«Bern soll sein Orches­ter mit Stolz und Freu­de betrachten!»

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Von Son­ja Kol­ler - Herr Borey­ko, Sie diri­gie­ren heu­te Abend bereits Ihr letz­tes Abon­ne­ments­kon­zert der lau­fen­den Spiel­zeit. Wie haben Sie die ers­te Sai­son als Chef­di­ri­gent in Bern erlebt? 

Ich habe die­se Stel­le in Bern ange­nom­men, weil ich von Anfang an von der Mög­lich­keit einer sehr guten Zusam­men­ar­beit zwi­schen dem Orches­ter und mir über­zeugt war. Hier besteht die Chan­ce zu einer schöp­fe­ri­schen Ent­wick­lung. Nach den sechs Kon­zer­ten, die ich bis­her gelei­tet habe, ist mein Ein­druck ins­ge­samt sehr posi­tiv. Wir arbei­ten ger­ne zusam­men und bewe­gen uns in die rich­ti­ge Richtung.

Man hat­te mir gesagt, das Publi­kum in Bern sei rela­tiv zurück­hal­tend. Das sehe ich gar nicht so, im Gegen­teil. Ich bin sehr posi­tiv über­rascht, wie warm, wie nett und wie fre­ne­tisch manch­mal die­ser Applaus ist. Dazu kommt, dass ich spü­re, wie unser Spiel beim Publi­kum auf eine emo­tio­na­le Reso­nanz stösst. Die Leu­te reagie­ren nicht nur auf die Qua­li­tät unse­rer Arbeit, son­dern sie ver­ste­hen auch, was wir mit unse­rer Musik erzäh­len oder mit­tei­len möch­ten. Das ist natür­lich toll, dar­über freue ich mich sehr.

So wie ges­tern Abend? Das Casi­no war auch prak­tisch ausverkauft. 

Ja, das ist über­aus posi­tiv. Ich habe gehört, dass in der letz­ten Spiel­zeit nicht alle Kon­zer­te sehr gut besucht waren, und wer­de ver­su­chen, dies Schritt für Schritt zu ändern. Ich möch­te in Zukunft immer häu­fi­ger sagen kön­nen: «Sie möch­ten eine Kar­te für das Kon­zert heu­te Abend? Ich freue mich über Ihr Inter­es­se, aber es tut mir leid, wir haben schon alle Kar­ten verkauft!»

Gibt es bereits Höhe­punk­te, an die Sie sich beson­ders ger­ne erinnern? 

Schwer zu sagen, denn jedes Kon­zert hat eine bestimm­te Auf­ga­be und ein bestimm­tes Ziel. Ich woll­te in die­ser Spiel­zeit Wer­ke in ver­schie­de­nen Sti­len spie­len, um das Orches­ter ken­nen zu ler­nen. Des­halb habe ich Pro­gram­me aus­ge­wählt, die sti­lis­tisch sehr ver­schie­den sind. Ich glau­be, die Spiel­zeit war so gebaut, dass man kei­nes der Kon­zer­te als Höhe­punkt her­aus­he­ben kann. Aus­ser­dem ver­ste­he ich alle Pro­gram­me als mei­ne Kin­der, bezie­hungs­wei­se zusam­men mit dem Orches­ter als «unse­re gemein­sa­men Kin­der». Kei­nes der Kin­der soll vor den ande­ren bevor­zugt werden.

Nun, da Sie das BSO etwas bes­ser ken­nen: Wie wür­den Sie sei­ne Eigen­hei­ten beschrei­ben? Wel­ches sind sei­ne Stär­ken, wo lie­gen Schwächen? 

Ich wür­de nicht den Begriff «Schwä­che» ver­wen­den. Ich nen­ne es lie­ber «noch weni­ger bear­bei­te­te Fel­der». Eine Schwä­che ist etwas, das man kaum oder gar nicht ändern kann. Dies gibt es bei uns nicht. Hin­ge­gen sehe ich Berei­che, in denen wir noch mehr arbei­ten müs­sen: Ich wür­de sagen, das Orches­ter braucht mehr Gefühl für Plas­ti­zi­tät und Fle­xi­bi­li­tät. Das Spiel darf noch run­der, impro­vi­sa­to­ri­scher wer­den. In einem Teil des Reper­toires braucht man durch­aus sehr prä­zi­ses, strikt rhyth­mi­sches Spiel. Aber immer, auch in einem sol­chen Reper­toire, soll­te das Orches­ter mehr atmen. Und um mehr zu atmen, muss man bes­ser auf­ein­an­der hören und stän­dig in Kon­takt mit dem Diri­gen­ten blei­ben. Wenn sich jemand ganz auf sei­ne Noten kon­zen­triert und ich etwas anders machen möch­te als in der Pro­be – denn Musik kann man nicht zwei Mal genau gleich wie­der­ho­len, das ist abso­lut aus­ge­schlos­sen – dann kann er oder sie nicht auf mei­ne Zei­chen reagie­ren. Die Musi­ker müs­sen den Diri­gen­ten im Augen­win­kel behal­ten und stän­dig auf sei­ne Ges­ten reagie­ren. Man weiss nie, was kom­men wird. Und wenn von neun­zig Musi­kern auch nur drei nicht mit­ma­chen, dann klingt es bereits nicht mehr ide­al, es gibt ein Gefühl von nicht ganz sau­be­ren Übergängen.

Auf der ande­ren Sei­te ist unser Orches­ter sehr stark dar­in, prä­zi­se und rhyth­misch zu spie­len. Das ist inter­es­sant, es han­delt sich eigent­lich um zwei Sei­ten der­sel­ben Medail­le: Auf der einen Sei­te steht die Auf­merk­sam­keit gegen­über dem Noten­text. Hier ist alles genau sicht­bar und les­bar. Die ande­re Sei­te betrifft die Auf­merk­sam­keit gegen­über dem Diri­gen­ten, gegen­über der schöp­fe­ri­schen Arbeit und dem Uner­war­te­ten. Die­se Sei­te muss noch deut­li­cher gra­viert werden.

Wie gut haben Sie die Stadt Bern unter­des­sen ken­nen gelernt? 

Noch viel zu wenig. Da ich meis­tens mor­gens und abends Pro­be habe, bie­ten sich sehr weni­ge Mög­lich­kei­ten, irgend­wo hin­zu­fah­ren. Aus­ser­dem gibt es zwi­schen den Pro­ben immer etwas zu tun. Doch in der nächs­ten Spiel­zeit wer­de ich ein oder zwei Mal in zwei auf­ein­an­der fol­gen­den Wochen Kon­zer­te lei­ten. An den dazwi­schen lie­gen­den Wochen­en­den wür­de ich mir ger­ne die Gegend rund um Bern anse­hen. Immer­hin, durch die Alt­stadt bin ich schon oft hin­durch­spa­ziert und ich habe das Klee-Zen­trum besucht. Aber es gibt noch vie­les zu entdecken.

Sie haben vor­hin die kom­men­de Spiel­zeit ange­spro­chen. Kön­nen Sie bereits Genaue­res dar­über verraten? 

Nein, das darf ich nicht. Aber es steht schon alles unter Dach und Fach. Ich hof­fe, dass die nächs­te Kon­zert­sai­son min­des­tens so span­nend wird wie die aktu­el­le. Wir haben auch ein paar sehr inter­es­san­te Solis­ten und Diri­gen­ten gewin­nen können.

Wann wird das neue Pro­gramm bekannt gegeben? 

Am 21. April ver­an­stal­ten wir eine Pressekonferenz.

Und Sie diri­gie­ren mehr Kon­zer­te als in der aktu­el­len Spielzeit? 

Ja, ich wer­de ins­ge­samt zehn Kon­zer­te lei­ten. Auch in den fol­gen­den Jah­ren wer­den es jeweils zehn Kon­zer­te sein. In der lau­fen­den Sai­son sind es nur sie­ben, weil ich noch ander­wei­ti­ge Ver­pflich­tun­gen habe, die bereits abge­macht waren, als ich die Stel­le in Bern annahm.

Wie soll­te das BSO Ihrer Ansicht nach von der Ber­ner Bevöl­ke­rung wahr­ge­nom­men wer­den? Wel­che Rol­le soll das Orches­ter in der Stadt spielen? 

Das ist eine gute Fra­ge, denn ich habe den Ein­druck, dass es hier – obwohl bereits viel gemacht wur­de und gemacht wird – noch rela­tiv viel zu tun gibt. Wenn wir heu­te zehn belie­bi­ge Leu­te, die hier auf der Stras­se vor­bei kom­men, fra­gen wür­den, ob es in Bern ein Orches­ter gibt, wo es spielt, und wie der Chef­di­ri­gent heisst, dann bin ich nicht sicher, ob die Hälf­te der Befrag­ten alle Ant­wor­ten wüss­te. Ich wür­de mir sehr wün­schen, dass in zwei bis drei Jah­ren min­des­tens acht von zehn Pas­san­ten die­se drei Fra­ge rich­tig beant­wor­ten könn­ten. Denn die Musi­ker des Ber­ner Sym­pho­nie-Orches­ters ver­die­nen es, in der Stadt Bern bekann­ter und belieb­ter zu sein. Ich wün­sche mir, dass das BSO zu einem Teil von Berns Visi­ten­kar­te wird. Zu einem von Berns Mar­ken­zei­chen – so wie die Bären, das Müns­ter oder der Zibelemärit.

Um dies zu rea­li­sie­ren brau­chen wir natür­lich auch die Hil­fe der Bevöl­ke­rung, unse­re geehr­ten Poli­ti­ker ein­ge­schlos­sen. Es freut mich sehr, dass ich immer mehr wich­ti­ge und ein­fluss­rei­che Damen und Her­ren der Polit­büh­ne an unse­ren Kon­zer­ten sehe und tref­fe. Das ist ein gutes Zei­chen. Aber vom Guten gibt es nie zu viel! Bern ist die Haupt­stadt der Schweiz und das BSO das Sin­fo­nie­or­ches­ter der Haupt­stadt. Dies ist eine Ver­ant­wor­tung, und wir sind bereit, zu bewei­sen, dass wir die Schweiz in der Welt prä­sen­tie­ren kön­nen. Natür­lich gibt es in die­sem Land bereits ein wun­der­ba­res Orches­ter mit Welt­re­pu­ta­ti­on, aber das bedeu­tet nicht, dass das BSO des­halb im Schat­ten ste­hen blei­ben muss.

Wir wer­den alles tun, um unse­re Qua­li­tät immer wei­ter zu ver­bes­sern. Und es muss sich her­um­spre­chen, dass sich das Orches­ter auf dem Weg nach oben befin­det. Wir haben ein wun­der­ba­res Stamm­pu­bli­kum, das unse­re Qua­li­tät genau kennt, doch es gibt noch eine gros­se poten­zi­el­le Grup­pe von Freun­den. Ich möch­te unbe­dingt noch mehr Men­schen an unse­re Kon­zer­te holen und ihnen zei­gen, dass nicht nur Ber­ner Gäs­te wie das Lon­don Sym­pho­ny Orches­tra oder die Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker gut spie­len kön­nen. Das BSO ist ein sehr guter Klang­kör­per. Ich sehe gros­se Per­spek­ti­ven und habe viel Hoff­nung für die­ses Orchester.

Wie sehen Sie denn ganz all­ge­mein die Funk­ti­on der klas­si­schen Musik in unse­rer Gesellschaft? 

Klas­si­sche Musik ist ein untrenn­ba­rer Teil der Kul­tur. Und ohne Kul­tur gibt es kei­ne Zukunft: Ohne kul­tu­rel­le Errun­gen­schaf­ten wie Biblio­the­ken, Thea­ter, Oper und Muse­en wird sich jede Gesell­schaft lang­sam, aber unver­meid­lich zurück­bil­den. Die schreck­li­chen Resul­ta­te davon wer­den jede Zivi­li­sa­ti­on umbrin­gen, ein­fach töten. Wer das ver­steht, pflegt die Kul­tur, die kul­tu­rel­len Wur­zeln und die Tra­di­ti­on, denn er hat eine wich­ti­ge Visi­on für sei­ne Kin­der und Enkel. Wer heu­te denkt, dass Sport, gros­se Unter­hal­tungs­shows, Poli­tik und öko­no­mi­sche Ent­wick­lun­gen wich­ti­ger sei­en als kul­tu­rel­le Akti­vi­tä­ten, irrt sich. Die klas­si­sche Musik beglei­tet uns seit vie­len hun­dert Jah­ren, und ich kann mir eine Zukunft ohne sie nicht vor­stel­len. Und nicht nur für mich selbst – das ist weni­ger wich­tig, wir alle sind nur Gäs­te hier – es geht um unse­re Kin­der, Enkel, Uren­kel. Die Zukunft liegt in unse­ren Hän­den und nur wir, die heu­te leben, sind voll­kom­men ver­ant­wort­lich für sie!

Ich bin völ­lig ein­ver­stan­den. Aber kön­nen Sie noch genau­er erklä­ren, was klas­si­sche Musik Ihrer Ansicht nach so wert­voll und wich­tig macht? 

Wir ent­wi­ckeln uns als Zivi­li­sa­ti­on nur, wenn wir mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren. Und Musik ist eine Form von Kom­mu­ni­ka­ti­on. Musik war immer ein Teil des öffent­li­chen Lebens, des Lebens aus­ser­halb des Fami­li­en­krei­ses. Bis vor weni­gen Jahr­zehn­ten spiel­te das Musi­zie­ren auch inner­halb der Fami­lie eine wich­ti­ge Rol­le. Im Gegen­satz zu frü­he­ren Jahr­hun­der­ten haben wir heu­te unend­lich vie­le Vari­an­ten, wie wir die Frei­zeit ver­brin­gen kön­nen. Das Fern­se­hen zum Bei­spiel hat sehr vie­le Leu­te aus dem klas­si­schen Musikund Opern­be­reich weg­ge­nom­men. Wir kön­nen gemüt­lich zuhau­se blei­ben, Bier trin­ken und auf dem Bild­schirm etwas betrach­ten, ohne uns anzu­stren­gen, uns vor­be­rei­ten und schön anzie­hen zu müs­sen. Dies ist mei­ner Ansicht nach eine gefähr­li­che Ten­denz. Die Men­schen schlies­sen sich durch die Mas­sen­me­di­en mehr und mehr in einen engen Kreis ein. Das Fern­se­hen saugt uns Auf­merk­sam­keit ab, gibt jedoch nichts als Bild und Klang zurück. Die Bezie­hung ist ein­sei­tig. Wenn hin­ge­gen zwei Leu­te mit­ein­an­der reden, sich in die Augen schau­en, dann ist da ein Aus­tausch von Auren, von Ideen und Ener­gien. Auch im Kon­zert gibt es einen sol­chen leben­di­gen Aus­tausch. Zudem geht es im klas­si­schen Kon­zert auch um Medi­ta­ti­on, manch­mal bewusst, manch­mal unbe­wusst. Heu­te sind wir uns immer mehr gewohnt, das Leben durch die Augen zu emp­fin­den. Wer sich mit klas­si­scher Musik beschäf­tigt, kon­zen­triert sich hin­ge­gen auf sein Gehör. Wer aktiv hört, hört nicht nur nach aus­sen, son­dern auch gegen innen. Er begibt sich auf die Suche nach dem Ver­hält­nis zwi­schen dem Klang der Welt und der «eige­nen», «inne­ren» Musik. Auch dar­in liegt für mich der hohe Wert der klas­si­schen Musik. Und schliess­lich fin­det das Medi­tie­ren in einem Kon­zert in der Gemein­schaft statt. Je mehr Leu­te zusam­men sind, des­to stär­ker wirkt die Kraft ihrer Meditation.

Wie sind Sie per­sön­lich zur Musik gekom­men? Wie ist die Musik in Ihr Leben getreten? 

Mei­ne Mut­ter war eine klas­si­sche Bal­le­ri­na, sie hat auch im ers­ten Teil ihrer Schwan­ger­schaft mit mir noch getanzt. Als sie in den letz­ten Mona­ten dann nicht mehr sel­ber tan­zen konn­te, ging sie trotz­dem noch täg­lich ins Thea­ter. Ich habe also sehr viel der klas­si­schen Bal­lett­mu­sik bereits vor mei­ner Geburt gehört.

Mei­ne ers­ten Lebens­jah­re haben wir dann in Polen ver­bracht. Dort war mei­ne Mut­ter Tän­ze­rin im Opern­haus, mein Vater Pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät. Mei­ne Mut­ter hat mich immer zu den Pro­ben und Auf­füh­run­gen mit­ge­nom­men. Sie hat mir erzählt, ich sei dabei sehr ruhig gewe­sen, hät­te in der Wie­ge gewar­tet und Musik gehört. Nur ein­mal sei ich auf der Suche nach Mama direkt auf die Büh­ne gekrab­belt. Das war wäh­rend einer Auf­füh­rung von «Schwa­nen­see»! Für das Publi­kum soll es ein gros­ser Schock gewe­sen sein. An mei­ne eige­ne Reak­ti­on erin­ne­re ich mich lei­der nicht…

Als wir zurück nach St. Peters­burg zogen, ergab es sich, dass mich ein Pro­fes­sor in der Grund­schu­le sin­gen hör­te, und dar­auf­hin emp­fahl, mich in die Chor­schu­le zu schi­cken. Es war eine der bei­den berühm­tes­ten Chor­schu­len der dama­li­gen Sowjet­uni­on. Sie nahm nur Kna­ben auf und man muss­te eine Auf­nah­me­prü­fung bestehen. Mor­gens hat­ten wir nor­ma­len Schul­un­ter­richt, nach­mit­tags stan­den drei bis vier Stun­den Musik auf dem Pro­gramm. Täg­lich hat­ten wir Gehör­bil­dung, Musik­ge­schich­te und so wei­ter, alles wäh­rend zehn Jah­ren. Ich habe in die­ser Schu­le eine fan­tas­ti­sche, ein­fach fan­tas­ti­sche Musik­aus­bil­dung erhal­ten. Damals habe ich das natür­lich nicht ver­stan­den, aber heu­te kann ich sagen, das war eine der bes­ten Musik­aus­bil­dun­gen, die man über­haupt bekom­men konn­te. Übri­gens hat in die­ser Schu­le auch mein Vor­gän­ger beim BSO stu­diert, Dimi­t­ri Kita­jen­ko, sowie vie­le wei­te­re bekann­te rus­si­sche Dirigenten.

Wann haben Sie ent­schie­den, die Musik zu Ihrem Beruf zu machen? 

Eigent­lich war bereits mit dem Ein­tritt in die Chor­schu­le – also in mei­nem ach­ten Lebens­jahr – klar, dass es nur in die­se Rich­tung wei­ter­ge­hen wür­de. Obwohl ich nicht sagen kann, dass ich ein Wun­der­kind gewe­sen wäre, das nur Kla­vier spie­len oder nur klas­si­sche Musik hören woll­te. Oh nein, so war es nicht! Die Schu­le war streng, es gab vie­le Haus­auf­ga­ben und die­sen regel­mäs­si­gen, wei­chen Druck. Und dann – lang­sam, lang­sam – begann die Musik für mich eine immer grös­se­re Rol­le zu spielen.

Zuerst habe ich Chor­lei­tung und Kom­po­si­ti­on stu­diert, dann habe ich Rock­mu­sik gespielt, dann Jazz­mu­sik und par­al­lel dazu Alte Musik. Nach die­sen Peri­oden hab ich mich für das Diri­gie­ren ent­schie­den. Und jetzt habe ich das Gefühl, da zu sein, wo ich sein will. Ich glau­be, es ist ein gros­ses Glück, wenn dies jemand so sagen kann. Ich mache das, was mir gefällt, ich kann von die­ser Akti­vi­tät leben, ich sehe sehr vie­le inter­es­san­te Leu­te, ich kann rei­sen. Mein Beruf öff­net mir Türen zu ande­ren Kulturen.

Kön­nen Sie beschrei­ben, was Sie wahr­neh­men und was in Ihnen vor­geht wäh­rend Sie ein Kon­zert dirigieren? 

Zual­ler­erst will ich mit der Musik immer etwas erzäh­len. Ich bit­te dies auch die Musi­ker zu tun und zu ver­ste­hen, dass Musik eine Spra­che ist. Damit mei­ne ich nicht kon­kre­te Geschich­ten im Sinn von «Er ist hin­aus gegan­gen, es war schö­nes Wet­ter und die Bäu­me blüh­ten». In der Musik geht es viel­mehr um die Beschrei­bung emo­tio­na­ler Zustän­de. In man­chen Wer­ken habe ich ein mehr oder weni­ger kla­res Pro­gramm dazu im Kopf, die­ses möch­te ich dem Publi­kum aber nicht mit­tei­len, da jeder Zuhö­rer die Musik auf sei­ne eige­ne Wei­se auffasst.

Und im phy­si­schen Sinn? Was machen Sie, was den­ken Sie wäh­rend Sie dirigieren? 

Wenn ich dirigiere…(Pause) Das ist sehr schwie­rig zu beschrei­ben. Was ich sagen kann – abso­lut ein­deu­tig – ist, dass ich nicht das zu hören ver­su­che, was nahe bei den Ohren liegt, also die Haupt­li­nie oder Haupt­me­lo­die, son­dern die ver­steck­ten, poly­pho­nen Stim­men. Ich kon­zen­trie­re mich auf die­se Lini­en, um zu kon­trol­lie­ren, ob sie hör­bar sind. Wenn nicht, muss ich das Orches­ter sofort dazu auf­for­dern, die Balan­ce anzupassen.

Die Haupt­me­lo­die muss weni­ger diri­giert wer­den. Sie wird in den Pro­ben vor­be­rei­tet, die Phra­sie­rung gepflegt. Im Kon­zert möch­te ich die Musi­ker ihre Melo­dien aus­spie­len las­sen. Aber die Fra­ge des Gleich­ge­wichts, die bleibt zentral.

Mei­ne Auf­ga­be wäh­rend des Kon­zer­tes ist es, die Balan­ce zwi­schen den ver­schie­de­nen Instru­men­ten­grup­pen zu kon­trol­lie­ren und gleich­zei­tig die Musi­ker zu inspi­rie­ren. Um einen Ver­gleich zu benut­zen: Es ist wie bei einem Ball, der auf die Luft­säu­le eines Ven­ti­la­tors gesetzt wird. Da schwebt er nun, ist irgend­wie fixiert und trotz­dem stän­dig in Bewe­gung. Die­sen Ball kann man mit den Hän­den ein biss­chen bewe­gen, ihn auf der Luft­säu­le ver­schie­ben. Es ist ein Spiel, man kann sich damit ver­gnü­gen. Doch wenn man nicht genü­gend sen­si­bel ist, fällt der Ball sofort run­ter. Ähn­lich ver­hält es sich beim Diri­gie­ren. Orches­ter­mu­sik ist «coin­ci­den­tia oppo­si­torum». Etwas, das Orga­ni­sa­ti­on und Sta­bi­li­tät braucht, gleich­zei­tig jedoch nicht ohne Frei­heit und Impro­vi­sa­ti­on exis­tie­ren kann. – Ein «unsta­bi­ler sta­bi­ler Pro­zess» sozu­sa­gen, ein Pro­zess, der sta­bil ist, jedoch jeden Moment unsta­bil wer­den könn­te. Es geht um die Kon­trol­le über etwas, das wahn­sin­nig… zer­brech­lich ist, lau­nisch auch, bestän­dig wech­selnd, wun­der­schön und lebendig…

Wich­tig ist, dass der Diri­gent immer kon­trol­liert und inspi­riert. Inspi­riert und kon­trol­liert. Herz und Kopf, Kopf und Herz. Die­se Dua­li­tät muss unbe­dingt im Gleich­ge­wicht sein. Und ein sol­ches Gleich­ge­wicht ist nie­mals sta­tisch, es bewegt sich immer, es vibriert.

Ich fin­de es ein­drück­lich zu sehen und zu hören, wie die Begeis­te­rung, mit der Sie Ihre Arbeit aus­füh­ren, auf das Orches­ter übergreift. 

Ich habe sel­ber nicht gehört, wie das Orches­ter frü­her gespielt hat. Bestimmt haben die Musi­ker und das Publi­kum immer schon gemein­sa­me Höhe­punk­te erlebt! Ich genies­se das Musi­zie­ren mit dem BSO sehr. Es ist mein gröss­ter Wunsch, dass die Musi­ker ihre Arbeit als eine Fei­er betrach­ten, nicht als Dienst. Ich wün­sche mir, dass sie nach den Pro­ben und Kon­zer­ten beglückt heim­ge­hen, inspi­riert und voll von posi­ti­ver Ener­gie. Die­se tei­len sie dann wie­der mit den Leu­ten, denen sie draus­sen begeg­nen. Das ist das Schöns­te. Die­se Stim­mung möch­te ich sowohl beim Orches­ter als auch beim Publi­kum wei­ter pfle­gen und entwickeln.

Ich wün­sche mir, dass die Poli­tik die­sem Aspekt der kul­tu­rel­len Tra­di­ti­on wie­der mehr Auf­merk­sam­keit schen­ken wür­de. Wir brau­chen kul­tu­rell inter­es­sier­te Men­schen mit guter Aus­bil­dung – und damit mei­ne ich jetzt nicht Aus­bil­dung im Sin­ne von Diplo­men und Hoch­schul­ab­schlüs­sen. Aus­bil­dung bedeu­tet für mich alles, was in unse­rem Leben mit uns pas­siert. Was haben wir gese­hen, mit wem und wie haben wir gespro­chen, was haben wir gehört? Das ist die Aus­bil­dung, sie beginnt bei der Geburt. Und die Schu­le ist nur eine von meh­re­ren For­men die­ser Ausbildung.

Wie gesagt: Ich lade die Ber­ner und Schwei­zer Poli­ti­ker sehr herz­lich zu unse­ren Kon­zer­ten ein. Ich wün­sche mir, dass sie das Orches­ter die­ser Stadt mit Stolz und Freu­de betrach­ten. Wir freu­en uns sehr, wenn wir die Leu­te aus dem Bun­des­haus ab und zu bei uns begrüs­sen dürfen.

Bild: zVg.
ensuite, April 2006



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