik.net

Bild: Bru­no Bel­trão & Gru­po de Rua, Bra­si­li­en / Foto: B. Beltrão
ensuite, Juni/Juli 2010



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