- ensuite | kulturagenda | enBlog - https://ensuite.we-are.gmbh/ -

«2049»

Von Luca Zacchei – Wie es anfing und was sich genau abge­spielt hat, habe ich lei­der nicht per­sön­lich mit­er­lebt. Damals war ich noch nicht gebo­ren. Uns wur­de über­lie­fert, dass die Welt ent­zweit wor­den war. Der Pro­zess ging schlei­chend vor­an. Auf der einen Sei­te gab es die «Aus­stei­ger»: Leh­rer, Hand­wer­ker, Psy­cho­lo­gen, Ärz­te, Ver­käu­fer und Mana­ger, die aufs Land zogen und Bau­ern wur­den. Auf der ande­ren Sei­te fan­den sich die «Per­for­mer»: Men­schen, die sich wei­ter­hin nach Fort­schritt und Wachs­tum sehn­ten und mehr­heit­lich in städ­ti­schen Gebie­ten wohn­ten. Der Aus­tausch zwi­schen die­sen Grup­pie­run­gen beschränk­te sich auf ein Mini­mum und war rein wirt­schaft­li­cher Natur: die «Aus­stei­ger» ver­kauf­ten ihre über­schüs­si­gen Natur­er­zeug­nis­se, damit sie Werk­zeu­ge und lebens­not­wen­di­ge Pro­duk­te erwer­ben konn­ten. Die «Per­for­mer» waren hin­ge­gen froh, wenn sie zwi­schen­durch die schmack­haf­ten Früch­te der «Aus­stei­ger» kau­fen konnten.

Bei den «Per­for­mern» dik­tier­te der tech­no­lo­gi­sche Fort­schritt das Tem­po. Die Men­schen arbei­te­ten zumeist von zuhau­se aus. Ihre Auf­ga­ben erhiel­ten sie von einer zen­tra­len Daten­bank, wel­che dank Ver­bes­se­run­gen im Bereich der künst­li­chen Intel­li­genz die Arbeit zwi­schen den Men­schen und den Maschi­nen mit akku­ra­ter Effi­zi­enz koor­di­nier­te und opti­mal allo­zier­te. Die intel­li­gen­te Daten­bank, wel­che auch «die all­wis­sen­de Wol­ke» genannt wur­de, zen­tra­li­sier­te das Wis­sen der «Per­for­mer». Jede Infor­ma­ti­on wur­de in Echt­zeit gespei­chert: die jewei­li­gen Krank­hei­ten, die per­sön­li­che Fami­li­en­si­tua­ti­on, die Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit, die geleis­te­ten Arbeits­stun­den und die Frei­zeit­be­schäf­ti­gun­gen. Der Wol­ke ent­ging fast nichts. Die Daten wur­den von einem Implan­tat im Ohr aus gesen­det, das sogar das Gespro­che­ne simul­tan auf­nahm. Die­se Trans­pa­renz war not­wen­dig gewor­den, damit das Wirt­schafts­sys­tem schnel­ler auf exter­ne Ver­än­de­run­gen reagie­ren konn­te. Die «Per­for­mer» gaben einen Teil ihrer Frei­heit und Selbst­be­stim­mung auf, ver­dien­ten dafür gut und wohn­ten in luxu­riö­sen Woh­nun­gen. Ein­mal im Jahr durf­ten sie rege­ne­ra­ti­ve Zen­tren besu­chen. Um die Pro­duk­ti­vi­tät auf­recht­erhal­ten zu kön­nen, wur­den sie nicht sel­ten mit leis­tungs­stei­gern­den Medi­ka­men­ten voll­ge­pumpt. Oder wie die «Wol­ke» es for­mu­lier­te: syn­the­ti­siert und opti­miert. Das Gesund­heits­sys­tem funk­tio­nier­te ein­wand­frei, da das Wachs­tums­dik­tat das wich­tigs­te Gesetz der Wol­ke war.

Der Lebens­rhyth­mus der «Aus­stei­ger» wur­de hin­ge­gen von der Natur dik­tiert und war kör­per­lich anstren­gen­der. Wenn die Son­ne auf­ging, wur­den die Kühe und Zie­gen gemol­ken. Anschlies­send wur­de der Acker bear­bei­tet. Der Vor­mit­tag dien­te der Pro­duk­ti­on der lebens­not­wen­di­gen Erzeug­nis­se, wel­che in der Gemein­schaft auf­ge­teilt wur­den. Am Nach­mit­tag setz­ten die «Aus­stei­ger» in der Regel per­sön­li­che Pro­jek­te um. Gear­bei­tet wur­de aber täg­lich, von Mon­tag bis Sonn­tag und bis die Son­ne unter­ging. Es gab zudem kei­ne Feri­en. Die «Aus­stei­ger» besas­sen ledig­lich eine Tele­fon­zen­tra­le pro Kom­mu­ne und schränk­ten die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit der Aus­sen­welt ein. Ihr Gesund­heits­sys­tem war spar­ta­nisch auf­ge­baut und eher auf Arbeits­un­fäl­le spe­zia­li­siert. Krank­hei­ten waren hin­ge­gen eine Seltenheit.

Die «Aus­stei­ger» und die «Per­for­mer» respek­tier­ten ihre jewei­li­gen Gebiets­gren­zen. Kon­flik­te gab es sel­ten. Das fried­li­che Gleich­ge­wicht wur­de erst im Jahr 2049 gestört. Die Frucht­bar­keit der «Per­for­mer» hat­te in den letz­ten Jah­ren rapi­de abge­nom­men. Die «Wol­ke» hat­te alles Mög­li­che unter­nom­men, damit wie­der Kin­der gezeugt wer­den konn­ten: sie hat­te wider­wil­lig für mehr Frei­zeit gesorgt, liess neue Phe­ro­mo­ne und che­mi­sche Prä­pa­ra­te ent­wi­ckeln, damit die Libi­do der Men­schen gestei­gert wer­den konn­te. Der feh­len­de Nach­wuchs wur­de aber zum gesell­schaft­li­chen Pro­blem. Die Arbeits­kräf­te gin­gen suk­zes­si­ve aus und die Wirt­schaft begann zu stot­tern. Der Ent­schluss der zen­tra­len Daten­bank war fol­gen­schwer: es muss­ten neue Arbeits­kräf­te rekru­tiert wer­den. Und nur wir, die «Aus­stei­ger», kamen für die­se Arbeit in Fra­ge. Zunächst wur­de uns ein fried­li­ches Ange­bot unter­brei­tet: Arbeit für viel Geld. Als wir «Aus­stei­ger» freund­lich aber bestimmt ablehn­ten, änder­te die «Wol­ke» ihre Poli­tik abrupt: Zunächst wur­den Jugend­li­che im zeu­gungs­fä­hi­gen Alter ent­führt, dann Frau­en und schliess­lich gan­ze Men­schen­mas­sen depor­tiert. Wir haben uns gewehrt, waren aber mili­tä­risch deut­lich unter­le­gen. Wir zäh­len jetzt das Jahr 2056. Zumin­dest gehen wir davon aus. Wir hal­ten tap­fer zusam­men und wer­den bis zum letz­ten Atem­zug für unse­re Mensch­lich­keit und Ent­schei­dungs­frei­heit kämp­fen. Ges­tern haben wir wie­der eine posi­ti­ve Nach­richt erhal­ten: ein wei­te­rer Kon­voi von «Abtrün­ni­gen» hat unse­re Gren­ze unver­sehrt pas­siert. Immer mehr «Per­for­mer» ver­las­sen frei­wil­lig ihre Zonen und wer­den selbst zu «Aus­stei­gern». Wer­den die Kar­ten jetzt neu gemischt? Ich weiss nicht, wie die Geschich­te genau anfing und wie sie enden wird. Aber jetzt bin ich mit­ten drin und wer­de sie direkt beeinflussen.

Foto: zVg.
ensuite, März 2014