Hin­ter Schmerz wohnt Schön­heit – Felix Dumé­ril über Risi­ko, Traum­wel­ten & Schmerz

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Von Ste­phan Fuchs - Ganz am Anfang dei­ner Kar­rie­re als Bal­lett­di­rek­tor, haben wir im Zug nach Bern über dei­ne Visio­nen des Bal­letts gespro­chen. Das war abso­lut span­nend Félix. Jetzt sit­zen wir wie­der zusam­men und ich ver­mu­te fast, dei­ne Visio­nen sind zertrümmert.
Über­haupt nicht. Sie haben sich ver­än­dert. Rück­bli­ckend kann ich stolz sein auf die Arbeit die die Com­pa­gnie geleis­tet hat und ich kann mei­ne Arbeit als Direk­tor und Cho­reo­graph mit gutem Gewis­sen betrach­ten. Wir haben span­nen­de und abwechs­lungs­rei­che Auf­füh­run­gen gemacht. Ich glau­be sogar, wir haben das Best­mög­li­che gemacht.

Da bin ich über­zeugt. Ich habe jedes dei­ner Bal­let­te gese­hen. Klar, alles kann nicht gefal­len, aber ich habe die Lei­den­schaft, die Trä­nen und die Eupho­rie, die auf und hin­ter der Büh­ne statt­ge­fun­den haben erlebt. Félix, dei­ne Arbeit hat wirk­lich berührt und ich bin sicher ich bin bei die­sen Ent­fin­dun­gen nicht der ein­zi­ge. Und trotz­dem bist du geschei­tert, dein Ver­trag wur­de nicht verlängert.
Geschei­tert? Nein! Das bin ich bestimmt nicht. Das Bal­lett und die Cho­reo­gra­phien haben natio­nal & inter­na­tio­nal gro­ße Beach­tung gefun­den. Unter ande­rem war das Bern­bal­lett unter mei­ner Lei­tung die ers­te Kom­pa­nie des Stadt­thea­ters Bern, die auf Aus­land­tour­nee war. Wir waren in Prag, in Brno. Und wir hat­ten Erfolg. Und gera­de wenn du sagst, daß dich das Bal­lett als Zuschau­er berührt hat, dann kön­nen wir nicht geschei­tert sein.

Anders gese­hen warst du ja auch jung, du bist als Tän­zer von Mar­tin Schläpfer’s eige­nem Stall zum Bal­lett Direk­tor mutiert, ein Pos­ten der vie­le Gefah­ren und viel Neu­es birgt.
Ja, das war für mich ein Risi­ko das ich ein­ge­gan­gen bin. In der gan­zen Geschich­te um die „Nicht­ver­län­ge­rung“ mei­nes Ver­tra­ges gibt es für mich noch immer Unge­reimt­hei­ten. Da ist etwas schief­ge­lau­fen, viel­leicht in der Kom­mu­ni­ka­ti­on. Ich den­ke für mich ist die­se Geschich­te die­ser „Nicht­ver­län­ge­rung“ vor­bei. Ich mache hier mei­ne Arbeit zu Ende und ich bin um eine gro­ße Erfah­rung rei­cher gewor­den und das in vie­len Belan­gen. Ich muß dir sagen, ich hat­te eine span­nen­de Zeit am Ber­ner Stadt­thea­ter. Ich bin als 28 jäh­ri­ger Tän­zer und Cho­reo­graph in eine Posi­ti­on gekom­men, die ich zuerst ken­nen­ler­nen muß­te. Ein Navi­ga­tor mit sei­nem ers­ten Flagg­schiff sozu­sa­gen. Das war das eine. Auf der ande­ren Sei­te schmolz das Bal­lett aus Geld­grün­den zum Bal­lett­chen zusam­men. Die Zeit des gro­ßen Bal­letts, Schwa­nen­see zum Bei­spiel, war so gar nicht mehr mög­lich. Vie­le Gäs­te kamen aber noch immer mit der Vor­stel­lung ins Thea­ter, klas­si­sches Bal­lett in gro­ßer For­ma­ti­on und im tra­di­tio­nel­len Rah­men zu sehen. Das ging doch gar nicht mehr. Obwohl, wir haben ver­sucht wei­ter­hin klas­si­sche Ele­men­te ein­zu­bin­den. Für mich war das klei­ne Ensem­ble aber auch eine gro­ße Chan­ce: Neu­es zu zei­gen. Am Puls der Zeit zu sein. Wag­nis addiert mit neu­en Hori­zon­ten. Es war Auf­re­gend. Ich glau­be genau über die­sen Punkt haben wir damals dis­ku­tiert im Zug nach Bern.

Ja, das war’s! Du hast an einem eta­blier­ten Haus ver­sucht den Zeit­geist ein­zu­bin­den, ohne dabei kon­ven­tio­nel­le Pro­duk­tio­nen zu ver­ges­sen. Vie­le dei­ner Stü­cke, ganz beson­ders dein letz­tes Stück „Sis­mo­gra­phes“ arbei­tet viel mit Sym­bo­lik. Ein Juwel.
Dan­ke. Sym­bo­lik auf die Kör­per­spra­che zu über­tra­gen ist schon etwas Gewal­ti­ges. Im Stück „Sis­mo­gra­phes“ bekommt die „Kör­per­sym­bo­lik“ eine auf­re­gen­de Form. Sym­bo­le haben ja auch viel mit dem Arche­ty­pus zu tun…

C.G. Jung, der Tiefenpsychologe?
Ja! Ein auf­re­gen­der Mann der sich mit dem Arche­ty­pus, den ver­erb­ten Urbil­dern von mensch­li­chen Vor­stel­lungs­mus­tern, die in Sym­bol­ge­stalt durch unse­re Traum­wel­ten her­vor­tre­ten, aus­ein­an­der­ge­setzt hat. In der Cho­reo­gra­phie wird also der Kör­per zum Sym­bol. Dadurch, so hoff­te ich, kön­nen arche­ty­pi­sche Vor­stel­lun­gen geweckt wer­den. Ein geis­ti­ger Raum, der sich für eige­ne Inter­pre­ta­tio­nen der Träu­me ent­ste­hen läßt. Sym­bo­le sind nicht direkt les­ba­re, son­dern ener­ge­ti­sche, durch die Ebe­ne des Unter­be­wußt­seins ent­ste­hen­de Bil­der. Das sind Traum­bil­der, die Hoff­nung erzeu­gen, die aber auch Angst machen können…

Ist das der Moment wenn der Nak­ken krib­belt, wenn einem die Trä­nen in die Augen schie­ßen und das Gefühl hoch­kommt von: Mei­ne Güte ich bin berührt?
Da könn­te die Rei­se begin­nen. Dabei spielt es kei­ne Rol­le wie intel­li­gent, oder in wel­chem alter ein Mensch ist. Das zeigt auch wie viel­fäl­tig der Mensch sein kann. Eigent­lich hät­te jeder Zugang zu die­sen Träu­men, aber die meis­ten Leu­te inter­es­sie­ren sich nicht mehr für Träu­me. Dabei ist das ihr eige­ner per­sön­li­cher Mikro­kos­mos und ich glau­be, daß wenn Träu­me auf­hö­ren, dann ist der Mensch am erstarren.

Die meis­ten Men­schen sind täg­lich einem infer­na­len Bom­bar­de­ment von Infor­ma­tio­nen und Bil­dern aus­ge­setzt, da bleibt nicht viel Frei­raum für den eige­nen Mikro­kos­mos. Muß man denn in der Kunst gezwun­gen phi­lo­so­phisch sein?
Oh, nein über­haupt nicht! Schon auch in einem begrenz­ten Mas­se, aber ich emp­fin­de es als unheim­lich wich­tig, daß man als Cho­reo­graph im Tanz, oder in der Kunst im all­ge­mei­nen, den Boden der Rea­li­tät nicht ver­liert. Mahat­ma Gan­dhi, der Füh­rer der indi­schen Unab­hän­gig­keits­be­we­gung zum Bei­spiel, hat als Phi­lo­soph und intel­lek­tu­el­ler Den­ker, täg­lich gestrickt um den Faden zur Rea­li­tät nicht zu ver­lie­ren. Im Prin­zip machen wir was Ähn­li­ches im Bal­lett Trai­ning. Klas­sik, Klas­sik, immer wie­der. Das hält uns, da wir eigent­lich auch von der „nor­ma­len“ Außen­welt abge­schnit­ten sind, am Boden. Ich arbei­te auch viel mit humo­ris­ti­schen Ele­men­ten, ich ver­traue dar­auf, daß Hand­werk und das Boden­stän­di­ge als wich­ti­ges Ele­ment zur Gel­tung kom­men. Ich fin­de es wich­tig, daß sich die Waa­ge hier hält und ich ver­su­che mich immer offen zu hal­ten. Sonst ver­liert man den Zugriff zur Realität.

Gera­de dei­ne abschlie­ßen­de Cho­reo­gra­phie läßt eini­ges an Inter­pre­ta­ti­on zu. Die Mas­se als diri­gier­ba­res Objekt, der Diri­gent als Aus­druck für Macht, Schmerz…
Gera­de die Kraft des Schmer­zes ist eigent­lich ein sehr star­ker Motor, von all­dem was wir machen. In die­sem Stück geht es um Grund­fra­gen die bewe­gen. Dabei spielt der Schmerz in die­sem Stück sicher eine gro­ße Rol­le. Der Schmerz wird auch zum Opfer… zur Lei­den­schaft… Wie kann ein Mensch wie Dmit­rij Schost­a­ko­witsch, der Kom­po­nist mei­ner Cho­reo­gra­phie „Sis­mo­gra­phes“, unter so viel Schmerz und Macht­miß­brauch den er erlebt hat­te, etwas so über­aus schö­nes pro­du­zie­ren? Es ist die Schön­heit, die man mit einem nas­sen und mit einem tro­cke­nen Auge genie­ßen kann.

Das ist atemberaubend!
Schmerz kann auch Pas­si­on sein, wie in reli­giö­sen Bekennt­nis­sen. Dabei las­tet auf dem Men­schen ein unvor­stell­ba­rer Druck. Wie vie­le Krie­ge wur­den aus Ver­gel­tung gefoch­ten? Jeder ist sen­si­bel auf Schmerz und Schmerz kann in der Mas­se gezielt in das Böse umge­wan­delt werden.

Durch Pro­pa­gan­da, Mas­sen­be­we­gun­gen, Het­ze. Aus­wüch­se, wie sie in Nürn­berg wäh­rend des drit­ten Rei­ches zur Blü­te kamen mit Fah­nen, Fackeln…
Und Sym­bo­len wie dem Haken­kreuz, den arche­ty­pi­schen Impli­ka­tio­nen, wel­che mitt­ler­wei­le auch gut doku­men­tiert sind. Dem gan­zen Irr­sinn, wie er noch heu­te ange­wandt wird.

Genau die­se Bil­der kom­men in dei­nem Stück hoch! In dei­nem Stück kann tat­säch­lich jedes Régime gese­hen wer­den, es könn­te auch der Mar­xis­mus sein. Wir könn­ten die­se sym­bo­lisch impli­zier­te Brü­cke zwi­schen Schmerz und Böse nie­der­rei­ßen, viel­leicht kämen wir der Schön­heit wohl um eini­ges näher. Genau die­ser Satz: „Hin­ter dem Schmerz liegt die Schön­heit“ wur­de auch als Schluß­satz im Pro­gramm Heft zu dei­ner Cho­reo­gra­phie „Sis­mo­gra­phes“ gesetzt. Vor­ne­weg sind vier Abschnit­te, die die ein­zel­nen Sät­ze von „Sis­mo­gra­phes“ beschrei­ben. Für mich klan­gen sie, als ob sie bio­gra­phisch, jeder für sich für ein Jahr dei­ner Arbeit als Bal­lett­di­rek­tor stünden.
Ich glau­be schon, da hast du recht. Das ist sicher unbe­wußt auto­bio­gra­fisch zu sehen. Ich habe nicht eigent­lich dar­an gedacht, daß die vier Sät­ze der Cho­reo­gra­phie peri­odisch sein sol­len, aber es hat defi­ni­tiv mit mir zu tun. Jede Krea­ti­on ist natür­lich in irgend­ei­ner Form mit dem Cho­reo­gra­phen eng ver­bun­den. Mir ging es auch um die Kör­per­spra­che, um die mini­ma­li­sier­te Form der Sym­bo­lik. Obwohl, man kann schon sagen, das Stück ist wohl vom Bewe­gungs­ma­te­ri­al her nicht das inno­va­tivs­te. Aber es hat etwas im Stück das jemand bewegt. Ich ver­mu­te es hat den Arche­ty­pus getroffen.

Das hat es. Das ist doch auch das ein­zi­ge Kri­te­ri­um an der Kunst im all­ge­mei­nen. Kunst ist ja nicht klas­si­fi­zier­bar in gute Kunst und schlech­te Kunst. Son­dern ob einem Kunst emo­tio­nell bewegt, ob es den „Ich bin hin­ge­ris­sen“ Effekt gibt.
Was meinst du, Kunst ist nicht kri­ti­sier­bar? Wie wür­dest du denn eine Bal­lett­kri­tik schreiben?

Ei, jetzt dre­hen wir den Spieß um! Ich wer­de mich hüten, jemals eine Kunst­kri­tik zu schrei­ben. Ich bin dazu gar nicht fähig. Kunst zu kri­ti­sie­ren ver­langt ein so enor­mes Ver­ständ­nis an Zusam­men­hän­gen, phi­lo­so­phi­schem Rüst­zeug, die Bereit­schaft aus ver­schie­dens­ten, gegen­sätz­li­chen Blick­win­keln zu betrach­ten, geschicht­li­che und sozia­le Aspek­te et etc. nein, nein, Félix, da halt ich mich raus. Alles was ich ehr­li­cher­wei­se schrei­ben könn­te ist: es berührt mich, oder eben nicht. Bas­ta. Dem Leser kann ich eigent­lich nur anbie­ten an der Kunst Teil zu neh­men, an einem Moment wie bei unse­rem Gespräch hier, dabei zu sein und Gedan­ken anzu­re­gen. Kunst muß jeder sel­ber erle­ben. Aber keh­ren wir den Spieß lie­ber wie­der um: Ist der Satz: „Hin­ter dem Schmerz liegt die Schön­heit“ auch für dich gerechtfertigt?
Ich glau­be schon. Ich hat­te lan­ge die­ses unan­ge­neh­me Gefühl, nach­dem mein Ver­trag nicht ver­län­gert wur­de: Wie geht es wei­ter? Jetzt, seit etwa zwei Wochen, gehen plötz­lich neue Türen auf. Das ist schon ein erleich­tern­des Gefühl. Las­sen wir uns über­ra­schen. Ich sehe vor mir einen neu­en Hori­zont. Und der ist auf jeden Fall da und dar­auf freu ich mich enorm! Hin­ter dem Schmerz, da liegt für mich in der Tat die Schönheit.
Félix, ich bedan­ke mich ganz herz­lich für die­ses umfang­rei­che Gespräch und spe­zi­ell für 5 Jah­re span­nen­de und auf hohem Niveau ste­hen­de Bal­lett­aben­de, die du den Ber­ne­rIn­nen geschenkt hast. Für die Zukunft wün­sche ich dir das Bes­te und einen herr­li­chen Horizont!

Félix Dumé­ril

Félix Dumé­ril ist seit 1999 Bal­lett­di­rek­tor am Ber­ner Stadt­thea­ter. In die­ser Zeit schuf er für das Bern­bal­lett 12 Cho­reo­gra­phien, die natio­nal und inter­na­tio­nal Beach­tung gefun­den haben. Dumé­ril wur­de 1971 gebo­ren. Er liess sich bei Anne Woo­li­ams aus­bil­den und war Schü­ler von Mar­tin Schl­äp­fer. Er setz­te sei­ne Aus­bil­dung an der John Cran­ko Schu­le in Stutt­gart fort und schloss mit Diplom des König­li­chen Kon­ser­va­to­ri­ums in Den Haag ab.

Bild: Phil­ipp Zinniker
ensuite, April 2004



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