Drei Tanz­städ­te im Wandel

Von

|

Drucken

Von Kris­ti­na Sol­da­ti – Gegen­wär­tig erle­ben drei Schwei­zer Städ­te einen Wan­del in ihrer Tanz­spar­te: Lau­sanne, Luzern und Bern. ensuite – kul­tur­ma­ga­zin betrach­tet sie näher.

I. Wan­del ohne Wen­de? Der Stadt Lau­sanne stand ein erzwun­ge­ner Wan­del bevor, als im Novem­ber 2007 der ruhm­rei­che Meis­ter Béjart ver­schied. Der Wan­del war abseh­bar, auch für den Betrof­fe­nen. So hat­te Béjart für einen Wan­del ohne Wen­de vor­ge­sorgt. Eine Stif­tung soll­te über sei­ne Auf­füh­rungs­rech­te wachen. Die Com­pa­nie Béjart Bal­let Lau­sanne, kurz BBL, soll­te das bevor­zug­te Instru­ment zum Erhalt sei­nes künst­le­ri­schen Erbes blei­ben. Damit das stim­mig abläuft, ist der Prä­si­dent des einen der künst­le­ri­sche Direk­tor des ande­ren. Die Kon­ti­nui­tät währt auch finan­zi­ell: Drei Jah­re dau­er­te noch der Finan­zie­rungs­ver­trag zwi­schen Stadt und Com­pa­nie nach Béjarts Tod. Nun ist er gar ver­län­gert. Die künst­le­ri­sche Kon­ti­nui­tät (wohl ein Wider­spruch in sich) war auch vor­be­rei­tet: Béjart sicher­te sich den lang­jäh­ri­gen Solis­ten Gil Roman erst als Assis­ten­ten, dann als Vize-Direk­tor und schliess­lich als nach­fol­gen­den künst­le­ri­schen Direk­tor. Ein Jahr vor dem Tod ver­fass­te Béjart einen inni­gen Emp­feh­lungs­brief, der nun auf der Home­page der BBL unter Gil Roman prangt: «Drei­mal musste
ich ihn vor die Tür set­zen. Drei­mal inner­halb acht Jah­ren, und jedes Mal habe ich ihn innert weni­ger Wochen wie­der her­ein­ge­holt. Lang­sam ver­stand ich […], wie nah er mir war. Nein… er war ich». Wenn die Solis­tin Eli­sa­beth Ros am Vor­abend der Pre­miè­re des Stücks «Tour du mon­de en 80 minu­tes» dem Fern­seh­ka­nal TSR kund­gab, Gil wäre ähn­lich for­dernd wie sein Meis­ter, ja noch anspruchs­vol­ler, so traf sie wohl einen wun­den Punkt. Drei Mona­te dar­auf wer­den drei Tän­zer ihren Hut neh­men und Gil wegen psy­chi­scher Gewalt und mora­li­scher Nöti­gung ver­kla­gen. Eine Unter­su­chung wird ein­ge­lei­tet, und die Gen­fer Pres­se ver­kün­det im Novem­ber: «Gil Roman blan­chi!», rein­ge­wa­schen. Selbst «Le Mon­de» berich­te­te. Eine ähn­li­che Här­te im Umgang hät­ten die Tän­zer zuvor einem Béjart ver­ge­ben, erklär­te dazu Béjarts Stif­tungs­rat gegen­über «Le Temps». Der Kul­tur­re­dak­teur von «Le Temps», übri­gens mit dem Tanz­kri­ti­ker-Preis aus­ge­zeich­net, mein­te wie zur Replik: Die Pre­miè­re im Dezem­ber wer­de der Test sein. Nicht, dass es nach dem Tod Béjarts kei­ne Pre­miè­re gege­ben hät­te. Gleich dreis­sig Tage nach dem Tod wur­de «Tour du mon­de en 80 minu­tes» prä­sen­tiert. Gil, schon immer die rech­te Hand des Meis­ters, konn­te das halb­fer­ti­ge Stück so ver­voll­stän­di­gen, dass nie­mand merk­te, wo die Hand Béjarts fehl­te. Eine Schwei­zer Kri­ti­ke­rin nann­te das Stück «Res­te­ver­wer­tung». Das war kon­zep­tu­ell vom Meis­ter so ange­legt. Die High­lights sei­nes Oeu­vres hat­te er selbst bereits 2005 in «L’amour, la dance» rezy­kliert. Was also dem BBL fehlt, ist eine Pre­miè­re, die Neu­es zeigt und von Öff­nung zeugt. Denn was die wei­te­re Ent­wick­lung des BBL angeht, da sind sich alle einig: Ein Mau­so­le­um soll das BBL nicht wer­den. Schau­en wir uns also den Test­fall an.

Der Test­fall Im Dezem­ber kün­de­te eine gross ange­leg­te Wer­be­kam­pa­gne von «3 Cho­reo­gra­phen und 3 Gäs­ten». Zwei Gäs­te davon sind die viel­leicht berühm­tes­ten über­haupt: Ana Lagu­na, Solis­tin und Part­ne­rin des weg­wei­sen­den Mats Ek, und Mikhail Bary­sch­ni­kov. Doch die Gast­cho­reo­gra­fen und Stars misch­ten sich nicht mit der Com­pa­nie. Säu­ber­lich geschie­den zeig­ten sie nur solis­ti­schen Paar­tanz. So aber pro­fi­tiert das BBL kei­ne Elle. Doch viel­leicht sein Ruf? Lei­der auch der nicht. Das Ereig­nis scheint schlicht tot­ge­schwie­gen. Der gela­de­ne Reprä­sen­tant des deut­schen Tanz­net­zes hat nichts zu sagen, nicht die Fach­zeit­schrift Bal­lett-Tanz, und kaum die hei­mi­sche Presse.

Was ist pas­siert an den schon seit lan­gem aus­ver­kauf­ten zwei Aben­den? Kein Skan­dal. Der Applaus bestä­tig­te, dass das Publi­kum durch­aus auf sei­ne Kos­ten kam. Doch des­sen bedien­ter Geschmack ist der eigent­li­che Skan­dal. Betrach­ten wir Gil Romans neu­es Stück «Aria».

Das rote Cock­tail­kleid­chen um die Ohren tor­kelt Julio Aro­za­re­na lie­bes­trun­ken auf die Büh­ne. Er ist buch­stäb­lich der Dame sei­nes Her­zens und ihrem Duft erle­gen. Er lässt sich zu Boden glei­ten, schleppt sich auf allen Vie­ren über den roten Stoff, um sich sinn­lich dar­ob zu erge­hen. In «Aria» wird Ero­tik ver­han­delt, aber vor allem das Publi­kum ver­führt. Die Män­ner tan­zen vor­zugs­wei­se mit nack­ter Brust, die Frau­en stak­sen lang­bei­nig daher und set­zen Akzen­te mit ihren Hüf­ten. Das könn­te ja ein sinn­lich ange­neh­mer Abend wer­den, doch Gil möch­te Kunst prä­sen­tie­ren. Er hat sich dazu man­che Kunst­grif­fe vom Meis­ter ange­eig­net. Effekt­voll hän­gen gleich zu Beginn drei rot­la­ckier­te Schau­keln mit drei bezau­bern­den Damen. Ihre Bei­ne sind keck über­ein­an­der­ge­schla­gen. Die Füss­chen sind ange­spitzt und kein Mensch erwar­tet, dass dar­aus Bewe­gung ent­steht. Dafür bewegt uns sogleich die Gold­berg-Varia­ti­on in Glenn Goulds Ein­spie­lung (Play­back zu den Tas­ten-Schein­übun­gen eines Tän­zers in Pia­nis­ten­po­se). Wenn die Damen, «Les Aria­ne» (sic!), laut Pro­gramm­heft von der Schau­kel glei­ten, sich stel­zend neben­ein­an­der posi­tio­nie­ren und syn­chron die Rhyth­men Bachs zur metri­schen Unter­la­ge ihrer Neo­klas­sik-Varia­tio­nen redu­zie­ren, war­ten wir nur dar­auf, von der pas­sen­de­ren Musik der «Nine Inch Nails» erlöst zu wer­den. Von den all­ge­gen­wär­ti­gen Hüft­ak­zen­ten abge­se­hen ist cho­reo­gra­fisch kei­ne Hand­schrift abzu­le­sen, schon gar kei­ne ein­heit­li­che. Bis auf weni­ge Aus­nah­men in natür­li­chem Pas­tell und orga­nisch-ursprüng­li­chem Tanz dient das Ensem­ble der Glan­z­äs­the­tik, darf um die Solis­ten krei­sen und ihren Schein­wer­fer­ke­gel säu­men. Am Schluss (lei­der wie­der auf Bach), liegt es am Boden dar­nie­der. Bedeut­sam senkt sich dann eine dicke rote Kor­del, deren aus­fran­sen­de Enden jeder ergreift: Das Béjart-Bal­let zieht am sel­ben Strang.

Die Kri­tik des «Le Temps» schwärmt aber von einer ande­ren Ges­te. Da sie «Aria» gar nicht erwähnt, stammt sie aus dem ein­zig gelun­ge­nen Kon­trast­pro­gramm von Mats Ek (davon mehr in ensuite Nr. 76; Alter im Tanz). Auch dort schaut sie nur als «Geheim­nis» unter dem Tep­pich her­vor: «Die Ges­te der Revol­te und des Unvor­her­seh­ba­ren.» Wes­sen Revol­te ist mit die­sen Schluss­wor­ten der Kri­tik wohl geheim­nis­voll gemeint?

II. Wan­del zur Wand­lungs­fä­hig­keit Luzern hat ab kom­men­der Spiel­zeit eine neue Bal­lett­di­rek­to­rin. Der Schwei­zer Domi­ni­que Men­tha, Inten­dant seit 2004, hat­te wohl mit der Wahl des ambi­tio­nier­ten Pro­fis Kath­le­en McNur­ney, der­zeit Bal­lett­meis­te­rin in Basel, eine glück­li­che Hand. Das hat er nötig, denn Luzern baut aus und möch­te Qua­li­tät stei­gern. Ein gros­ser modu­lier­ba­rer Saal soll ent­ste­hen, den das Lucer­ne Fes­ti­val und das Thea­ter glei­cher­mas­sen nut­zen und vor allem fül­len wol­len. Modu­lier­bar ist dabei die räum­li­che Anord­nung der Büh­ne zum Zuschau­er. Die Modu­le über­win­den die star­re Enge der Guck­kas­ten­form. Mit der künf­ti­gen Direk­to­rin sprach ensuite – kulturmagazin.

ensuite – kul­tur­ma­ga­zin: Kath­le­en McNur­ney, war­um ist die Wahl auf Sie gefallen?

McNur­ney: Ich weiss es nicht wirk­lich. Wohl wegen mei­nes Tanz­hin­ter­grun­des. Ich tanz­te unter ande­rem bei Spoer­li, assis­tier­te Richard Wher­lock erst in Luzern, dann in Basel, dazwi­schen war ich Bal­lett­meis­te­rin und Assis­ten­tin bei Spoerli.

Was ist Ihre Stärke?

Ich bin, das war von Anfang an klar, kei­ne Cho­reo­gra­fin. Ich arbei­te­te mit den ver­schie­dens­ten Cho­reo­gra­fen zusam­men, von zeit­ge­nös­si­schen bis hin zu einem Hans van Manen. Das ist ein sehr wei­tes Spek­trum. «My visi­on is quite open.» Mei­ne sti­lis­ti­sche Schu­lung der Tän­zer eben­falls. Das mag wohl ein Grund sein.

Dann nen­ne ich Ihre drei Vor­zü­ge: Sie ste­hen ers­tens bei der Aus­wahl der Cho­reo­gra­fen für Qua­li­tät. Dann sind Sie die bewähr­te rech­te Hand für jeden Gast­cho­reo­gra­fen und kön­nen drit­tens die Stü­cke auf hohem Niveau im Reper­toir halten.

Das stimmt. Ich habe mir dabei eine Prio­ri­tät gesetzt. Das ers­te Jahr wer­de ich die Com­pa­nie auf­bau­en. Ich wer­de ihr zu einer unver­wech­sel­ba­ren Hand­schrift ver­hel­fen. Ich bin ein lei­den­schaft­li­cher Päd­ago­ge, ver­mitt­le und för­de­re gern.

Und was ist die­se «Hand­schrift»?

Das ist eine gute Fra­ge! Ich trai­nie­re das Ensem­ble im klas­si­schen Bal­lett. Aber natür­lich nicht sti­lis­tisch wie Peters­burg oder das Roy­al Bal­lett. Vie­le euro­päi­sche Haupt­städ­te bewerk­stel­li­gen eine neu­tra­le Aus­bil­dung, die Wege zur Inter­pre­ta­ti­on zeit­ge­nös­si­schen Tan­zes offen­hält. Auch bei mir sol­len die Tän­zer gestreck­te Ara­bes­quen und Füs­se in jeder Lage hin­be­kom­men. Und den­noch: Die Tech­nik muss sie gleich­zei­tig für zeit­ge­nös­sisch aus­ge­präg­te Boden­ar­beit befähigen.

Die Lei­tung des Luzer­ner Thea­ters setzt wohl auch auf Ihre guten Bezie­hun­gen. Wer­den die Nam­haf­ten unter Ihren Bekann­ten den Weg nach Luzern finden?

(lacht): Ich fra­ge sie zuerst ein­mal gar nicht. Ein Jahr wird gründ­lich auf­ge­baut. Dann aber – der Gedan­ke reizt mich schon jetzt. Es ist sehr ver­lo­ckend, die talen­tier­ten Leu­te, mit denen ich zu tun hat­te, anru­fen zu dür­fen und zu sagen: «Voi­là, hier gibt es eine wun­der­ba­re Gele­gen­heit: Möch­test du ein Stück für uns schaf­fen?» Wie die ers­te Spiel­zeit aus­sieht, steht noch nicht fest, ich muss erst die Com­pa­nie zusam­men­stel­len. Die ers­ten Stü­cke wer­den für die Tän­zer mass­ge­schnei­dert, «auf ihren Leib zuge­schnit­ten» sein. Spä­ter kann ich fer­ti­ge Stü­cke wie von der Stan­ge abhän­gen und kau­fen. Das kann dann ein Mar­ken­ar­ti­kel sein, selbst Hau­te Cou­ture eines Jiri Kyli­an oder dem jüngst in Basel gela­de­nen Jor­ma Elo.

Haben Sie Luzerns Schick­sal die Jah­re über verfolgt?

Oh ja. Nach der span­nen­den Zeit von 1996–99 kam ein Inten­dant, der die Tanz­spar­te kur­zer­hand auf­lös­te. Über das Ergeb­nis bin ich aber zwie­späl­ti­ger Mei­nung: Jede Auf­lö­sung ist bedau­er­lich. Ande­rer­seits wur­de es auch span­nend. Natür­lich genoss jeder Zuschau­er Gast­trup­pen der Super­la­ti­ve wie die Mer­ce Cun­ning­ham Com­pa­ny. Doch das Jahr hin­durch gab es kei­ne Kon­ti­nui­tät. Die Stadt und ihre Bewoh­ner konn­ten nicht ein Ver­hält­nis zur Tanz­spar­te auf­bau­en, ihre Ent­wick­lung ver­fol­gen. Ich war sehr froh, dass der neue Inten­dant, Domi­ni­que Men­tha, 2004 wie­der ein Ensem­ble auf­bau­te. Ein Gast­thea­ter kann zwar inter­es­sant sein, ich bin aber nicht sicher, ob Luzern dafür der rich­ti­ge Platz ist.

Ist die Ent­schei­dung für ein Ensem­ble eine für die Ent­wick­lung einer Tra­di­ti­on, eines Pro­fils, das man mit dem Namen Luzern ver­bin­den kann, über Gren­zen hinweg?

Wich­ti­ger ist die Moti­va­ti­on vor Ort. Mit dem eige­nen Ensem­ble kann sich eine Stadt iden­ti­fi­zie­ren. Die Tän­zer gehen tag­ein tag­aus durch die­sel­be Stadt wie ihr Publi­kum und kreu­zen ihre Wege. Sol­che Kon­tak­te sind für bei­de Sei­ten span­nend. Wenn die­sel­ben Tän­zer viel­fäl­tig ein­ge­setzt wer­den und der Zuschau­er ihn mal poe­tisch, ein ander­mal rich­tig ath­le­tisch erle­ben kann, dann wird es zu über­ra­schen­den Aus­ru­fen auf der Stras­se kom­men: «Dei­ne letz­te Rol­le war über­wäl­ti­gend!» Der Zuschau­er wird die Viel­sei­tig­keit ver­fol­gen wollen.

Das wäre ja schon Teil einer ästhe­ti­schen Schu­lung des Publi­kums. Sind Sie auf die­sem Gebiet auch gefordert?

Ja, das ent­spricht ganz mei­nem Wunsch. Es wird vor den Vor­füh­run­gen Gesprä­che geben. Wir wol­len mit offe­nen Pro­ben für das Publi­kum zugäng­lich sein und eine enge Bezie­hung knüp­fen. Der Inten­dant führt uns den Punkt noch aus. Die Jugend soll zum Mit­ma­chen ange­lei­tet wer­den. In Zusam­men­ar­beit mit den Schu­len ler­nen sie dabei neben Rol­len auch Mar­ke­ting und Thea­ter­kri­tik… Sein Thea­ter soll ver­mehrt ein «Ent­de­ckungs­thea­ter» wer­den. Unbe­kann­te jun­ge Cho­reo­gra­fen­ta­len­te sol­len auf­ge­spürt wer­den. Pro­fil­fä­hig­keit hat­te die Tanz­spar­te mit dem Tanz­thea­ter der Vere­na Weiss die letz­ten vier Jah­re schon bewie­sen. Nun gibts den Wan­del zum per­ma­nen­ten Wech­sel: Wand­lungs­fä­hig­keit als Konzept.

III. Wan­del wört­lich Seit dem Direk­ti­ons­wech­sel letz­te Spiel­zeit hat sich das Ber­ner Thea­ter mit sei­ner Bal­lett­che­fin pro­fi­liert: Cathy Mar­s­ton hat eine Lei­den­schaft für lite­ra­ri­sche The­men. In wel­cher Form sie über die Büh­ne gehen, ist dann aber unter­schied­lich. Die ers­te Ber­ner Pre­miè­re war die aus­buch­sta­bier­te Geschich­te der Zaren­fa­mi­lie. Die prä­zis geführ­te Nar­ra­ti­on, die jede Ges­te fest­schrieb, befrem­de­te vie­le. Das roya­lis­ti­sche Dekor und die üppi­gen Kos­tü­me ver­deck­ten, was die Cho­reo­gra­fie an Moder­ni­tät ber­gen moch­te. In ihrem zwei­ten Ber­ner Stück such­te die Che­fin etwas auf den Geschmack des Publi­kums ein­zu­ge­hen. «Through your Eyes» nahm die lite­ra­ri­sche Vor­la­ge, den Brief­wech­sel der Dich­ter Tom Hug­hes und Syl­via Plath, nicht mehr wört­lich. Das Dich­ter­paar wur­de in meh­re­re Paa­re gespal­ten, damit sie bio­gra­fi­schen Zeit­ab­schnit­ten ent­spra­chen. Der Ent­schluss, sie dann syn­chron zu prä­sen­tie­ren, ver­wirr­te dann doch. Zudem sie für die ein­zel­nen Sta­di­en des Dich­ter­paars nicht deut­lich genug eine je distink­te Bewe­gungs­spra­che ent­wi­ckel­te. Am aus­ge­spro­chen durch­misch­ten vier­tei­li­gen Bal­lett­abend ging die lite­ra­ri­sche Fines­se unter. Es scheint, die for­mal expe­ri­men­tier­lus­ti­ge Jugend der auf­stre­ben­den Gast­cho­reo­gra­fen stahl der Che­fin die Show. Über­zeu­gend dage­gen war ein abend­fül­len­des Stück von Cathy Mar­s­ton, das schon auf der klei­nen Büh­ne des Lon­do­ner Roy­al Ope­ra House geis­ter­te: «Die Gespens­ter». Es war, kom­pli­ziert genug, auf die Abfol­ge der Ereig­nis­se des Dra­mas von Ibsen redu­ziert. Das Stück war aber vor allem sti­lis­tisch span­nend. Das Büh­nen­bild bot den Innen­raum ver­zerrt, wie die kran­ken See­len, wenn sie die glat­ten Ober­flä­chen des gewahr­ten Scheins durch­bre­chen. Die Cho­reo­gra­fin schuf ein expres­si­ves Tanz­stück, das der psy­cho­lo­gi­schen Tücke der Ibsen-Figu­ren gewach­sen war. Obschon das reich­li­che Schritt­ma­te­ri­al nicht immer der Rele­vanz diente.

Es steht nun die zwei­te Kost­pro­be aus den Wer­ken made in Lon­don an (des­sen eng­li­schen Titel wir gleich mit­ge­nies­sen dür­fen): «befo­re the tem­pest… after the storm». Hier wird Shake­speares «Der Sturm» mit W. H. Audens fort­füh­ren­der Dich­tung «The Sea and the Mir­ror» gekreuzt. Kein Wun­der, wirbt die­sen Monat das deut­sche Bal­lett-Tanz-Jour­nal mit «Klu­ge Cathy».

Botel­hos neu­es Stück Ent­spannt zurück­leh­nen kann sich der Zuschau­er dann in der zwei­ten Hälf­te des neu­en Bal­lett­abends. Der Schwei­zer Tanz- und Cho­reo­gra­fie­preis­trä­ger Guil­her­me Botel­ho möch­te den Betrach­ter in einen kon­tem­pla­ti­ven Sog zie­hen. Das gelingt ihm auch, wenn man, wie bei allen trance-
ähn­li­chen Zustän­den, gewillt ist, sich dar­auf ein­zu­las­sen. Die ers­ten zwan­zig Minu­ten zie­hen Vier­bei­ner über die Büh­ne. Sie krab­beln, rob­ben und rol­len, dass man oft nicht weiss, wo bei ihnen oben und unten, vor­ne und hin­ten ist. Wenn eine Hor­de auf ihren lang­glied­ri­gen Vie­ren sich rotie­rend fort­be­wegt, mag das dann auch egal sein. Nur eines ist klar: Wohin es geht. Die eine Sei­ten­gas­se saugt das unzäh­li­ge Gezie­fer auf, ohne ihm damit ein Ende zu berei­ten. Es fol­gen ihm wei­te­re Exem­pla­re auf dem Fuss. Die Viel­falt fas­zi­niert. All­mäh­lich, wie das Licht von Däm­me­rung zum Tages­licht wech­selt, so unmerk­lich ent­fal­tet sich die Gat­tung zum homo erec­tus. Jede Spe­zi­es hat eines gemein­sam: Das Ziel. Kei­ner weiss, ob jemand weiss, was das Ziel eigent­lich ist. Ist es ein ange­bo­re­ner Drang, selbst­ge­setzt oder nur ein sozia­ler Druck? Es gibt Momen­te der Umkehr, Momen­te des Kon­takts. Doch Vor­an­kom­men ist alles. Daher auch der anschau­li­che Titel: «¬». Die kos­misch-sug­ges­ti­ve Musik schwillt an. Der Rhyth­mus zieht an. Und schliess­lich drängt ein uner­bitt­li­ches Pul­sie­ren wie aus unse­rem eige­nen trei­ben­den Alltag.

«Ja, es ist offen, was der Sog tat­säch­lich ist. Es kann auch schlicht das Schick­sal sein, wie Shake-speare es in sei­nen Dra­men behan­delt», meint Botel­ho. Ist der Sog etwas Objek­ti­ves oder nur sub­jek­ti­ver, gar kol­lek­ti­ver Ein­druck, – der, fast unheim­lich, auch uns befällt? Gleich­zei­tig wer­den wir uns als Zuschau­er gewahr, wie wir nur Aus­schnit­te aus dem Lebens­fluss die­ser Wesen mit­be­kom­men. Sol­che frag­men­tier­ten und vor­über­hu­schen­den Ein­drü­cke sind uns aus dem All­tag ver­traut. Und sie häu­fen sich, seit die zuneh­men­de Geschwin­dig­keit uns zuneh­mend mobil macht. Hier wach­sen die Ein­drucks­fet­zen zu einem Strom zusam­men. Botel­ho ver­rät ensuite – kul­tur­ma­ga­zin schliess­lich, wie er die Tän­zer aus ihrer ästhe­ti­schen Reser­ve lock­te: «Ich sag­te den Tän­zern sofort zu Beginn: ‹Ich möch­te nicht, dass ihr denkt, ihr sollt tan­zen. Lasst uns ein plas­ti­sches Bild kre­ieren, eine Instal­la­ti­on!›» Nun, das wird die beweg­tes­te Instal­la­ti­on sein, die Sie je gese­hen haben.

Bild: «Cry Love» in Luzern / Foto: Toni Suter
ensuite, Febru­ar 2009



Newsletter

SPENDEN!

Einen Text gelesen und der hat gefallen? Spende per TWINT ein paar Franken - ohne Abo, aber mit gutem Gewissen. Geht doch auch.