Bild: TANZ 2 Choreografien von Olivier DŠhler und Ken Ossola URAUFF†HRUNGEN SPIELZEIT 2009/2010 PREMIERE am 20. FEBRUAR 2010 im Luzerner Theater White Lies von Ken Ossola Musik: Dmitri Schostakowitsch, Kammersinfonie fŸr Streichorchester, op. 110a (Instrumentation: Rudolf Barschai) PRODUKTIONSTEAM: Ken Ossola (Choreografie+ Konzept), Eduard Hermans (KostŸme), Kess Tjebbes (BŸhne, Licht, Konzept), Brigitte Knš§ (Dramaturgie) TANZ: Madeleine Christ, Chiara dal Borgo, Samuel DŽniz Falc—n, Rachel Lawrence, Ha Young Lee, Cecilia de Madrazo Abad, Salome Martins, Andrea Mirabile, Ihsan Rustem, Davidson Santos de Farias, Luca Signoretti, Bert Uyttenhove ƒLETEM ! von Oliver DŠhler Musik: BŽla Bart—k, Viertes Streichquartett, live gespielt vom Merel Quartet, ZŸrich PRODUKTIONSTEAM: Oliver DŠhler (Choreografie, BŸhne), Catherine Voeffray (KostŸme), GŽrard Cleven / David Hedinger (Licht), Brigitte Knš§ (Dramaturgie) TANZ: Madeleine Crist, Chiara dal Borgo, Rachel Lawrence, Ha Young Lee, Cecilia de Madrazo Abad, Salome Martins; Samuel DŽniz Falc—n, Davidson Santos de Farias, Andrea Mirabile, Ihsan Rustem, Luca Signoretti, Bert Uyttenhove

Luzern leis­tet

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Luzern leis­tet sich der­zeit eini­ges: ein gutes Bal­lett und den Bau einer High-Tec-Modul­hal­le. Auch wenn, wie oft, das eine für das ande­re geop­fert wer­den soll. Im Novem­ber 2009 hat­te der Stadt­rat als Spar­mass­nah­me vor­ge­schla­gen, das geplan­te Musik­thea­ter als Ein­spar­ten­haus zu betrei­ben und Schau­spiel sowie Tanz in die freie Sze­ne zu ver­la­gern … Nun, da ist wich­tig, dass die künst­le­ri­sche Qua­li­tät Zei­chen setzt. Und dass sie lan­des­weit wahr­ge­nom­men wird. So beschei­nig­te der vom Rund­funk DRS ange­reis­te Kri­ti­ker, der Luzer­ner Tanz sei von über­re­gio­na­lem Interesse.

Seit die­ser Spiel­zeit lei­tet Kath­le­en McNur­ney, jah­re­lan­ge Solis­tin bei Heinz Spoer­li und cho­reo­gra­phi­sche Assis­ten­tin bei Richard Wher­lock, den «Tanz Luzer­ner Thea­ter». Für den «tech­ni­schen Stan­dard» war sie schon bei jenen zustän­dig, man kennt das Resul­tat, nun ist sie es in Luzern. Die Com­pa­gnie blüht. Wie aber sieht es mit dem künst­le­ri­schen Stan­dard aus? Dafür sind die Gast­cho­reo­gra­phen zustän­dig. An die­sem zwei­ten Bal­lett­abend der Spiel­zeit 2009/10 sind zwei Schwei­zer an der Rei­he. Oli­ver Däh­ler, der am «Roy­al Bal­let Lon­don» aus­ge­bil­det und im «König­li­chen Bal­lett von Flan­dern» tanz­te, sowie Ken Osso­la, der von Genf aus direkt zum «Neder­lands Dans Thea­ter NDT» ging.

Zwei anspruchs­vol­le Kam­mer­mu­sik­stü­cke von Béla Bar­tók und Dimi­t­ri Schost­a­ko­witsch ste­hen auf dem Pro­gramm. Für das ers­te liess Oli­ver Däh­ler, der­zeit Bal­lett­meis­ter Luzerns, das jun­ge «Merel Quar­tet» anrei­sen. Ihr fri­scher gewag­ter Strich ist ganz in Bar­tóks Sin­ne und dyna­mi­sier­te augen­schein­lich die Tanz­trup­pe. Als aus­ge­bil­de­ten Musi­ker reizt es wohl Oli­ver Däh­ler, cho­reo­gra­phisch mit der Musik in Dia­log zu tre­ten. Mal greift er einem prä­gnan­ten Akzent vor, wenn eine «Sie» an einen «Ihn» her­an­rennt und im Sprung ihr Bein wie ein Gewehr über die Schul­ter wuch­tet. Der schrä­ge Cel­lo-Ein­satz folgt nach wie ein Auf­schrei. Mal greift er den Cha­rak­ter her­aus, wenn die folk­lo­ris­tisch durch­setz­te Musik zum kecken Paar­tanz in volks­tüm­li­cher Kreis­for­ma­ti­on ver­lei­tet. Däh­lers Bewe­gungs­stil ist kom­plex, ori­en­tiert an den ganz Gros­sen mit dem Mate­ri­al der Gegen­wart. Hans van Manens geschlos­sen enges Män­ner­quar­tett im syn­chro­nen Gleich­schritt auf «die Gros­se Fuge» zeig­te ihm wohl, wie man dem stren­gen Ernst eines Stücks gewach­sen ist. Geor­ge Balan­chi­ne wie man form­ver­liebt Koket­te­rie begeg­net. New Yorks boden­be­gie­ri­ge Tän­zer­ge­ne­ra­ti­on der Jetzt-Zeit wie­der­um alles vom Glei­ten bis zum Kopf­stand (O. Däh­ler weil­te dort dank eines Sti­pen­di­ums). Die­ses Amal­gam: Ist es eine Anleh­nung an den Sezes­si­ons­stil (ver­spiel­ter Jugend­stil der K.u.K‑Monarchie Ungarns zur Zeit des jun­gen Bar­tóks) oder an den heu­ti­gen Patch­work-Geschmack? Die Vir­tuo­si­tät kommt so zumin­dest zum viel­sei­ti­gen Ein­satz, auch wenn man dem unge­wöhn­li­chen Poten­zi­al des jun­gen Cho­reo­gra­phen nun ein stil­les tie­fes Was­ser als Quel­le zum Schöp­fen wünscht. Und noch vie­le so gute Tän­zer, bis er sei­ne unver­wech­sel­ba­re Spra­che findet.

Mut zur Lang­sam­keit dage­gen hat­te der schon eta­blier­te Ken Osso­la in «White Lies». Die lang­jäh­ri­ge Rou­ti­ne mit viel­sei­ti­gen und arti­ku­lier­ten Tän­zern för­dert wohl die Mus­se, sich der ver­steck­ten Kom­ple­xi­tät ein­fa­cher Bewe­gung zu wid­men. Aus­ein­an­der­stre­ben­de Glie­der erhal­ten einen Drall oder wer­den wie von einem schwar­zen Loch, das sich unver­blümt an einer Kör­per­stel­le auf­tut, plötz­lich ein­ge­so­gen. Die Freu­de an der Recher­che von Bewe­gung ist dem Cho­reo­gra­phen asia­ti­scher Her­kunft anzu­se­hen. Dabei rei­zen ihn augen­schein­lich die Gegen­sät­ze und Wider­sprü­che. Wäh­rend in trau­ter Zwei­sam­keit eine Frau sich dem Mann rück­lings über­lässt und in die Arme fällt, lau­fen ihr die Füs­se fast davon. Wenn ein lyri­scher Grund­ton mit expres­si­ven Aus­fäl­len durch­setzt wird, stammt es aus der guten Jií-Kylián-Tra­di­ti­on. Ken Osso­la hat bei ihm bes­te Schu­lung erhalten …

Kon­tras­te regie­ren allent­hal­ben: Wenn ein beein­dru­cken­des Paar (Ihsan Rus­tem und Rachel Law­rence) ner­vös mit­ein­an­der aus­zu­kom­men sucht, Bein und Tor­so dar­auf aber kei­ne Rück­sicht neh­men, durch­zie­hen zwei ande­re schlaf­wand­le­risch die Büh­ne. Wenn das Stück mit abflau­en­der Ener­gie endet wie auf der Büh­ne das Paar, das zuneh­mend auch ohne Kom­mu­ni­ka­ti­on sich ver­steht, sit­zen zwei vorn und – zie­hen uns Gri­mas­sen. «Humor dabei darf nicht feh­len …» heisst’s schon im Programmheft.

Das Werk nahm Inti­mi­tät ins Visier, abwechs­lungs- und facet­ten­reich. Mit schar­fem Blick für die klei­nen und grös­se­ren Unstim­mig­kei­ten bei sowas wie Ver­trau­lich­keit. Doch wo bleibt die Trag­wei­te der Musik? Sie sei Aus­gangs­punkt zu Ken Osso­las Arbeit gewe­sen, steht geschrie­ben. Das Streich­quar­tett Nr. 8 op. 110 ist eine bedeut­sa­me Trau­er­mu­sik, über den Trüm­mern Dres­dens ent­stan­den, und man sagt, sie sei Schost­a­ko­witschs eige­ner Abschied. Hier in der orches­tra­len Fas­sung (op. 110a) schwingt auch noch Fül­le mit. Doch was gehört ward, war nicht gese­hen. Kei­ne Dra­ma­tik, kei­ne schick­sals­schwan­ge­re Dyna­mik. Muss natür­lich nicht sein. Wenn sol­che Musik aber zu «Not­lü­gen», wie der Tanz heisst, inspi­riert, da fragt man sich doch …

Wie immer Tanz sich zur Musik ver­hält: Anspruchs­vol­ler Tanz, zumal in ver­schie­de­nen Sti­len ver­siert, ist von schweiz­wei­tem Inter­es­se. Einen sol­chen soll­ten sich die Schweiz, die kaum eine Hand­voll davon insti­tu­tio­nell hat, und Luzern leis­ten. Der Stadt­rat tat gut dar­an, vor einem Monat vom Plan der Strei­chung der Spar­te Tanz (und Schau­spiel) «zurück­zu­kreb­sen». Auf dass uns Qua­li­tät erhal­ten bleibt!


Bild: TANZ 2. Cho­reo­gra­fien von Oli­vi­er Daeh­ler und Ken Osso­la, Urauf­füh­run­gen Spiel­zeit 2009/2010, Pre­miè­re am 20.02.2010 im Luzer­ner Thea­ter. Foto © Tan­ja Dorendorf. 

Publi­ziert: ensuite Aus­ga­be Nr. 88, April 2010



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