Die Unbe­rühr­ba­ren

Von

|

Drucken

Von Gabrie­la Wild – «Scheis­se», platz­te der Inder aus dem Spei­se­wa­gen. Er hielt kurz inne, als er sie erblick­te. «Scheis­se», wie­der­hol­te er dann doch. Schnau­bend stapf­te er in das ers­te Zug­ab­teil. Sein Roll­kof­fer rum­pel­te und duck­te sich wie ein reu­iger Die­ner hin­ter ihm.

Sie streck­te den Hals, reck­te den Rücken. Die Scheiss­wor­te soll­ten sie nicht in den Spei­se­wa­gen begleiten.

Er sass am Fens­ter. Die Lek­tü­re hat­te er nicht wie­der auf­ge­nom­men. Er ging noch ein­mal die Sze­ne durch, die sich eben vor sei­nen Augen abge­spielt hat­te: Der Inder, der an dem Tisch hin­ter ihm geses­sen hat­te, war in Zürich aus­ge­stie­gen. Er hät­te ihn nicht bemerkt; das rum­peln­de Geräusch, mit dem der Roll­kof­fer über die Schwel­le gezo­gen wur­de, liess ihn auf­bli­cken. Dar­auf ver­sank er gleich wie­der in sei­nen Lese­stoff. Kurz vor der Abfahrt stürz­te der Inder auf­ge­bracht in den Spei­se­wa­gen zurück. «Mei­ne Brief­ta­sche! Haben sie mei­ne Brief­ta­sche gese­hen?» Die Fra­ge war nicht an eine bestimm­te Per­son gerich­tet, viel­mehr an alle im Spei­se­wa­gen ver­sam­mel­ten. Nie­mand reagier­te. Eini­ge schau­ten ver­dutzt, als müss­ten sie erst die Bedeu­tung der Fra­ge begrei­fen. Er schüt­tel­te den Kopf, als der dro­hend-fle­hen­de Blick des Inders ihn traf. Der Inder wank­te auf den Kell­ner zu. Die­ser zog die Ach­seln hoch und die Mund­win­kel run­ter wie ein belei­dig­ter Ita­lie­ner. Der Zug roll­te an. «Scheis­se! Ich habe ein wich­ti­ges Mee­ting in Zürich! Mein gan­zes Geld! Mei­ne Kre­dit­kar­ten!» Ein plum­per Herr betrat den Spei­se­wa­gen. Ob sein Porte­mon­naie viel­leicht gefun­den wor­den sei, frag­te er in brei­tem Dia­lekt. «Ihnen auch! Ihnen wur­de auch die Brief­ta­sche gestoh­len!» stürz­te sich der Inder sogleich auf den Dazu­ge­kom­me­nen. Er hoff­te, end­lich einen Ver­bün­de­ten, einen Hel­fer, einen Mit­klä­ger gefun­den zu haben. Er schwank­te. Trotz sei­nes breit­bei­ni­gen Schrit­tes muss­te der Inder sich auf der aus­ge­fah­re­nen Hal­te­rung sei­nes Roll­kof­fers abstüt­zen, damit er nicht vorn­über kipp­te. Der Plum­pe zog die Ach­seln hoch und die Mund­win­kel run­ter wie ein bestoh­le­ner Schwei­zer. In die­sem Fal­le schon, mein­te er resi­gniert. «Man muss die Poli­zei benach­rich­ti­gen. Holen sie die Poli­zei!» Der Plum­pe liess sich auf einen lee­ren Stuhl fal­len. Der Inder dreh­te sich ver­zwei­felt in alle Rich­tun­gen, such­te unter den Fahr­gäs­ten jeman­den, der sich von sei­nem Auf­ruf ange­spro­chen fühl­te. «Gibt es in die­sem Zug kei­ne Poli­zei?» wand­te er sich an den Kell­ner. Der Kell­ner ver­wies auf die Tür, er sol­le sich beim Schaff­ner mel­den. «Aber mei­ne Kre­dit­kar­ten! Man muss sofort mei­ne Kre­dit­kar­ten sper­ren!» und «Scheis­se. Sowas pas­siert in Euro­pa!» rief der Inder über die Ölgöt­zen von Fahr­gäs­ten. Der Kell­ner wies ihm die Tür. Zum Schaff­ner. Immer gera­de­aus. Der Inder zog mit sei­nem Roll­kof­fer ab. Flu­chend, im Schau­kel­gang, als wäre er auf dem Deck eines Damp­fers in Seenot.

Dann betrat sie den Spei­se­wa­gen. Sie muss­te dem wüten­den Inder begeg­net sein. Ihre lin­ke Augen­braue lag noch in Run­zeln, obwohl sie sich bemüh­te, gelas­sen zu sein. Sie setz­te sich ans Fens­ter, ihm schräg gegenüber.

Der Plum­pe liess sich ein Bier brin­gen. Sei­ne Tisch­nach­ba­rin hat­te ihn auf­ge­for­dert etwas zu bestel­len, weil sie sich zu einer auf­mun­tern­den Ges­te ver­pflich­tet fühl­te. Nach­dem sie sich ver­ge­wis­sert hat­te, sich auf kei­ne Kon­ver­sa­ti­on ein­las­sen zu müs­sen, tat sie dies gene­rös. Schwei­gend trank er sein Bier, erleich­tert, dass ihm das Schick­sal einen Streich gespielt hat­te. Nun sass er als Opfer in die­sem Zug. Jeder wür­de Ver­ständ­nis haben. Nicht mal ein Bil­lett brauch­te er für die unfrei­wil­li­ge Fahrt nach Bern zu kau­fen. Was kann man schon machen ohne Portemonnaie.

Er bemerk­te sie. Im reg­lo­sen Gesicht gli­chen ihre Augen zwei jun­gen, über­mü­ti­gen Kat­zen. Der zum Fens­ter hin­aus­ge­wor­fe­ne Blick zwang die Augen in Sekun­den­bruch­tei­len auf ein neu­es Objekt zu sprin­gen. Ihre Fin­ger­spit­zen am Kinn, ver­ges­sen gegan­gen. Sei­ne Augen ruh­ten. Ruh­ten auf ihr, leg­ten sich auf sie, unver­schämt scheu. Er zoom­te sich zu ihr hin. Sah die hauch­dün­nen Fal­ten ihrer weis­sen Stirn, zoom­te sich von ihr weg, sah ihre ele­gan­te Gestalt, wie sie auf der Stuhl­kan­te sass, als hät­te sie sich noch nicht dazu ent­schlies­sen kön­nen, Platz zu nehmen.

«Scheis­se», der Inder war zurück. Lau­ter, wüten­der, ohne Roll­kof­fer. «Scheiss Euro­pa! Bloo­dy thie­ves!» Er wank­te direkt auf den Kell­ner zu. Has­tig über­flog der Kell­ner sei­ne Gäs­te und prüf­te, ob sich jemand durch den Auf­tritt des Inders beläs­tigt fühl­te. Sie starr­te zum Fens­ter hin­aus und dreh­te sich nicht nach dem laut Ein­tre­ten­den um. Er schien aus einem Traum zu erwa­chen. Er warf einen ver­blüfft ver­ächt­li­chen Blick auf den Inder. Die vier Frau­en vor­ne am run­den Tisch kicher­ten. Eine stups­te ihre Kol­le­gin mit dem Ell­bo­gen an und mach­te mit dem Kinn eine Bewe­gung in die Rich­tung des Inders. Auf der Höhe des Plum­pen hielt der Inder inne: «Man muss die Poli­zei ver­stän­di­gen. Haben sie die Poli­zei ver­stän­digt?» Der Plum­pe hob trä­ge die Schul­tern. Was die schon aus­rich­ten kön­nen. «Aber man muss doch was tun! Mei­ne Kre­dit­kar­ten. Mein Bar­geld. Ich habe 650.- in mei­ner Brief­ta­sche.» Die Poli­zei kön­ne da auch nichts unter­neh­men. Der Plum­pe trank einen gros­sen Schluck Bier, was den Inder zur Weiss­glut brach­te: «Ihre Brief­ta­sche ist gestoh­len und sie sit­zen da und trin­ken Bier!» Der Plum­pe hob die Schul­tern. Ein spöt­ti­sches Lächeln spiel­te um sei­ne dicken Lip­pen. Auf­re­gen bringt nichts. Ist schlecht für die Ner­ven und den Magen. Ihm war ein Unrecht wider­fah­ren, gegen das er nichts unter­neh­men konn­te. Pech gehabt! Und alle wür­den Ver­ständ­nis haben. Der Inder tob­te. Nichts war ihm pein­lich. Er unter­hielt den gan­zen Spei­se­wa­gen. Ob er den Schaff­ner gefun­den hät­te, frag­te der Kell­ner. «Nein, es gibt kei­nen Schaff­ner!» Ob er denn die Poli­zei benach­rich­tigt hät­te. «Nein, kein Tele­fon!» Die Frau­en am run­den Tisch räus­per­ten sich. «Sowas… nicht mög­lich… Scheis­se. Schweiz.» Der Inder hob die Arme – sein Jackett spann­te sich unter den Ach­seln – und liess sie wie­der sin­ken, was sehr dra­ma­tisch, echt ver­zwei­felt aus­sah. Eine Frau am run­den Tisch streck­te ihm ein Mobil­te­le­fon hin, er kön­ne von ihrem Han­dy aus anrufen.

Der Inder nahm das Tele­fon has­tig ent­ge­gen, nicht erleich­tert dank­bar. Die Frau war etwas piquiert. «Ken­nen sie die Not­ruf­num­mer der Visa­ge­sell­schaft?» Die Kol­le­gin der Frau kramp­te in ihrer Hand­ta­sche, nahm Zet­tel und Stift her­vor und schrieb eine Num­mer drauf. Sie streck­te den Zet­tel dem Inder hin. Ner­vös tipp­te der Inder die Zah­len­kom­bi­na­ti­on ein. «Hal­lo, ja? Hier Ash­watt­ha­ma Faroo­qi. Bit­te, sie müs­sen unver­züg­lich mei­ne Kre­dit­kar­te sper­ren las­sen. Ja? Unver­züg­lich! Imme­dia­te­ly. Bit­te was? Nein, die wur­de gestoh­len. Sper­ren Sie die Kar­te, ja? Wie bit­te? Nein, ich habe die Kar­te bei mir nicht!» Die falsch plat­zier­te Nega­ti­on liess sie auf­bli­cken. Mit spit­zem Mund mus­ter­te sie den Inder. Tadelnd, wie er fand. Er war froh, dass sie end­lich aus ihrer Lethar­gie geris­sen wur­de. Nun war auch sie Teil die­ser Zugs­ge­sell­schaft, das mach­te sie ansprech­bar. Er schöpf­te Hoff­nung und hät­te sich wie­der sei­nen Träu­me­rei­en hin­ge­ge­ben, aber die pene­tran­te Stim­me des Inders for­der­te vol­le Auf­merk­sam­keit. «Die wur­de mir ja eben gestoh­len! Die Poli­zei? Nein…nicht. Wa…Kein Tele­fon. Ja, nicht mein Tele­fon. Gut­gut­ja­ja­bit­te­sper­ren. Auf Wie­der­hö­ren.» Erleich­te­rung ging durch den Wagen. Er dach­te sogar dar­an, sei­ne Lek­tü­re wie­der auf­zu­neh­men. Er erin­ner­te sich, wie begeis­tert er gele­sen hat­te, bevor das Geflu­che und Geze­ter des Inders die Mit­rei­sen­den zu ter­ro­ri­sie­ren begann und bevor sie den Spei­se­wa­gen betrat. Jetzt woll­te er ihre Neu­gier­de wecken. Er stell­te sein Buch auf die Kan­te, so konn­te sie den Titel von ihrem Platz aus leicht lesen, falls sie her­über­bli­cken wür­de. Aber sie starr­te schon wie­der aus dem Fens­ter. Die vor­bei­zie­hen­de Land­schaft nahm sie eben­so wenig wahr wie das Gesche­hen im Spei­se­wa­gen. Mit nichts wei­ter als mit sich selbst beschäf­tigt, zog sie ihn in ihren Bann. Gedan­ken stie­gen in ihr hoch, bunt und lose, fie­len ab, trie­ben davon wie fal­len­de Blät­ter. Er woll­te sich in den Blät­ter­re­gen stel­len und auf einen ihrer Gedan­ken ein Gedicht machen.

«Poli­zei? Hal­lo, ist dort die Poli­zei? Ja? Hier Ash­watt­ha­ma Faroo­qi.» Der Inder stand breit­bei­nig im Mit­tel­gang. Der Arm, in des­sen Hand das frem­de Han­dy ans Ohr gehal­ten wur­de, stand recht­wink­lig vom Kopf ab. Der Inder fixier­te einen Punkt ober­halb der Schie­be­tür. Die übri­gen Fahr­gäs­te zwan­gen sich, ihn nicht anzu­schau­en. Sie duck­ten sich hin­ter Geträn­ke­kar­ten oder such­ten das Tisch­tuch nach Fle­cken ab. «Hören sie, ich möch­te eine Anzei­ge machen… wo? Im Zug… Mir wur­de die Brief­ta­sche gestoh­len… Ash­watt­ha­ma… Ai… es… eitsch… dob­bel­ju… nach Bern… Hören sie… Hören sie mir zu! Nein, ich bin im Urlaub nicht… Ich bin Pro­fes­sor! Was fällt ihnen… ja, nein, eine hilfs­be­rei­te Dame hat mir Tele­fon… kein Geld, kei­ne Kre­dit­ka… ja, gesperrt… Hören sie… Scheis­se… Schweiz… Schi­cken sie ihre Leu­te zum Bahn­hof Bern. Imme­dia­te­ly. Ich kom­me bald… Hören sie, da sitzt ein Herr neben mir, dem ist das­sel­be pas­siert. Und er lehnt es ab, die Poli­zei zu kon­tak­tie­ren. Ist das das Ver­trau­en der hie­si­gen Bevöl­ke­rung in die Hüter der Ordnung?»

Sie wun­der­te sich über «hie­sig» und «Hüter der Ord­nung». Der Frem­de hat­te Deutsch stu­diert. «So», mit einem knap­pen Dan­ke gab der Inder das Tele­fon zurück. Die hilfs­be­rei­te Frau war etwas piquiert. Zumin­dest ein zwei­tes Dan­ke, zum Nach­dop­peln, hät­te sie erwar­tet, aber nein, der Inder: «Die Poli­zei wird die wei­te­ren Schrit­te ein­lei­ten.» Er nick­te den Damen zu und wank­te davon, end­lich. Die Fahr­gäs­te reg­ten sich. Jemand dreh­te sich schnell nach der Schie­be­tü­re um, um sich zu ver­si­chern, dass sie sich hin­ter dem Stö­re­fried wie­der ver­schloss. «Scheis­se, Schweiz», zisch­te ein letz­ter Fluch ins Abteil wie ein Furz. Man rümpf­te die Nase.

Sie sass unver­än­dert, mit gera­dem Rücken. Hat­te sich in die­ser Stun­de etwas an ihr bewegt? In Bern erhob sie sich wie eine Ker­ze. Ihre Augen begeg­ne­ten sich nicht. Er haf­te­te sei­nen Blick zwi­schen ihre Schul­ter­blät­ter, fle­hend, sie dreh­te sich nicht um.

Fünf Poli­zis­ten stan­den in dicken blau­en Pul­lis vor einem gross­for­ma­ti­gen Rico­la-Pla­kat. «Wer häts erfun­de? Natür­lich die Schweiz» war hin­ter ihnen zu lesen. Als gin­ge er zu einem Staats­emp­fang schritt der Inder auf die Her­ren zu. Sein Roll­kof­fer mach­te Bück­lin­ge auf alle Seiten.

Der Poli­zist rechts aus­sen ent­deck­te sie. Geis­tes­ab­we­send blick­te er der schwe­ben­den Gestalt nach, bis sie in der Men­schen­men­ge verschwand.

Sie streck­te den Hals, reck­te den Rücken. Die Rei­se hat­te sie ermü­det. Zudem war es kalt gewor­den. Sehr kalt, fand sie, als sie vor einem Schau­fens­ter mit Win­ter­män­teln ste­hen blieb. «650.-», stand auf dem Schild­chen neben dem Modell, das ihr beson­ders gut gefiel. Sie biss sich auf die Lip­pen und betrat den Laden.

ensuite, Febru­ar 2009



Newsletter

SPENDEN!

Einen Text gelesen und der hat gefallen? Spende per TWINT ein paar Franken - ohne Abo, aber mit gutem Gewissen. Geht doch auch.