Bild: Peter Betts, Schriftsteller. 17.03.2015 copyright Alexander Egger www.alexanderegger.ch

Ser­vice (au?) public

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Von Peter J. Betts - Wer sich mit Wesen und Auf­ga­ben von «Ser­vice (au) Public» aus­ein­an­der­set­zen will, täte gut dar­an, sich zuerst ein paar Gedan­ken über «die Öffent­lich­keit» zu machen. Dar­aus las­sen sich viel­leicht eini­ge Vor­stel­lun­gen über den Dienst an ihr entwickeln.

Inhalt­lich lässt sich «die Öffent­lich­keit» nicht defi­nie­ren. Die meis­ten Men­schen kann man – grob ein­zel­nen «Typen» zuord­nen; und natür­lich hat ein Typus sehr oft Merk­ma­le von ande­ren, was das Typi­sie­ren nicht ein­fa­cher macht (so gibt es bei­spiels­wei­se sicher kämp­fe­ri­sche Frau­en, die zugleich fei­ge sind, berech­nend und lie­bens­wür­dig, gar gütig und an einer Pro­fi­lie­rungs­neu­ro­se lei­den) oder sie gehö­ren in bestimm­ten Lebens­be­rei­chen klar in eine Kate­go­rie und in ande­ren eben­so klar in eine ande­re (So las­sen sich etwa genia­le Idio­ten erklä­ren oder KZ-Auf­se­her, von denen eini­ge im Pri­vat­le­ben kin­der­lie­bend, für­sorg­lich und zärt­lich gewe­sen sein sol­len.). Die Öffent­lich­keit besteht also zum Bei­spiel aus Frau­en, Kin­dern, Män­nern, Des­po­tin­nen, Intri­gan­ten, Hei­li­gen, Ver­bre­che­rin­nen, Gei­zi­gen, Fei­gen, Güti­gen, Gangs­tern, Erfolg­rei­chen, Machos, Geschei­ter­ten, Geld­und Macht­gie­ri­gen, Hilfs­be­rei­ten, Stump­fen, Prag­ma­ti­ke­rIn­nen Inter­es­sier­ten, Phan­ta­sie­vol­len, Gross­zü­gi­gen, Ein­fühl­sa­men, Ego­zen­tri­schen, Initia­ti­ven, Teil­nahms­lo­sen, Teil­neh­men­den, Grau­sa­men, Pro­fi­tie­ren­den, Mit­schwim­men­den, Karriere‑, Profilierungs‑, Streitund Genus­süch­ti­gen, Work­aho­lics, Idio­tIn­nen, Genies, Mit-den-Wöl­fen-Heu­len­den, Durch­schnitt­li­chen… Durch­schnitt­li­chen? Nein, die­ser sta­tis­ti­sche Begriff hat hier nichts zu suchen. Durch­schnitt­li­che gibt es nicht. Das soge­nann­te Publi­kum, die soge­nann­te Öffent­lich­keit besteht, so kon­di­tio­niert und mani­pu­lier­bar die ein­zel­nen oder «Grup­pen» vie­len erschei­nen mögen (oder so ger­ne vie­le sie so sehen möch­ten), aus lau­ter Indi­vi­du­en unter­schied­lichs­ter Art, mit unter­schied­lichs­ten Bio­gra­phien und unter­schied­lichs­ten Wert­hal­tun­gen, auch wenn vie­le in ihrem Ver­hal­ten, AUF DEN ERSTEN BLICK BETRACHTET, ein­an­der zu ähneln schei­nen, so dass Ord­nungs­lie­ben­de ger­ne Kate­go­rien bil­den, damit die­se Grup­pen zum Bei­spiel für Wer­be­rin­nen und Wer­ber, Pro­gramm­ver­ant­wort­li­che, Redak­ti­ons­teams und so wei­ter leich­ter auswert‑, nutz‑, mani­pu­lier­bar «wer­den». Auch wenn sie in Mas­sen tat­säch­lich nivellier‑, ver­füh­rund aus­beut­bar sind. Die­se Mög­lich­keit zu nut­zen, auch wenn es recht ein­fach und des­halb erfolg­ver­spre­chend (und loh­nend?) ist, hat aber mit Ser­vice nicht das gerings­te zu tun und nichts mit Ser­vice au Public.

Dar­aus könn­te für den Dienst an der Öffent­lich­keit eine obers­te Ein­sicht abge­lei­tet wer­den: Die Öffent­lich­keit «als Ziel­grup­pe» besteht für den Ser­vice au Public NICHT aus einer Her­de von Kon­su­men­tin­nen und Kon­su­men­ten, son­dern aus Indi­vi­du­en, aus Bür­ge­rin­nen und Bür­gern ver­schie­dens­ter Natio­na­li­tä­ten und Alters­stu­fen, mit ver­schie­dens­ten Wert­hal­tun­gen, Hoff­nun­gen und Bedürf­nis­sen. Die­sen Indi­vi­du­en ist mit Respekt, Ach­tung, Beschei­den­heit und Weis­heit zu begeg­nen – im Rah­men des Mög­li­chen. Allen kann man nie in allen Tei­len gleich­zei­tig gerecht wer­den. Alle haben aber unein­ge­schränk­ten Anspruch auf das Bemü­hen um Gerech­tig­keit durch den Öffent­li­chen Dienst. Eine Auf­ga­ben­stel­lung, die uner­füll­bar ist, aber zu allen Zei­ten rele­vant, und für die es mit Sicher­heit kei­ne Koch­buch­re­zep­te gibt: kei­ne Fra­ge sta­tis­ti­scher Quo­ten, son­dern und jeder­zeit eine Fra­ge glaub­wür­di­ger Inhal­te. Und: wie lies­se sich ein all­fäl­li­ger Erfolg mes­sen oder bewer­ten – in Geld umsetzen?

Inter­mez­zo: Zeit ist Geld… Zeit ist knapp. Kür­zel haben Hoch­kon­junk­tur. Hoch­kon­junk­tur ist Wachs­tum. Wachs­tum ist Gebot. Gebo­te sind hei­lig. Haupt­sät­ze sind Instant­sät­ze. No non­sen­se! Bei­spie­le gefällig?

«Lear­ning by doing» wird für alle Lebens­la­gen als Ver­hal­tens­norm pro­pa­giert. Mun­te­rer Akti­vis­mus bricht pan­de­mie­ar­tig aus. Man ori­en­tiert sich am Markt. Frisch-fröh­lich wird pro­du­ziert. Nicht vor allem Stüh­le, Fahr­rä­der oder sonst etwas allen­falls Brauch­ba­res. Man ist eine Dienst­leis­tungs­ge­sell­schaft. Pro­du­ziert wer­den For­mu­la­re, Tabel­len, Sta­tis­ti­ken, Gra­fi­ken, Umfra­gen, Kon­trol­lund Über­wa­chungs­pro­gram­me, Wer­be­kam­pa­gnen, Events etc.; und jedes die­ser Pro­duk­te ver­mehrt sich rasant von selbst, löst wie­der­um emsi­ge Akti­vi­tät aus, wird, kaum pro­du­ziert, ver­ges­sen; was es aus­ge­löst hat, ver­läuft im Sand. Der Berg von Pro­du­zier­tem wächst und wächst. Und um die Markt­ori­en­tie­rung nicht zu ver­lie­ren, pro­du­ziert man gezielt das Bedürf­nis nach den her­aus­ge­spie­nen Pro­duk­ten. Und Wachs­tum ist DAS Gebot. Man ist rund um die Uhr eif­rig beschäf­tigt. Man ist lear­ning by doing. Das Tun an sich ist DER Wert, da es in Zeit gemes­sen wird, also Geld. Und selbst wenn man Stüh­le pro­du­zier­te oder Fahr­rä­der, wür­de sich nie­mand fra­gen, ob sich jemand dar­auf zu set­zen begehrt, falls nicht die Wer­bung ein neu­es Akti­vi­täts­feld ent­deck­te, gera­de hier das Bedürf­nis nach sta­tio­nä­ren oder beweg­li­chen Sitz­ge­le­gen­hei­ten ver­mehrt zu wecken. Aller­dings das Kür­zel, von dem wir aus­ge­gan­gen sind, ist einem völ­lig ande­ren Kon­text ent­nom­men. Die ursprüng­li­che Auf­for­de­rung lau­te­te: «Lear­ning BY THINKING ABOUT what one is doing!» Aus­ge­rech­net DAS tut bei aller Tätig­keits­be­geis­te­rung kein Mensch: über das, was man getan hat, zu tun im Begrif­fe ist, tun soll­te, NACHDENKEN! Den­ken ist zwar ein Verb, aber kein Pro­dukt. Den­ken ver­schlingt Zeit, also Geld. Und das Geld ist für das Pro­du­zie­ren reser­viert. Nie­mand kann sich leis­ten, jeman­den fürs Den­ken anzustellen.

Ein ande­res Kür­zel? Bit­te sehr! Eine Auf­schrift auf einem Lie­fer­wa­gen als Rekla­me mit Anga­ben zur Web­site: «Bio­kill». Ein Wider­spruch in sich? Blan­ker Zynis­mus? Gedan­ken­lo­sig­keit? Ein genia­ler Wer­be­ein­fall? Übri­gens: In einem Arti­kel in der «Welt­wo­che» ver­tritt ein ehe­ma­li­ger Funk­tio­när von Green­peace die Über­zeu­gung, Atom­kraft­wer­ke sei­en im Inter­es­se des Umwelt­schut­zes zu bau­en. Bio­kill – doch eine visio­nä­re Wahr­heit? Übri­gens: ein Wer­be­text mit dem Ziel, für MSN Mes­sen­ger zu begeis­tern: «schrei­ben, sehen, hören wie im ech­ten Leben». Bio-Live? Aber redu­ziert auf das binä­re Herz­stück der vir­tu­el­len Realität?

Man spielt nicht mit Para­do­xa – nie­mand will sich den Zeit­auf­wand leis­ten kön­nen, der nötig wäre, all die bereits ins all­ge­mei­ne Gedan­ken­gut ein­ge­gan­ge­nen gedank­li­chen Kurz­schlüs­se zu behe­ben. Zeit ist Geld, ergo Bio­kill. Inhalt­li­che Wider­sprü­che sind Klän­ge wie ande­re auch. Den­ken? Kei­ne Zeit! Und gera­de im Ser­vice Public ist Zeit rar.

Die Qua­dra­tur des Krei­ses… Der Ser­vice au Public ist nicht nur der Dienst an der Öffent­lich­keit, son­dern er ist auch ein öffent­li­cher Dienst. Der Öffent­lich­keit gegen­über muss Rechen­schaft abge­legt wer­den kön­nen, dass der Ser­vice au Public erfolg­reich geleis­tet, dass kei­ne Zeit, sprich kein (öffent­li­ches) Geld ver­schwen­det wird. Dies geschieht höchst glaub­wür­dig mit Doku­men­ta­tio­nen von über­füll­ten Ter­min­ka­len­dern; mit Prä­senz­kon­trol­len, Sta­tis­ti­ken zu getä­tig­ten Sit­zun­gen und behan­del­ten Trak­tan­den sowie bear­bei­te­ten Dos­siers; mit Auf­la­ge­zif­fern und Ein­schalt­quo­ten, zum Bei­spiel, um die Markt­ori­en­tie­rung zu doku­men­tie­ren; mit sto­isch zur Schau getra­ge­nen Zei­chen kör­per­li­cher Über­mü­dung, salon­fä­hig gewor­de­nen moto­ri­schen Stö­run­gen und Kon­zen­tra­ti­ons­lü­cken als Grad­mes­ser für Bedeu­tung und Ein­satz der jewei­li­gen Funk­tio­nä­rin­nen oder Funk­tio­nä­re; mit Fluk­tua­tio­nen bei der Beleg­schaft der unte­ren und mitt­le­ren Rän­ge und beim obers­ten Kader mit ihrer Jagd nach neu­en Herauf­or­de­run­gen, falls mehr Pres­ti­ge lockt oder die gegen­wär­ti­ge Posi­ti­on ver­ant­wort­li­ches Han­deln, bei­spiels­wei­se Kon­ti­nui­tät, erfor­dern wür­de. Beweg­lich­keit ist essen­ti­ell. Und – je nach per­sön­li­chem Vor­teil Beharr­lich­keit. Und da schwa­felt einer davon, die Öffent­lich­keit bestehe aus einer unüber­blick­ba­ren Men­ge von Indi­vi­dua­lis­tin­nen und Indi­vi­dua­lis­ten, die, jede und jeder, jeder­zeit «Anspruch auf das Bemü­hen um Gerech­tig­keit durch den Öffent­li­chen Dienst» hät­ten? Quatsch: die oben ange­führ­te , kei­nes­wegs voll­stän­di­ge Lis­te von Metho­den belegt hin­läng­lich, dass Effi­zi­enz, Exis­tenz­be­rech­ti­gung und Erfolg der Öffent­li­chen Diens­te voll und ganz unter Aus­schluss die­ser Öffent­lich­keit als einer all­fäl­lig betrof­fe­nen Bio­mas­se belegt wer­den kön­nen, und zwar durch­aus inner­halb der öffent­lich zugäng­li­chen Prak­ti­ken, wie den oft sehr kri­ti­schen Medi­en­be­rich­ten über alle Berei­che des Ser­vice Public zu ent­neh­men ist. Unsterb­li­che Archi­tek­tur ist eben­so wenig auf die Men­schen ange­wie­sen, die dar­in zum Woh­nen und Arbei­ten gezwun­gen wer­den. Im Gegen­teil, die Monu­men­te der Archi­tek­tur wären viel ein­drück­li­cher ohne die Men­schen und ihre Bedürf­nis­se, wie der Ser­vice Public auch. Oder?

Ein prag­ma­ti­scher Vor­schlag, nicht ganz abseits der Rea­li­tät… Es gibt kei­ne Erfolgs­re­zep­te. Das Dilem­ma ist nicht ein für alle­mal lös­bar. Die Qua­dra­tur des Krei­ses ist nicht möglich.

Und wenn sich jede Per­son an jedem Pos­ten ver­pflich­te­te, an jedem Arbeits­tag eine hal­be Stun­de lang nach­zu­den­ken, mei­net­we­gen zu medi­tie­ren, was sie getan hat, was sie zu tun gedenkt, und was sie tun soll­te und für wen oder was und auch wie? Und in ganz hek­ti­schen Zei­ten könn­te es dann eine gan­ze Stun­de sein.

Dies, ohne dass die Arbeits­zeit dadurch län­ger wür­de. Und in die­ser hal­ben oder in schwie­ri­gen Zei­ten gan­zen Stun­de gibt es kei­ne Erreich­bar­keit, kei­ne Stö­run­gen von aus­sen. Keine.

Gut, das Ergeb­nis die­ser Akti­vi­tät lässt sich nicht mit den oben umschrie­be­nen Metho­den mes­sen. Aber mit der Zeit? Und Zeit ist ja Geld. Und in der Rea­li­tät? Es gibt ja nicht nur die vir­tu­el­le Welt. Ein Ver­such wert? Über län­ge­re Zeit?

Pars pro toto… Für den Ser­vice Public im Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­reich könn­te es etwa heis­sen, dass nicht Ein­schalt­quo­ten und Auf­la­ge­zif­fern allein als Erfolgs­mass­stä­be ange­setzt wer­den, son­dern, mehr als gele­gent­lich, eben Inhalte.

Das bedeu­tet nicht, dass man non­stop mora­li­sie­rend Wis­sen ver­mit­telt; das bedeu­tet kei­nen ver­snob­ten Ver­zicht auf Unter­hal­tung; das bedeu­tet nicht: Alles ein­fach anders! Es bedarf weder des schul­meis­ter­li­chen Droh­fin­gers in Per­ma­nenz noch der Frè­re-et-cochon-Hal­tung als Mar­ken­zei­chen. Aber es bedarf, wo und wann auch immer, der Authen­ti­zi­tät. Es braucht – nach jeweils reif­li­cher Über­le­gung – das rich­ti­ge Pro­dukt, das man als Pro­du­zen­tIn auch auf jeder Hier­ar­chie­stu­fe per­sön­lich verantwortet.

Sich am Markt ori­en­tie­ren, heisst aber nicht, via pri­mi­tivs­ter Markt­for­schung ein Bedürf­nis schaf­fen und das dann, mit Mas­sen­pro­duk­ti­on über einen Leist geschla­gen, befrie­di­gen. Es bedeu­tet, dass man dif­fe­ren­ziert, heu­te – viel­leicht! nicht reagiert wie ges­tern und mor­gen – viel­leicht! nicht wie heu­te. Es geht nicht um pro­fes­sio­nel­le Ori­gi­na­li­tät. Nicht um Markt­schreie­rei. Nicht um Sen­sa­ti­ons­lust oder Sen­sa­ti­ons­frust. Nicht um inhalts­lee­ren Wie­der­erken­nungs­wert. Nicht um Novi­tät um jeden Preis. Es geht um Glaub­wür­dig­keit. Es geht für die Medi­en­schaf­fen­den dar­um, dass Män­ner – beim Rasie­ren – und Frau­en beim Schmin­ken oder Abschmin­ken – vor oder nach einem Arbeits­tag sich sel­ber aner­ken­nend im Spie­gel begeg­nen kön­nen, ohne Brech­reiz wegen des in ihrer Ver­ant­wor­tung Voll­brach­ten oder des noch zu Voll­brin­gen­den. Und das rich­ti­ge «Wie» erfährt man wohl am ehes­ten durch Refle­xi­on: Lear­ning to think about what one is doing? War­um denn eigent­lich nicht?

Bild: © Alex­an­der Egger
ensuite, August 2006



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