Ein Blick in den sowje­ti­schen Alltag

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Von Fran­çois Lili­en­feld - Eine erstaun­li­che Aus­stel­lung führt uns in eine Welt, die unend­lich fern scheint, obwohl sie erst seit etwas mehr als einem Vier­tel­jahr­hun­dert ver­schwun­den ist. Das Musée des Beaux-Arts La Chaux-de-Fonds zeigt „L’U­to­pie au quo­ti­di­en – Objets sovié­ti­ques 1953–1991“.

Wie leb­ten die Men­schen in der Sowjet­uni­on nach Sta­lins Tod? Wie (un)frei waren sie? Wo hör­te die Pro­pa­gan­da auf und wo begann der Alltag?

Zunächst soll lobend erwähnt wer­den, dass die­se gross­flä­chig ange­leg­te Aus­stel­lung weder eine Hym­ne auf das Sys­tem noch des­sen Ver­teu­fe­lung beab­sich­tigt. Der Besu­cher kann sich anhand der aus­ge­stell­ten Gegen­stän­de und Schrift­ta­feln sel­ber ein Bild machen. Zum Bei­spiel anhand der Aus­schnit­te aus Spiel­fil­men, die gezeigt wer­den: Die Tische sind immer reich gedeckt, vol­ler Köst­lich­kei­ten, die der „gewöhn­li­che“ Sowjet­bür­ger jedoch kaum je zu kau­fen die Mög­lich­keit hat … mit Aus­nah­me von Wod­ka und Kavi­ar. Oder die wun­der­ba­ren Hau­te-Cou­ture-Model­le, die Glanz­stü­cke des „Soviet Gla­mour“: Sie wer­den nur in den Gar­de­ro­ben der Frau­en lan­den, die sel­ber oder via ihren Gemahl zur Appa­rat­schik-Éli­te gehören.

Die Fotos und Fil­me über Para­den auf dem Roten Platz spre­chen auch für sich sel­ber: Strah­len­de Gesich­ter von Men­schen, Begeis­te­rung, die wohl nur in den sel­tens­ten Fäl­len spon­tan ist, und dann die Rück­kehr in eine Woh­nung, die mit zwei bis drei Fami­li­en geteilt müssen.

Es gibt aller­dings War­te­lis­ten: Nach lan­ger Zeit hat man viel­leicht das Glück, eine eige­ne Woh­nung zu erhal­ten. Die Hoch­häu­ser sind zwar häss­lich, aber die Wohn­qua­li­tät wird wenigs­tens erhöht.

Und wie schön die Autos aus­se­hen! Doch, um einen „Moskvitsch“ zu erhal­ten, muss man die rich­ti­gen Kon­tak­te, und vor allem eine Rie­sen­ge­duld haben.

Natür­lich gibt es auch Augen­bli­cke der Erho­lung: Radi­os mit Plat­ten­spie­lern, Fern­seh­ap­pa­ra­te – z. T. mit vor­ge­bau­tem Ver­grös­se­rungs­glas – wun­der­schö­ne Spiel­sa­chen – sieht man ein­mal von den zahl­rei­chen Kriegs­spie­len ab! – und Bücher für die Kinder …

Apro­pos Bücher: Ab 1965 erschien eine 200-bän­di­ge Samm­lung von Wer­ken der Welt­li­te­ra­tur. Die impo­san­te Biblio­thek, die übri­gens nur auf Sub­skrip­ti­ons­ba­sis zu bestel­len war, ist auch zu sehen. Die Aus­wahl der Wer­ke unter­lag jedoch der Zen­sur, und von „unge­kürz­tem Text“ konn­te kei­ne Rede sein: Was dem Staat nicht passt, wird weggelassen.

Immer wie­der gab es auch Zei­ten, wo „uner­wünsch­te“ Musik ver­bo­ten wur­de. Da haben sich eini­ge Bast­ler etwas ein­fal­len las­sen: Eine geschmug­gel­te Plat­te wur­de mehr­fach auf Rönt­gen-Foli­en über­spielt. Fra­gen Sie mich nicht, wie das tech­nisch geschah und wie die Ton­qua­li­tät war. Aber ein Ach­tung-hei­schen­des Monu­ment für den Erfin­dungs­geist der Men­schen sind die­se unge­wöhn­li­chen Ton­trä­ger ohne Zwei­fel. Oder ken­nen Sie ande­re Schall­plat­ten, auf denen Wir­bel­säu­len unter den Ril­len zu sehen sind? Nach der Erfin­dung der Musik­kas­set­te wur­de die Sache etwas einfacher …

Man fin­det aber auch Fort­schritt­li­ches, so z.B. die Ver­pa­ckung der Milch­pro­duk­te: ein­fa­che Fla­schen ohne Beschrif­tung, nur die Far­be des Alu­mi­ni­um-Deckels lässt Rück­schlüs­se auf das Pro­dukt zu. Dies erleich­tert die Wie­der­ver­wen­dung, was man heu­te „Recy­cling“ nennt. Wenn aber ein Pro­dukt einen Namen hat, ist die­ser über­ra­schend, so wie beim „Sputnik“-Rasierapparat …

Die Aus­stel­lung ist geräu­mig, die Anzahl der gezeig­ten Arti­kel beein­dru­ckend. Es ist wohl dem rus­si­schen Hin­ter­grund der Muse­ums­di­rek­to­rin Lada Umstät­ter und ihren zahl­rei­chen Kon­tak­ten zu ver­dan­ken, dass so vie­le Objek­te zusam­men­ge­tra­gen wur­den. Man taucht ein in eine Welt, die man sich nicht zurück­wünscht – gleich­zei­tig erlebt man auch Sei­ten die­ses All­tags, die man im Wes­ten kaum kann­te und die wohl auch im Osten in vie­len Fäl­len ver­ges­sen (ver­drängt?) wor­den sind.

Der umfang­rei­che Kata­log ist ein wah­res Meis­ter­stück. Der Erfolg der Aus­stel­lung ist so gross, dass sie bis zum 21. Mai ver­län­gert wor­den ist. Der Abste­cher lohnt sich unbe­dingt, zumal, dank BLS, jede Stun­de ein Zug Bern–La Chaux-de-Fonds ohne Umstei­gen fährt (Rei­se­dau­er: nur 1 Std und 4 Minuten!).



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