4 Mal JA, lei­der ein­mal NEIN

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Von Samu­el Schwarz – Eines vor­weg. Ich lie­be das grund­sätz­li­che Prin­zip eines Stadt­thea­ters. Es gibt nichts Schö­ne­res und Bes­se­res, wenn sich ein Gemein­we­sen so etwas Gross­ar­ti­ges leis­tet. Ein Ort, an dem öffent­lich nach­ge­dacht wird, aus­schwei­fend, aus­ufernd. Aber es wird mir nie in den Kopf gehen, dass ein Stadt­thea­ter so orga­ni­siert sein muss, wie es in Bern orga­ni­siert war und wei­ter­hin orga­ni­siert sein wird.

Mei­ne Kri­tik am Stadt­thea­ter Bern war nie eine Grund­satz­kri­tik am Prin­zip des Stadt­thea­ters. Mei­ne Kri­tik war und ist immer eine Kri­tik an der unzeit­ge­mäs­sen Orga­ni­sa­ti­ons­form des Stadt­thea­ters, wie sie in Bern und in ande­ren Städ­ten anzu­tref­fen ist – die Kri­tik an einem Feu­dal­sys­tem, das einem ein­zi­gen Men­schen – dem CEO/Direktor – die Ver­wal­tungs­macht über 37 Mil­lio­nen Fran­ken zuspricht – den Löwen­an­teil (über 60%) des gan­zen kan­to­na­len Kul­tur­etats. Die­se Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur von Kon­zert Thea­ter Bern, die das Stimm­volk nun im Mai mit­tels der Sub­ven­ti­ons­ver­trä­ge abni­cken soll, ist zum Schei­tern ver­ur­teilt. Des­halb ist die­ser Sub­ven­ti­ons­ver­trag abzu­leh­nen. Die Angst, die natür­lich in Thea­ter­krei­sen sofort geäus­sert wird, dass man sich dadurch mit der SVP ins glei­che Boot set­zen könn­te – sie ist zu igno­rie­ren. Nur weil die SVP – nebst den mani­pu­la­ti­ven Unwahr­hei­ten, die sie mei­ner Auf­fas­sung nach gröss­ten­teils abson­dert – kul­tur­po­li­tisch manch­mal auch rich­ti­ge Ansät­ze lie­fert – Ja, Mike Esch­mann, Regis­seur von «Tell» mit Mike Mül­ler soll­te wirk­lich kein Geld vom Bund krie­gen, Ja, Jim­my Hofer stellt die rich­ti­gen Fra­gen zum Stadt­thea­ter – darf sich die Lin­ke nicht men­tal vor unan­ge­neh­men Wahr­hei­ten ver­schlies-sen, und immer reflex­haft vol­ler Panik das Gegen­teil von der SVP+ pro­pa­gie­ren – nur weil der taug­li­che Ansatz halt von der SVP kommt. Damit scha­den sich die­se Lin­ke und die Kul­tur­schaf­fen­den viel mehr, als wenn sie auch mal die weni­gen Per­len der Wahr­heit aus dem Mist­stock der SVP-Ideo­lo­gie kra­men wür­den. Mei­ne Grün­de für die Ableh­nung die­ses Sub­ven­ti­ons­ver­tra­ges sind alles ande­re als SVP-Grün­de, sie sind begrün­det in dem wei­ter­hin ver­folg­ten Kon­zept des feu­da­len Herr­schers über vier Spar­ten (Oper, Schau­spiel, Bal­lett, BSO). Die­ses Feu­dal­sys­tem ist Grund für die seit Jahr­zehn­ten andau­ern­de Kri­se des Stadt­thea­ters Berns. Die­ses Feu­dal­sys­tem ist Grund für das kul­tur­po­li­ti­sche Desas­ter in Luzern – Salle kata­stro­pha­ble. Die­ses Feu­dal­sys­tem ist auch schuld an dem 5 Mil­lio­nen Defi­zit des Opern­hau­ses Zürich. Wenn einer Per­son die Ver­fü­gungs­macht über zuviel Geld und Mit­ar­bei­ter gege­ben wird, wird das die­se Per­son und die ihr unter­ge­be­nen Per­so­nen lang­fris­tig kor­rum­pie­ren. Dadurch wer­den die inter­nen hier­ar­chi­schen Ver­kramp­fun­gen den Betrieb domi­nie­ren (die jüngs­ten Que­re­len von Marc Adam mit sei­nem Schau­spiel­chef sind ein pas­sen­des Bei­spiel). Die ziel­ge­rich­te­te Pro­gram­mie­rung eines viel­schich­tig erfolg­rei­chen Thea­ters wird so letzt­lich ver­un­mög­licht. In gros­sen Städ­ten, in denen ver­schie­de­ne Stadt­thea­ter mit­ein­an­der kon­kur­rie­ren, sind sol­che Feu­dal­sys­te­me viel­leicht noch eher mög­lich. Aber über­all dort, wo Gene­ral­inten­dan­ten der Stadt­thea­ter über mehr als 60% des gan­zen Kul­tur­etats ver­fü­gen – droht lang­fris­tig die finan­zi­el­le und künst­le­ri­sche Katastrophe.

Aber ich will hier nicht ein­fach so poli­ti­sie­ren, ohne auch mei­ne grund­sätz­lich ver­krampf­te Hal­tung zum The­men­kom­plex Stadt­thea­ter Bern zu the­ma­ti­sie­ren. Ja, ich habe ein Pro­blem mit die­sem Haus. Und ein Bedürf­nis, mich ein­zu­mi­schen, viel­leicht nur, um zu mer­ken, dass man nichts ändern kann. Dass die Macht­ver­hält­nis­se in Bern auf ewig sta­tisch blei­ben. SP-Regie­rung hin oder her. Regie­ren tun die Besitz­ver­hält­nis­se, der Adel eines alt­ein­ge­ses­sen Bür­ger­tums, das sich ger­ne auch SP-Tarn­far­ben über­zieht – und sei­ne Inter­es­sen und die Inter­es­sen sei­nes gei­gen­spie­len­den Nach­wuch­ses ohne wenn und aber durchsetzt.

Als Gym­na­si­ast war ich ein paar Mal im Stadt­thea­ter. Schwa­che Erin­ne­run­gen. Wel­ches Stück? All die­se läh­mend lang­wei­li­gen, quä­lend leb­lo­sen Erin­ne­run­gen. Ich konn­te sie im Lauf mei­ner Thea­ter­kar­rie­re nicht revi­die­ren, nein, sie wur­den die gan­ze Zeit bestä­tigt. Mei­ne Bezie­hung zum Stadt­thea­ter Bern ist sta­tisch. Als wäre ich kein Thea­ter­schaf­fen­der. Ich erken­ne mich nicht wie­der im Stadt­thea­ter Bern. Das Stadt­thea­ter Bern ist mir fremd, als wäre es die eine Con­fi­se­rie, die viel zu süs­ses Gebäck herstellt.

Lukas Bär­fuss schrieb im April 2003, im Lepo­rel­lo­text zu mei­ner «Clavigo»-Inszenierung am Schau­spiel­haus Bochum, eine Art Por­trait über mich. Ich käme aus Bern, der Haupt­stadt der Schweiz. Ers­tens sol­le ich mich aus Bern fern­hal­ten, schrieb er. Die­se Stadt sei für mich zu klein. Und zwei­tens sol­le ich mich fern­hal­ten vom Stadt­thea­ter Bern, ja, ich sol­le unbe­dingt einen wei­ten Bogen um die­ses Thea­ter machen – die­ses Thea­ter sei so uncool, dass man bei die­sem Thea­ter als jun­ger Mann – im Besit­ze von zwei Tickets – kein Mäd­chen, das mit einem mit­kom­men wol­le, fin­den wer­de. Bär­fuss – damals noch ein kin­der­lo­ser, scharf­zün­gi­ger Hem­ming­way-Typ – gab mir so – über den Umweg eines Pro­gramm-Lepo­rel­los – einen Wink mit dem Zaun­pfahl. Schwarz, mach alles! Aber mach es nur ja nicht am Stadt­thea­ter Bern. Ich fand das ja noch lus­tig, obschon es mit mei­nen kon­kre­ten Plä­nen in Wider­spruch stand, ein klei­nes her­zi­ges Stück­lein, das in Zürich ent­stan­den war, eben an die­sem Stadt­thea­ter als Gast­spiel auf­zu­füh­ren. Ich stand bereits in engen Ver­hand­lun­gen mit der Dra­ma­tur­gie – mit zwei Frau­en, an deren Namen ich mich nicht erin­nern kann, und deren Namen nach­zu­goog­len mir grad sinn­los erscheint. Ich gebe es zu: Ich hat­te hand­fes­te finan­zi­el­le Inter­es­sen. Die klei­ne schnu­cke­li­ge Auf­füh­rung – ent­stan­den fast ohne Geld im klei­nen Thea­ter der Roten Fabrik – hät­te so, über die fet­te­re Stadt­thea­ter­sub­ven­tio­nie­rung – schät­zungs­wei­se 12 Mal eine Abend­ga­ge und regel­mäs­sig bil­li­ges Essen in der Betriebs­kan­ti­ne – leicht quer­sub­ven­tio­niert wer­den kön­nen, und die Schau­spie­ler und ich hät­ten für einen Monat Mie­te & Baby­nah­rung leich­ter finan­zie­ren können.

Die zwei Dra­ma­tur­g­in­nen am Stadt­thea­ter Bern fan­den den Text von Bär­fuss gar nicht lus­tig. Wenn ich so schlecht über das Stadt­thea­ter den­ken wür­de, schrie­ben sie, wür­de es auch kei­nen Sinn machen, dass ich mein Stück – egal, wie erfolg­reich das in Zürich gelau­fen sei und wie gut die Kri­ti­ken sei­en – am Stadt­thea­ter zei­gen wür­de. Dass nicht ich die­sen Text über mich geschrie­ben hat­te, son­dern ein an dem Stück nicht betei­lig­ter Autor, spiel­te in den Augen der Dra­ma­tur­g­in­nen kei­ne Rol­le. Bär­fuss – der mir ja nicht wirk­lich Stei­ne in den Weg legen woll­te – stell­te das dann auch mit einem Schrei­ben ans Stadt­thea­ter klar. Die­ser Text wür­de sei­ne Mei­nung aus­drü­cken, nicht die mei­ni­ge. Der Brief war wir­kungs­los. Der Chef hat­te gespro­chen (das war der ande­re – in der Ära vor Marc Adam). Und so wur­de ich zum ers­ten Mal kon­fron­tiert mit dem Phä­no­men der Sip­pe­n­äch­tung und der stramm nach unten kom­mu­ni­zier­ten Befehls­ket­te, die an bie­de­ren Stadt­thea­tern wie jenem in Bern eben üblich ist. Die Akzep­tanz der Hier­ar­chie­ket­te ist grund­sätz­lich wich­ti­ger als die Qua­li­tät der gezeig­ten Arbei­ten und Künst­ler. Die Auf­füh­rung wur­de dann nach Ber­lin an ein renom­mier­tes Fes­ti­val eingeladen.

Die­se Rech­nung ging aber für mich per­sön­lich trotz­dem nicht auf. Trotz der Ber­li­ner Ein­la­dung. Und sie geht ganz sicher auch nicht auf für das Ber­ner Thea­ter­pu­bli­kum. Wenn Auf­füh­run­gen, die von hier ver­wur­zel­ten Kunst­schaf­fen­den kre­iert wor­den sind und wel­che die Qua­li­tät haben, sich auch auf här­te­rem deut­schen Ter­rain durch­zu­set­zen, die­sem Ber­ner Thea­ter­pu­bli­kum vor­ent­hal­ten wer­den, nur weil der Ver­dacht besteht, dass ein Künst­ler eine sub­ver­si­ve Hal­tung gegen­über der betriebs­in­ter­nen Hier­ar­chie haben könn­te, oder – wie in die­sem Fal­le – ein Freund von die­sem Künst­ler eine spöt­ti­sche Zote über das Thea­ter in einem Lepo­rel­lo ver­öf­fent­lich hat – erfüllt so ein Haus sei­ne Funk­ti­on nicht. Ein erfolg­rei­ches Thea­ter muss so orga­ni­siert und struk­tu­riert sein, dass es die Offen­heit hat, Wider­sprü­che zu dul­den, wie auch abwei­chen­de ideo­lo­gi­sche Posi­tio­nen. Ein Thea­ter ist kein Fuss­ball-Event. Der Kraft­stoff des Thea­ters ist der Widerspruch.

16. Sep­tem­ber 2010. Das Publi­kum der 400asa Per­for­mance «La Céré­mo­nie» – inklu­si­ve der Kri­ti­ke­rin der «Ber­ner Zei­tung» – schmeisst Eier an die Wän­de des Stadt­thea­ters. Ein Ban­ner hängt am Bal­kon des Stadt­thea­ters, das auf die kurz­fris­ti­ge Beset­zung des Stadt­thea­ters durch die Grup­pe 400asa hin­weist. Die Poli­zei nimmt Per­so­na­li­en auf, aber weil die Rechts­la­ge zu kom­pli­ziert ist – nicht wir haben die Eier geschmis­sen, son­dern das Publi­kum – lässt sie ab von wei­te­ren Schrit­ten. Im Foy­er tref­fe ich auf Marc Adam. Er freut sich zuerst über die Action, die Publi­ci­ty garan­tiert – und ist auch hap­py dar­über, dass ein Pho­to­graph anwe­send ist. (Die erschre­cken­de Nähe zum Pri­mi­tiv-Bou­le­vard hat­te man ja an die­sem Haus schon durch das Enga­ge­ment von «Dschungelcamp»-Dirk Bach bewie­sen, ganz ohne Sen­si­bi­li­tä­ten für Skan­däl­chen ist man ja auch am Stadt­thea­ter Bern nicht gewe­sen). Kur­ze Zeit spä­ter aber wan­delt sich Adams Freu­de wie­der in Angst. Die­se Eier-Akti­on wer­de das Opern­pu­bli­kum der Oper «WUT» zu sehr erschre­cken. Wir sol­len doch bit­te davon las­sen bei der nächs­ten Vor­stel­lung. Spä­ter, bei der anschlies­sen­den Pre­mie­ren­par­ty im schö­nen baro­cken Stadt­thea­ter-Foy­er, kann ich end­lich mal per­sön­lich mit Marc Adam spre­chen, nach­dem ich ja bis jetzt nur über ihn lesen konn­te. Er erweist sich als sehr char­man­ter Zeit­ge­nos­se. Es scheint sich fast so etwas wie ein ech­tes Gespräch anzu­bah­nen. 2006 – nach sei­ner Wahl – hat­te Marc Adam ja in einem Inter­view gesagt, er wür­de sich eine Zusam­men­ar­beit mit mir und auch mit Meret Mat­ter wün­schen. Wir bei­den hat­ten unse­re Spo­ren ja an gros­sen Häu­sern in Deutsch­land und der Schweiz abver­dient. Wir bei­de gel­ten auch als Ber­ner Künst­ler, wel­che die Sen­si­bi­li­tä­ten der Ber­ner gut ken­nen und regel­mäs­sig die Thea­ter fül­len mit unse­ren Arbei­ten. So eine Regie­ar­beit von Mat­ter und/oder mir – im gros­sen Haus – wäre durch­aus eine sehr siche­re Sache für so ein klei­nes Thea­ter wie das Stadt­thea­ter Bern gewe­sen. Haupt­stadt­thea­ter. Knal­lig, poli­tisch und bunt. Fast wie an der Volks­büh­ne Berlin.

Für mich – wie gesagt Ernäh­rer von zwei Kin­dern – barg die Opti­on, am Stadt­thea­ter Bern arbei­ten zu kön­nen, durch­aus auch eine wich­ti­ge finan­zi­el­le Per­spek­ti­ve. Arbeit, die es einem ermög­licht, am Abend zurück nach Hau­se zu kön­nen, ist sehr wich­tig für einen Thea­ter­schaf­fen­den mit Fami­lie. Immer nur nach Berlin/Hamburg/Bochum zu fah­ren ist unmög­lich und lässt die fami­liä­re Struk­tur lang­fris­tig zer­bre­chen – und end­gül­tig nach Ber­lin aus­wan­dern will man eben nicht, erst recht nicht, wenn die Kin­der ein­ge­schult sind. Und man lässt sich ungern ver­trei­ben! So inter­es­sier­te es mich natür­lich von Marc Adam ein­mal im per­sön­li­chen Gespräch zu erfah­ren, wie­so es dann 2006 doch nicht geklappt hat mit der in der Zei­tung ange­kün­de­ten Zusam­men­ar­beit mit dem Stadttheater.

Marc Adam mein­te dann nur, ihm hät­te eben die­ser «Wil­helm Tell», den ich 2006 in St. Gal­len gemacht habe, so gar nicht gefal­len. Auf das sag­te ich nichts mehr. Ich wuss­te echt nicht, was ich dar­auf sagen soll­te – ohne pein­lich zu wer­den und damit anzu­fan­gen, von dem Erfolg mei­ner Insze­nie­rung etc. etc. zu reden.

Das mache ich erst jetzt.

Dass die­ser «Wil­helm Tell» – unab­hän­gig, ob er Herrn Adam gefal­len hat oder nicht – in St. Gal­len die bes­te Publi­kums­aus­las­tung einer Sprech­thea­ter-Insze­nie­rung hat­te, die je in St. Gal­len erreicht wur­de – und dass der «Bund» damals die Insze­nie­rung in einem sehr gros­sen Arti­kel als Insze­nie­rung eines «Ber­ner Regis­seurs» gelobt hat­te – nach­dem die Auf­füh­rung wegen einer Leibacher/Tell Asso­zia­ti­on hef­tig skan­da­li­siert wor­den war – spiel­te für Herrn Adam – trotz sei­ner Bekennt­nis­se, mit mir arbei­ten zu wol­len, kei­ne Rol­le. Der Erfolg mei­nes «Tells» war dar­in begrün­det, dass ich den Amok­lauf von Zug ver­bun­den hat­te mit der (gera­de wie­der höchst aktu­el­len) natio­na­lis­ti­schen Wehr- und Waf­fen­rhe­to­rik einer bewaff­ne­ten SVP-Lob­by – und die­sen Wehr­wil­len in Ver­bin­dung brach­te mit der para­no­iden Grund­struk­tur von Schil­lers Stück und sei­ner Haupt­fi­gur. Zudem rück­te ich ins Zen­trum, dass unter dem Ein­zel­kämp­fer­my­thos von para­no­iden Atten­tä­tern – wie Wil­helm Tell – am meis­ten die Kin­der zu lei­den haben. Der Erfolg die­ser Insze­nie­rung war genau­so ein Erfolg der Inter­pre­ta­ti­on des Tell-Sohns Walter­li durch Wan­da Wylo­wa, die zusam­men mit 400asa das schar­fe thea­tra­le Den­ken in der frei­en Sze­ne gelernt hat­te. Die von der mili­tan­ten Waf­fen­lob­by schwer befeh­de­te Insze­nie­rung – inklu­si­ve Mord­dro­hun­gen an mich – ist inzwi­schen Schwei­zer Thea­ter­ge­schich­te gewor­den. Der Effekt die­ser Insze­nie­rung war kein Erfolg von Samu­el Schwarz, es war der Effekt einer Stoff­ent­wick­lungs­tech­nik der frei­en Sze­ne, die sich sogar am bie­de­ren Stadt­thea­ter in St. Gal­len gegen alle Wider­stän­de durch­ge­setzt hat­te. Den Qua­li­täts­kri­te­ri­en von Marc Adam schien das aber nicht zu genü­gen. Ihn schie­nen weder die hohen Publi­kums­zah­len mei­nes Tells anzu­spre­chen, noch die skan­da­li­sie­ren­de Wir­kung, wel­che die Auf­füh­rung auf die rechts­extre­me Waf­fen­lob­by gehabt hat­te. Die mög­li­chen Kom­pe­ten­zen eines «Ber­ner Thea­ter­schaf­fen­den» inter­es­sier­ten ihn nicht. Auch Meret Mat­ter – die 2003 am Schau­spiel­haus Zürich einen der gröss­ten Quo­ten­hits der jün­ge­ren Schau­spiel­haus­ge­schich­te lan­ciert hat­te – auch mit einer Wil­helm-Tell Insze­nie­rung – wur­de nach 2005 nie ange­fragt, son­dern igno­riert und geschnit­ten. Und war­um? Unse­re Kri­tik an dem Wahl­ver­fah­ren des Inten­dan­ten, die Meret Mat­ter und ich 2005 gegen­über Hen­ri Huber geäus­sert hat­ten – dem Prä­si­den­ten des Ver­wal­tungs­ra­tes –, reich­te aus, um uns für das gan­ze Sys­tem zu uner­wünsch­ten Per­so­nen zu machen. Die Macht­fül­le des Inten­dan­ten – Ver­wal­tungs­rats? – reich­te bis her­un­ter zu den Sub-Chefs.

Das Pro­blem an Herr Adam ist aber nicht sei­ne schwa­che Per­sön­lich­keit, die ihm nun von sei­nen ehe­ma­li­gen Unter­stüt­zern unter­stellt wird, son­dern die Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur, die die­se schlech­ten Cha­rak­ter­zü­ge för­dert und ein­for­dert. Und bei der neu­en Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur von Kon­zert Thea­ter Bern wird das grund­sätz­li­che Pro­blem einer zu hohen Macht­kon­zen­tra­ti­on auf einer Per­son sogar noch ver­schärft. Der CEO von Kon­zert Thea­ter Bern hat neu vier Spar­ten unter sich.

20. Janu­ar 2011. Sul­geneck­stras­se 70. Ich füh­re ein per­sön­li­ches Gespräch mit Ani­ta Bern­hard, Kul­tur­che­fin des Kan­tons Bern, und Mar­cel Cut­tat, Mit­ar­bei­ter des Gene­ral­se­kre­ta­ri­ats und Dele­gier­ter der Erzie­hungs­di­rek­ti­on im Stif­tungs­rat des Stadt­thea­ters. Mar­cel Cut­tat meint, wie ich auf die­se Struk­tur­pro­ble­me zu spre­chen kom­me, ich wür­de da Sachen ver­mi­schen, die nicht zusam­men­ge­hö­ren. Und über die Struk­tur müs­se man jetzt nicht mehr reden. Die Poli­tik habe ent­schie­den. Punkt.

Dar­auf­hin mei­ne ich, dass Prä­zi­sie­run­gen von Sei­ten der Ver­ant­wort­li­chen bezüg­lich der kom­men­den Hier­ar­che- und Orga­ni­sa­ti­ons­form von Kon­zert Thea­ter Bern für den Stimm­bür­ger wich­tig sein könn­ten. Ver­ein­facht gesagt: Zu was wird die­ser Bür­ger JA sagen im Mai, wenn er den Sub­ven­ti­ons­ver­trag für Kon­zert Thea­ter Bern unter­stützt und ein JA einlegt?
Zudem gäbe es auch noch ein paar Fra­gen, die man beant­wor­ten müsste.

Das wären Fra­gen wie: Wer zahlt die Reno­va­ti­ons­kos­ten von 45 Mil­lio­nen, nach­dem sehr vie­le Gemein­den sich wei­gern, sich dar­an zu betei­li­gen? (Im Moment tra­gen – soviel ich weiss – die armen und bil­dungs­fer­nen Oster­mun­di­ger die Sub­ven­ti­on mit – die rei­chen Muri-Güm­li­ger aber bei­spiels­wei­se nicht). Wer wählt den Schau­spiel­chef? (Ich wür­de bei­spiels­wei­se ger­ne Schau­spiel­chef wer­den. Gute Gage. Tol­le Stadt. Gute Ideen in mei­nem Kopf. Viel inter­na­tio­na­le Erfah­rung). Wer wählt den Bal­lett-Chef? Wer ver­fügt über das Gesamt-Bud­get? Wie teu­er soll die­ser Opern­be­trieb wer­den, der immer wie­der defi­zi­tär arbei­tet? Wird die­ser Opern­be­trieb redu­ziert zu Guns­ten des Schau­spiel­thea­ters? Gibt es end­lich wie­der reprä­sen­ta­ti­ves Schau­spiel im gros­sen Haus zu sehen, oder muss man jetzt – um gutes Sprech­thea­ter zu sehen – immer in die Turn­hal­le nach Köniz fah­ren? Wie sieht die Koope­ra­ti­on mit der (sehr erfolg­rei­chen!) frei­en Sze­ne Berns aus? Ja, wie­so fliesst nicht min­des­tens eine Mil­li­on mehr in die freie Sze­ne? Wie­so soll­te die Kon­zert Thea­ter Bern Insti­tu­ti­on mit ihrem ordent­li­chen Sub­ven­ti­ons­bo­den nicht dazu gezwun­gen wer­den, ein schlaue­res Spon­so­ring-Kon­zept zu ent­wi­ckeln, in Zei­ten der gros­sen Poten­tia­le von «Events»?

Die Beant­wor­tung sol­cher Fra­gen inter­es­siert die Ber­ner Stimm­bür­ger zwecks ihrer Paro­len­fas­sung für die Mai-Abstim­mun­gen zu den Sub­ven­ti­ons­ver­trä­gen durchaus.

Herr Cut­tat lächelt. Er glau­be an die Kom­pe­tenz des neu zu wäh­len­den Super-CEOs. Denn die Pro­ble­me der Ver­gan­gen­heit sei­en kei­ne Struk­tur- son­dern per­so­nel­le Pro­ble­me gewe­sen, begrün­det in der Schwä­che des Intendanten.

Aber hal­lo.

Solan­ge die Ant­wor­ten so sim­pel aus­fal­len, soll­te für jede/n auch nur halb­wegs mit Hirn & Mumm ausgestattete/n Ber­ner Bür­ge­rIn & erst recht Kunstschaffende/n – ob SVP- oder SP-las­tig ist bei die­ser Fra­ge völ­lig egal – für die kom­men­de Abstim­mung gelten:

Kunst­mu­se­um: JA
Zen­trum Paul Klee: JA
His­to­ri­sches Muse­um: JA
Dampf­zen­tra­le & Co: JA
Kon­zert Thea­ter Bern: NEIN.

Es braucht Zeit zum Nach­den­ken. Ein kul­tur­po­li­ti­sches Water­loo wäre im Moment eigent­lich ziem­lich gesund. Län­ger nach­den­ken. Nicht het­zen. Denn sonst flie­gen bald nicht mehr nur Eier. Die Jugend­un­ru­hen in Zürich 1980 wur­den auch initi­iert durch die hor­ren­den Reno­va­ti­ons­kos­ten am Opern­haus. Manch­mal lohnt es sich aus der Geschich­te zu ler­nen, auch im geschichts­un­be­wuss­ten Bern.

Wegen der bevor­ste­hen­den Abstim­mung im Mai 2011 und der hier pos­tu­lier­ten Paro­len sei erwähnt, dass die Mei­nun­gen der AutorIn­nen nicht die Mei­nun­gen der Redak­ti­on dar­stel­len. Mei­nungs­viel­falt dient dazu, sich ein eige­nes Bild machen zu kön­nen. Die­se Platt­form wol­len wir vom ensuite garan­tie­ren. Auch Ihre Mei­nung inter­es­siert uns: leserbrief@ensuite.ch

Foto: zVg.
ensuite, Febru­ar 2011



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