Bild: PŠdu Zeller, Musiker (Morphologue) am 2. Dezember 2008. © Marco Zanoni

Aus­flü­ge des Pop

Von

|

Drucken

Von Andy Lima­cher – Play Patrik: Ver­sa­ti­le: Mit dem Zigeu­ner-Pop der Feet Peals und dem Elec­t­ro-Pop von Mor­pho­lo­gue zieht der Musi­ker Patrik Zel­ler seit eini­gen Jah­ren durchs Land. Unter dem Namen Play Patrik hat der Ber­ner Ende März nun sein ers­tes Solo-Album «Ver­sa­ti­le» ver­öf­fent­licht und setzt dabei auf das, was er am bes­ten kann: Pop­mu­sik in sei­nen ver­schie­dens­ten Facet­ten zu zeigen.

Beim ers­ten Durch­hö­ren von «Ver­sa­ti­le» fällt vor allem die Lie­be Zel­lers zu den Acht­zi­ger­jah­ren auf. So erin­nern Rhyth­mik und Syn­the­si­zer von «Our Dreams To Reach» pas­sa­gen­wei­se an The Cure und der Cho­rus von «Too Shy To Dance» ruft unver­meid­lich Asso­zia­tio­nen mit Depe­che Mode her­vor. Hier han­delt es sich um durch­aus gelun­ge­ne Kom­po­si­tio­nen, aber erst bei «East­west Col­la­bo­ra­ti­on» zei­gen sich die wah­ren Qua­li­tä­ten von Play Patrik: Mei­ne Turn­schu­he begin­nen zu leuch­ten, die Son­nen­bril­le fühlt sich dop­pelt so cool an und in mei­ner Sport­ta­sche befin­den sich nicht mehr lang­wei­li­ge Pro­spek­te, son­dern ein Hau­fen Geld, den ich gleich einer zwie­lich­ti­gen Gestalt über­ge­ben wer­de. So fühlt sich der Elec­t­ro-Track an – wie Film­mu­sik, die dem Han­deln des Prot­ago­nis­ten die nöti­ge Wich­tig­keit verleiht.

Über­haupt schwingt die­ses Film­ele­ment in vie­len Songs mit. Beim Refrain von «My Space» stel­le ich mir die Gast­mu­si­ke­rin Nico­le Her­zog in einem lan­gen roten Kleid auf der Büh­ne eines ver­rauch­ten Clubs um die letz­te Jahr­hun­dert­wen­de vor, und der Cho­rus von «Cool Cat» des Ber­ner Jazz-Sän­gers Andre­as Schä­rer ruft bei mir erneut Bil­der einer Geld­über­ga­be her­vor – die­ses Mal aller­dings in einer dunk­len Sei­ten­gas­se New Yorks. Hier zeigt sich die gros­se Fähig­keit Zel­lers, mit sei­nen Arran­ge­ments Bil­der zu erzeu­gen. Dazu trägt sicher bei, dass der Ber­ner meh­re­re Pro­jek­te in den Seg­men­ten Sound Iden­ti­ty und Film­mu­sik ver­folgt und Kom­po­nist bei so unter­schied­li­chen For­ma­tio­nen wie Feet Peals und Mor­pho­lo­gue ist. «Die Feet Peals sind mein ers­tes musi­ka­li­sches Pro­jekt. Als Lern­feld ging es hier vor allem um das Akkor­de­on und fran­zö­si­sche Tex­te. Bei Mor­pho­lo­gue kann ich mei­ne Elec­t­ro-Lei­den­schaft aus­le­ben. Mit Play Patrik woll­te ich den Mut fin­den, etwas ganz eige­nes zu machen und mei­ne Lie­be zum Pop zum Aus­druck zu brin­gen», so Zeller.

Die­se Lie­be zum Pop ist auf «Ver­sa­ti­le» als roter Faden durch­wegs spür­bar, ob Zel­ler nun mit ein wenig Drum’n’Bass («Sur­fa Inter­mez­zo»), ein biss­chen Swing («I Love You») oder sogar einem Quent­chen Ska («Indi­vi­dua­li­ty») lieb­äu­gelt. In der Expe­ri­men­tier­freu­dig­keit mit ver­schie­de­nen Sti­len liegt die Stär­ke des Albums: Die meis­ten Kom­po­si­tio­nen wer­den sich auch nach meh­re­ren Zug­fahr­ten und WG-Essen noch als inter­es­sant erwei­sen. Die­je­ni­gen Songs aller­dings, die zu stark auf den Pop allein set­zen und mit denen Zel­ler gleich­zei­tig ver­sucht, den aktu­el­len Indie-Trend auf­zu­neh­men, dürf­ten ihren Reiz schnell ver­lie­ren – hier schwä­chelt «Ver­sa­ti­le». Dar­über hin­aus sticht einem gera­de bei die­sen Arran­ge­ments das noch unge­schlif­fe­ne Eng­lisch in Zel­lers Tex­ten am meis­ten ins Ohr.

Den­noch geht das Kon­zept auf. Seit der Gene­ra­ti­on iTu­nes-Store gilt es ja, neben den klas­si­schen Album-Hörern auch den neu­en Typus des Play­list-Klemp­ners anzu­spre­chen. Eine Pro­duk­ti­on ist also ver­mut­lich dann am erfolg­ver­spre­chends­ten, wenn das Album als gan­zes schmeckt, sich die ein­zel­nen Songs aber gleich­zei­tig auf mög­lichst unter­schied­li­che Lis­ten ver­tei­len las­sen. Der Pop­an­teil als ver­bin­den­des Ele­ment macht «Ver­sa­ti­le» einer­seits für die ers­te Gat­tung attrak­tiv, die Expe­ri­men­tier­freu­dig­keit ande­rer­seits wird beson­ders die zwei­te Gat­tung anspre­chen – hier gelingt Zel­ler ein cle­ve­rer musi­ka­li­scher und mar­ke­ting­tech­ni­scher Spagat.

Dar­über hin­aus schafft der ers­te Wurf von Play Patrik mit Songs wie «Too Shy To Dance» oder «East­west Col­la­bo­ra­ti­on» eine soli­de Grund­la­ge für die Live-Umset­zung. Wer Zel­lers bis­he­ri­ge Pro­duk­tio­nen kennt, weiss, dass man von sei­nen Gigs eini­ges erwar­ten darf. Gera­de die Viel­sei­tig­keit dürf­te hier erneut ein Trumpf sein. «Der Spass steht im Vor­der­grund – ich habe alle Musi­ker zu Mul­ti-In-stru­men­ta­lis­ten ver­knurrt», sagt Zel­ler und lacht.

Eine ers­te Gele­gen­heit in der Regi­on, Play Patrik mit Mirio Bäh­ler (Schlag­zeug), Lukas Has­ler (Bass), Raphaël Habe­rer-Proust (Key­boards) und Lukas Frei (Trom­pe­te) live zu erle­ben, bie­tet sich am 4. Juni im BeJazz-Club in den Vidmarhallen.

Foto: zVg.
ensuite, Juni/Juli 2009



Newsletter

SPENDEN!

Einen Text gelesen und der hat gefallen? Spende per TWINT ein paar Franken - ohne Abo, aber mit gutem Gewissen. Geht doch auch.